Wes­halb ist es so schwer, über den Kli­ma­wan­del zu kom­mu­ni­zie­ren?

ei­ne rei­se nach Tuvalu und die Fra­ge, wes­halb Wis­sen­schaft­ler oft falsch verst an­den wer­den.

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - V o n Jo­nas Vogt

Tuvalu I

«Sie sind we­gen des kli­ma­wan­dels hier, oder?» mi­ri­a­ma Tau­ki­ei kennt das be­reits. Die jun­ge frau steht vor ih­rem haus in Tuvalu, nimmt ih­ren Sohn auf den Arm, Wel­len schwap­pen in ih­ren Vor­gar­ten. mi­ri­a­ma Tau­ki­ei ist in Tuvalu ge­bo­ren, mit dem meer vor der Tür auf­ge­wach­sen. Sie weiss, dass ihr land draus­sen in der Welt vor al­lem da­für be­kannt ist, von eben­die­sem meer ver­schluckt zu wer­den. Und sie weiss auch, dass ihr haus ge­nau da­für ein per­fek­tes Sym­bol ist. Zwi­schen der wack­li­gen hüt­te, die sie mit ih­rem mann ke­pa­si be­wohnt, und der la­gu­ne sind es viel­leicht an­dert­halb me­ter. Das fun­da­ment liegt zwan­zig Zen­ti­me­ter über dem mee­res­spie­gel, bei star­kem Wind wird das haus oft un­ter­spült. Die fa­mi­lie lebt ganz gut da­mit, nur die elek­tro­nik der Wasch­ma­schi­ne lei­det un­ter der sal­zi­gen feuch­tig­keit.

Tuvalu ist das viert­kleins­te land der Welt. Die in­sel­grup­pe im Pa­zi­fik liegt im mit­tel zwei me­ter über dem mee­res­spie­gel. Steigt er, ver­sinkt sie. Das gilt seit lan­gem als aus­ge­macht. Ver­tre­ter Tu­va­lus hiel­ten emo­tio­na­le Re­den auf Un-kli­ma­kon­fe­ren­zen, es wur­den et­li­che Do­ku­men­tar­fil­me über Tuvalu ge­dreht. Über die in­seln, die ver­sin­ken, die es nicht mehr lan­ge ge­ben wird, wenn wir nicht bald es et­was un­ter­neh­men.

nur: Der fall Tuvalu ist et­was kom­ple­xer.

Die Me­di­en I

Paul kench ist ein neu­see­län­der, der mit sei­ner mei­nung nicht hin­term Berg hält. Am Te­le­fon flucht er, spuckt be­stimm­te Wor­te aus, wenn er sich är­gert. Und er är­gert sich oft. kench ist geo­mor­pho­lo­ge an der Uni Auck­land. er hat sein le­ben der fra­ge ge­wid­met, wie sich die küs­ten von in­seln phy­sisch ver­än­dern. im fe­bru­ar 2018 er­schien im fach­ma­ga­zin «na­tu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons» ei­ne Stu­die der Uni Auck­land, an der kench mass­geb­lich mit­ge­ar­bei­tet hat. Die Wis­sen­schaft­ler ver­g­li­chen Sa­tel­li­ten­auf­nah­men von Tuvalu aus dem jahr 1971 mit ak­tu­el­len. Das er­geb­nis: Zwi­schen 1971 und 2014 hat die land­flä­che von Tuvalu – des Staats, der vom meer über­spült wird – um 73,5 hekt­ar zu­ge­nom­men. Der mee­res­spie­gel ist ge­stie­gen, so­gar stär­ker als im welt­wei­ten Durch­schnitt. Aber die in­sel­grup­pe ist nicht klei­ner, son­dern grös­ser ge­wor­den. Die Stu­die wi­der­spricht al­len gän­gi­gen nar­ra­ti­ven. kench er­zählt, dass er an­fangs Schwie­rig­kei­ten hat­te, ein ma­ga­zin zu fin­den, das sie ver­öf­fent­li­chen woll­te.

