Deutsch­land im Kul­tur­kampf.

WANN KIPPT EIN LAND?

Das Magazin - - News - VON GE­ORG DIEZ

Die kul­tur war, wie­der ein­mal, zum schlacht­feld ge­wor­den, und das war vor al­lem des­halb ein pro­blem, weil da­mit der ir­ra­tio­na­li­tät der Weg ge­eb­net wur­de – ei­ner ir­ra­tio­na­li­tät, die im­mer schon in ge­sell­schaf­ten vor­han­den ist, aber ge­bun­den, die meis­te Zeit, in in­sti­tu­tio­nen oder tra­di­tio­nen. kon­trär al­so zur sphä­re der po­li­tik, die ge­ra­de nicht von sit­ten, ge­bräu­chen, emp­fin­dun­gen, krän­kun­gen han­delt, son­dern den abs­trak­ten rah­men da­für schafft, wie ei­ne ge­sell­schaft funk­tio­nie­ren soll, die, wenn sie de­mo­kra­tisch ist, das gu­te er­mög­licht für vie­le men­schen, für die mehr­heit, be­son­ders aber für die min­der­heit, denn der schutz der min­der­heit oder, bes­ser, der min­der­hei­ten im plu­ral ist ein we­sent­li­ches ele­ment der De­mo­kra­tie, wenn sie li­be­ral sein soll. Was aber die­se li­be­ra­li­tät ist, das wur­de stän­dig und hek­tisch und laut ver­han­delt in die­sen jah­ren, die so ag­gres­siv und er­bit­tert wur­den, dass freund­schaf­ten zer­bra­chen und sich le­bens­we­ge än­der­ten, dass sich man­che so zeig­ten, wie sie wohl im­mer wa­ren, hart und hass­er­füllt, nur ver­steckt in den Ver­hält­nis­sen, und an­de­re sich wan­del­ten, weil sie nicht ver­har­ren woll­ten im sta­di­um der Un­ent­schie­den­heit.

Die po­li­ti­schen Ver­schie­bun­gen, die in dem jahr­zehnt zwi­schen 2008 und 2018 pas­sier­ten, wur­den vor­be­rei­tet auf dem ge­biet der kul­tur, und wenn man zu­rück­schaut, dann er­kennt man die ge­gen­wart, so zer­ris­sen, wie sie ist, in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die schein­bar dis­pa­rat wa­ren, ein Auf­fla­ckern oft nur von Wor­ten, die vor­her nicht ge­sagt wor­den wa­ren, von hal­tun­gen, die vor­her nicht ge­dul­det wur­den, weil es, so schien es, ei­ne ei­ni­gung dar­über gab, was die grund­la­ge von De­mo­kra­tie und men­schen­wür­de ist, und ei­ne Ver­stän­di­gung dar­über, was die schuld der Deut­schen war und was die Ver­ant­wor­tung aus der ge­schich­te. Die kul­tur wur­de das test­feld für po­li­ti­sche Ve­rän­de­run­gen, das Ziel war es, feind­bil­der zu schaf­fen, po­la­ri­sie­rung zu be­trei­ben, die Auf­klä­rung ab­zu­wi­ckeln.

Die rech­te war da­mit ganz nah beim lin­ken An­to­nio gram­sci, der in den 1920er-und 1930er-jah­ren aus dem ge­fäng­nis her­aus sein kon­zept der kul­tu­rel­len he­ge­mo­nie be­schrieb, dass po­li­ti­sche Ve­rän­de­run­gen al­so auf dem ge­biet der kul­tur vor­be­rei­tet und er­mög­licht wer­den – und so sah es et­wa auch And­rew Breit­bart, der grün­der der in­ter­net­pu­bli­ka­ti­on «Breit­bart news», die in­stru­men­tell war nicht nur für die Wahl von Do­nald trump: «po­li­tics is down­stream from cul­tu­re.» es wä­re da­bei weit zu kurz ge­grif­fen, die ge­sell­schaft­li­che re­vol­te von rechts auf die­se ma­rio­net­te zu re­du­zie­ren, die Do­nald trump letzt­lich ist – es geht um ei­nen sehr viel grund­sätz­li­che­ren An­griff auf die De­mo­kra­tie, wie sie sich in den ver­gan­ge­nen 250 jah­ren ent­wi­ckelt hat: ei­ne «De­kon­struk­ti­on des ad­mi­nis­tra­ti­ven staa­tes», so hat ste­phen Ban­non es ge­nannt, der sicht­bars­te kul­tur­krie­ger die­ser mit viel geld ge­för­der­ten kam­pa­gne, die im We­sen und hin­sicht­lich der the­men nicht be­schränkt ist auf die USA, son­dern sehr kla­re Ver­bin­dun­gen hat zu den sym­bo­li­schen schlach­ten auf kul­tu­rel­lem ge­biet, wie sie in an­de­ren tei­len der Welt statt­fin­den und auch in Deutsch­land (oder der schweiz). Das Ziel ist, is­la­mo­pho­bie, ho­mo­pho­bie, die stig­ma­ti­sie­rung je­der Art von ge­schlecht­li­cher oder se­xu­el­ler Ab­wei­chung von ei­ner ver­meint­li­chen norm oder ganz ein­fach ras­sis­mus in der mit­te der ge­sell­schaft wach­zu­ru­fen, wo­bei der Be­griff «mit­te» an sich frag­wür­dig ist ge­nau­so wie der Be­griff «rän­der», weil es die mit­te ist, die sich so de­fi­niert und wer­tet und die rän­der mit ei­ner Art von ma­lus ver­sieht, wäh­rend ge­nau die the­men, die die so­ge­nann­ten rän­der in die De­bat­te brin­gen, die the­men sind, die auch die ra­di­ka­li­sie­rung der mit­te ver­stär­ken, Ur­sa­che und Wir­kung sind hier schwer zu ver­or­ten.

