Fünf Brü­der aus Hon­du­ras wer­den mit dem Tod be­droht und be­ge­ben sich auf die Flucht.

für die fa­mi­lie Díaz geht es seit Jah­ren um Le­ben und Tod. Die Söh­ne flüch­ten aus Hon­du­ras vor der lo­ka­len Ma­fia – und da­nach im­mer wei­ter durch die USA als Il­le­ga­le.

Das Magazin - - N° 37 — 15. September 2018 - Von jan Chris­toph wiech­mann

Man nann­te sie die Díaz 5. Sie ka­men im Ab­stand von et­wa ei­nem Jahr zur Welt und bil­de­ten früh schon ei­ne ein­ge­schwo­re­ne Ge­mein­schaft. Sie sa­hen aus wie ihr stäm­mi­ger Va­ter. Sie hat­ten die glei­che Sta­tur. Sie tru­gen so­gar den glei­chen Haar­schnitt.

Sie wa­ren wie Fünf­lin­ge.

Aber die Brü­der äh­nel­ten sich nicht nur äus­ser­lich. Sie leb­ten auch ähn­li­che Le­ben. Sie spiel­ten Fuss­ball im Ver­ein Ju­ven­tus ih­res Hei­mat­orts Potre­ril­los. Sie hei­ra­te­ten ih­re Ju­gend­lie­ben, wur­den jung Vä­ter. Sie bau­ten Häu­ser am Orts­rand und stie­gen – ei­ner nach dem an­de­ren – ins Ge­schäft des Va­ters ein, das Bus­un­ter­neh­men Su­s­a­ny, be­nannt nach ih­rer jün­ge­ren Schwes­ter. Sie leb­ten im Gleich­schritt. Und in Har­mo­nie – so­weit das in ei­nem Land wie Hon­du­ras mög­lich ist.

Dann, vor fünf Jah­ren, bra­chen zwei Din­ge in ihr ge­re­gel­tes Le­ben und spreng­ten es Stück für Stück aus­ein­an­der: die Stras­sen­gang MS-13 und die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der USA.

Heu­te ist ei­ner der fünf Brü­der tot. Ei­ner ein In­va­li­de. Ei­ner auf der Flucht. Ei­ner de­por­tiert. Und ei­ner im Re­vier der Dro­gen­ma­fia. Ihr Schick­sal ist in Hon­du­ras kein un­üb­li­ches. Je­der hier hat An­ge­hö­ri­ge an die mor­den­den Gangs MS-13 und Bar­rio 18 ver­lo­ren. Je­der hat Ver­wand­te auf die ge­fähr­li­che, 3000 Ki­lo­me­ter lan­ge Flucht in die USA ge­schickt.

Un­ge­wöhn­lich je­doch ist die Här­te, mit der das Schick­sal sie traf. Und die Auf­op­fe­rung der Brü­der für­ein­an­der. Sie wer­den Op­fer staat­li­cher Ab­we­sen­heit in ei­nem Land – und Op­fer staat­li­cher Het­ze in ei­nem an­de­ren. Sie ste­hen im Mit­tel­punkt der zen­tra­len Fra­ge die­ser Jah­re: Wo dür­fen vom Tod be­droh­te Men­schen noch hin? Wer lässt sie noch rein?

Wir ha­ben die Ge­schich­te der Brü­der Díaz über acht­zehn Mo­na­te an fünf ver­schie­de­nen Or­ten ver­folgt: von ih­rem Hei­mat­ort Potre­ril­los bis über die Gren­ze nach Te­xas. Von ei­nem La­ti­no­vier­tel in New Jer­sey über ein Ge­fäng­nis in Ala­ba­ma bis in die ent­le­ge­nen Herr­schafts­ge­bie­te der Dro­gen­kar­tel­le von Hon­du­ras.

Hon­du­ras

Der ko­me­ten­haf­te Ein­schlag in ihr Le­ben lässt sich auf die St­un­de ter­mi­nie­ren. Er er­eig­net sich am 2. No­vem­ber 2013 um 15 Uhr, als Alex Díaz, Pa­tri­arch der Fa­mi­lie, die Auf­for­de­rung er­hält, sei­nen jüngs­ten Sohn Os­car im Haupt­quar­tier der Stras­sen­gang Ma­ra Sal­vat­ru­cha (MS-13) auf­zu­su­chen. Die Ban­den­füh­rer ha­ben Os­car ent­führt, sie wer­fen ihm vor, ei­nen ih­rer Dro­gen­ku­rie­re re­spekt­los be­han­delt zu ha­ben.