«Tuvalu ist nicht ver­sun­ken, son­dern grös­ser ge­wor­den», ti­tel­te «Die Pres­se» in Wi­en. Das ist nicht falsch, im De­tail wa­ren die er­geb­nis­se aber kom­pli­ziert. Die flä­che Tu­va­lus ver­teilt sich auf 101 in­seln. in den letz­ten knapp 50 jah­ren sind da­von 73 grös­ser ge­wor­den, 28 klei­ner. Un­term Strich blieb ein Plus. Den gröss­tes Zu­wachs gab es bei den mit­tel­gros­sen, zur­zeit un­be­wohn­ten in­seln. «Wir ge­hen da­von aus, dass sich die Wel­len­mus­ter ge­än­dert ha­ben und mehr Se­di­ment an­ge­spült wur­de», sagt kench. Da müs­se man aber vor­sich­tig sein, die Ur­sa­chen sei­en nicht Teil der Stu­die ge­we­sen. Seht her, auch die­se Be­haup­tung der kli­ma­for­scher war falsch. So ti­tel­ten die Blog­ger der kli­ma­wan­delskep­ti­ker­sze­ne. Die Re­zep­ti­on macht kench bis heu­te wü­tend. «Un­se­re Stu­die wur­de tri­um­phie­rend durch die Blog­ger­sze­ne der Skep­ti­ker durch­ge­reicht», sagt er. «Was für ein Blöd­sinn. Wir ha­ben kei­ne Aus­sa­ge über den kli­ma­wan­del ge­macht, son­dern über die Ve­rän­de­run­gen der küs­te ei­ner in­sel­grup­pe.»

Die ge­fahr, dass Stu­di­en­er­geb­nis­se in der Öf­fent­lich­keit miss­ver­stan­den wer­den, ist gross. Wis­sen­schaft ist kom­pli­ziert, es ist ein stän­di­ger Pro­zess des fal­si­fi­zie­rens. Das be­deu­tet, dass Aus­sa­gen so lan­ge ih­re gül­tig­keit ha­ben, bis sie wi­der­legt wer­den kön­nen. hy­po­the­sen wer­den auf­ge­stellt, dis­ku­tiert und wie­der ver­wor­fen. Wis­sen­schaft ist ein Pro­zess. Das ist in ei­ner me­di­en­welt, in der for­schung meist un­ter dem Schlag­wort «Wis­sen­schaft­ler ha­ben her­aus­ge­fun­den, dass» vor­kommt, schwer ab­zu­bil­den.

ex­per­ten ei­nes fach­ge­biets kön­nen sich in 95 Pro­zent der fra­gen ei­nig sein – um­strit­te­ne De­tail­fra­gen wer­den in der Re­gel blei­ben. «Wir ver­ste­hen die gro­ben Pro­zes­se des kli­mas heu­te sehr gut. Das heisst nicht, dass es in den De­tails kei­ne Un­si­cher­hei­ten gibt», sagt Tho­mas Sto­cker, kli­ma­for­scher an der Uni Bern. es wird im­mer The­sen ge­ben, die von neu­en er­kennt­nis­sen über den hau­fen ge­wor­fen wer­den. kli­maskep­ti­ker be­ob­ach­ten die Wis­sen­schafts­de­bat­te, war­ten auf ge­nau sol­che mel­dun­gen wie die Stu­die über Tuvalu. Sie hel­fen ih­nen, den über­wäl­ti­gen­den kon­sens un­ter kli-

«Wir ha­ben kei­ne Aus­sa­ge ge­macht über den kli­ma­wan­del, son­dern über die Ve­rän­de­rung der küs­te ei­ner in­sel­grup­pe.»

ma­for­schern als brü­chig dar­zu­stel­len. Und da­her ver­steckt sich hin­ter der Ge­schich­te vom Un­ter­gang Tu­va­lus auch ei­ne der gros­sen Fra­gen der Wis­sen­schaft und ih­res Um­gangs mit der Öf­fent­lich­keit:

Wie soll man den Kli­ma­wan­del so kom­mu­ni­zie­ren, dass Lai­en die Dring­lich­keit ver­ste­hen, oh­ne Ge­fahr zu lau­fen, durch Über­trei­bun­gen den Skep­ti­kern Mu­ni­ti­on zu lie­fern?

