Die FDP hat ein Per­so­nal­pro­blem

Das Magazin - - News - PHI­LIP LO­SER

End­lich. Man mag Jo­hann Schnei­derammann die Ru­he gön­nen, die Er­ho­lung. Sel­ten hat man dras­ti­scher mit­er­le­ben kön­nen, was ein Amt mit je­man­dem ma­chen kann, der nicht für ein sol­ches Amt prä­des­ti­niert ist. Jo­hann Schnei­der-am­mann war als Bun­des­rat ein Miss­ver­ständ­nis. Ein er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer, ja. Aber nie ein Po­li­ti­ker. Schnei­der-am­mann ist vor al­lem ein Mensch, der zu­neh­mend un­ter sei­nem Amt litt. Der Wirt­schafts­mi­nis­ter ist ge­sund­heit­lich an­ge­schla­gen, schon län­ger, hat Ab­sen­zen, nickt in Sit­zun­gen ein (auch im Bun­des­rat).

In den Wo­chen be­vor er nun sei­nen Rück­tritt be­kannt gab, the­ma­ti­sier­ten das meh­re­re Me­di­en. Der Auf­schrei im Po­lit­be­trieb blieb je­doch aus. Die Schwä­chen des Bun­des­rats wa­ren of­fen­bar der­art All­ge­mein­wis­sen, dass sich Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­ker nicht mehr dar­über echauf­fie­ren moch­ten.

Na­tür­lich ist es schön, wenn ein Sys­tem of­fen­bar so sta­bil ist, dass es so­gar schla­fen­de Re­gie­rungs­mit­glie­der ver­kraf­tet. Man kann sich aber trotz­dem fra­gen, ob es rich­tig ist, dass sich nie­mand ech­te Sor­gen macht über die of­fen­sicht­li­chen Aus­set­zer ei­nes Wirt­schafts­mi­nis­ters.

Man stel­le sich für ei­nen Mo­ment vor, Schnei­der-am­mann wä­re ei­ne Frau: Das Ge­schrei wä­re um ein Viel­fa­ches lau­ter ge­we­sen. In­ak­zep­ta­bel wä­re so et­was, Rück­tritts­for­de­run­gen wä­ren leicht über die Lip­pen ge­gan­gen. Statt­des­sen: nichts.

Jo­hann Schnei­der-am­mann ist Sym­ptom für ein tie­fer ge­hen­des Pro­blem in der FDP. Der Frei­sinn, die Par­tei der Staats­grün­der und Staats­len­ker, hat ein Ka­der­pro­blem. Phil­ipp Mül­ler, der Vor­gän­ger von Pe­tra Gös­si im Prä­si­di­um der FDP, woll­te aus sei­ner Par­tei ei­ne nor­ma­le Par­tei ma­chen. Nicht mehr die Par­tei der Hoch­fi­nanz und der Eli­ten. Bo­den­stän­di­ger, ech­ter, volks­nä­her. Mül­lers Wunsch hat sich er­füllt. Nur lei­der ziem­lich an­ders, als er sich das vor­ge­stellt hat­te. Aus der Par­tei der Eli­ten wur­de – wie schon mehr­mals in der Ge­schich­te – ei­ne Par­tei der Pro­blem­fäl­le.

Ziem­lich ge­nau ein Jahr nach sei­nem re­spek­ta­blen Re­sul­tat bei den Bun­des­rats­wah­len wur­de die Im­mu­ni­tät des Gen­fer Re­gie­rungs­rats und ver­meint­li­chen Shoo­ting­stars Pier­re Mau­det auf­ge­ho­ben. Die «Lü­gen von Mau­det» sei­en «Gift für die De­mo­kra­tie», stand in ei­ner Re­so­lu­ti­on von Gen­fer Kan­tons­par­la­men­ta­ri­ern. Die Staats­an­walt­schaft er­öff­ne­te ein Ver­fah­ren we­gen ei­ner Lu­xus­rei­se nach Abu Dha­bi, die sich Mau­det schen­ken liess – und über die er ge­lo­gen hat.

Mit Pas­cal Brou­lis steht ein wei­te­rer West­schwei­zer Fdp-re­gie­rungs­rat un­ter höchs­tem Druck. Zu­erst mach­te er Schlag­zei­len mit scham­los op­ti­mier­ten Steu­ern (als Fi­nanz­di­rek­tor), dann mit Rei­sen nach Russ­land – in Be­glei­tung ei­nes pau­schal be­steu­er­ten Un­ter­neh­mers aus der Waadt. Auch hier er­mit­telt die Jus­tiz.

Und dann ist da noch Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis. Der aus­ge­bil­de­te Arzt irr­lich­tert durch die Schwei­zer Aus­sen­po­li­tik wie sel­ten ein Aus­sen­mi­nis­ter vor ihm. Stellt un­be­darft die flan­kie­ren­den Mass­nah­men zur De­bat­te, spielt mit Bau­klöt­zen die Eu­ro­pa­po­li­tik nach und macht auch ein Jahr nach sei­ner Wahl in die Re­gie­rung nicht den Ein­druck, er sei dort wirk­lich an­ge­kom­men.

Schnei­der-am­mann, Cas­sis und auch Brou­lis wer­den von den ei­ge­nen Leu­ten durch al­le Bö­den ver­tei­digt, er­mun­tert und in ei­ner selt­sa­men Bla­se der Lob­hu­de­lei ge­hal­ten. Es braucht schon of­fen­sicht­li­che Lü­gen wie im Fall von Pier­re Mau­det, dass sich die Par­tei­spit­ze halb­wegs kri­tisch über ei­nen der ih­ren äus­sert.

Die An­sprü­che sind zwar noch im­mer hoch bei der FDP, die­ser einst­ma­li­gen Eli­te­par­tei, die plötz­lich nor­mal sein will. Noch stim­men die Wahl­re­sul­ta­te in den Kan­to­nen. Bleibt aber das Per­so­nal­pro­blem so of­fen­sicht­lich be­ste­hen, ist es bloss ei­ne Fra­ge der Zeit, bis der Frei­sinn wie­der ab­stürzt.

Die Aus­hän­ge­schil­der der Par­tei sind schon mal vor­aus­ge­gan­gen.

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