Ge­bil­de­ter Ego­is­mus

Die kul­tur je­den­falls war schau­platz und Werk­zeug, ge­sell­schaft­li­che und schliess­lich po­li­ti­sche Ve­rän­de­run­gen an­zu­schie­ben, aus­zu­tes­ten, vor­an­zu­trei­ben, zu ver­schär­fen. Die kul­tur, im wei­tes­ten sinn, war der Weg, mehr här­te, Ver­ach­tung, ego­is­mus, käl­te in die ge­sell­schaft zu schmug­geln, und selbst klei­ne Ver­schie­bun­gen, selbst schein­bar lä­cher­li­che in­vek­ti­ven, selbst – oder ge­ra­de – die red­un­dan­tes­te Wie­der­ho­lung von Be­grif­fen wie dem der po­li­ti­schen kor­rekt­heit ent­wi­ckel­ten ih­re to­xi­sche Wir­kung lang­sam und nach und nach, und wenn die fol­gen sicht­bar wur­den, er­in­ner­te sich kaum je­mand in die­ser di­gi­ta­len Amne­sie mehr an den Ur­sprung, an den An­fang, als sie noch weg­ge­schaut hat­ten, ge­lä­chelt hat­ten, sich um ihr ei­ge­nes ego oder ih­ren Vor­gar­ten ge­küm­mert hat­ten. es schien, das nur als ein Bei­spiel, im ja­nu­ar 2013 noch sehr weit weg und ein we­nig lä­cher­lich, wie et­wa der frü­he­re li­te­ra­tur­chef der «Zeit», Ul­rich grei­ner, al­les da­für tat, um das Wort «ne­ger» vor dem Zu­griff der Ver­nunft oder den ge­sell­schaft­li­chen Ve­rän­de­run­gen zum gu­ten zu ret­ten. grei­ner und die «Zeit» fan­den es be­son­ders wich­tig, ei­ne ti­tel­ge­schich­te zu schrei­ben zum the­ma «kin­der, das sind kei­ne ne­ger!» es ging um das kin­der­buch «Die klei­ne he­xe» von ot­fried preuss­ler, und als des­sen Ver­lag ver­kün­de­te, dass die neue Aus­ga­be far­big sein und dass es ein paar Än­de­run­gen ge­ben wer­de, das Wort «ne­ger» zum Bei­spiel soll­te er­setzt wer­den – da zeig­te das deut­sche feuille­ton weit über die «Zeit» hin­aus ei­ne selt­sa­me lie­be und Ver­bun­den­heit zu die­sem Wort, «ne­ger», das ih­nen sehr schüt­zens­wert er­schien, in et­wa wie die Alt­stadt von Bam­berg oder das elb­tal bei Dres­den.

ei­gent­lich, könn­te man den­ken, ist es ei­ne ganz nor­ma­le sa­che, die spra­che ver­än­dert sich, wie sich die ge­sell­schaft ver­än­dert, und ein Wort, das vie­le ver­letzt und aus ei­ner Zeit stammt, als die freund­li­chen, ras­sis­ti­schen nach­kriegs­deut­schen von «ita­kern» spra­chen oder von «spa­ghet­ti­f­res­sern» oder

von «Küm­mel­tür­ken», soll­te nun nicht be­son­de­re Freun­de fin­den – aber die­se Ver­mu­tung war falsch, ge­nau­so falsch wie die Ver­mu­tung, dass im Be­reich der Kul­tur die Men­schen be­son­ders sen­si­bel wä­ren für Krän­kun­gen oder die Schön­heit des mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens oder die Rück­sicht auf an­de­re Men­schen oder an­de­re Sicht­wei­sen. Im Ge­gen­teil, der ge­bil­de­te Ego­is­mus wur­de hier vor­an­ge­trie­ben, und weil die­ser Ego­is­mus, die­ses Be­har­ren, an ei­nem Kin­der­buch ab­ge­han­delt wur­de, wur­de die grund­sätz­li­che Atta­cke auf die Fun­da­men­te der de­mo­kra­ti­schen Frei­hei­ten ver­schlei­ert. Ul­rich Grei­ner un­ter­zeich­ne­te dann fünf Jah­re spä­ter die «Er­klä­rung 2018», in der ei­ne Pha­lanx feuille­to­nis­ti­scher Feu­er­teu­fel das Res­sen­ti­ment ge­gen Ge­flüch­te­te und ih­ren Ras­sis­mus als Sor­ge um das Land de­kla­rier­te; was als pri­vat an­mu­ten­de Pa­ra­noia be­gon­nen hat­te, wur­de zum po­li­ti­schen Phä­no­men, das den Auf­stieg der AFD be­glei­te­te und be­för­der­te. «Wie an­ders als Zen­sur oder Fäl­schung soll man das nen­nen», so ga­lop­pier­te Grei­ner in sei­nem Text vor­an, der ganz grund­sätz­lich und be­bend auf Ar­ti­kel 5 des Grund­ge­set­zes ver­wies, der die Mei­nungs­frei­heit si­chert und Zen­sur ver­bie­tet – es war ein Vor­ge­hen, das wie vie­les in die­ser rechts­dre­hen­den Dis­kus­si­on aus den USA über­nom­men wur­de, dass die Li­be­ra­len auf ih­rem ei­ge­nen Feld ge­schla­gen wer­den soll­ten und je­de in­halt­li­che De­bat­te in ei­ne for­mal­recht­li­che über­führt wur­de, weil da­mit die Li­be­ra­len oder die Lin­ken in ei­ne De­fen­si­ve ge­bracht wur­den, aus der sie sich nur schlecht be­frei­en konn­ten.

Ist die Mei­nungs­frei­heit ein­ge­schränkt?