2017 er­schien im «New York»ma­ga­zin ein Ar­ti­kel mit dem Ti­tel «The In­ha­bi­ta­ble Earth», «Die un­be­wohn­ba­re Er­de». Da­rin wur­de ei­ne dys­to­pi­sche Zu­kunft be­schrie­ben: Wei­te Tei­le der Er­de könn­ten schon in der Le­bens­span­ne ei­nes heu­te Dreis­sig­jäh­ri­gen nicht mehr be­wohn­bar sein, das Le­ben in den Städ­ten der west­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on un­er­träg­lich wer­den. Nichts von dem, was in dem Ar­ti­kel stand, war grund­sätz­lich un­wis­sen­schaft­lich. Und doch wur­de er auf brei­ter Front kri­ti­siert, weil er sich auf die Ex­tremsze­na­ri­en kon­zen­trier­te. «Die Be­wei­se da­für, dass der Kli­ma­wan­del ein ernst­haf­tes Pro­blem ist, sind über­wäl­ti­gend», schrieb der Kli­ma­for­scher Micha­el E. Mann. «Es gibt kei­nen Grund, den Stand der For­schung über­trie­ben dar­zu­stel­len.»

Un­ter Kli­ma­for­schern tobt schon seit län­ge­rem ei­ne De­bat­te dar­über, wie man die wahr­schein­li­chen Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels öf­fent­lich dar­stel­len soll­te. Die De­bat­te ist kom­pli­ziert, im Grun­de gibt es aber zwei La­ger. Die ei­nen plä­die­ren für Vor­sicht, blei­ben in der zu­rück­hal­ten­den Spra­che der Wis­sen­schaft, kom­mu­ni­zie­ren aus­schliess­lich das, was man mit ho­her Wahr­schein­lich­keit sa­gen kann. Die an­de­ren sind der An­sicht, dass das nicht mehr aus­rei­che. Der Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del sei ei­ne Auf­ga­be von epo­cha­lem Aus­mass. Man müs­se den Men­schen po­ten­zi­ell ver­hee­ren­de Sze­na­ri­en vor Au­gen hal­ten, selbst wenn die­se auf der un­te­ren Ska­la der Wahr­schein­lich­keit lie­gen.

Ver­ein­facht ge­sagt, hat man, wenn man den Kli­ma­wan­del kom­mu­ni­zie­ren soll, zwei Mög­lich­kei­ten. Man kann rea­lis­tisch blei­ben – auf die Ge­fahr hin, dass es nie­man­den in­ter­es­siert. Oder man kann apo­ka­lyp­tisch wer­den – auch auf die Ge­fahr hin, dass die Apo­ka­lyp­se dann aus­bleibt.

Tuvalu II

Tuvalu ist so et­was wie das En­de der Welt. Dort, wo man in eu­ro­zen­tri­scher Tra­di­ti­on die Welt­kar­te zer­schnei­det. Von Fi­ji aus sind es drei Stun­den Flug mit­ten in den Pa­zi­fi­schen Oze­an. 11000 Ein­woh­ner ver­tei­len sich auf neun Atol­le, knapp zwei Drit­tel da­von le­ben auf dem dicht be­sie­del­ten Haupt­atoll Fu­n­a­fu­ti. Es sind win­zi­ge, schma­le Ei­lan­de, klei­ne Stri­che in der end­lo­sen, blau­en Wei­te.

Tuvalu hat kaum In­fra­struk­tur, kaum be­son­de­re Se­hens­wür­dig­kei­ten, nur et­wa tau­send Tou­ris­ten be­su­chen den Pa­zi­fik­staat im Jahr. Aber man muss hier­her kom­men und es mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen ha­ben, um zu ver­ste­hen, war­um die­ses Land so gut als Sym­bol für die Ge­fah­ren des stei­gen­den Mee­res­spie­gels funk­tio­niert. Nur in Tuvalu selbst kann man spü­ren, was es heisst, dem Oze­an wirk­lich aus­ge­setzt zu sein. Der Satz «Tuvalu liegt durch­schnitt­lich zwei Me­ter über dem Mee­res­spie­gel» ist abs­trakt. Kon­kret be­deu­tet er: Man kann auf Fu­n­a­fu­ti auf der ei­nen Sei­te der In­sel mit den Füs­sen im Was­ser ste­hen und das Meer auf der an­de­ren Sei­te se­hen. Ein fla­cher, zwei­hun­dert Me­ter schma­ler Strei­fen, auf dem Men­schen le­ben, links und rechts Tau­sen­de Ki­lo­me­ter weit nur Ho­ri­zont und Was­ser.

