Neue Bü­cher zum My­thos Mut­ter­schaft.

Neue Bü­cher über ei­nen My­thos.

Das Magazin - - News - VON ANNABELLE HIRSCH

An­fang der Acht­zi­ger­jah­re, kurz be­vor die fran­zö­si­sche Phi­lo­so­phin eli­sa­beth Ba­d­in­ter ihr Buch «L’amour en plus», zu Deutsch «Mut­ter­lie­be», pu­bli­zier­te, bat ihr Ver­lag den be­rühm­ten Kin­der­psy­cho­lo­gen Bru­no Bet­tel­heim um ein Vor­wort. er, der tag­ein, tag­aus mit Kin­dern zu tun hat­te, die un­ter an­de­rem mit Mut­ter­lie­be – der feh­len­den, der zu gros­sen, der ir­gend­wie falsch ge­ar­te­ten – zu kämp­fen hat­ten, müs­se doch ei­ni­ges zu sa­gen ha­ben über den an­geb­lich so na­tür­li­chen Mut­ter­in­stinkt, den Ba­d­in­ter als kul­tu­rel­les Kon­strukt zu ent­lar­ven ver­such­te. Hat­te er auch. Nur war er der An­sicht, dass die Öf­fent­lich­keit da­von bes­ser nichts er­fah­ren soll­te: «Ich ha­be mein Le­ben lang mit Kin­dern ge­ar­bei­tet, de­ren exis­tenz da­durch zer­stört wur­de, dass ih­re Mut­ter sie hass­te. Na­tür­lich gibt es den Mut­ter­in­stinkt nicht, sonst hät­ten nicht so vie­le mei­ner Hil­fe be­durft. Nur wür­de das Wis­sen dar­über die Frau­en aus ih­rem schlech­ten Ge­wis­sen ent­las­sen. Und das funk­tio­niert bis­her als ein­zi­ge Brem­se. Ich kann mei­nen Na­men nicht da­für her­ge­ben, dass die­ser letz­te Schutz, den die Kin­der ge­nies­sen, zer­stört wird.»

eli­sa­beth Ba­d­in­ter er­zählt von die­ser haar­sträu­ben­den Ant­wort in ih­rem dreis­sig Jah­re spä­ter, im Jahr 2010, ver­öf­fent­lich­ten Fol­low-up-buch «Der Kon­flikt. Die Frau und die Mut­ter». Dar­in stellt sie of­fen ent­setzt fest, dass of­fen­bar nicht nur Bet­tel­heim der An­sicht war, Frau­en müss­ten sich wei­ter­hin am Mär­chen der Mut­ter­lie­be ab­ar­bei­ten. Im Ge­gen­teil: Der My­thos der Mut­ter als ei­ner von na­tür­li­chem Auf­op­fe­rungs­wil­len ge­seg­ne­ten Frau, die sich frei­wil­lig aus dem Ver­kehr zieht, sich ganz die­sem «An­de­ren» ver­schreibt und dar­in in Glück zer­geht, ste­he im an­bre­chen­den 21. Jahr­hun­dert wie­der hoch im Kurs, meint die Phi­lo­so­phin. Und sieht die­se Ten­denz mit ei­ner pa­tri­ar­cha­len Po­li­tik ver­knüpft, wel­che die Frau im Na­men der Na­tur – bes­ser ge­sagt: im Na­men «ih­rer Na­tur» (Stich­wort: es­sen­zia­lis­mus!) – von jeg­li­cher Macht aus­ser­halb des Fa­mi­li­en­kos­mos fern­zu­hal­ten sucht. Ich muss­te erst vor kur­zem dar­an zu­rück­den­ken, als ich ei­nen Ar­ti­kel in ei­ner deut­schen Zei­tung las. es ging dar­in, erst ein­mal ganz ba­nal, um die sin­ken­de Ge­bur­ten­ra­te in Frank­reich. Das Land, das bis­her noch die meis­ten Kin­der der eu ge­bo­ren hat, scheint neu­er­dings eben­so kin­der­mü­de wie sei­ne Nach­barn, was den Jour­na­lis­ten zu ei­ner in­ter­es­san­ten Be­weis­füh­rung an­reg­te: Die Fran­zö­sin­nen, so mein­te er, wür­den nicht et­wa we­ni­ger Kin­der ma­chen, weil die Kon­junk­tur in den letz­ten Jah­ren schlecht war oder weil Ter­ror­an­schlä­ge die Men­schen nicht un­be­dingt zur Fort­pflan­zung ani­mie­ren. Nein, der Grund sei, dass das Mo­dell der «mè­re à la françai­se» gar nicht so toll ist, wie Fe­mi­nis­tin­nen im­mer be­haup­ten. Die jun­gen Frau­en, so las man, wür­den so­gar dar­un­ter lei­den, dass man in Frank­reich ein­fach so an­neh­me, sie wür­den schnell wie­der Voll­zeit in ih­ren Job zu­rück­keh­ren und ih­re Kin­der hü­ten las­sen wol­len, statt sie zu fra­gen, ob sie denn nicht lie­ber zu Hau­se bei ih­ren Klei­nen blei­ben.

