JA­KOB TANNER Über po­li­ti­sche He­bel­wir­kun­gen

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - Ja­kob Tanner JA­KOB TANNER ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

He­bel­wir­kun­gen ken­nen vie­le nicht nur aus der Phy­sik, son­dern auch aus der Fi­nanz­bran­che. In­ves­to­ren und Spe­ku­lan­ten er­zie­len da­mit traum­haf­te Ren­di­ten. Sol­che Prak­ti­ken füh­ren, wenn sie po­li­tisch er­laubt sind, zu gi­gan­ti­schen Kre­dit­bla­sen mit eben­sol­chen Ri­si­ken. Für Letz­te­re ste­hen dann, wie sich wäh­rend der in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­markt­kri­se vor zehn Jah­ren ge­zeigt hat, die Steu­er­zah­ler gera­de.

He­bel, die be­schränk­te Kräf­te ver­stär­ken, gibt es auch in der Po­li­tik. Sie wir­ken zu­meist über re­al exis­tie­ren­de Ab­hän­gig­kei­ten. Mäch­ti­ge Ak­teu­re, die auf eu­ro­päi­sche und glo­ba­le Märk­te an­ge­wie­sen sind, wer­den in­nen­po­li­tisch kom­pro­miss­be­reit, um ei­ne Mehr­heit für ih­re In­ter­es­sen zu fin­den. Schwä­che­re Part­ner kön­nen die­sen He­bel nut­zen, um ih­re ei­ge­nen For­de­run­gen durch­zu­set­zen.

Das lässt sich am Bei­spiel der schwei­ze­ri­schen Ge­werk­schaf­ten zei­gen. Wäh­rend des Kal­ten Krie­ges blick­ten die­se kaum über den na­tio­na­len Con­tai­ner hin­aus. Gleich­zei­tig spreng­ten wirt­schaft­li­che Wert­schöp­fungs­ket­ten die Lan­des­gren­zen. Schwei­ze­ri­sche Un­ter­neh­men und in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne mit Sitz in der Schweiz wa­ren zu­neh­mend auf ei­nen Breit­band­zu­gang zu eu­ro­päi­schen Gü­ter­, Di­enst­leis­tungs­ und Ka­pi­tal­märk­ten an­ge­wie­sen. Dar­auf ba­sier­te nicht nur ihr Ge­schäfts­er­folg, son­dern auch der ma­te­ri­el­le Wohl­stand des Lan­des. Das ist zwar nicht das­sel­be, hängt aber doch zu­sam­men.

Ab Mit­te der 1990er­jah­re ent­deck­ten die Schwei­zer Ar­beit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen die Vor­tei­le ei­nes «Go­ing Eu­ro­pean». Wie die His­to­ri­ke­rin Re­bek­ka Wy­ler in der Stu­die «Schwei­zer Ge­werk­schaf­ten und Eu­ro­pa» ge­zeigt hat, konn­te das dis­kri­mi­nie­ren­de Sai­son­nier­sta­tut nur mit­tels Druck aus der EU ab­ge­schafft wer­den. Ab Mit­te der 1990er­jah­re be­tei­lig­ten sich auch Schwei­zer Gross­un­ter­neh­men an den Eu­ro­päi­schen Be­triebs­rä­ten.» We­ni­ge Jah­re spä­ter er­mög­lich­te der eu­ro­päi­sche He­bel die Durch­set­zung der so­ge­nann­ten flan­kie­ren­den Mass­nah­men zur Per­so­nen­frei­zü­gig­keit.

Sol­che Lohn­ und Ar­beits­schutz­mass­nah­men sind für die Fort­set­zung des eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­ons­pro­zes­ses ent­schei­dend wich­tig. Im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt wur­de die Eu­ro­päi­sche Uni­on, oft auch von links, zum Sün­den­bock für ne­ga­ti­ve Ef­fek­te ei­ner Hy­per­glo­ba­li­sie­rung ge­macht. Sta­gnie­ren­de oder sin­ken­de Ein­kom­men so­wie ei­ne weit­hin emp­fun­de­ne po­li­ti­sche Ohn­macht wer­den aus­ge­rech­net auf je­nen Staa­ten­ver­bund pro­ji­ziert, der mäch­ti­ge Un­ter­neh­men über­haupt erst kon­trol­lie­ren und Märk­te sinn­voll re­gu­lie­ren könn­te.

Öko­no­men wie Da­ni Ro­drik, die markt­fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ideo­lo­gi­en kri­ti­sie­ren, spre­chen von ei­nem Tri­lem­ma zwi­schen na­tio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät, de­mo­kra­ti­scher Le­gi­ti­ma­ti­on und in­ter­na­tio­na­ler Markt­öff­nung. Die­se drei Zie­le sind nicht gleich­zei­tig er­reich­bar. Es gibt nur drei un­ter­schied­li­che Kom­bi­na­tio­nen. Ers­tens ei­ne grenz­über­schrei­ten­de Markt­dy­na­mi­sie­rung, ver­bun­den mit Lohn­druck und De­mo­kra­tie­ab­bau im na­tio­na­len Rah­men. Zwei­tens na­tio­na­le Ab­schot­tung, wel­che die Volks­sou­ve­rä­ni­tät wie­der­her­stel­len soll. Und drit­tens die Stär­kung ei­ner trans­na­tio­na­len De­mo­kra­tie, kom­bi­niert mit ei­ner so­zi­al ver­träg­li­chen Glo­ba­li­sie­rung.

Das ers­te Ent­wick­lungs­mus­ter führt in ei­ne un­er­freu­li­che Zu­kunft. Das zwei­te, näm­lich ein pro­tek­tio­nis­ti­scher, xe­no­pho­ber, hoh­le so­zi­al­po­li­ti­sche Ver­spre­chun­gen ma­chen­der Na­tio­na­lis­mus ist ei­ne Hor­ror­vi­si­on. Bleibt die Al­ter­na­ti­ve Eu­ro­pa. Die EU hat er­kannt, dass sie in der Lohn­, So­zi­al­ und Steu­er­po­li­tik da­zu­ler­nen muss. Gut ver­netz­te Ge­werk­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen kön­nen die­sen Lern­pro­zess mit ko­or­di­nier­ten Ak­tio­nen be­schleu­ni­gen.

Wenn die Schweiz den Kampf für flan­kie­ren­de Mass­nah­men in­ner­halb ei­ner pro­eu­ro­päi­schen Per­spek­ti­ve si­tu­iert, dann un­ter­stützt sie trotz kurz­fris­ti­ger Frik­ti­on den eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­ons­pro­zess lang­fris­tig. Und nur so kann die Lin­ke ver­hin­dern, dass der «He­bel Eu­ro­pa» in der In­nen­po­li­tik weg­bricht. Wür­de dies pas­sie­ren, so kä­me es im Nu zu ei­ner Ver­schär­fung des na­tio­na­len Stand­ort­wett­be­werbs, ver­bun­den mit den his­to­risch ein­schlä­gig be­kann­ten Ver­su­chen, Ar­beits­kos­ten so­wie Steu­ern zu sen­ken und den Ar­beits­markt zu spal­ten.

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