Die Ku­ra­to­ren Mi­chi­ko Ko­no und Ra­phaël Bou­vier er­klä­ren im Ge­spräch, war­um sie die Balthus-bil­der in Ba­sel zei­gen wol­len.

Mi­chi­ko Ko­no und Ra­phaël Bou­vier über die Balthus-aus­stel­lung.

Das Magazin - - N° 37 — 15. September 2018 - VonFin­nCa­no­ni ca

Das Ma­ga­zin: Frau Ko­no, Herr Bou­vier, was se­hen Sie, wenn Sie vor Balthus’ Ge­mäl­de «Thérèse rêvant» ste­hen?

Bou­vier: Ich se­he ein voll­ende­tes Kunst­werk. Das ist ei­ne ex­trem star­ke Ins­ze­nie­rung. Je­des Ac­ces­soire, je­des Ob­jekt, je­de Fi­gur ist wich­tig für das Bild, eben­so wie die Fi­gur der Thérèse selbst. Die Licht­füh­rung ist ganz aus­ser­ge­wöhn­lich, die Farb­stim­mung meis­ter­haft, es ist ein gros­ses Ge­mäl­de.

Ko­no: Ich se­he ein jun­ges Mäd­chen an der Schwel­le zur Frau. Die Po­se ist selbst­ver­ges­sen, cha­rak­te­ris­tisch für die­ses Al­ter, in dem man sich nur sel­ten be­wusst ist über die Na­tur der Bli­cke, die auf ei­nem ru­hen. Ich se­he aber auch ei­ne jun­ge Frau, die Fe­mi­ni­tät aus­strahlt und ei­ne un­glaub­li­che Gra­zie, so­gar ei­ne ge­wis­se Er­ha­ben­heit. Die­se jun­ge Frau ist nicht das Op­fer ei­ner Be­trach­tungs­wei­se. Balthus sag­te wohl zu Recht, dass es nicht sein Pro­blem sei, wenn die Be­trach­ter al­les Mög­li­che in sein Werk hin­ein­in­ter­pre­tie­ren.

Viel­leicht müs­sen wir hier be­reits ei­nen Schritt zu­rück­ge­hen. Wie muss ich ein Bild an­schau­en? Kann man ei­ne rich­ti­ge Be­trach­tungs­wei­se ler­nen?

Bou­vier: Der Blick soll­te of­fen sein, man muss sich die Zeit neh­men, viel­leicht mehr­mals schau­en und sich erst mal fra­gen, was man denn über­haupt sieht, be­vor man in­ter­pre­tiert. Ein Ge­mäl­de ist erst ein­mal ein äs­the­ti­sches Er­leb­nis. Das «Wie» ist min­des­tens so wich­tig wie das «Was». Das ist ja gera­de das Pro­blem bei Balthus. Vie­le Be­trach­ter be­schrän­ken sich auf das Su­jet. Aber in der Kunst geht es im­mer auch dar­um, wie ein äs­the­ti­sches Er­leb­nis ge­schaf­fen wird. Kunst soll äs­the­ti­sche Mög­lich­kei­ten zei­gen, da­mit un­ser Blick sen­si­bi­li­siert wird.

Ko­no: Auch mein Blick ist erst mal ein äs­the­ti­scher. Na­tür­lich kann gu­te Kunst auch in­halt­lich be­rei­chern. Sie kann The­men ver­mit­teln, mit de­nen man sich sonst nie oder nur un­gern be­schäf­tigt, wie Tod oder Krank­heit oder Er­fah­run­gen, die man nicht ge-

macht hat und viel­leicht auch nicht ma­chen will, wie zum Bei­spiel Ge­walt. Ein Kunst­werk kann uns so ei­nen Vor­teil ver­schaf­fen, weil es uns emo­tio­na­le Er­fah­run­gen ma­chen lässt.

Wes­halb ist die Ma­le­rei in­ner­halb der bil­den­den Kunst nicht tot­zu­krie­gen? Seit Hun­der­ten von Jah­ren wird ge­malt, die Tech­nik hat sich kaum ver­än­dert. Selbst in der Di­gi­tal­mo­der­ne hat sie ih­re At­trak­ti­vi­tät nicht ver­lo­ren. Ge­mäl­de­aus­stel­lun­gen ge­hö­ren zu den best­be­such­ten, die Ma­le­rei ge­niesst un­ge­bro­chen in­tel­lek­tu­el­les Pres­ti­ge.