Die De­bat­te über Mei­nungs­frei­heit wur­de, un­ter an­de­ren Vor­zei­chen und Um­stän­den als in den USA, auch in Deutsch­land vor al­lem von rechts ge­führt, was in vie­len Fäl­len ab­surd war, weil nichts so sehr die vor­han­de­ne Mei­nungs­frei­heit zeig­te wie das Ge­jam­mer dar­über, dass die­se ein­ge­schränkt sei, et­wa für Thi­lo Sar­ra­zin, der sei­nen Mil­lio­nen­best­sel­ler «Deutsch­land schafft sich ab» 2010 mit Vor­ab­druck im «Spie­gel» in­sze­nie­ren durf­te und dann in vie­le Talk­shows ein­ge­la­den wur­de. Aber das war und blieb das Mus­ter die­ser De­bat­ten, dass sich die als Op­fer sti­li­sier­ten, die an­de­re zu Op­fern mach­ten, in­dem sie sie be­lei­dig­ten und dis­kri­mi­nier­ten – Sar­ra­zin et­wa, der mit sei­nem bio­lo­gis­ti­schen und ras­sis­ti­schen Trak­tat ei­ne Zä­sur setz­te, das Land ver­än­der­te und das Men­schen­un­wür­di­ge wie­der mög­lich mach­te, das Den­ken von völ­ki­scher Über­le­gen­heit, mus­li­mi­scher Un­ter­le­gen­heit und der Be­dro­hung Deutsch­lands durch die ge­bär­freu­di­gen «Kopf­tuch­mäd­chen», ein Ras­sis­mus, der wie­der po­li­ti­sches Pro­gramm wer­den wür­de bei der AFD und ver­steck­ter auch bei ziem­lich al­len an­de­ren Par­tei­en.

Es wa­ren im Grun­de im­mer die glei­chen Ver­satz­stü­cke der Dis­kus­si­on, wie sie et­wa im Streit über das Wort «Ne­ger» ein­ge­übt wor­den wa­ren: das lau­te Ru­fen nach Mei­nungs­frei­heit, die Kon­struk­ti­on ei­ner Be­dro­hung, die Sti­li­sie­rung als Op­fer – es ist die­se wei­ner­li­che Mi­schung, die das rech­te Res­sen­ti­ment bis ins Par­la­ment ge­bracht hat, und die Er­fol­ge der AFD sind di­rekt vor­be­rei­tet wor­den von Feuille­to­nis­ten, die aus Ein­zel­fäl­len ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Gross­trend kon­stru­ier­ten und da­mit ge­ra­de je­ne in die Ecke stell­ten, die den wah­ren ge­sell­schaft­li­chen Gross­trend be­nann­ten, ei­nen sys­te­mi­schen Ras­sis­mus, der nie­mals fort war und sich be­son­ders deut­lich in der Spra­che zeigt.

Wer al­so soll­te et­wa im Fall der «Klei­nen He­xe» oder – auch die­ser Fall wur­de laut dis­ku­tiert – von As­trid Lind­grens «Pip­pi Langs­trumpf» und dem «Ne­ger­kö­nig» ei­gent­lich der Zen­sor sein? Da­zu wä­re ja ein Zwang nö­tig, ei­ne In­sti­tu­ti­on, ei­ne Macht. Wo­her aber soll­te das wohl kom­men? Der Ver­lag hat­te sich ja frei ent­schie­den. Aber den Zwang kon­stru­iert sich der Pa­ra­noi­ker zur Not auch selbst – in ih­rem Kern ist die de­nun­zia­to­ri­sche Re­de von der «po­li­ti­schen Kor­rekt­heit» aber nicht nur pa­ra­no­id, son­dern ein ziem­lich per­fi­des Mit­tel, um den öf­fent­li­chen Dis­kurs durch Schein­ge­fech­te und sym­bo­li­sches Auf­schrei­en in ei­ne be­stimm­te, rech­te Rich­tung zu brin­gen, was in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch gut ge­lun­gen ist.

Im Grun­de war es Grei­ner selbst, der den Zwang er­zeug­te, wie über­haupt vie­le der Ver­fech­ter ei­ner vor­geb­li­chen Frei­heit der Re­de oder der Kunst ein ein­ge­schränk­tes Ver­ständ­nis von To­le­ranz ha­ben, wenn es um ih­re ei­ge­nen Be­find­lich­kei­ten geht. Und als Grei­ner dann auch noch an Me­kon­nen Mes­ghena, der aus Eri­trea ge­flüch­tet war und die gan­ze Sa­che ins Rol­len ge­bracht hat­te, den be­leh­ren­den Satz schick­te: «Er mö­ge be­den­ken, dass al­les Ge­schrie­be­ne dem Ge­setz sprach­li­chen Alt­wer­dens un­ter­lie­ge» – da eta­blier­te er den Ton, die Käl­te, die Em­pa­thie­lo­sig­keit, das Be­har­ren auf das Ei­ge­ne, das auch so vie­le der fol­gen­den po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen prä­gen soll­te. Ob er denn gar nicht se­he, so schrieb Grei­ner an Mes­ghena, der da­mals für die Hein­rich­böll­stif­tung ar­bei­te­te, dass die von ihm mo­nier­ten Bü­cher in der Le­se­bio­gra­fie deut­scher Kin­der, die heu­te oft­mals er­wach­sen sei­en, ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt hät­ten und dass man ih­nen nicht die Er­in­ne­rung steh­len dür­fe – als ob die­se Er­in­ne­rung ernst­haft an dem Wort «Ne­ger» hän­gen wür­de.

Es ging aber auch um et­was ganz an­de­res. Es ging Grei­ner dar­um, die Hal­tung ei­ner Mehr­heit zu for­mu­lie­ren, die sich wei­gert, auf die Be­dürf­nis­se ei­ner Min­der­heit zu hö­ren. Das ist der Kern der Ar­gu­men­ta­ti­on von Grei­ner, der die To­le­ranz, die so ein we­sent­li­cher Teil ei­ner mensch­li­chen Ge­sell­schaft ist, durch das Be­har­ren auf die ei­ge­ne Sicht­wei­se er­setz­te. Es sei doch «son­nen­klar», schrieb er, «dass Pip­pis ‹Ne­ger› nichts an­de­res sind als ei­ne halt­los­un­schul­di­ge Spie­le­rei mit je­nem Phan­tas­ma des nai­ven Na­tur­volks, das schon Gau­gu­in um­ge­trie­ben hat.»

