EIN TAG IM LE­BEN ei­nes Ex-«ma­ga­zin»-re­dak­tors

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - Pro­to­koll DA­VID KARASEK Bild PRI­VAT

Ich hal­te es für ei­ne Iro­nie des Schick­sals, 27 Jah­re nach mei­nem frist­lo­sen Raus­wurf aus dem «Ma­ga­zin» hier mei­nen Na­men wie­der ab­ge­druckt zu fin­den. Da­mals ver­ant­wor­te­te ich in die­sem Blatt ein paar Jah­re lang ei­ne Kul­tur­sei­te na­mens «Af­fi­che». Dann wur­de das «Ma­ga­zin» neu auch der «Ber­ner Zei­tung» bei­ge­legt, und dem Chef­re­dak­tor schie­nen mei­ne Bei­trä­ge für sein an­vi­sier­tes Mas­sen­ziel­pu­bli­kum zu ab­ge­ho­ben, und er stell­te die Kul­tur­sei­te ein. Ich über­leg­te mir dar­auf, was denn noch die Es­senz die­ses «Ma­ga­zins» sein moch­te, und stell­te ein kri­ti­sches Buch zu­sam­men mit dem Ti­tel «23 Jah­re Ta­ges-an­zei­ger Ma­ga­zin – Vom Nähr­wert ei­ner Bei­la­ge». Dar­in liess ich Re­dak­to­ren der ers­ten St­un­de zu Wor­te kom­men, dar­un­ter in ei­nem län­ge­ren In­ter­view auch mei­ne Mut­ter, Lau­re Wyss, die das «Ma­ga­zin» mit­be­grün­de­te. Sie äus­ser­te sich im Buch zum Kurs­wech­sel und mein­te, sie ha­be im­mer ein Blatt für den mün­di­gen Le­ser ge­macht, aber nun sei­en die Tex­te zur ein­fa­chen Kost ver­kom­men. Das Re­sul­tat mei­ner Ak­ti­vi­tä­ten fand in der Chef­eta­ge kei­nen Ge­fal­len. Kaum lag das Buch in den Buch­hand­lun­gen, wur­de ich an ei­nem mil­den Früh­lings­mor­gen 1991 vor die Tür ge­stellt. Als ich das Re­dak­ti­ons­ge­bäu­de an der Mor­gar­ten­stras­se ver­liess, fühl­te ich ne­ben Zorn auch ei­nen woh­li­gen Schau­der der Er­leich­te­rung. Für mich war klar: Hier­mit war mei­ne jour­na­lis­ti­sche Kar­rie­re zu En­de. Ich be­kam un­frei­wil­lig Ge­le­gen­heit, mich be­ruf­lich neu zu ori­en­tie­ren. Das an­ge­häuf­te Pen­si­ons­kas­sen­geld, das ich mit­nahm, über­gab ich ei­nem be­freun­de­ten De­vi­sen­händ­ler, der mir mit sei­nen re­gel­mäs­si­gen Aus­schüt­tun­gen Ge­le­gen­heit bot, kul­tu­rell tä­tig zu wer­den. Ich pro­du­zier­te in den fol­gen­den Jah­ren leich­te Thea­ter­stü­cke und führ­te den le­gen­dä­ren Schwa­men­din­ger Opern­chor. Sie­ben Jah­re spä­ter stell­te sich her­aus, dass die­ser so­ge­nann­te De­vi­sen­händ­ler nach dem Schnee­ball­sys­tem ar­bei­te­te. Sein gan­zes Geld­ver­meh­rungs­ge­bil­de krach­te zu­sam­men, und er muss­te in den Knast. Aber da war ich be­reits Rek­tor der Lu­zer­ner Hoch­schu­le für Kunst und De­sign und nicht mehr an­ge­wie­sen auf «Er­gän­zungs­leis­tun­gen».

Nach mei­ner Pen­sio­nie­rung zog ich nach Schlie­ren und wur­de schweiz­weit be­kannt, als ich mich für ei­nen Flug zum Mars be­warb. Als fest­stand, dass ich nicht von der Par­tie bin, ging ich in die Lo­kal­po­li­tik und liess mich als Ver­tre­ter der GLP ins dor­ti­ge Par­la­ment wäh­len. Die Par­la­ments­kol­le­gen dach­ten wohl, ich sei von ei­nem an­de­ren Pla­ne­ten. Ich galt je­den­falls als Aus­sen­sei­ter und ver­spiel­te je­de Mög­lich­keit, dort je rich­tig Fuss zu fas­sen. Nach gut zwei Jah­ren be­schloss ich, mei­nem Le­ben noch mal ei­ne neue Rich­tung zu ge­ben.

Seit En­de 2016 le­be ich jetzt in Ko­lum­bi­en. Ob­wohl Bo­go­tá nicht gera­de ein Rent­ner­pa­ra­dies ist – es ist dre­ckig, häss­lich und von Ar­mut ge­zeich­net –, mer­ke ich, wie mich ge­nau die­se Exis­tenz hier be­lebt. Vor kur­zem er­stand ich hier ein Haus, das ich zu ei­nem Bed & Bre­ak­fast-gast­haus aus­bau­en möch­te. Ich bin jetzt in ei­ner Le­bens­pha­se, in der ich gern auf mein Le­ben zu­rück­bli­cke und es et­was ord­nen möch­te. Ich be­trei­be da­für ei­nen Blog, wo ich Er­in­ne­run­gen mit ak­tu­el­len Be­ob­ach­tun­gen mi­sche. Es gibt hier in Ko­lum­bi­en so­gar ein paar Leute, die mei­ne auf Deutsch ge­schrie­be­nen Tex­te auch le­sen möch­ten und sich mit dem Goog­le-trans­la­tor be­hel­fen. Lus­tig, was da­bei her­aus­kommt. Ich er­ken­ne je­den­falls die Ge­schich­ten, die ich auf­ge­schrie­ben ha­be, an den Fra­gen, die sie mir nach der Lek­tü­re stel­len, nicht mehr.

Die Welt ist doch noch et­was kom­ple­xer und mit mehr Miss­ver­ständ­nis­sen ge­spickt, als wir es wahr­ha­ben möch­ten. So weit ei­ne der Er­kennt­nis­se, die ich in mei­nem Le­ben ge­won­nen ha­be.

Am 25. Sep­tem­ber spricht Ni­ko­laus Wyss im Zürcher Thea­ter Ne­u­markt über sei­ne Mut­ter, «Ma­ga­zin»-mit­be­grün­de­rin Lau­re Wyss (1913–2002).

NI­KO­LAUS WYSS (69)wur­de1991 von Ta­me­dia ent­las­sen. Das hat ihm aber nicht ge­scha­det.

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