Die Men­schen trot­zen dem Meer Le­bens­raum ab, mehr noch: ihr Le­ben. Sie fi­schen, fah­ren zur See. Tu­va­lua­ner ha­ben ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on als Ma­tro­sen. Der Oze­an hat über Jahr­hun­der­te das Le­ben auf den In­seln mög­lich ge­macht. Und wenn nichts pas­siert, wird er es bis En­de des Jahr­hun­derts un­mög­lich ma­chen.

Der Mann, der das ver­hin­dern möch­te, sitzt in ei­nem kli­ma­ti­sier­ten Raum im zwei­ten Stock des Amts­ge­bäu­des auf Fu­n­a­fu­ti. Ene­le So­po­aga, Pre­mier­mi­nis­ter von Tuvalu, ist ein äl­te­rer, stol­zer Mann mit grau­en Haa­ren und Schnurr­bart. Auch in sei­nem Bü­ro ist das The­ma Kli­ma­wan­del all­ge­gen­wär­tig, ei­ne Ko­pie des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens lehnt sicht­bar an der Couch. So­po­ga fliegt an Kon­fe­ren­zen, macht in­ter­na­tio­nal Druck. Er hat Do­nald Trump zur Wahl gra­tu­liert, gab ihm aber die War­nung mit, dass «al­le im sel­ben Ka­nu sit­zen». Trump hat ihm nie ge­ant­wor­tet.

Die Men­schen Tu­va­lus sei­en be­sorgt, sagt So­po­aga. Seit 2013 ist er Pre­mier­mi­nis­ter. Er will sich nicht da­mit ab­fin­den, dass die In­seln ver­lo­ren sei­en. Man müs­se das The­ma in­ter­na­tio­nal wei­ter vor­an­trei­ben, der Welt er­zäh­len, was hier pas­sie­re. Aber auch vor Ort kon­kre­te Pro­jek­te vor­an­trei­ben, um bes­ser mit den Ve­rän­de­run­gen um­ge­hen zu kön­nen.

«Wir kön­nen Tuvalu ret­ten», sagt So­pa­ga. «Um das zu schaf­fen, müs­sen wir mit der Welt zu­sam­men­ar­bei­ten.»

Tuvalu ist ein ar­mes Land, und es fliesst in­ter­na­tio­na­les Geld nach Tuvalu. Aus­tra­li­en ist ein wich­ti­ger Geld­ge­ber, wohl auch, weil das Land im Pa­zi­fik stra­te­gi­sche In­ter­es­sen hat und die ers­te An­lauf­stel­le ist, wenn In­seln un­be­wohn­bar wer­den. Un­längst lief in Tuvalu das Tuvalu Co­as­tal Ad­ap­ta­ti­on Pro­ject (TCAP) an, ein Pro­jekt, das be­stimm­te Küs­ten­be­rei­che und wich­ti­ge Ein­rich­tun­gen wie Kran­ken­häu­ser vor den Aus­wir­kun­gen der Ero­si­on schüt­zen soll. Das Pro­jekt ist breit an­ge­legt, setzt so­wohl auf «har­te» Mass­nah­men wie Küs­ten­wäl­le als auch auf sanf­te Me­tho­den wie die Stär­kung lo­ka­ler In­sti­tu­tio­nen. TCAP ist auf sie­ben Jah­re an­ge­legt. 36 Mil­lio­nen Us-dol­lar kom­men vom Green Cli­ma­te Fund der UN, die Re­gie­rung Tu­va­lus steu­ert 2,9 Mil­lio­nen Dol­lar bei.