Nein. Un­schul­dig war es nicht, und un­schul­dig war auch nicht, was dar­aus ge­macht wur­de. Das Phan­tas­ma, das sich hier schon an­deu­te­te und mehr und mehr zur Rea­li­tät wur­de, war das Phan­tas­ma ei­ner be­droh­ten Na­ti­on, die an­de­re aus­grenz­te, weil

es zur Selbst­er­hal­tung not­wen­dig war, ei­ne ge­sell­schaft­li­che Ve­ren­gung, die man als Vor­form des Fa­schis­mus se­hen kann, weil die Na­ti­on, so geht die wei­te­re Lo­gik, als be­droh­te Form über al­len an­de­ren In­ter­es­sen steht, Schutz der Men­schen­rech­te et­wa oder Mei­nungs­frei­heit. Die­se Kon­se­quenz al­ler­dings war an­fäng­lich nicht so klar zu se­hen, sie war auch nicht in je­dem ein­zel­nen die­ser sich an im­mer neu­en Fra­gen ent­zün­den­den Kon­flik­te zu the­ma­ti­sie­ren. Es war die Ab­fol­ge die­ser Klein­de­bat­ten, was ein Kli­ma setz­te, das es mög­lich mach­te, dass ein paar Jah­re da­nach ei­ne Ab­ge­ord­ne­te der AFD ei­nem Deutsch­tür­ken den Pass ent­zie­hen woll­te. Die An­fän­ge wa­ren oft schein­bar lä­cher­lich, das Re­sul­tat war ei­ne stän­di­ge Schwä­chung und Aus­höh­lung de­mo­kra­ti­scher Wer­te und hu­ma­ner Pra­xis. Es war die Ver­bin­dung von Dis­kurs­ver­schie­bun­gen mit De­bat­ten wie der um die The­sen von Thi­lo Sar­ra­zin, die öf­fent­lich auf brei­te Ab­leh­nung sties­sen, aber den­noch ih­re Wir­kung ta­ten und auf dem Um­weg von ein paar Jah­ren wie­der in die Dis­kus­si­on fan­den, durch Wor­te wie «Kopf­tuch­mäd­chen» et­wa, die spä­ter auch von der Af­dab­ge­ord­ne­ten Ali­ce Wei­del ver­wen­det wur­den.

Es war ein bür­ger­lich ge­fass­ter Ras­sis­mus, wenn die­se Be­schrei­bung über­haupt Sinn macht, der über­la­gert wur­de von ei­nem mör­de­ri­schen Ras­sis­mus, wie ihn der selbst er­nann­te Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Un­ter­grund sym­bo­li­siert, der zwi­schen 1999 und 2011 min­des­tens neun Mi­gran­ten und ei­ne Po­li­zis­tin er­mor­de­te, die schlimms­te Ter­ror­kam­pa­gne des wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­lands, die auch des­halb so scho­ckie­rend war, weil sie den Blick öff­ne­te auf staat­li­che In­sti­tu­tio­nen, die sich ent­we­der der de­mo­kra­ti­schen Kon­trol­le ent­zo­gen oder selbst ge­prägt wa­ren durch ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pen. Die Ver­bin­dung von bei­dem ist ein re­le­van­tes und mar­kan­tes Zei­chen für die­se Zeit.

Der Pro­zess ge­gen Bea­te Zschä­pe, die ein­zi­ge Über­le­ben­de des Nsu-ter­ror­tri­os, be­gann am 6. Mai 2013 und er­streck­te sich über mehr als fünf Jah­re, par­al­lel zur ge­ne­rel­len Rechts­ver­schie­bung in die­sem Land, bis zum Ur­teil im Ju­li 2018, le­bens­lang für Zschä­pe – und es blieb nicht nur un­be­frie­di­gend, wie we­nig klar wur­de über die tie­fe­ren Ver­bin­dun­gen des NSU, über Hel­fer und Struk­tu­ren, es zeig­te sich vor al­lem das Bild ei­nes recht­ha­be­ri­schen, thi­los­ar­raz­in­haf­ten «Man wird doch noch sa­gen dür­fen»-lan­des, das sich wei­ger­te, sei­ner Wirk­lich­keit ins Au­ge zu schau­en – je­nes Mi­lieu et­wa, in dem sich das NSUTRIO ver­steck­te, ein Mi­lieu von vom Le­ben oder von Män­nern ver­prü­gel­ten Frau­en, von Li­kör­chen, Zi­ga­ret­ten und Selbst­zer­stö­rung, ein Mi­lieu, das von nun an zum deut­schen Ter­ror­in­ven­tar ge­hör­te wie frü­her mal der bil­dungs­bür­ger­li­che Leh­rer zum Raf-mi­lieu: Es war ein Klas­sen­kampf, den die NSU stell­ver­tre­tend aus­ge­tra­gen hat­te, zwi­schen den so­zi­al De­klas­sier­ten, den Säu­fern, den So­faho­ckern auf der ei­nen Sei­te und den Früh­auf­ste­hern, den Selbst­stän­di­gen, den Ehr­gei­zi­gen auf der an­de­ren Sei­te – fast al­le Nsuop­fer wa­ren Klein­un­ter­neh­mer mit ei­ge­nem La­den, Ki­osk, Be­trieb, die ein­fach an­ders aus­sa­hen und an­ders hies­sen.

Al­le ha­ben doch im Krieg ge­lit­ten

Sie woll­ten es schaf­fen in die­sem Land, das ih­nen Hoff­nung gab und Hei­mat – es war da­mit auch ei­ne Mord­se­rie ge­gen das, was mit dem Be­griff der In­te­gra­ti­on ver­bun­den ist, al­so die Vor­stel­lung da­von, dass ein Deutsch­land mög­lich ist, das sich nicht da­nach or­ga­ni­siert, wo je­mand ge­bo­ren ist, son­dern da­nach, was je­mand tut. In­so­fern wä­re der Nsu-pro­zess ei­ne Chan­ce ge­we­sen, ei­nen an­de­ren Blick auf die ewi­ge Fra­ge zu wer­fen, was es heisst, ein Deut­scher zu sein, und ein paar neue Ant­wor­ten zu fin­den. Es ging mal wie­der um viel mehr als um die Fra­ge nach ju­ris­ti­scher Schuld. Es ging um die Fra­ge, wer wir sind und wer wir sein wol­len, es ging um die Fra­ge, wie wir über­ein­an­der re­den und wie wir uns für die Ge­schich­ten und das Le­ben der an­de­ren in­ter­es­sie­ren, es ging um die Fra­ge nach die­sem gros­sen, schwie­ri­gen Wir, das ein- und aus­grenzt, es ging auf ganz an­de­re Art und Wei­se als bei Ni­co Hof­mann um die Fra­ge, wer «un­se­re Müt­ter, un­se­re Vä­ter» sind, so hiess der in vie­lem sym­pto­ma­ti­sche Drei­tei­ler, der im Früh­jahr 2013 im ZDF zu se­hen war.