Im­mer­hin be­le­ge ei­ne Stu­die, dass vie­le Frau­en be­reu­en, nach dem Mut­ter­schutz nicht mehr Zeit mit dem Ba­by ver­bracht zu ha­ben. Das mag ja auch stim­men, be­fremd­lich war aber, dass man aus den ob­jek­ti­ven Zei­len ein lei­ses La­chen her­aus­hö­ren konn­te, ein: «Ha­ben wirs doch ge­wusst! Die Frau, die ein Kind hat, will gar nicht voll im Be­rufs­le­ben ste­hen!» es war ei­ne An­kla­ge des fran­zö­si­schen Mo­dells und ei­ne vor­sich­ti­ge Re­ha­bi­li­tie­rung des deut­schen: in dem ei­ne Frau, die nicht als Ra­ben­mut­ter be­schimpft wer­den mag, im But­ter­brot­schmie­ren vor Glück zer­geht, ihr Frau­sein mit der An­kunft des Kin­des ver­ab­schie­det.

Als Toch­ter ei­ner fran­zö­si­schen, seit je­her ar­bei­ten­den Mut­ter fand ich die­se Vi­si­on schon im­mer fas­zi­nie­rend und be­ängs­ti­gend zu­gleich. Und den Un­ter­ton des Ar­ti­kels folg­lich ir­ri­tie­rend. Weil er et­was in­fra­ge stell­te, das ich, die ich wohl­ge­merkt selbst noch kein Kind ha­be, bis­her als selbst­ver­ständ­lich er­ach­te­te. Näm­lich dass ei­ne Frau bei­de Rol­len (und noch vie­le an­de­re) für sich be­an­spru­chen darf – und oft so­gar muss: die der lie­ben­den Mut­ter, die der sich selbst ver­wirk­li­chen­den, selbst fi­nan­zie­ren­den Frau. Ir­ri­tie­rend und dann wie­der­um auch in­ter­es­sant. Weil er Ba­d­in­ter recht gibt in der An­nah­me, dass ein nicht zu un­ter­schät­zen­der Teil der Ge­sell­schaft den «wah­ren» Platz der Mut­ter ins­ge­heim wei­ter­hin beim Ba­by­spra­che-spre­chen und nicht in Mee­tings in Hong­kong ver­mu­tet. Vor al­lem aber weil er, ver­mut­lich oh­ne es zu wis­sen, si­cher oh­ne es zu wol­len, ei­nen Bei­trag leis­tet zu ei­ner Dis­kus­si­on, die ge­ra­de über di­ver­se Ka­nä­le an­ge­regt ge­führt wird: die Fra­ge, was das Mut­ter­sein in un­se­rem neu­en Jahr­hun­dert und un­se­ren post­post­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten für ei­ne Frau be­deu­tet.