Tuvalu hat sich die Rol­le als Op­fer des Kli­ma­wan­dels nicht aus­ge­sucht, an sei­ner Rol­le als Sym­bol wur­de al­ler-

dings durch­aus ge­ar­bei­tet. Auf den letz­ten Un-kli­ma­kon­fe­ren­zen hat­ten die Ver­tre­ter Tu­va­lus pro­mi­nen­te Auf­trit­te. 2009 hielt Ian Fry, Aus­tra­li­er und Tu­va­lus Chef­un­ter­händ­ler in Sa­chen Kli­ma­wan­del, in Ko­pen­ha­gen ei­ne emo­tio­na­le Re­de, in der er un­ter an­de­rem be­rich­te­te, an je­nem Mor­gen wei­nend auf­ge­wacht zu sein. Mäch­ti­ge Bil­der, die un­ter den De­le­gier­ten Ap­plaus, hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand al­ler­dings auch Kopf­schüt­teln aus­lös­ten. Es gibt Wis­sen­schaft­ler wie Paul Kench, die Tuvalu vor­wer­fen, al­les zu igno­rie­ren, was nicht in das be­ste­hen­de Nar­ra­tiv passt. Die Jour­na­lis­tin An­ke Rich­ter, die Tuvalu 2007 be­reis­te, be­rich­te­te von ei­nem Staats­se­kre­tär, der ihr un­ver­blümt ins Ge­sicht sag­te, dass man den Kli­ma­wan­del «sen­sa­tio­na­li­sie­re», um an in­ter­na­tio­na­le Hilfs­gel­der zu kom­men. Das The­ma Kli­ma­wan­del ist auf Tuvalu all­ge­gen­wär­tig und trotz­dem hei­kel. Die Men­schen re­den vor­sich­tig, In­ter­views wer­den in letz­ter Mi­nu­te ab­ge­sagt.

Über das The­ma Kli­ma­wan­del zu re­den, ist auch des­halb so kom­pli­ziert, weil sich tech­ni­sche, po­li­ti­sche, aber auch ei­ne mo­ra­li­sche Fra­ge ver­mi­schen. Es geht um Schuld, um Ver­ant­wor­tung, aber es geht auch um die Fra­ge von Mög­lich­kei­ten und auf wel­che Schul­tern die Last ver­teilt wird. Der Kli­ma­wan­del wird von den Rei­chen der Er­de ver­ur­sacht, trifft je­doch die Ar­men deut­lich hef­ti­ger. Ein Land wie die Nie­der­lan­de kann es sich leis­ten, jähr­lich Mil­li­ar­den aus­zu­ge­ben, um sei­ne Küs­ten vor Ero­si­on zu schüt­zen. Tuvalu kann das nicht. Selbst wenn ein ar­mes Land ein re­al exis­tie­ren­des Pro­blem emo­tio­na­li­siert: Kann man ihm da ei­nen Vor­wurf ma­chen?

Die Me­di­en II

Der Som­mer 2018 war un­ge­wöhn­lich heiss, und wie im­mer wenn es un­ge­wöhn­lich heiss ist, ist das The­ma Kli­ma­wan­del über­all prä­sent. Me­di­en ma­chen Ex­per­ten­in­ter­views, schrei­ben emo­tio­na­le Kom­men­ta­re, jon­glie­ren mit den Phä­no­me­nen Hit­ze und Dür­re (und tun da­bei oft fälsch­li­cher­wei­se so, als sei­en sie Syn­ony­me). Im Som­mer 2018 war aber auch wie­der zu se­hen, wie Teil­be­rei­che der Ge­sell­schaft an­ein­an­der vor­bei­re­den, weil sie un­ter­schied­lich funk­tio­nie­ren.