«Un­se­re Müt­ter, un­se­re Vä­ter» war die gros­se na­tio­na­le Auf­ga­be zur Selbst­fin­dung, es war ir­gend­wie staats­bür­ger­li­che Pflicht, und «Bild» zeig­te die Schlüs­sel­sze­nen und brüll­te ei­nen an: Wa­ren wir wirk­lich so schlimm?! Wow! Es war ein selt­sam por­no­gra­fi­sches Grau­ens­spek­ta­kel mit Au­then­ti­zi­täts­gru­seln: So war es wirk­lich! Das hast du noch nie ge­se­hen! Nicht in Far­be und nicht um Vier­tel nach acht! Der Krieg war grau­sam! Deut­sche ha­ben Ju­den er­schos­sen, ein­fach so! Deut­sche ha­ben Par­ti­sa­nen er­schos­sen, oh­ne Mit­leid! Deut­sche ha­ben Schreck­li­ches ge­tan, denn der Krieg macht das Schlech­tes­te aus den Men­schen! Und der Satz, auf den al­les hin­aus­lief, war: «Tä­ter sind Op­fer, und Op­fer sind Tä­ter.»

Der Pro­du­zent von «Un­se­re Müt­ter, un­se­re Vä­ter», Ni­co Hof­mann, hat­te schon vor­ab ge­for­dert, man müs­se in Deutsch­land end­lich mit der «un­glaub­li­chen Schuld-süh­ne-päd­ago­gik» Schluss ma­chen, so sag­te er es im Ge­spräch mit der «Zeit», um zu zei­gen, wie «fehl­ge­lei­tet un­se­re his­to­ri­sche Auf­klä­rungs­ar­beit ge­wirkt hat», um zu er­klä­ren, dass die Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik «un­ter ei­ner un­fass­ba­ren Kom­plett­ver­drän­gung» statt­fand, und da­mit mein­te er na­tür­lich nicht den Mord an den Ju­den, son­dern die «un­mit­tel­bar per­sön­li­chen Er­fah­run­gen und Emo­tio­nen der Deut­schen».

Der Film selbst er­zähl­te eher holz­schnitt­ar­tig und in Ste­reo­ty­pen: Da war die Sän­ge­rin im im­mer glei­chen Ne­g­li­gé, da war die Kran­ken­schwes­ter mit der im­mer glei­chen Hau­be, da war der Ju­de, der Schnei­der war, da wa­ren die Brü­der, von de­nen ei­ner gut war und ge­bil­det und der an­de­re be­reit, zu die­nen und zu füh­ren. «Wir wa­ren fünf», sag­ten sie im­mer wie­der und zeig­ten die­ses Fo­to, da­mit wir es auch nicht ver­gas­sen, «fünf Freun­de», sie hat­ten Träu­me

und Hoff­nun­gen, es war 1941, das Jahr acht al­so der Hit­ler-herr­schaft – der «Füh­rer» selbst war in dem Film ei­ner­seits an­ge­nehm ab­we­send, weil man sich nicht das an­ge­streng­te Ge­hit­ler ei­nes Schau­spie­lers an­schau­en muss­te, an­de­rer­seits fehl­ten bei die­ser Be­schrän­kung auf die Jah­re 1941 bis 1945 und auf die Kriegs­er­fah­rung doch die we­sent­li­chen Ele­men­te, die hät­ten zei­gen kön­nen, wie Men­schen ver­führt wur­den oder gar nicht ver­führt wer­den muss­ten, weil sie gut wa­ren oder schwach oder schlecht, was in die­sem Fall hiess: an­ti­se­mi­tisch, na­tio­na­lis­tisch, hab­gie­rig. Das Vor­her aber in­ter­es­sier­te Hof­mann nicht, nicht das Sys­tem, nicht der Fa­na­tis­mus und wie er ent­stan­den war, und im Grun­de wa­ren so­gar der Krieg, die Eu­pho­rie, die Geil­heit, das Ge­hor­chen, der Op­por­tu­nis­mus, der Kar­rie­ris­mus, das Denun­zie­ren, das Frie­ren und Schies­sen und Mor­den und das Hin­ab­glei­ten ins Grau­en, in die Bes­tia­li­tät, bis zur Selbst­ver­leug­nung, bis zum Selbst­ver­lust, bis zum De­ser­tie­ren – im Grun­de al­so wa­ren die gan­zen vier­ein­halb St­un­den ei­ner­seits nur gros­ses Er­schau­dern und an­de­rer­seits das Vor­spiel für das, was ihn wirk­lich in­ter­es­sier­te: die «Dis­kus­sio­nen», wie er es nann­te, die «per­sön­li­chen Ge­schich­ten», mit Rech­ten re­den.

Es war al­so, und viel­leicht kann das in die­sem Land auch nie an­ders sein: ein volks­päd­ago­gi­sches Pro­jekt. Bil­dung hat­te uns nicht be­schützt vor dem Bö­sen, das über­rasch­te uns noch im­mer, Er­zie­hung soll­te aber in Zu­kunft ver­hin­dern, dass so was noch­mals pas­siert. Des­halb war so ein Film auch gleich ei­ne na­tio­na­le Auf­ga­be und nie ein­fach ein Film, den man sich an­schau­te oder nicht, den man moch­te, oder den man nicht moch­te, weil die Fi­gu­ren am En­de doch kei­ne rich­ti­gen Fi­gu­ren wa­ren, son­dern Be­le­ge für die The­se: Wir wis­sen nicht, wie wir uns ver­hal­ten hät­ten, und des­halb soll­ten wir nicht ur­tei­len. Der His­to­ri­ker Ar­nulf Ba­ring als der rech­te und re­vi­sio­nis­ti­sche Zau­sel durf­te dann in der Talk­show von Mar­kus Lanz sa­gen, das Gross­ar­ti­ge an dem Film sei ge­ra­de, dass «die gan­ze Tei­lung, von der wir seit Jahr­zehn­ten re­den, näm­lich zwi­schen Op­fern und Tä­tern, dass die nicht hin­haut».