es mag ei­ni­gen auf­ge­fal­len sein: Wo bis­her, zu­min­dest schien es mir im­mer so, das un­aus­ge­spro­che­ne Ge­setz galt, dass ei­ne Frau zwar Kin­der ha­ben, da­mit aber bit­te nie­man­den lang­wei­len soll­te, be­geg­nen ei­nem die Mut­ter, die Mut­ter­schaft, das #mom­li­fe, in letz­ter Zeit über­all. Auf Ins­ta­gram, weil In­flu­en­ce­rin­nen neu­er­dings ne­ben ih­rer Loewe-ele­phant-bag auch ein toll ge­klei­de­tes Ba­by tra­gen – was we­nig zum Dis­kurs, da­für aber viel zum «Druck­fak­tor» bei­trägt. In Se­ri­en wie der aus­tra­li­schen Net­flix-pro­duk­ti­on «The Let­down», in der Frau­en mit Au­gen­rin­gen Din­ge sa­gen wie: «Ru­he? Ha­ha! Was ist das?» Im Ki­no, wo Char­li­ze The­ron der­zeit in «Tul­ly» als über­for­der­te Mut­ter von drei­en an ei­ner post­na­ta­len De­pres­si­on den Ver­stand ver­liert. Und dann be­geg­net man ihr vor al­lem auch im Buch­markt. Dort ist der Trend so­gar am auf­fäl­ligs­ten. Al­lein die­ses Jahr sind er­schie­nen: «Mo­thers. An es­say on Lo­ve and Cru­el­ty» der bri­ti­schen es­say­is­tin Jac­que­line Ro­se, «And Now We Ha­ve ever­y­thing. On Mo­ther­hood Be­fo­re I Was Re­a­dy» der ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­tin Me­aghan O’con­nell, «Still­le­ben» der deut­schen Schrift­stel­le­rin An­to­nia Baum und «Mo­ther­hood» der ka­na­di­schen Schrift­stel­le­rin Shei­la He­ti. Und das ist nur ei­ne Aus­wahl.

ei­ne Aus­wahl, die sich dar­an ori­en­tiert, dass ei­ni­ge der Au­to­rin­nen vor dem Mut­ter­the­ma be­reits an­de­re Su­jets be­rührt ha­ben, die wie­der­um uns, die Le­se­rin­nen und Le­ser, be­rührt ha­ben. Dar­an, dass es kei­ne Rat­ge­ber sind, son­dern es­says, er­in­ne­run­gen, Zeu­gen­be­rich­te aus ei­ner Kampf­zo­ne, die, so sug­ge­rie­ren sie qua­si im Gleich­klang, als sol­che wei­ter ma­xi­mal un­ter-

schätzt wird. Was die­se Bü­cher ver­bin­det, ist der Wil­le zur Wahr­heit. Die Lust, ähn­lich wie Ba­d­in­ter oder auch die Ame­ri­ka­ne­rin Adri­en­ne Rich mit ih­rem fan­tas­ti­schen «Of Wo­man Born. Mo­ther­hood as Ex­pe­ri­ence and In­sti­tu­ti­on» (1995), das Bild der Mut­ter als Ver­kör­pe­rung der Per­fek­ti­on aus­zu­he­beln und die Mut­ter­schaft als das zu be­nen­nen, was sie für vie­le Frau­en ist: ei­ne Er­schüt­te­rung, ei­ne tie­fe Ve­r­un­si­che­rung.

So be­rich­tet et­wa An­to­nia Baum, die Ber­li­ner Jour­na­lis­tin – die sich und an­de­ren ge­schwo­ren hat­te, nie über die Mut­ter­schaft zu schrei­ben, weil das «Schrift­stel­ler­selbst­mord» sei –, wie ih­re neue Rol­le sie in ei­ne Iden­ti­täts­kri­se stürzt. Sie fühlt sich schon als Schwan­ge­re «ar­beits­los und be­hin­dert», «wie ge­stri­chen» und meint, sich da­mit ab­fin­den zu müs­sen, dem­nächst «nie­mand zu sein». Sie sitzt qua­si das ge­sam­te Buch über in ih­rer Woh­nung und fühlt sich ab­ge­kap­selt von der Welt, in der «das Geld und die Frei­heit» lie­gen, in der sich «all das be­fin­det, was Men­schen brau­chen, die trau­rig und ge­stresst, ver­su­chen, glück­li­che Men­schen zu wer­den: Mar­niK­lei­der, Spar­gel­sa­lat mit Gar­ne­len, Me­di­ta­ti­ons­an­ge­bo­te, gu­te Fri­seu­re, gu­te Fein­kost­lä­den.»