Der Jour­na­lis­mus sagt: Jetzt ist es heiss, al­so in­ter­es­siert die Leu­te das The­ma Kli­ma­wan­del jetzt. Die Wis­sen­schaft sagt: Der Kli­ma­wan­del er­höht mit ho­her Si­cher­heit die Chan­cen auf Ex­trem­wet­te­rer­eig­nis­se – der Schluss, dass ein be­stimm­tes Wet­te­rer­eig­nis auf den Kli­ma­wan­del zu­rück­zu­füh­ren sei, ist aber un­zu­läs­sig. Des­halb brem­sen Wis­sen­schaft­ler eher, wenn Jour­na­lis­ten sie an­ru­fen, um mit ih­nen über die 35 Grad zu re­den. Po­li­tisch öff­nen Ex­trem­som­mer al­ler­dings Hand­lungs­fens­ter, weil Men­schen die Not­wen­dig­keit von Mass­nah­men eher ver­ste­hen, wenn sie bei 35 Grad in ih­ren Woh­nun­gen schwit­zen. Die ers­ten Kli­maak­ti­vis­ten, die in den frü­hen 80er-jah­ren ver­such­ten, das The­ma Kli­ma­wan­del in der Us-po­li­tik zu ver­an­kern, lern­ten ge­nau das: Kli­ma­pres­se­kon­fe­ren­zen sind bei 30 Grad plus ef­fek­ti­ver. Ge­nau vor die­ser Art der po­li­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on schre­cken vie­le Wis­sen­schaft­ler zu­rück. Das pa­ra­do­xe Er­geb­nis: In Zei­ten, in de­nen sich die Leu­te am meis­ten für ih­re The­men in­ter­es­sie­ren, wer­den Wis­sen­schaft­ler vor­sich­tig.

Die De­bat­te, wie man den Kli­ma­wan­del kom­mu­ni­zie­ren soll, dreht sich nicht nur um den Zeit­punkt, wann ge­re­det wer­den soll, son­dern auch um das Wie. Es geht zum ei­nen um Spra­che, um die Wor­te, die be­nutzt wer­den. Eli­sa­beth Wehling, Sprach­wis­sen­schaft­le­rin und Ex­per­tin für Fra­ming, plä­diert seit lan­gem da­für, das Wort «Kli­ma­wan­del» nicht mehr zu be­nut­zen. «Wan­del» sei po­si­tiv be­setzt, es müs­se viel­mehr «Klimakatastrophe» heis­sen. Es geht zum an­de­ren aber auch um das Pro­blem, dass die Wis­sen­schaft ei­ne ei­ge­ne Teil­spra­che hat, die aus­ser­halb der Uni­ver­si­tä­ten miss­ver­stan­den wird. Sagt ein Wis­sen­schaft­ler «Wir se­hen kei­ne bis we­nig An­zei­chen, die für die­se The­se spre­chen», meint er ei­gent­lich: Das ist Bull­s­hit. Und es gibt durch­aus Wis­sen­schaft­ler, die sa­gen, viel­leicht müss­te man das auch in der Öf­fent­lich­keit öf­ter ein­mal so sa­gen.

Es geht in der De­bat­te aber vor al­lem auch um Bil­der. Das viel­leicht mäch­tigs­te Bild der jün­ge­ren Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on ist die Ho­ckey­schlä­ger­kur­ve. Ei­ne Tem­pe­ra­tur­kur­ve in Form ei­nes Ho­ckey­schlä­gers: lan­ge Zeit flach, erst weit rechts schnellt sie plötz­lich in die Hö­he. 1999 von Micha­el E. Mann ein­ge­führt, zeich­net sie ein ein­fa­ches Bild, das je­der ver­steht: Lan­ge Zeit pas­sier­te bei der Tem­pe­ra­tur we­nig. Seit En­de des 19. Jahr­hun­derts, al­so seit der Mensch mit sei­ner In­dus­trie kräf­tig mit­mischt, geht es ex­po­nen­ti­ell hin­auf. Auch wenn die Ho­ckey­schlä­ger­kur­ve, oder ge­nau­er: ih­re öf­fent­li­che Darstel­lung, die­sen Pro­zess stark ver­ein­facht dar­stellt, Schwan­kun­gen glatt bü­gelt und auch un­ter Wis­sen­schaft­lern kri­ti­siert wird, hat es bis­lang noch nie­mand ge­schafft, ih­re Gr­und­aus­sa­ge zu wi­der­le­gen. Auch wenn das häu­fig ge­nug ver­sucht wur­de: Die Us-ame­ri­ka­ni­sche Ener­gie­in­dus­trie er­kann­te schnell das ge­fähr­lich Po­ten­zi­al ei­ner Kur­ve, die je­der ver­steht, und pump­te seit An­fang der Nul­ler­jah­re Mil­lio­nen in Ver­schleie­rungs­kam­pa­gnen. «Der Ho­ckey­schlä­ger war das Schlimms­te, was der In­dus­trie pas­sie­ren konn­te», sag­te Mann 2012 der «Zeit».