Die Rech­nung der Op­fer

Für die Op­fer, kann man sa­gen, hat sie durch­aus hin­ge­hau­en, die Ein­tei­lung, sie be­zahl­ten mit Le­ben, mil­lio­nen­fach. Die sti­cki­ge, re­la­ti­vis­ti­sche Welt­sicht war das, was blieb von Ni­co Hof­manns Ver­such, den Auf­klä­rungs­schub von 1968 ein­fach zu igno­rie­ren und da­mit ei­nen kon­ser­va­ti­ven Kon­sens her­bei­zu­zau­bern und das, was dort ver­han­delt wur­de, für un­se­re Zeit ein­fach noch­mals neu zu ver­han­deln, die­ses Mal im Wa­ber­ge­wand des Ver­ste­hens. Und ge­nau das war auch das Pro­gramm ei­nes der welt­weit er­folg­reichs­ten deut­schen Schrift­stel­ler, Bern­hard Sch­link, des­sen Ro­man «Der Vor­le­ser» im Grun­de kein Ro­man war, son­dern der Ver­such, zwei Fi­gu­ren so durch ei­ne Ge­schich­te zu bug­sie­ren, dass am En­de her­aus­kommt: Wir Deut­schen ha­ben viel­leicht sechs Mil­lio­nen Ju­den um­ge­bracht, das heisst aber noch lan­ge nicht, dass wir schlech­te Men­schen sind. Denn al­le Men­schen sind ja schlecht. Oder al­le Men­schen sind schwach. Oder al­le Men­schen sind gut. Oder al­le Men­schen sind Men­schen. Sch­link mag die­sen ar­gu­men­ta­ti­ven Kreis­ver­kehr. Er mag es, wenn die Be­grif­fe sich so lan­ge um sich selbst dre­hen, bis sie un­scharf wer­den. So funk­tio­niert sei­ne Rhe­to­rik, so baut er sei­ne Ent­schul­di­gungs­lo­gik. Sch­link bleibt eben als Schrift­stel­ler im­mer Ju­rist. Er hat sich da­für ent­schie­den, die Ver­gan­gen­heit zu ver­tei­di­gen. «Ge­schich­te lehrt kei­ne Re­zep­te», schrieb er 2011 in ei­nem Auf­satz im «Mer­kur». «Sie lehrt, dass al­les schon an­ders war und dass al­les auch an­ders sein kann. Sie lehrt, am An­ders­sein der Ver­gan­gen­heit ei­nen Sinn für das zu ent­wi­ckeln, was in der Ge­gen­wart an­ders sein kann und in der Zu­kunft an­ders sein wird, und da­für, was in al­tem und neu­em Ge­wand wie­der­kehrt. Sie lehrt das Le­ben mit Al­ter­na­ti­ven», so Sch­link wei­ter, «sie lädt da­zu ein, die Welt ver­schie­den zu in­ter­pre­tie­ren, sie uto­pisch neu zu ent­wer­fen und sie zu ver­än­dern.» Und was hiess das jetzt bit­te ge­nau für den Kom­mu­nis­ten im KZ, für den Ju­den im Ghet­to, für den Sol­da­ten an der Front, die­ses «Le­ben mit Al­ter­na­ti­ven»? «Ge­wiss», do­zier­te Pro­fes­sor Sch­link wei­ter, «im Rück­blick scheint es im­mer ei­nen Mo­ment zu ge­ben, in dem cou­ra­gier­tes mo­ra­li­sches Ver­hal­ten vie­ler das Ver­häng­nis ver­hin­dern kann. Aber wann ist der Mo­ment? Und was, wenn nicht vie­le be­reit sind, son­dern nur we­ni­ge? Oder wenn man nicht weiss, ob auch an­de­re be­reit sind oder man al­lein bleibt?» Ja was ei­gent­lich? So ist das manch­mal im Le­ben. Da­für hat man Prin­zi­pi­en, Kri­te­ri­en, Ein­stel­lun­gen, Hal­tun­gen. Man ent­schei­det sich. Oder man ent­schei­det sich nicht. Man kommt ins KZ. Oder wird nach dem Krieg Mi­nis­ter­prä­si­dent. Das ei­ne nennt man Wi­der­stand. Das an­de­re Feig­heit. Es zwingt ei­nen nie­mand, mu­tig zu sein. Es ist aber auch nicht al­les so kom­pli­ziert, wie Sch­link es dar­stel­len woll­te. Wenn er so tat, als ha­be man zwi­schen 1933 und 1945 nicht wis­sen kön­nen, was rich­tig und was falsch war, und das war letzt­lich der re­la­ti­vis­ti­sche Te­nor sei­nes Tex­tes, dann war das je­den­falls ei­ne sehr schwa­che Po­si­ti­on, um die «Kul­tur des Denun­zia­to­ri­schen», wie er das nennt, zu kri­ti­sie­ren. Wo­vor er warn­te: Die Ge­gen­wart er­hebt sich über die Ver­gan­gen­heit, und die Le­ben­den er­he­ben sich über die To­ten. Das war auch schon das Grund­mo­tiv im «Vor­le­ser»: Die se­xy Han­na wur­de da an­ge­klagt, weil sie wäh­rend der Na­zizeit Häft­lin­ge in ei­ne Kir­che ge­sperrt ha­ben soll­te, in der sie dann ver­brann­ten. «Auch das Ge­richt konn­te nicht Re­chen­schaft von mir for­dern», sagt sie am

Die Kul­tur war der Weg, mehr Ver­ach­tung, mehr Här­te, mehr Ego­is­mus und Käl­te in die­se Ge­sell­schaft zu schmug­geln.

