MAX KÜNG Lie­ber Wald

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - M A X K Ü N G ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO

gera­de sind wir durch dich hin­durch­ge­fah­ren, ein Stück­chen nur, schnell, dann ging es über die Aa­re, dann flog ein Hau­fen Häu­ser na­mens Deit­in­gen vor­bei, wir kreuz­ten die Au­to­bahn, bald wird der Zug in Biel an­kom­men. Nach Biel fah­re ich dei­net­we­gen. Im dor­ti­gen Kon­gress­haus fin­det ein An­lass statt. Der SFV fei­ert sei­nen 175. Ge­burts­tag, wo­bei es sich beim SFV nicht um den Schwei­ze­ri­schen Fuss­ball­ver­band han­delt – glück­li­cher­wei­se –, son­dern um den Forst­ver­ein: Die Ver­ei­ni­gung der Wald­fach­leu­te; ich den­ke, dort wird die Stim­mung ge­lös­ter sein als bei den Fuss­ball­funk­tio­nä­ren. Man hat mich ein­ge­la­den, um kurz et­was über dich zu be­rich­ten, von un­se­rer Freund­schaft, ge­nau­er ge­sagt, denn als sol­che lässt sich un­se­re Be­zie­hung am bes­ten be­schrei­ben. Die Ein­la­dung freut mich sehr, denn du bist mir wich­tig, und ich wer­de in il­lus­trer Ge­sell­schaft sein: Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard wird mit ih­rem Tes­la an­rol­len und an die­sem An­lass spre­chen, so wie an­de­re aus der Po­li­tik. Zu­dem Adolf Ogi, der al­te Tan­nen­baum­streich­ler. Du siehst: Man küm­mert sich um dich, du bist den Men­schen wich­tig, auf al­len Ebe­nen.

Was ich er­zäh­len wer­de? Nun, eben, von un­se­rer Freund­schaft, die seit mei­ner Kind­heit an­dau­ert, als ich auf­wuchs auf ei­nem Bau­ern­hof am Rand ei­nes Dor­fes am Ran­de ei­nes Kan­tons am Ran­de un­se­res Lan­des. Nur Schrit­te wa­ren es vom Hof, dann ver­schluck­ten ei­nen die Bäu­me. Wir bau­ten Hüt­ten, spitz­ten Ste­cken zu, durch­streif­ten dich for­schend. Du warst un­ser Ver­steck vor der Welt.

Auch wer­de ich von mei­nen Bu­ben be­rich­ten, die in der Stadt auf­wach­sen, mit­ten­drin, um­zin­gelt von stei­ner­nen Häu­sern und ble­cher­nen Au­tos. Aber du bist nicht zu fern. Und ich ver­su­che, die Kin­der von dei­nen Vor­zü­gen zu über­zeu­gen. Beim Äl­te­ren ist mir dies schon recht gut ge­lun­gen, er mag dich, weil er die Ru­he schätzt, die un­auf­dring­li­che Ge­sell­schaft der Bäu­me. Der Jün­ge­re aber hasst dich. Zu­min­dest hat er dies ge­sagt, als wir – es ist noch nicht lan­ge her -, durch dich hin­durch­spa­zier­ten. Der Bub wä­re lie­ber da­heim ge­blie­ben, wü­tend rief er: «Bäu­me! Bäu­me! Bäu­me! Nichts als Bäu­me! Der Wald ist das Lang­wei­ligs­te, was es gibt!» Dann griff er sich ei­nen Ste­cken, schleu­der­te ihn mit al­ler Kraft da­von. Er flog – be­glei­tet von ei­nem lau­ten Schrei – nicht weit. Oh­ne gross Lärm zu ma­chen, ver­schluck­test du den Ste­cken. Ich sag­te: «Du hast recht: Bäu­me, Bäu­me, Bäu­me! Der Wald ist das Lang­wei­ligs­te, was es gibt. Gera­de des­halb ist er ja auch so span­nend.» Mein Bub sag­te nichts, die zor­nes­ro­te Stirn in Fal­ten ge­legt, und ich war mir sicher: In ein paar Jah­ren wür­de er es be­grei­fen. Da­von wer­de ich be­rich­ten.

Und ich wer­de er­zäh­len, wie du mir ge­hol­fen hast. Als vor ein paar Jah­ren et­was ge­schah, et­was sehr Trau­ri­ges, weil ein Mensch starb, den ich lieb­te und im­mer lie­ben wer­de, als es nichts gab, was mich hät­te trös­ten kön­nen, als al­les ver­sag­te. Wor­te hal­fen nicht, so gut sie auch ge­meint wa­ren. Nichts kam an ge­gen die Trau­rig­keit – bloss du hat­test die Fä­hig­keit, so et­was wie Trost zu spen­den. Du sogst den Kum­mer auf wie ein gü­ti­ger, gros­ser Schwamm.

Ja, dar­um wird es in et­wa ge­hen bei der kur­zen Re­de. Oh, die Stim­me aus dem Laut­spre­cher sagt: Pro­ch­ain ar­rêt: Bi­en­ne. Nächs­ter Halt: Biel.

Al­so, ich muss los. Lie­ber Wald, ich freu mich auf mei­nen nächs­ten Be­such bei dir, im Herbst dann, der ja just in der Nacht von die­sem Sams­tag auf den Sonn­tag be­ginnt, am so­ge­nann­ten Äqui­nok­ti­um, der Tag­und­nacht­glei­che, wenn für al­le Or­te auf der Er­de Tag und Nacht gleich lang sind. Im Herbst, so fin­de ich, bist du im­mer am bes­ten an­ge­zo­gen; der steht dir wirk­lich gut! Jetzt nur noch dies: Ich bin froh, ei­nen Freund zu ha­ben, der so gross ist und so stark. Und üb­ri­gens: Komm du doch auch mal bei mir vor­bei! Könn­te et­was eng wer­den, aber du bist im­mer herz­lich will­kom­men.

Dein Freund Max

PS: Auch Mu­si­ker mö­gen dich, des­halb gibts hier nicht ein­fach ei­nen ein­zel­nen Song, son­dern ei­ne gan­ze CD über dich und dei­ne Be­woh­ner, die ich ver­lo­sen möch­te. Ein­fach ei­ne Mail mit Po­st­adres­se und dem Be­treff WALD an max.ku­eng@das­ma­ga­zin.ch. Dann brauchts bloss noch ein biss­chen Glück.

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