Bou­vier: Es gibt ver­schie­de­ne Grün­de: Ge­mäl­de las­sen sich sehr gut er­hal­ten, ein zwar ba­na­ler, aber wich­ti­ger Grund. Ma­le­rei lässt sich aber auch gut aus­stel­len, es braucht kei­ne be­son­de­re Um­ge­bung, um ein Bild zur Gel­tung kom­men zu las­sen. Ich glau­be auch, dass es Ge­mäl­den be­son­ders gut ge­lin­gen kann, un­se­re Auf­merk­sam­keit zu fes­seln, un­se­re Kon­zen­tra­ti­on auf sich zu zie­hen. Und da­her rührt mei­ner Mei­nung nach auch die un­ge­bro­che­ne Macht des ge­mal­ten Bil­des.

Ko­no: Viel­leicht ist die Lang­le­big­keit der Ma­le­rei gera­de auf ih­re lan­ge Tra­di­ti­on zu­rück­zu­füh­ren, auf die sich Künst­ler stüt­zen und die ih­re ei­ge­ne Re­fle­xi­on über die Mög­lich­kei­ten der Ma­le­rei her­aus­for­dert und nährt. Ich ken­ne kei­nen Ma­ler, der sich nicht mehr oder we­ni­ger di­rekt auf die Bild­tra­di­ti­on be­zieht.

«Thérèse rêvant» ver­schaf­fe Be­trach­tern mit pä­do­phi­len Nei­gun­gen ei­ne Be­frie­di­gung, so lau­te­te ei­ne Kri­tik an dem Ge­mäl­de. Ei­ne On­li­ne-pe­ti­ti­on ver­lang­te vom New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Mu­se­um die Ent­fer­nung des Bil­des. Es zei­ge ein Mäd­chen «in se­xu­ell an­re­gen­der Po­se», ein Kind wer­de zum Sex­ob­jekt ge­macht».

Bou­vier: Zu­nächst er­staunt es mich, dass Se­xua­li­tät oder ih­re ver­meint­li­che Darstel­lung im­mer noch stär­ker die Ge­mü­ter er­regt als Ge­walt. Nun, das Bild ir­ri­tiert tat­säch­lich, aber das kann man durch­aus auch als ei­ne der Auf­ga­ben von Kunst se­hen: Sie soll ver­un­si­chern, aus der Bahn wer­fen, den Be­trach­ter viel­leicht auch mit Un­an­ge­neh­mem kon­fron­tie­ren. «Thérèse rêvant» ist un­be­strit­ten ein am­bi­va­len­tes Bild. Es zeigt auch das kom­ple­xe Ver­hält­nis Her­an­wach­sen­der zu ih­rem Kör­per, da geht es na­tür­lich auch um Fra­gen der Selbst­wahr­neh­mung, zugleich hat man noch kei­ne Ah­nung, wie man wirkt. Das al­les steckt auch in die­sem Bild, was es gross­ar­tig macht. Ko­no: Selbst­ver­ständ­lich kann und soll man über Balthus den­ken dür­fen, was man will. Aber die Balthus­kri­ti­ker trau­en dem Kunst­be­trach­ter of­fen­bar nicht zu, mit dem Bild der Thérèse um­zu­ge­hen, ei­ne ei­ge­ne Hal­tung zu ent­wi­ckeln ge­gen­über den von ihm aus­ge­lös­ten Emo­tio­nen und Ge­füh­len.

Viel­leicht will man nicht ir­ri­tiert, nicht stän­dig in Ta­bu­zo­nen ge­stos­sen wer­den.

Bou­vier: Es gibt fan­tas­ti­sche Kunst­wer­ke, wo Ir­ri­ta­ti­on in die­sem Sin­ne kei­ne Rol­le spielt. Bei den See­ro­sen­bil­dern von Clau­de Mo­net zum Bei­spiel, da geht es um Licht und Far­be und um über­wäl­ti­gen­de Schön­heit. Je­der ist frei zu ent­schei­den, wel­che Kunst er sich zu Ge­mü­te führt.

Ich kann selbst ent­schei­den, ob ich ein Buch le­sen will oder nicht. Bei Bil­dern ist das an­ders: Fal­len sie auf mei­ne Netz­haut, ha­be ich sie ge­se­hen, auch wenn das nicht wil­lent­lich ge­schah. Viel­leicht ha­ben man­che ein­fach Angst, dass sie un­frei­wil­lig so et­was wie ei­ne voy­eu­ris­ti­sche Er­re­gung spü­ren beim An­blick die­ses hal­ben Kin­des.