Der auf­ge­zwun­ge­ne Still­stand und das Le­ben aus­ser­halb der Bla­se, die sie als wer­den­de Mut­ter vor­läu­fig aus­ge­spuckt hat, ma­chen ihr klar, wie we­nig das Mut­ter­sein mit dem Weib­lich­keits­ide­al ih­rer Ge­ne­ra­ti­on – in den Acht­zi­ger­jah­ren ge­bo­re­nen Frau­en – zu­sam­men­passt: «Es gibt nichts Ge­gen­sätz­li­che­res als die Mach­wa­s­aus­dir­kon­di­tio­nie­rung, die so ein mo­der­ner Kopf durch­läuft, und die Ver­sor­gung ei­nes Kin­des.» Sie nennt die­se Zer­reiss­pro­be ei­nen «Un­fall zwi­schen Na­tur und So­zia­li­sie­rung» und fühlt sich durch die­se Na­tur un­an­ge­nehm stark auf ihr Frau­sein zu­rück­ge­wor­fen. Ih­re Il­lu­si­on der to­ta­len Gleich­heit zer­bricht an die­sem Ba­by, auch des­halb, weil sie sich, im Ge­gen­satz zu ih­rem Part­ner, Zwän­gen und Ide­al­bil­dern un­ter­wor­fen fühlt. Sie will per­fekt sein, sein «wie ei­ne rich­ti­ge Mut­ter aus dem In­ter­net. Ei­ne Mut­ter, die für ihr Kind al­les tut und nichts un­ver­sucht lässt.» Sie meint, «ein Ba­by be­deu­tet auch den Start ei­nes Wett­laufs um das bes­se­re, das rich­ti­ge Le­ben», und ge­winnt den Ein­druck, «es ge­hö­re zum Le­ben ei­ner Frau, aus­zu­hal­ten, zu er­tra­gen und sich zu­rück­zu­stel­len – zu die­nen». Von Mut­ter­glück ist in ih­rem Be­richt we­nig bis nichts zu fin­den, wes­halb sie sich im­mer wie­der vor­wurfs­voll fragt, wes­halb sie die­ses life so ver­dammt hart fin­det.

Un­er­füll­ba­re Idea­le

Da fragt man sich als Frau, die, wie ge­sagt, selbst noch kein Kind hat: Wer fin­det das denn nicht? Wer be­haup­tet heu­te noch ernst­haft, dass ir­gend­ei­ne Frau das Kin­der­krie­gen und die Ve­rän­de­rung, die es für ihr Le­ben be­deu­tet, nicht als grau­sam und hart emp­fin­det? Wis­sen wir nicht al­ler­spä­tes­tens seit Or­na Do­nath und ih­rer welt­weit dis­ku­tier­ten Stu­die «Re­g­ret­ting Mo­ther­hood», dass es durch­aus auch Frau­en gibt, die das Mut­ter­sein nicht nur hart fin­den, son­dern wirk­lich has­sen? Hat die is­rae­li­sche So­zio­lo­gin nicht schon vor drei Jah­ren be­wie­sen, dass der My­thos des all­ge­mei­nen Mut­ter­glücks ei­ne Lü­ge und das Er­leb­nis für je­de an­ders, für man­che eben auch an­hal­tend schreck­lich, ist? Und dem­ent­spre­chend: Ist das Ta­bu, ge­gen das Baum und ih­re Kol­le­gin­nen über vie­le Sei­ten an­schrei­ben, über­haupt noch ei­nes?

Schliess­lich ha­ben auch vie­le an­de­re Au­to­rin­nen, lan­ge vor Do­nath, auch vor Ba­d­in­ter und Rich, die un­er­füll­ba­ren Er­war­tun­gen und die da­durch aus­ge­lös­te Frus­tra­ti­on, das Leid der Müt­ter in Wor­te ge­fasst. So heisst es et­wa bei Syl­via Pl­ath: «Kein Wun­der ist grau­sa­mer als die­ses.» Bei Ra­chel Cusk, die sich be­reits 2001 in ih­ren lei­den­schaft­lich ge­hass­ten Er­in­ne­run­gen «A Life’s Work» mit der Fra­ge be­fasst: «Man ist wie je­mand, der fälsch­li­cher­wei­se im Knast ge­lan­det ist. Je­mand aus ei­nem Kaf­ka­ro­man, der sei­ne Stra­fe ver­büsst, oh­ne zu wis­sen, was er ge­tan hat.» Cusk meint so­gar, es wür­de kei­ner mehr Kin­der ma­chen, wenn er wüss­te, wie es wirk­lich ist. Trotz­dem be­schreibt sie es: die Ver­zweif­lung und die Angst, die Ver­wir­rung und Am­bi­va­lenz der Ge­füh­le, die un­er­füll­ba­ren Idea­le, die auf ihr las­ten. Muss man al­so wirk­lich noch so viel mehr dar­über sa­gen?

