HANS UL­RICH OBRIST Die Künst­le­rin Lu­chi­ta Hur­ta­do

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Neu­lich war ich mal wie­der in Los An­ge­les. Zu den vie­len Grün­den, die es im­mer schon ge­ge­ben hat, in die­se Stadt zu rei­sen, kommt seit ei­ni­gen Jah­ren hin­zu, dass sich prak­tisch wö­chent­lich neue Ga­le­ri­en, Kunst­stif­tun­gen, Mu­se­en und Künst­ler dort nie­der­las­sen. Die Kunst­sze­ne in Los An­ge­les ist in­zwi­schen ähn­lich gross wie in New York, hoch­ka­rä­tig und so di­vers, dass es fast un­mög­lich ge­wor­den ist, den Über­blick zu be­hal­ten. Häu­fig bringt ein sol­cher Hy­pe des Neu­en den Nach­teil mit sich, dass die Po­si­tio­nen, die es schon gab, über­blen­det wer­den. Und viel­leicht wä­re das auch mit dem Werk Lu­chi­ta Hur­ta­dos ge­sche­hen, die seit vie­len Jahr­zehn­ten in Ka­li­for­ni­en lebt und ar­bei­tet, oh­ne je­mals ei­ne grös­se­re Ein­zel­aus­stel­lung be­kom­men zu ha­ben. In der Grup­pen­schau «Ma­de in L.A.» des Ham­mer Mu­se­um konn­te man nun je­doch ei­ni­ge ih­rer Bil­der se­hen. Und sie sind so gran­di­os, so über­wäl­ti­gend gut, dass sie al­les in den Schat­ten stel­len, was in den Aus­stel­lungs­räu­men der Rie­sen­stadt zur­zeit sonst noch an den Wän­den hängt.

Viel­leicht soll­te man er­wäh­nen, dass Hur­ta­do in we­ni­gen Wo­chen 98 wird. Dass sie noch im­mer je­den Tag ar­bei­tet wie in den ver­gan­ge­nen acht Jahr­zehn­ten, oh­ne dass ei­ne ein­zi­ge Ga­le­rie ihr Werk ver­trat oder ei­ne ein­ zi­ge Mo­no­gra­fie über sie er­schien (ich ar­bei­te der­zeit an ei­nem Buch über Hur­ta­do). Wie so häu­fig bei den gros­sen Frau­en in der Kunst – et­wa Fri­da Kahlo, mit der sie gut be­kannt war – lag das auch dar­an, dass sie im Schat­ten be­rühm­ter Män­ner wirk­te. Nach ih­rer Kind­heit im ve­ne­zo­la­ni­schen Ca­ra­cas und Jah­ren als Mo­deil­lus­tra­to­rin in New York ging sie nach Me­xi­ko, wo sie sich der Grup­pe exi­lier­ter Sur­rea­lis­ten aus Eu­ro­pa an­schloss, zu de­nen Max Ernst und der schil­lern­de Wolf­gang Paa­len ge­hör­te, des­sen Frau sie wur­de. Sie ge­hör­te zu den trei­ben­den Kräf­ten ei­ner spi­ri­tua­lis­ti­schen Au­s­prä­gung des Sur­rea­lis­mus und wur­de ei­ne be­deu­ten­de Samm­le­rin prä­ko­lum­bia­ni­scher Kunst, kämpf­te spä­ter in Ka­li­for­ni­en – und dort künst­le­risch im Schat­ten ih­res drit­ten Man­nes Lee Mul­li­can, mit dem sie den Sohn Matt hat, der eben­falls Künst­ler ist – an vor­ders­ter Front für die Be­frei­ung der Frau und die auf­kei­men­de Öko­be­we­gung.

Ih­re po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen, ihr kul­tu­rel­les Wis­sen und ihr unend­li­ches künst­le­ri­sches Kön­nen hat sie in Wer­ke kon­den­siert, die ei­ner­seits die letz­ten Bot­schaf­ter des Sur­rea­lis­mus dar­stel­len, an­de­rer­seits die fri­sches­ten und ge­gen­wär­tigs­ten Ma­le­rei­en sind im an Ge­gen­wart so über­rei­chen Los An­ge­les.

Das sen­sa­tio­nel­le Werk der fast hun­dert­jäh­ri­gen Lu­chi­ta Hur­ta­do war bis da­to prak­tisch un­be­kannt. Es ge­hört zum Bes­ten, was die zeit­ge­nös­si­sche Kunst bie­tet.

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