denkt über Schlüs­sel­kin­der nach

Das Magazin - - News - NINA KUNZ

Frü­her galt es als et­was Schlech­tes, den Schlüs­sel um den Hals zu tra­gen: Als ich klein war, wur­de man dann als «Schlüs­sel­kind» ge­brand­markt. Da­mit wa­ren je­ne Kids ge­meint, die am Mit­tag in den Hort gin­gen und abends die Tür selbst auf­sperr­ten, weil die El­tern noch ar­bei­te­ten. Das wa­ren Kin­der, die Corn­flakes zum Znacht as­sen und wuss­ten, was «Ali­men­te» sind. Kurz: Es wa­ren die Kin­der von Al­lein­er­zie­hen­den, Mi­gran­tin­nen und sonst ir­gend­wie we­ni­ger Pri­vi­le­gier­ten.

Heu­te hat der Schlüs­sel­bund ei­ne ganz an­de­re Be­deu­tung: Seit gut zwei Jah­ren ist er ein Mo­de­trend. So sieht man die Schlüs­sel auf den Lauf­ste­gen von Chloé, Alex­an­der Wang und Gi­venchy – wo die Bän­del ne­on­far­ben leuch­ten oder mit Per­len be­stickt sind

(bei Cha­nel); und auch im All­tag taucht der Trend in­zwi­schen in al­ler­lei Aus­füh­run­gen auf. Die Mi­ni­ma­lis­ten hän­gen sich den Haus­schlüs­sel ein­fach an ei­ne Kü­chen­schnur, die Hips­ter tra­gen ihn iro­nisch an ei­nem Wer­be­ge­schenk­band (et­wa von der Wal­li­ser Kan­to­nal­bank), und die Mo­de­ken­ner in­ves­tie­ren in ein Band mit Mar­ken­lo­go (ger­ne von Ba­len­cia­ga).

Bei man­chen ist der Schlüs­sel­bund so schwer, als ge­hör­te er ei­nem Haus­ab­wart, man­che ha­ben Prak­ti­sches dran wie Mi­ni-fla­schen­öff­ner; bei den meis­ten hän­gen aber wohl so vier bis fünf Schlüs­sel dran, die ziem­li­chen Lärm ma­chen beim Ge­hen. Oh­ne Fra­ge ist es prak­tisch, wenn man nicht stän­dig in der Ta­sche nach dem Schlüs­sel kra­men muss. Doch war­um ist es ge­ra­de jetzt in, die­sen – äs­the­tisch we­nig at­trak­ti­ven – Ge­brauchs­ge­gen­stand um den Hals zu hän­gen? Ich ha­be zwei Theo­ri­en da­zu:

Ers­tens, so glau­be ich, ist der Trend Aus­druck ei­ner ge­such­ten Läs­sig­keit. Der­zeit ist die Main­stream­mo­de ja der­art auf Un­der­state­ment und Prak­ti­ka­bi­li­tät ge­trimmt (uni­far­be­nes Shirt, Je­ans/trai­ner­ho­se, Turn­schu­he), dass es schwie­rig wird, die in­di­vi­du­el­le Cool­ness zu in­sze­nie­ren. Und ge­nau hier kommt der Schlüs­sel zum Zug. Er sug­ge­riert, dass man sich al­les so spon­tan um­wirft wie die­sen All­tags­ge­gen­stand (al­so auch die Klei­der) und es kei­ner An­stren­gung be­darf, gut aus­zu­se­hen (was na­tür­lich Quark ist). Zu­dem funk­tio­nie­ren die Schlüs­sel wie klei­ne Sta­tus­sym­bo­le, da sie nicht nur Läs­sig­keits­be­le­ge sind, son­dern auch et­was über das Le­ben des Trä­gers aus­sa­gen – im Sin­ne von: Schaut her! Ich ha­be ein Ate­lier, zwei Fahr­rä­der, und in der Lie­be läuft es so gut, dass ich so­gar den Zu­gang zu ei­ner Zweit­woh­nung hab!

Und zwei­tens ist der Trend ein Sym­bol für das Tem­po und die Un­ver­bind­lich­keit der Ge­gen­wart. Denn zu­min­dest in mei­nem Um­feld sind je­ne Leu­te, die den Schlüs­sel stets sicht­bar tra­gen, per­ma­nent auf dem Sprung. Sie schlies­sen nur mal rasch das Fahr­rad auf, und schon dü­sen sie los; zum nächs­ten Ter­min, zur nächs­ten Lieb­schaft, zur nächs­ten Par­ty. Die Schlüs­sel­kin­der von heu­te sind al­so kei­ne

Il­lus­tra­tio­nen ALEX­AN­DRA COMPAIN-TISSIER Ver­lie­rer mehr – sie sind Leu­te, die mit­ten im Le­ben ste­hen und das auch ger­ne zur Schau tra­gen.

LEXIKON DER GENWART

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