Über #auf­ste­hen!

Das Magazin - - N° 37 — 15. September 2018 - ni­na kunz

Et­was nervt mich ge­wal­tig. Näm­lich dass den Lin­ken im­mer wie­der vor­ge­wor­fen wird, sie sei­en so schwach, weil sie das wirk­lich Wich­ti­ge aus den Au­gen ver­lo­ren hät­ten. Sie hät­ten sich zu sehr mit Din­gen wie Po­li­ti­cal Cor­rect­ness aus­ein­an­der­ge­setzt und da­bei das ka­pi­ta­lis­ti­sche Gross­übel ver­ges­sen. Und genau aus die­sem Grund sei auch die Rech­te so er­folg­reich.

Wenn die­ser Vor­wurf in der NZZ kommt, dann kann ich da­mit le­ben. Aber ner­vös wer­de ich, wenn der Vor­wurf von links selbst kommt, wie es gera­de in Deutsch­land ge­schieht. Dort hat die Lin­ke-che­fin Sah­ra Wa­genk­necht ei­ne Be­we­gung ins Le­ben ge­ru­fen, die sich «auf­ste­hen» nennt: Das ist ei­ne aus­ser­par­la­men­ta­ri­sche Ak­ti­on,

wel­che die lin­ken Kräf­te im Land wie­der ei­nen soll. Auf der Web­site be­rich­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­ger (im Stil der «klei­nen Leu­te») da­her über ih­re Sor­gen – und die ha­ben häu­fig mit Mi­gra­ti­on zu tun, da Wa­genk­necht fin­det: «An­ti-ras­sis­mus und Min­der­hei­ten­schutz sind das Wohl­fühl­la­bel, um Um­ver­tei­lung von un­ten nach oben zu ka­schie­ren und ih­ren Nutz­nies­sern ein gu­tes Ge­wis­sen zu be­rei­ten.» Kurz: Po­li­ti­cal Cor­rect­ness lenkt vom Klas­sen­kampf ab – und das sei schlecht. .

Lo­gisch wird hier ein wun­der Punkt ge­trof­fen: die Fra­ge, wie man als pri­vi­le­gier­te Per­son ei­ne Po­li­tik un­ter­stüt­zen soll, die für we­ni­ger Pri­vi­le­gier­te ein­steht. Rasch kommt der Vor­wurf, es sei für ei­nen Aka­de­mi­ker mit Ei­gen­tums­woh­nung leicht, bei der «Ge­fühls­du­se­lei» um Ge­flüch­te­te mit­zu­ma­chen und über ge­rech­te Spra­che zu schwa­dro­nie­ren. Der Vor­wurf des Eli­ta­ris­mus ist si­cher nicht un­ge­recht­fer­tigt – aber ich che­cke ein­fach nicht, wes­halb lin­ke wie rech­te Kri­ti­ker sof­te An­sät­ze wie Iden­ti­ty Po­li­tics oder Po­li­ti­cal Cor­rect­ness ge­gen den Klas­sen­kampf aus­spie­len.

Al­so, klar ver­ste­he ich es for­mal: Da­hin­ter steckt die im Mar­xis­mus ver­an­ker­te Idee des Haupt- und Ne­ben­wi­der­spruchs – die Idee, dass sich al­le Miss­stän­de auf­lö­sen, wenn der Ka­pi­ta­lis­mus erst mal weg ist. Und das ist si­cher nicht ganz falsch. Aber für mich sind dis­kri­mi­nie­ren­der Sprach­ge­brauch (um das ge­läu­figs­te Bei­spiel zu nen­nen) und ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung aus dem­sel­ben Stoff ge­macht – nur be­fin­den sie sich halt an un­ter­schied­li­chen En­den der Ska­la. Das Kern­pro­blem ist das un­ge­recht ver­teil­te Ka­pi­tal, doch die greif­ba­re Ebe­ne des­sen sind Din­ge wie Spra­che, Rech­te, das all­täg­li­che Mit­ein­an­der.

Na­tür­lich muss man die Kri­tik ernst neh­men, die Lin­ke ha­be sich in Chi­chi-de­bat­ten ver­lo­ren. Aber Klas­sen­kampf und «Min­der­hei­ten­schutz» als Gegensätze zu den­ken, ist falsch. Ers­tens war Dog­ma­tis­mus sel­ten ei­ne gu­te Idee, und zwei­tens sind die­se Dis­kus­sio­nen um all­täg­li­che Krän­kun­gen ei­ne Er­run­gen­schaft, da sie zei­gen, wie wich­tig ein Wan­del wä­re. Das Ziel soll­te es sein, die zwei Ar­ten von Ge­sell­schafts­kri­tik zu­sam­men zu den­ken – die öko­no­mi­sche Ana­ly­se und die als Be­find­lich­keits­po­li­tik ver­lach­te Po­li­ti­cal Cor­rect­ness. Das Ziel ist ja das­sel­be: ei­ne ge­rech­te­re Welt.

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