Die MS-13 ist we­ni­ger ei­ne Ban­de als viel­mehr ei­ne trans­na­tio­nal ope­rie­ren­de kri­mi­nel­le Or­ga­ni­sa­ti­on mit Dut­zen­den Orts­grup­pen und Ver­bin­dun­gen bis in die höchs­ten Äm­ter von Po­li­tik und Jus­tiz. An Or­ten wie Potre­ril­los na­he der Ka­ri­bik bil­den sie ei­ne Art Staat im Staat – mit Wis­sen der Re­gie­rung, ge­dul­det von der Po­li­zei. Sie fol­gen dem ar­chai­schen, heu­te wie­der po­pu­lä­ren Prin­zip: Der Stärks­te, der Mäch­tigs­te, der Grau­sams­te re­giert.

Va­ter Díaz er­hofft sich ei­ne Aus­spra­che mit den Gang­füh­rern, im­mer­hin ist er ein Mann mit Ein­fluss im Ort: ein er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer, die Fa­mi­lie an­säs­sig seit Ge­ne­ra­tio­nen, er be­sitzt sechs Klein­bus­se, die er und sei­ne fünf Söh­ne auf der Stre­cke Potre­ril­los–san Pe­dro Su­la fah­ren. Die Schutz­gel­der an die MS-13 hat er bis­ lang im­mer pünkt­lich be­zahlt, 3000 Dol­lar pro Mo­nat, die höchs­ten im 30 000-Ein­woh­ner­ort.

Er fin­det sei­nen ver­ängs­tig­ten Sohn Os­car, 24, im Kom­man­do­zen­trum der Gang im hü­ge­li­gen Vier­tel Cla­vas­quín. Dort, auf dem Sport­platz, ei­nem für al­le Be­woh­ner ein­seh­ba­ren Ge­län­de, fällt der An­füh­rer Gi­an­car­lo nach ei­ner kur­zen An­hö­rung das Ur­teil: Tod durch Er­schla­gen. Er be­nennt neun ma­re­ros (Gang­mit­glie­der), um den jüngs­ten Díaz zu «be­en­den», wie sie es nen­nen.

Os­car ist der Stills­te der fünf Brü­der, Mamas Lieb­ling, ein Schrank von Mann, aber mit wei­chem Herz, aus­ge­stat­tet mit dem bul­li­gen Kör­per des Va­ters und der zar­ten See­le der Mut­ter.

«Sie hiel­ten mir ei­ne Waf­fe an den Kopf», be­schreibt Va­ter Díaz die Tat. «Ich muss­te bei al­lem zu­se­hen. Ich war mir si­cher: Ich ver­lie­re ihn. Für El­tern gibt es nichts Schlim­me­res.»

Auf Kom­man­do fol­tern die ma­re­ros Os­car mit Schlä­gen und Trit­ten, mit dem Griff der Ma­che­te und den Kol­ben der Ge­weh­re. Je­weils drei Pei­ni­ger, drei Mi­nu­ten lang. Os­car, die Hän­de hin­term Rü­cken, darf sich nicht weh­ren, so der Be­fehl, sich nicht ein­mal krüm­men. Ir­gend­wann bleibt ihm die Luft weg, das Be­wusst­sein setzt aus. Mi­nu­ten, von de­nen sein Va­ter spä­ter sagt: «Ich ha­be den Tod ge­se­hen. Sie ta­ten es, um mich zu tref­fen.»

Es ist Os­cars Ret­tung, dass ein äl­te­res Gang­mit­glied, ein Nach­bar der Fa­mi­lie Díaz, ir­gend­wann sagt, sie soll­ten jetzt Schluss ma­chen und sich wie­der dem Ge­schäft wid­men. So las­sen sie Os­car halb tot im Dreck zu­rück, nicht oh­ne die Dro­hung: «Wir tö­ten je­den Ein­zel­nen von euch.»

Die Fo­tos der Ver­let­zun­gen, die Va­ter Díaz macht, zei­gen kei­nen ge­schun­de­nen Men­schen, son­dern ei­nen Berg ge­schwol­le­nen Flei­sches: Schnit­te am gan­zen Kör­per, die Brust blau und schwarz, die Kno­chen ge­bro­chen, der Kopf auf­ge­dun­sen, so­dass die Au­gen nicht mehr zu se­hen sind. Zwei Ta­ge spuckt Os­car Blut, do­ku­men­tiert im Po­li­zei­pro­to­koll mit der Num­mer 0511-538-2013, das im Le­ben der Díaz 5 noch ei­ne grosse Rol­le spie­len wird.

Das ei­gent­li­che Mo­tiv für den Mord­ver­such deu­tet die Gang nur an.

Lu­is Díaz ist aus den USA ab­ge­scho­ben wor­den. Nach dem Wie­der­se­hen mit sei­nemSohn muss er sich vor Spä­hern der Gangs hü­ten.

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