CHRIS­TI­AN SEI­LER Sprüng­li-idyll

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - C H R I S T I A N S E I L E R ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Bild MAR­VIN ZILM

Sprüng­li ist in der Schweiz welt­be­rühmt. Da­mit mei­ne ich nicht al­lein Sprüng­lis Pra­li­nen und Lu­xem­bur­ger­li, die die­sen Ruhm oh­ne je­den Zwei­fel ver­die­nen, auch wenn es mir schwer­fällt, die Qua­li­tät der Sprüng­li-pra­li­nen ge­gen je­ne von Teu­scher auf­zu­rech­nen – ich wür­de sa­gen, da steht es un­ent­schie­den. Beim Ver­gleich der Ma­ca­rons von La­du­rée und Sprüng­lis Lu­xem­bur­ger­li nei­ge ich hin­ge­gen da­zu, mich zu de­kla­rie­ren und die Best­no­te an Sprüng­li zu ver­ge­ben: Sprüng­lis klei­ne Bai­ser­ge­bä­cke in den lus­ti­gen Far­ben sind uner­reicht leicht, ko­kett und ele­gant, je­den­falls wenn sie frisch sind.

Hier ein Tipp für Men­schen, die sich nur mit ei­nem wirk­lich gu­ten Grund selbst be­trü­gen: Kau­fen Sie Lu­xem­bur­ger­li nie­mals stück­wei­se, son­dern in ei­ner nicht zu klei­nen Schach­tel. Sie wer­den beim Aus­pa­cken das Ge­bot des Her­stel­lers vor­fin­den, sei­ne Wa­re mög­lichst schnell zu ver­zeh­ren, wenn Sie sie im Best­zu­stand ge­nies­sen wol­len – und ich mei­ne, wer sind wir, solch ei­ne Emp­feh­lung ein­fach zu igno­rie­ren?

Aber ich will mich ei­gent­lich nicht auf ein Feuille­ton über den Zu­sam­men­hang von Wind­ge­bäck und Selbst­kon­trol­le ein­las­sen, son­dern nur auf die Zeit­schleu­se an der Bahnhofstrasse 21 in Zü­rich deu­ten, durch die man in den ers­ten Stock hin­auf­stei­gen kann, wo sich das Ca­fé Sprüng­li be­fin­det.

Die­ses Ca­fé hat ver­füh­re­ri­sche Ei­gen­schaf­ten. Es ist ein biss­chen alt­mo­disch und um­ständ­lich, da­bei aber nicht ab­ge­wohnt und hei­me­lig wie die pro­to­ty­pi­schen Ca­fés in Pa­ris oder Wi­en, son­dern ir­ri­tie­rend ernst­haft und auf sym­pa­thi­sche Wei­se spies­sig, so wie ein ele­gan­ter äl­te­rer Herr, der sei­nen An­zug mit den auf­ge­pump­ten Acht­zi­ger­jah­re-schul­tern nicht et­wa iro­nisch trägt, son­dern stolz.

Mit dem­sel­ben Stolz bringt man sich hier in Si­cher­heit, an ei­nen klei­nen, glän­zen­den Tisch, wo man, egal wie spät es ist, harm­lo­se, aber köst­li­che Ab­sti­nenz­ler­mahl­zei­ten zu sich nimmt, ei­nen Ver­vei­ne­tee und zwei Ca­napées oder viel­leicht, war­um nicht, ei­nen Milch­kaf­fee mit ei­ner Por­ti­on Ver­mi­cel­les.

Ist Ih­nen schon ein­mal auf­ge­fal­len, wie be­freit Men­schen lä­cheln, wenn sie ir­gend­wo, zum Bei­spiel hier, et­was Süs­ses be­stel­len? Sie ha­ben die Ent­schei­dung ge­trof­fen, sich zu be­loh­nen, und sie wol­len die Freu­de dar­über mit der Welt tei­len, des­halb ge­hen sie auf Emp­fang, er­mun­tern durch ih­ren Blick­kon­takt mit glän­zen­den Au­gen an­de­re, sich so wie sie ein Tört­chen zu ge­neh­mi­gen, wir ha­ben es doch ver­dient, wir zwei, nicht wahr?

Ich lie­be es, hier in Ru­he Zei­tung zu le­sen, nach­dem ich mein Bir­cher­mües­li mit Him­bee­ren ver­speist ha­be. Die et­was förm­li­che Ru­he in den stets gut ge­füll­ten Rä­um­lich­kei­ten senkt mei­nen Blut­druck und be­fä­higt mich, selbst knä­cke­brot­t­ro­cke­ne Leit­ar­ti­kel von der Kon­kur­renz oh­ne je­den An­flug von Un­ge­duld zu le­sen, viel­leicht so­gar zwei­mal, wenn mir zwi­schen­durch das Kinn auf die Brust ge­fal­len ist.

Und über­haupt: die­ses Bir­cher­mües­li mit Him­bee­ren. Es be­steht laut Spei­se­kar­te aus Ha­fer­flo­cken, Jo­ghurt, Rahm, Him­bee­ren, Ba­na­nen und Äp­feln. Aber an­ders als bei mei­nen Mües­li, die auf den ers­ten Blick Aus­kunft über al­les ge­ben, was in die Mas­se ge­mischt wur­de, prä­sen­tiert sich Sprüng­lis Mües­li kom­pakt und sei­dig, we­der zu süss noch zu sau­er, aber von bei­dem ge­nug, ei­ne in lan­gen Jah­ren per­fek­tio­nier­te Syn­the­se all des­sen, was ein Mües­li über­all ha­ben soll­te, aber nur hier bei Sprüng­li tat­säch­lich hat.

Die Kell­ne­rin fragt mich, ob ich ei­ne Por­ti­on Rahm ex­tra ha­ben möch­te, und ob­wohl ich weiss, dass die­ser Rahm das Mües­li um ei­ne Spur zu fett ma­chen wird, sa­ge ich selbst­ver­ständ­lich «Ja, gern». Mein Ge­wis­sen ist ja da­durch be­ru­higt, dass zum Mües­li ein Stück Voll­korn­brot ser­viert wird.

Im Sprüng­li-ca­fé füh­le ich mich jung und alt. Manch­mal glau­be ich, die Stie­ge ne­ben der Kas­se, wo ich die Rech­nung be­zah­le, führt di­rekt ins Zü­rich der Acht­zi­ger­jah­re. Manch­mal bin ich nach ei­ner St­un­de im Ca­fé nicht sicher, ob ich noch der­sel­be bin, der vor­hin her­ein­ge­gan­gen ist, und ja, ich glau­be an den ma­gi­schen hel­ve­ti­schen Rea­lis­mus, vor al­lem wenn er sich in der Farb­pa­let­te von Wind­ge­bäck äus­sert oder im tie­fen Ro­sa ei­ner Zwi­schen­mahl­zeit.

Im Zürcher Ca­fé Sprüng­li speist man nicht ein­fach ein Mües­li – man wan­delt durch die Zeit und wird da­bei (viel­leicht) ein an­de­rer.

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