über ei­ne Tee­kan­ne

Das Magazin - - News - NIKLAUS PE­TER

Je­der Mensch, sagt die jü­di­sche Mys­tik, trägt ei­ne un­sicht­ba­re Kro­ne auf dem Haupt. Die­se No­bi­li­tät und Wür­de gel­te es im Le­ben zu ent­de­cken. Mei­ne Gross­mut­ter müt­ter­li­cher­seits hät­te ver­mut­lich sanft in Zwei­fel ge­zo­gen, dass die­ser Adel wirk­lich je­dem Men­schen zu­kom­me. Für sich selbst aber nahm sie ihn viel­leicht et­was all­zu wört­lich. Sie ent­stamm­te klein­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen, hat­te je­doch ei­nen Ber­ner Pa­tri­zi­er mit dem ver­edeln­den Na­mens­zu­sätz­chen «von» ge­hei­ra­tet. Lei­der kor­re­spon­dier­te die­sem klin­gen­den Na­men schon da­mals in kei­ner Wei­se mehr Reich­tum und Macht. Ja, der frü­he Tod ih­res Man­nes brach­te sie an den Rand der Ar­mut und zwang sie, wie­der als Da­men­schnei­de­rin zu ar­bei­ten, um ih­re bei­den halb­wüch­si­gen Kin­der zu er­näh­ren. Und den­noch leb­te und ze­le­brier­te sie je­ne drei Buch­sta­ben «von», als sei sie selbst Teil des eu­ro­päi­schen Hoch­adels. Die­se Stüt­ze ih­res Selbst­be­wusst­seins und ihr Ha­bi­tus moch­ten et­was leicht Über­dreh­tes an sich ha­ben, für mich als Kind aber lag ein gol­de­ner Glanz dar­auf. Denn ich lieb­te die­se Gross­mut­ter mit ih­rem fein ge- schnit­te­nen Ge­sicht und den durch­sich­tig-zar­ten Adern, durch die – das konn­te ich gut se­hen – blau­es Blut floss.

Fe­ri­en­ta­ge bei ihr wa­ren ei­ne wun­der­ba­re, er­sehn­te Sa­che, ein Aus­bruch aus der Welt des All­täg­li­chen. So war ich mir si­cher, sie sei als «Künst­le­rin» auf ei­ner eu­ro­päi­schen Kunst­aka­de­mie, wäh­rend sie ein­fach den Kurs «Ton­mo­del­lie­ren» in der Mi­gro­sklub­schu­le be­such­te.

Das Schöns­te aber und ein Aus­druck ih­rer ho­hen häus­li­chen Kul­tur war das Bad. Bei uns zu Hau­se wur­de man kurz ins war­me Was­ser ge­steckt und dann mit bret­ti­gen Frot­tee­tü­chern tro­cken ge­rie­ben, bei ihr je­doch war je­des Bad ein Fest und ein Ge­nuss: Das heis­se Was­ser war mit fein rie­chen­der Ba­de­es­senz an­ge­rei­chert, ei­ne Flot­til­le von Kunst­stoff­schiff­chen lag be­reit, mit de­nen man aus­gie­big spie­len konn­te. Wenn die Schaum­ber­ge ge­schmol­zen und das sma­ragd­far­be­ne Ba­de­was­ser sich ab­ge­kühlt hat­te, dann wur­de man nicht ein­fach ab­ge­trock­net, son­dern in ei­nen wei­chen Ba­de­man­tel ge­hüllt.

In die­sem mor­gen­län­di­schen Ge­wan­de durf­te man noch ein we­nig auf dem Zim­mer­par­kett her­um­ren­nen, bis der thé auf dem Lou­is-xvi-tisch­chen be­reit­stand. Hier mag man sich viel­leicht ein bie­de­res Känn­chen und zwei Tas­sen vor­stel­len. Aber so wur­de in die­sem Hau­se nicht thé ge­trun­ken. Die Kan­ne war ein ver­zier­tes Ding aus ei­ner Mes­sing-kup­fer-le­gie­rung und beid­sei­tig an Nop­pen in ei­nem Ge­stell auf­ge­hängt. Mit ei­ner ele­gan­ten Kipp­be­we­gung konn­te man so thé nach­gies­sen. Der Wür­fel­zu­cker lag in ei­ner sil­ber­nen Scha­le, die man an den ge­zack­ten Flü­gel­chen zwei­er ge­wun­de­ner Dra­chen an­fass­te. Die­se grie­chi­schen Vor­bil­dern nach­emp­fun­de­ne Scha­le aus durch­bro­che­nem Sil­ber war es, die mir da­für bürg­te, dass ich auf ei­ner hel­ve­ti­schen Aus­sen­sta­ti­on des eu­ro­päi­schen Adels weil­te. Und wenn ich ge­nau hin­schau­te, so konn­te ich im gold­um­rahm­ten Spie­gel an der Wand die klei­ne Kro­ne auch auf mei­nem Kopf ent­de­cken.

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