En­de ih­res Le­bens. «Aber die To­ten kön­nen es. Sie ver­ste­hen.» Man soll, so Sch­link, die Ge­schich­te nicht mit den mo­ra­li­schen Mass­stä­ben von heu­te be­ur­tei­len. Als ob Mord nicht im­mer Mord ist, Lü­ge nicht im­mer Lü­ge, Ver­rat nicht im­mer Ver­rat. Aber Sch­links Den­ken pass­te eben sehr gut in ein Land, das sich wie­der gut mit sich fühl­te. Sein Werk könn­te die Über­schrift tra­gen: Kul­tur des Op­por­tu­nis­mus. Was man auch Günter Grass vor­wer­fen konn­te, als er 2013 erst mal al­len ei­ne Lek­ti­on er­teil­te in Sa­chen Welt­frie­den, Wahr­heit und Ge­rech­tig­keit und dann de­nen, die ihn kri­ti­sier­ten, ent­ge­gen­warf: Schweigt, was wisst ihr denn? Ihr seid ja noch nicht mal 40 Jah­re alt, ihr wart nicht da­bei, als ich in die Waf­fen-ss ein­ge­tre­ten bin, ihr kennt doch we­der Lei­den, Krieg noch Trä­nen. Es gibt, sag­te Grass, kei­nen hö­he­ren mo­ra­li­schen Stand­punkt, nach dem man per­sön­li­ches Ver­hal­ten be­ur­tei­len kann, es gab im Grun­de auch kei­ne abs­trak­ten Re­geln, es gab kei­ne Mass­stä­be, die dem his­to­ri­schen Kon­text ent­ho­ben sind. Er selbst tat dann aber ge­nau dies, in ei­nem auch wie­der sehr sym­pto­ma­ti­schen Ge­dicht, das ei­ne wei­te­re Schlüs­sel­fra­ge der al­ten BRD be­traf und da­mit auch ei­nen we­sent­li­chen Punkt des neu­en, sich ver­än­dern­den Deutsch­land: Was ist An­ti­se­mi­tis­mus, was ist die his­to­ri­sche Schuld der Deut­schen, und was ist die Kon­se­quenz dar­aus für die Ge­gen­wart? Günter Grass je­den­falls ur­teil­te über das Is­ra­el von heu­te, oh­ne sich ein­zu­füh­len oder hin­ein­zu­den­ken, er igno­rier­te die Um­stän­de der Grün­dung Is­ra­els ge­nau­so wie die ak­tu­el­len Sor­gen und Ängs­te vie­ler Is­rae­lis. Er brach­te da­mit den Ton ei­ner Trot­zig­keit in die De­bat­te, und da­mit war Grass eben nicht al­lein – all die Jah­re nach dem Krieg öff­ne­te sich jetzt wie­der der Raum für ei­ne Grob­schläch­tig­keit, ei­ne Ge­mein­heit, ei­ne Ge­reizt­heit, ei­ne Recht­ha­be­rei in dem Re­den über Is­ra­el, die ei­gent­lich nur mit an­dau­ern­dem deut­schem Un­be­ha­gen an sich selbst zu er­klä­ren ist. «Was ge­sagt wer­den muss», so hiess das Ge­dicht, und schon der Ti­tel war ver­bohrt und an­mas­send. «War­um schwei­ge ich, ver­schwei­ge zu lan­ge, was of­fen­sicht­lich ist», so be­gann das Ge­dicht des Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers, und wie gut für Grass, dass er die­se Fra­ge nicht wirk­lich mit ei­ner kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on be­ant­wor­ten muss­te, die ihn nur zu dem Hit­ler-sol­da­ten ge­führt hät­te, der er ein­mal war, und zu dem gan­zen Hit­ler­irr­sinn, den er in sei­ner Ju­gend ein­ge­at­met hat­te – wie gut für Grass, dass er die Schul­di­gen gleich pa­rat hat­te: die Op­fer, die ihn zwin­gen, sich zu er­in­nern, und die heu­te an­geb­lich noch mit der Er­in­ne­rung Po­li­tik ma­chen.

Der Auf­stieg der AFD

Die Ju­den al­so wie­der. Dass er «dem Land Is­ra­el ... ver­bun­den» sei und ver­bun­den «blei­ben will», be­ton­te Grass – aber weil sich nie­mand traue, Is­ra­el da­für zu kri­ti­sie­ren, dass es be­reit sei, das war der An­lass die­ses Ge­dichts, ei­nen Prä­ven­tiv­krieg ge­gen den Iran zu be­gin­nen, blei­be ihm nichts an­de­res üb­rig, als das zu sa­gen, was er für die Wahr­heit hielt: «Das all­ge­mei­ne Ver­schwei­gen die­ses Tat­be­stan­des, dem sich mein Schwei­gen un­ter­ge­ord­net hat, emp­fin­de ich als be­las­ten­de Lü­ge und Zwang, der Stra­fe in Aus­sicht stellt, so­bald er miss­ach­tet wird.» Das war das glei­che Mus­ter wie bei Martin Wal­ser und sei­ner «Moral­keu­le» Au­schwitz, wo­nach das Re­den über den Ho­lo­caust nicht nur von Ju­den be­stimmt wer­de, son­dern die­ses die Deut­schen in ei­ne stum­me Ab­hän­gig­keit drän­ge – Wal­ser, des­sen Pauls­kir­chen­re­de 1998 der Start­schuss der Exkul­pa­ti­ons­lust der Deut­schen war, zeigt sich im­mer wie­der als Stich­wort­ge­ber all der Schluss­stri­cher, die mit ihm sa­gen wol­len: «Ich ver­spü­re mei­nen An­teil an Au­schwitz nicht, das ist ganz si­cher.» Die­ser Ton, von Wal­ser schon in den Sieb­zi­ger­jah­ren in­to­niert, wur­de mehr und mehr zum Grund­rau­schen der Ge­gen­wart, ein Land such­te sich neue Fun­da­men­te. «Als Ein­zel­ne kön­nen wir uns nur ein­ge­ste­hen, dass wir nicht aus­ge­rüs­tet sind, die Au­schwitz-schuld zu er­tra­gen», so Wal­ser. «Das heisst: Nach all den li­be­ra­len oder eman­zi­pa­ti­ven Ent­bin­dungs­ak­ten fin­den wir uns als Un­be­lang­ba­re vor.» Die­se Ge­ne­ra­ti­on der Flak­hel­fer von Wal­ser und Grass schaff­te es, Ur­sa­che und Wir­kung zu ver­dre­hen und mit ein paar Sät­zen ih­re ei­ge­ne Wirk­lich­keit zu kon­stru­ie­ren, in­dem sie aus ih­rer ei­ge­nen Käl­te ei­ne Form von Sor­ge mach­te: Wir sind die Op­fer, wir dür­fen nicht sa­gen, was wir den­ken, be­haup­te­ten sie und scho­ben da­mit die Schuld den ei­gent­li­chen Op­fern zu.