Bou­vier: Dar­um geht es doch genau. Der Be­trach­ter oder die Be­trach­te­rin soll auch mit der Fra­ge kon­fron­tiert wer­den, ob es nicht der ei­ge­ne Blick ist, der das Kind in ei­nen se­xu­el­len Kon­text setzt. Balthus’ Ge­mäl­de kon­fron­tiert ei­nen al­so mit der ei­ge­nen Be­trach­tungs­wei­se. Und das ist un­ter vie­len An­sprü­chen zum Bei­spiel ei­ner, den ich an gu­te Kunst stel­le.

Frau Ko­no, wer war ei­gent­lich Thérèse?

Ko­no: Über Thérèse ist nicht viel be­kannt. Sie hiess Thérèse Blan­chard, ist 1925 ge­bo­ren, leb­te wohl in der Nach­bar­schaft von Balthus’ Ate­lier in Pa­ris und ist be­reits 1950 ge­stor­ben. Sie er­scheint in Ge­mäl­den, die zwi­schen 1936 und 1939 ent­stan­den. Wie es kam, dass sie in die­sen Jah­ren Balthus’ be­vor­zug­tes Mo­dell wur­de, bleibt ein Rät­sel. Vie­le der Frau­en, die in jun­gen Jah­ren für Balthus Mo­dell sas­sen, ha­ben sich als Er­wach­se­ne über die­se Er­fah­rung und ih­re Ver­bin­dung zum Künst­ler ge­äus­sert. Sie er­in­nern sich an Sit­zun­gen, die wort­los ver­lie­fen, an Balthus’ durch­drin­gen­den Blick. Sie ver­brach­ten zwar St­un­den in dem Stu­dio, in dem Balthus zeich­ne­te oder fo­to­gra­fier­te, po­sier­ten aber nicht in dem Ate­lier, wo er mal­te.

Ist, ganz all­ge­mein, die­se er­höh­te Sen­si­bi­li­tät ge­gen­über den Be­din­gun­gen, wie Kunst ent­steht, und den Bio­gra­fi­en von Künst­lern nicht auch ein Fort­schritt?

Ko­no: Doch, die­se Sen­si­bi­li­tät ist sinn­voll, birgt aber auch das Ri­si­ko der Über­emp­find­lich­keit. Sol­len Mu­se­en des­halb nur noch Künst­ler aus­stel­len, die ei­ne «blü­ten­rei­ne» Bio­gra­fie ha­ben und ei­ne bür­ger­li­che Moral ver­tre­ten? Es ist Auf­ga­be von Kunst, kri­ti­sche Fra­gen auf­zu­wer­fen, und von Mu­se­en, kri­ti­sche The­men öf­fent­lich zu dis­ku­tie­ren.

Bou­vier: Ich un­ter­schei­de stark zwi­schen ei­nem Kunst­werk und dem Künst­ler. Wir zei­gen nicht Balthus, den Men­schen, son­dern sei­ne Wer­ke. Das ist für mich ein we­sent­li­cher Un­ter­schied. Die künst­le­ri­sche Darstel­lung ist nicht gleich­zu­set­zen mit dem Künst­ler. Des­halb ak­zep­tie­re ich sehr vie­les von dem, was ich se­he. Ge­nie und Wahn­sinn lie­gen be­kannt­lich nah bei­ein­an­der. Es ist fa­tal, wenn ein Mu­se­um Kunst nicht mehr aus­stellt, bloss weil sie heu­ti­gen Moral­vor­stel­lun­gen nicht ent­spricht.

Gibt es Ih­rer Mei­nung nach kei­ne Gren­zen der Kunst? Muss in der Kunst al­les mög­lich sein?

Ko­no: Grund­sätz­lich ja. Kunst kann sich nicht auf das Schö­ne und das Gu­te be­schrän­ken, sie muss sich mit dem Häss­li­chen, dem Un­ge­heu­er­li­chen, dem Amo­ra­li­schen und dem Vul­gä­ren be­schäf­ti­gen. Kunst muss Fra­gen stel­len kön­nen, die sich der Be­trach­ter viel­leicht nie stel­len wür­de. Das kann scho­ckie­rend sein. In ei­ner frei­en Ge­sell­schaft soll­ten, im Rah­men be­ste­hen­der Ge­set­ze na­tür­lich, Künst­ler all ih­re Ide­en aus­drü­cken dür­fen, ganz gleich, wie ab­stos­send oder mo­ra­lisch ver­werf­lich man die­se viel­leicht fin­det.

Bou­vier: In der Kunst geht es auch um das Wah­re – und da­zu ge­hö­ren auch dunk­le und ab­grün­di­ge Aspek­te des Le­bens. Grund­sätz­lich soll­te die Kunst die Idee der Aus­drucks- und Mei­nungs­frei­heit ver­tre­ten.