Of­fen­sicht­lich ja. Oder wie Ele­na Fer­ran­te, die sich in ih­ren Ro­ma­nen viel mit dem The­ma der Mut­ter be­fasst, es sa­gen wür­de: «Die Auf­ga­be von Schrift­stel­le­rin­nen heu­te ist es auf­zu­hö­ren, die Mut­ter­schaft als die Idyl­le zu be­schrei­ben, als die sie vie­le Rat­ge­ber dar­stel­len wol­len. Dies führt nur da­zu, dass Frau­en sich mit Schuld­ge­füh­len quä­len und in schreck­li­che Selbst­zwei­fel ge­stürzt wer­den.» Das be­rühm­te schlech­te Ge­wis­sen von Bet­tel­heim, da ist es wie­der! Denn na­tür­lich zer­bre­chen Idea­le nicht ein­fach dar­an, dass ein paar Leu­te sie für un­rea­li­sier­bar er­klä­ren. Zu­mal ge­nü­gend an­de­re sug­ge­rie­ren, es sei eben ei­ne Fra­ge des Wil­lens und der Dis­zi­plin, und Frau­en, die ge­wis­se Nor­men als er­drü­ckend emp­fin­den und in­fra­ge stel­len wol­len, sei­en der Mut­ter­schaft un­wür­di­ge Heul­su­sen. Nur, das muss man kurz fest­hal­ten, sind über­haupt nicht al­le Be­rich­te über die­ses im­mer­hin ex­klu­siv weib­li­che Er­leb­nis lar­mo­yant. Man­che sind so­gar sehr lus­tig. Beim Le­sen von O’con­nell zum Bei­spiel muss­te ich mehr­mals laut la­chen, über ih­re wahn­wit­zi­ge Er­zäh­lung der für sie wirk­lich grau­en­haf­ten Ge­burt: Sie, die – wie vie­le jun­ge Frau­en heu­te – ei­ne ganz na­tür­li­che Ge­burt woll­te, schreit der Ge­burts­hel­fe­rin mehr­mals ent­ge­gen, sie sol­le sie ge­fäl­ligst end­lich er­schla­gen. Und auch die Be­schrei­bun­gen da­nach sind, ob­wohl sie eher von Un­glück als von Glück er­zäh­len, so selbst­iro­nisch, dass sie we­ni­ger den Ein­druck er­we­cken, hier wol­le je­mand öf­fent­lich rum­heu­len, als viel­mehr den, dass da ei­ne jun­ge Frau an­de­re jun­ge Frau­en be­ru­hi­gen will – oh­ne auf be­schö­ni­gen­de Kli­schees zu­rück­zu­grei­fen.

Wes­halb es die­se Kli­schees und den Ab­wehr­re­flex ge­gen der Wahr­heit nä­her ste­hen­de Bil­der wei­ter­hin gibt und wor­auf sie sich stüt­zen, das ver­steht man nach der Lek­tü­re von Jac­que­line Ro­ses kul­tur­his­to­ri­schem Es­say «Mo­thers. An Es­say on Lo­ve and Cru­el­ty» et­was bes­ser. In der Wel­le die­ser doch sehr ich­be­zo­ge­nen, leicht red­un­dan­ten Mut­ter­bü­cher wirkt ih­re Stu­die er­fri­schend, weil sie Ab­stand nimmt. Sie stellt dar­in an­hand von Bei­spie­len – von der an­ti­ken Tra­gö­die (Me­dea!) bis hin zur mo­der­nen Li­te­ra­tur – dar, wie tief der My­thos der hei­li­gen Mut­ter in un­se­rer Kul­tur ver­an­kert ist. Wie un­um­strit­ten er bleibt – und blei­ben soll. So meint Ro­se, dass wir

Müt­ter seit je­her für al­les, was in der Welt schief­läuft, ver­ant­wort­lich ma­chen, weil wir in­stink­tiv da­von aus­ge­hen, dass es ihr Job ist, die­se zu ei­nem glück­li­chen, si­che­ren Ort zu ma­chen: «Weil Müt­ter als un­ser Ein­gangs­tor in die Welt an­ge­se­hen wer­den, scheint es nor­mal, es als ih­re Auf­ga­be an­zu­se­hen, die­se vor der so­zia­len Ver­ro­hung zu be­wah­ren.»