Et­was än­der­te sich al­so in die­ser Zeit im Ge­fü­ge die­ses Deutsch­lands, es wur­den wie­der die Stim­men lau­ter, die nach ei­nem Schluss­strich un­ter «die­se 12 Jah­re» (Afd-chef Alex­an­der Gau­land) rie­fen, es wur­den wie­der Sät­ze ge­sagt, of­fen und selbst­si­cher, die die Op­fer ver­letz­ten oder ver­höhn­ten – und es wa­ren eben die Ge­bil­de­ten, die die­se Sät­ze sag­ten, nicht die von den Ar­beits­äm­tern oder den Bil­lig­su­per­märk­ten, es wa­ren die aus den Buch­hand­lun­gen und den Sa­lons, die schon mal die spä­te­re Be­gleit­mu­sik für die AFD in­to­nier­ten. So wie es ein Freund von mir er­leb­te, ein Mu­si­ker und Ju­de, der zu ei­nem Abend­es­sen im bür­ger­li­chen Um­feld ein­ge­la­den wur­de, und als das Ge­spräch auf «Un­se­re Müt­ter, un­se­re Vä­ter» kam, wur­de er im­mer stil­ler und stil­ler, weil er sich im­mer frem­der und un­ge­be­te­ner fühl­te, wie ein Gast bei ei­nem Ge­spräch, das nicht für ihn ge­dacht ist. Und ir­gend­wann wur­de die­se lau­te, die­se sehr lau­te Stil­le be­merkt, und ei­ner der An­we­sen­den stell­te sehr kühl fest: «Kein Wun­der, dass du den Film nicht magst.» War­um?, frag­te mein Freund. «Weil ihr jetzt zum Glück nicht mehr die Deu­tungs­ho­heit über un­se­re Ge­schich­te habt.» Er ging dann bald nach

Was die kon­ser­va­ti­ven Kul­tur­kri­ti­ker ziem­lich sys­te­ma­tisch auf­bau­ten, war das Bild ei­nes an­de­ren Lan­des als die­ser BRD, die sie so hass­ten.

Hau­se, mein Freund, aber rich­tig er­holt hat er sich von die­sem Abend nicht mehr, sagt er. Es sei et­was zer­bro­chen, es sei et­was of­fen­bar ge­wor­den, was er viel­leicht nur nicht ge­spürt hat­te, weil es hin­ter viel Ver­stel­lung ver­steckt war, die­se gä­ren­de Wut der Deut­schen auf die Op­fer, die ih­nen die Ta­ten ih­rer Vä­ter und Gross­vä­ter im­mer noch vor Au­gen führ­ten. Die Op­fer al­so wa­ren schuld am Übel die­ser Ge­gen­wart, die sich der ei­ge­nen De­fi­ni­ti­on ent­zog. Es war ei­ne schlei­chen­de Re­po­li­ti­sie­rung der kul­tu­rel­len Sphä­re von rechts, durch Fil­me, durch Bü­cher, durch Künst­ler und Schrift­stel­ler, die sich zu ei­ner ex­tra­kon­ser­va­ti­ven Bour­geoi­sie form­ten, de­zi­diert ein Ge­gen­mo­dell zur Nach-68er-bür­ger­lich­keit. Ih­re The­men fan­den sie nicht nur in der Ver­gan­gen­heit, ver­bun­den wa­ren die De­bat­ten, die sie an­zet­tel­ten, in dem Wil­len, die Ge­gen­wart und vor al­lem die Zu­kunft in der of­fe­nen, plu­ra­lis­ti­schen Gestalt zu ver­hin­dern.

Der Auf­stieg der AFD, An­fang 2013 ge­grün­det, wur­de be­glei­tet von ei­nem bür­ger­li­chen Bas­so con­ti­nuo, mit dem erst Res­sen­ti­ments in den ver­schie­dens­ten For­men kul­ti­viert und mehr und mehr ge­ne­rell fort­schritts- oder ver­nunft­feind­li­che, an­ti­in­di­vi­dua­lis­ti­sche oder an­ti­de­mo­kra­ti­sche Ge­dan­ken in ge­pfleg­ter Form un­ters ge­bil­de­te Volk ge­bracht wur­den. Was sie hier ziem­lich sys­te­ma­tisch auf­bau­ten, die kon­ser­va­ti­ven Kul­tur­kri­ti­ker, war das Bild ei­nes an­de­ren Lan­des als die­ser BRD, die sie so hass­ten, die­ses Land, das es schon ei­ne Wei­le nicht mehr gab, das Land von Fass­bin­der und Vi­dal Sas­so­on, das Land von Luh­mann, Fau­ser und Ha­ber­mas, das Land, das Hein­rich Böll so zart und trau­rig be­schrei­ben konn­te, in sei­nem viel­leicht bes­ten Ro­man, «An­sich­ten ei­nes Clowns», das Land, das Hein­rich Böll so hart und wü­tend be­schrei­ben konn­te, in sei­nem viel­leicht schlech­tes­ten Ro­man, «Die ver­lo­re­ne Eh­re der Kat­ha­ri­na Blum», das Land von Mut­lan­gen, Wa­ckers­dorf und «Em­ma», das Land von Mar­cel Reich-ra­ni­cki und Joa­chim Kaiser, das Land von «Tem­po», Kraft­werk und Kip­pen­ber­ger, das schöns­te, bes­te Deutsch­land, das es bis da­hin ge­ge­ben hat­te, ein Knie­fall-land, ein Draus­sen-nur-känn­chen-land, ein U-bahn-land, ein Fe­ri­en-im-aus­land-land, ein schul­di­ges Land, ein un­si­che­res Land, ein Land, das sich klei­ner mach­te, als es war, ein Gas­t­ar­bei­ter­land, ein Asyl­be­wer­ber-land, ein Ver­spre­chen von ei­nem Land, das auf ein­mal klar und ele­gant sein konn­te wie ein We­cker von Braun und hell und licht wie das Münch­ner Olym­pia­sta­di­on. Das al­les woll­ten sie nicht mehr.

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