Wenn ein Mann min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen halb nackt fo­to­gra­fiert, ist das, zum Glück, straf­recht­lich re­le­vant. Was ist der Un­ter­schied zu Balthus’ Vor­ge­hens­wei­se?

Bou­vier: Ganz ein­deu­tig das Me­di­um so­wie die Darstel­lungs­wei­se. Es geht auch um den Auf­wand, den man be­treibt, um et­was zu rea­li­sie­ren. Ein Schnapp­schuss ist nicht das­sel­be wie ei­ne ge­mal­te Bild­kom­po­si­ti­on, an der man lan­ge ar­bei­tet und die per­fekt durch­kon­stru­iert ist. Schnapp­schüs­se sind meis­tens für ein schnel­les Kon­su­mie­ren ge­macht, da­mit sind sie meis­tens auch künst­le­risch wert­los. Das ist ja auch das We­sen por­no­gra­fi­scher Bil­der: Sie sind ba­nal und die­nen der schnel­len Er­re­gung. Ih­re Her­stel­lung ist mit kei­nem be­son­de­ren krea­ti­ven Auf­wand ver­bun­den. Bei ei­nem Kunst­werk da­ge­gen, na­ment­lich bei Balthus, der so lan­ge an ei­nem Bild ar­bei­te­te, geht es nicht um das schnel­le Kon­su­mie­ren. Es geht um den krea­ti­ven Akt, um das Schöp­fe­ri­sche. Balthus’ Ge­mäl­de sind ex­trem raf­fi­niert, sie be­deu­ten al­les Mög­li­che für ganz ver­schie­de­ne Leu­te, des­halb wird ja auch so hef­tig über sie dis­ku­tiert.

Kön­nen Sie prä­zi­sie­ren, was Sie mei­nen, wenn Sie sa­gen, Thérèse lasse sich nicht kon­su­mie­ren?

Bou­vier: Ich mei­ne da­mit, dass auf dem Ge­mäl­de ein Mäd­chen dar­ge­stellt ist, das ganz bei sich ist. Die­ses Bild ist auch die Fei­er ei­ner wer­den­den Frau. Es ist ei­ne be­ein­dru­cken­de Darstel­lung von Ado­les­zenz, die vi­su­el­le Ver­kör­pe­rung des­sen, was sie in die­sem Al­ter er­fährt. Sie träumt, ist sehn­süch­tig – und wir ha­ben kei­ne Ah­nung, wo­von und wo­nach. Die Fi­gur Thérèse ist tri­um­phie­rend in die­ser Po­se, tri­um­phie­rend auch über den Be­trach­ter. Sie hat auch et­was Ar­ro­gan­tes, strahlt im Bild so­gar ei­ne ge­wis­se Über­le­gen­heit aus.

ROUNDTABLE «Balthus und die Fra­ge der Kunst­frei­heit» Mitt­woch, 7. No­vem­ber, 19 Uhr, Fon­da­ti­on Bey­e­ler Rie­hen Ti­ckets kön­nen hier ge­bucht wer­den: fon­da­ti­on­be­y­e­ler.ch/ti­ckets

DR. H AN­NO Raut er berg, deut­scher jour­na­list, kunst und Ar­chi­tek­tur kri­ti­ker so­wie Au­tor. Eri st stellv.Res­sortl ei­ter des Feuille­tons der «Zeit» und hat jüngst das viel dis­ku­tier­te Buch «Wie frei ist die Kunst?» im Suhr­kamp Ver­lag ver­öf­fent­licht. DR. BAR­BA­RA VINKEN, Pro­fes­so­rin für All­ge­mei­ne Li­te­ra­tur wis­sen­schaft und Ro­ma­ni­sche Phi­lo­lo­gie­and er Lud­wig ma­xi­mi­li­ans- uni­ver­si­tät Mün­chen. SI­MON A PFIS­TER, Re­lig ions wis­sen­schaft er in und freie Au­to­rin. Sie ar­bei­tet als Jour­na­lis­tin für ver­schie­de­ne Pu­bli­ka­tio­nen, u.a. für die« Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung/ sonn­tags­zei­tung », die NZZ und «Das Ma­ga­zin». Mo­de­ra­ti­on: FINN CA­NO­NI­CA.

FINN CA­NO­NI­CA ist Chef­re­dak­tor des« Ma­ga­zins ». finn.ca­no­ni­ca@das­ma­ga­zin.ch

Ku­ra­to­ren Mi­chi­ko Ko­no und Ra­phaël Bou­vier mit ei­nem Mo­dell der Balthus-aus­stel­lungs­räu­me in der Fon­da­ti­on Bey­e­ler.

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