Jour­na­lis­mus ist, an­ders als die Wis­sen­schaft, nicht an Vor­sicht und Zu­rück­hal­tung ge­bun­den. Die Kli­ma­be­richt­er­stat­tung pen­delt zwi­schen Igno­ranz und Alar­mis­mus, sucht sich ger­ne Bil­der her­aus, die ei­ner nüch­ter­nen Be­trach­tung nicht stand­hal­ten. Der «Spie­gel» co­ver­te ein­mal mit dem Köl­ner Dom, der bis zu den Tür­men un­ter Was­ser stand, es wur­de über Nil-

In Zei­ten, in de­nen sich die Leu­te am meis­ten für ih­re The­men in­ter­es­sie­ren, wer­den Wis­sen­schaft­ler vor­sich­tig.

pfer­de im Rhein spe­ku­liert. Aber auch ab­seits sol­cher Ex­trem­bil­der ber­gen Zu­kunfts­sze­na­ri­en ein Pro­blem: Die Mög­lich­keit, dass ein Er­eig­nis ein­tre­ten könn­te, heisst nicht, dass es ein­tritt. Es ist ein­fach, über Alar­mis­mus die Na­se zu rümp­fen. Das Pro­blem: Es gibt durch­aus auch Bei­spie­le, in de­nen er letzt­lich po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen hat­te. Das be­rühm­tes­te ist das Phä­no­men Wald­ster­ben. Der Be­griff wur­de 1979 in die De­bat­te ein­ge­führt und traf ins Schwar­ze. Mo­na­te­lang war das The­ma in Deutsch­land, in Ös­ter­reich und in der Schweiz rie­sig, führ­te zum Er­star­ken der Um­welt­be­we­gung, war Ge­burts­hel­fer der Grü­nen. Und führ­te letzt­lich zu stren­gen in­dus­trie­po­li­ti­schen Vor­ga­ben, die den sau­ren Re­gen, der die Wäl­der an­griff, ein­dämm­ten. Auch Be­für­wor­ter der Theo­rie sa­gen heu­te, dass die Zu­kunfts­sze­na­ri­en über­trie­ben wa­ren: Eu­ro­pa wä­re nicht schlei­chend wald­los ge­wor­den. Aber die Dis­kus­si­on über eben­die­se Sze­na­ri­en ha­be zu po­li­ti­schen Mass­nah­men ge­führt, um die Wäl­der zu schüt­zen. Der Alar­mis­mus ha­be sich qua­si selbst sei­ne Grund­la­ge ent­zo­gen.

Tuvalu III

Pa­se Ta­laa­pa ist ein ru­hi­ger, freund­li­cher Mann. Der 59-Jäh­ri­ge trägt ei­nen tra­di­tio­nel­len Wi­ckel­rock, sein Hemd spannt über dem Bauch. Ta­laa­pa ist der Chef des Stadt­rats von Fu­n­a­fu­ti, al­so der Lo­kal­re­gie­rung des Haupt­atolls. Ta­laa­pa fliegt nicht um die Welt, und doch be­schäf­tigt er sich täg­lich mit den Aus­wir­kun­gen des stei­gen­den Mee­res­spie­gels auf die Men­schen Fu­n­a­fu­tis. Wenn man so will, ist er ein Fuss­sol­dat an der Front ge­gen den Kli­ma­wan­del. «Die Men­schen kom­men mit ih­ren Pro­ble­men und Fra­gen zu mir und er­war­ten Ant­wor­ten.» Ta­laa­pa re­det ru­hig, ab­ge­klärt, aber man hört die Schwe­re sei­ne Auf­ga­be her­aus. Fu­n­a­fu­ti wird nicht nur durch den Kli­ma­wan­del her­aus­ge­for­dert, son­dern auch durch Zu­zug auf die nur zwei Qua­drat­ki­lo­me­ter gros­se Haupt­in­sel Fon­ga­fa­le. Bau­grund gibt es seit län­ge­rem kaum mehr. Re­geln, wie vie­le Men­schen in ei­nem Haus woh­nen dür­fen, sind in der fa­mi­li­är ge­präg­ten Ge­sell­schaft Tu­va­lus schwer durch­zu­set­zen. In Zei­ten knap­per wer­den­der Res­sour­cen muss Ta­laa­pa Ant­wor­ten für mehr Men­schen fin­den. Wie soll das ge­hen?