Und weil sie die­se ge­sell­schafts­prä­gen­de Funk­ti­on in­ne­ha­ben, hat das Kol­lek­tiv auch Er­war­tun­gen an sie, stellt An­sprü­che wie auf ein All­ge­mein­gut. Der schon seit Jahr­hun­der­ten trans­por­tier­te und bis heu­te all­ge­mein ver­brei­tets­te sei die An­nah­me, dass die Lie­be ei­ner Mut­ter gren­zen­und be­din­gungs­los zu sein hat. Selbst­ver­ges­sen­heit ist hier, wie schon Si­mo­ne de Be­au­voir wuss­te, der Schlüs­sel zum Glück: «Ei­ne Mut­ter muss aus­schliess­lich für ihr Kind le­ben. Ei­ne Mut­ter ist ei­ne Mut­ter und sonst nichts», meint Ro­se. Der Wunsch nach Selbst­ver­wirk­li­chung, nach dem Be­wah­ren ei­ner ge­wis­sen In­di­vi­dua­li­tät, ei­ner Iden­ti­tät aus­ser­halb des Mut­ter­seins scheint in die­sem Bild, in dem die Mut­ter ei­ne Art bi­bli­sche Ver­kör­pe­rung der Gü­te, des Mu­tes, der Zu­ver­sicht und der Gross­zü­gig­keit ist, ver­werf­lich und, sie­he Ba­d­in­ter, fast wi­der­na­tür­lich. Zwar wir­ken auch das von Ro­se um­ris­se­ne Mut­te­ri­de­al und der Druck, den «die Ge­sell­schaft» auf die Frau aus­übt, teils über­spitzt – viel mehr, als dass Frau­en ja trotz al­lem Ge­sell­schafts­druck frei den­ken­de We­sen sind, kann man dem aber nicht ent­ge­gen­hal­ten. Was, fragt Jac­que­line Ro­se schliess­lich, wür­de pas­sie­ren, wenn man von Frau­en nicht mehr er­war­ten wür­de, al­les Leid der Welt auf sich zu neh­men? Wahr­schein­lich wä­re es in der Tat das En­de der Welt, wie wir sie ken­nen. Nur, so meint sie, wä­re das viel­leicht, zu­min­dest für die Müt­ter, nicht das Schlech­tes­te.

Nun setzt all das bis­her Ge­sag­te in ge­wis­ser Wei­se vor­aus, dass Frau­en, wenn sie bio­lo­gisch da­zu in der La­ge sind, auf je­den Fall Kin­der in die Welt set­zen wol­len und wer­den. All die­se Bü­cher sug­ge­rie­ren, dass der «fe­mi­nis­ti­sche Auf­trag» in der Be­schäf­ti­gung mit dem Mut­ter­the­ma in der Ent­mys­ti­fi­zie­rung der Mut­ter liegt. Aber was ist mit je­nen Frau­en, die gar kei­ne Kin­der wol­len? Was, müss­te man sich im Zu­ge die­ser Dis­kus­si­on auch fra­gen, be­deu­tet das Nicht-mut­ter-sein für ei­ne Frau im 21. Jahr­hun­dert? Mit die­ser kaum aus­ge­leuch­te­ten Fa­cet­te der Mut­ter­schaft be­schäf­tigt sich die ka­na­di­sche Schrift­stel­le­rin Shei­la He­ti in «Mo­ther­hood». Sie greift da­mit ei­nen Aspekt auf, den die an­de­ren schnell an­reis­sen. An­to­nia Baum et­wa er­klärt, in ih­rem Um­feld sei die Op­ti­on Nicht-mut­ter über­haupt nicht ge­ge­ben. An­na Prus­hin­ska­ya be­merkt: «Ich ha­be in­so­fern ent­schie­den, als dass ich fand, es zu ver­su­chen, klin­ge ‹in Ord­nung› und Kin­der ‹gut›. Ich ha­be nicht ana­ly­siert, was ein Kind be­deu­ten wür­de, ob es gut wä­re für mich und die Welt. Das sind wohl Über­le­gun­gen, die man hat, wenn man es aus­schliesst.» Wie wahr das ist, führt He­ti vor. Müss­te man un­ter all den Mut­ter­bü­chern ei­nes wäh­len, das neu und an­ders und wie das von Ro­se ge­wünsch­te En­de der Zwang­haf­tig­keit klingt, es wä­re die­ses. Ein­fach weil He­ti die Mut­ter­schaft nicht als Selbst­ver­ständ­lich­keit ak­zep­tiert, son­dern die von Frau­en wie der kürz­lich in das Pan­the­on ein­ge­tre­te­nen Si­mo­ne Veil er­kämpf­te Wahl ernst nimmt. Und sich fragt: Will ich ein Kind oder nicht? Und wenn: Will ich es, weil ich sein will wie die «be­wun­derns­wer­ten Frau­en mit Kind» oder weil ich es wirk­lich will?

Ei­ne gi­gan­ti­sche Ver­schwö­rung?

Ihr Nach­den­ken über die Mut­ter­schaft be­ginnt, als sie sie­ben­und­dreis­sig ist. Plötz­lich ma­chen al­le um sie her­um Ba­bys und er­war­ten das Glei­che von ihr, weil sie, wie ihr Freund Mi­les sehr hell­sich­tig be­merkt, wol­len, dass sie «ge­nau­so be­hin­dert ist wie sie». Drei Jah­re zer­bricht sich He­ti den Kopf dar­über, drif­tet kurz­zei­tig in ei­ne De­pres­si­on ab, weil es ja, wie sie schreibt, «trau­rig ist, et­was nicht zu wol­len, das für so vie­le Men­schen der Le­bens­in­halt ist». Es wer­de, meint sie, von ei­ner Frau er­war­tet, dass sie sich ir­gend­wann in die­se für al­le be­ru­hi­gen­de Im­mo­bi­li­tät, Baums Still­le­ben, be­gibt: «Denn was tut ei­ne Frau En­de dreis­sig sonst? Wel­chen Är­ger wird sie uns be­rei­ten?» Die Mut­ter­schaft scheint ihr wie ei­ne gi­gan­ti­sche Ver­schwö­rung, die Frau­en in ih­ren Dreis­si­gern ab­hal­ten soll, Sinn­vol­les zu tun: «Als Frau kann man nicht ein­fach sa­gen, dass man kei­ne Kin­der will, man braucht ei­nen Plan, ei­ne Idee, was man statt­des­sen ma­chen will. Und er soll­te bes­ser gut sein.»

He­ti hat die­sen Plan na­tür­lich: Sie will wei­ter Bü­cher schrei­ben. Et­was ge­bä­ren, das nicht ster­ben wird. Und muss sich ir­gend­wann ein­ge­ste­hen, dass die­ses Schrei­ben, für das man Platz, Ru­he und sich selbst braucht, zu­min­dest für sie mit ei­nem Kind, das in et­wa das Glei­che for­dert, in­kom­pa­ti­bel ist. Ih­re Su­che, die wohl eben­so schmerz­haft ist – wenn auch ganz an­ders –, wie die ih­rer Müt­ter ge­wor­de­nen Kol­le­gin­nen wirkt, nimmt fast phi­lo­so­phi­sche Zü­ge an. Es geht um Trans­mis­si­on, Er­in­ne­rung, um die Fra­ge, was man von den Vor­fah­ren in sich hat und wie man es wei­ter­trägt in die Welt. Als sie sich end­lich ent­schie­den hat, scheint es ihr «wie ein Wun­der, wie et­was, das ich im­mer tun woll­te, wo­von ich aber nicht si­cher war, ob es mir je ge­lin­gen wür­de».

Ra­chel Cusk hat­te vor fast sieb­zehn Jah­ren in «A Life’s Work» ge­schrie­ben: Die Tat­sa­che, dass sich so vie­le Frau­en von der Mut­ter­schaft und al­lem, was dar­an hängt, voll­kom­men über­rum­pelt füh­len, so als ha­be ih­nen nie­mals ei­ner die Wahr­heit dar­über ge­sagt, er­klä­re sich da­durch, dass Men­schen, die kei­ne Kin­der ha­ben oder wol­len, so­fort taub wer­den, so­bald ei­ne Frau von ih­rem Mut­ter­sein er­zählt. Ganz leug­nen kann man das nicht. Und wahr­schein­lich liegt das Ver­dienst die­ser neu­en Mut­ter­bü­cher ge­nau dar­in, dass sie weit über die Lei­dens­be­rich­te, die für Nicht-müt­ter nur be­dingt in­ter­es­sant sind, hin­aus­ge­hen und deut­lich ma­chen, dass die Fra­gen und Sor­gen der Müt­ter nicht nur die­se und auch nicht nur die Frau­en, son­dern die Ge­sell­schaft als Gan­zes be­tref­fen. Denn wie sag­te Adri­en­ne Rich so schön: Al­les mensch­li­che Le­ben auf der Welt wur­de von ei­ner Frau ge­bo­ren. Ei­ner Mut­ter.

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