Ir­gend­wann im Ge­spräch holt Ta­laa­pa Kar­ten her­aus, be­ginnt über die Zu­kunft zu re­den. In den Schub­la­den der Ver­ant­wort­li­chen fin­den sich ver­schie­de­ne Plä­ne für das, was ein­mal kom­men wird. Die In­seln auf­zu­ge­ben ist, an­ders als frü­her vor al­lem von aus­tra­li­schen Zei­tun­gen spe­ku­liert, kei­ne Op­ti­on. 2019 soll da­mit be­gon­nen

wer­den, 150 Men­schen auf ei­ne In­sel ne­ben Fon­ga­fa­le um­zu­sie­deln, um ein we­nig Druck von der Haupt­in­sel zu neh­men. Mit­tel­fris­tig gibt es Über­le­gun­gen, in der La­gu­ne ei­ne künst­li­che In­sel auf­zu­schüt­ten, um Le­bens­raum zu schaf­fen.

Es gibt in der Ge­schich­te, die Tuvalu er­zählt, noch an­de­re Aspek­te, über die vor Ort nicht so ger­ne ge­re­det wird. Küs­te­ne­ro­si­on ist kein Phä­no­men, das mit dem Kli­ma­wan­del be­gann. Den Pro­zess hat es auf Atol­len im­mer ge­ge­ben. Men­schen leb­ten mit der be­weg­li­chen Küs­te, bau­ten Pfahl­häu­ser, leg­ten ih­re Un­ter­künf­te tem­po­rä­rer an. Die In­seln wa­ren ins­ge­samt viel dün­ner be­sie­delt. Heu­te ist das an­ders. Auf oh­ne­hin stark be­wohn­ten In­seln wird je­der Qua­drat­me­ter ver­baut. Die Men­schen im Pa­zi­fik wol­len le­ben wie Men­schen in an­de­ren Tei­len der Welt. Das macht ihr Le­ben aber sehr viel ver­wund­ba­rer für die Aus­wir­kun­gen von Ero­si­on und Ex­trem­wet­te­rer­eig­nis­sen. Ur­ba­ni­sier­te Atoll­ge­sell­schaf­ten ge­hö­ren zu den fra­gils­ten mensch­li­chen An­sie­de­lun­gen der Er­de.

Man muss sich von dem Ge­dan­ken ver­ab­schie­den, dass ei­ne In­sel­grup­pe un­ter­ge­hen wür­de wie die Ti­ta­nic. Das ist nicht die Ge­schich­te, die Tuvalu er­zählt. Auf Tuvalu zieht nie­mand ei­nen Stöp­sel, Tuvalu geht an­ders un­ter. Die Bö­den ver­sal­zen zu­neh­mend, seit knapp zehn Jah­ren kann das Grund­was­ser auf Fu­n­a­fu­ti nicht mehr ge­nutzt wer­den. Tra­di­tio­nel­le Land­wirt­schaft wird zu­neh­mend un­mög­lich. Die Koral­len in der La­gu­ne blei­chen durch die wär­mer wer­den­den Mee­re aus und ster­ben ab, Fisch – die wich­tigs­te Nah­rungs­quel­le – wird da­durch we­ni­ger, und die Nah­rungs­si­cher­heit schwin­det. Tro­pi­sche Stür­me wer­den häu­fi­ger und tref­fen die dicht be­bau­ten In­seln mit ih­ren in Leicht­bau­wei­se er­rich­te­ten Hüt­ten mit vol­ler Wucht. Wenn Tuvalu ein Boot wä­re, hät­te es nicht das ei­ne, gros­se Loch, das es zum Sin­ken bringt, son­dern vie­le klei­ne. Das gröss­te Pro­blem Tu­va­lus ist die Was­ser­ver­sor­gung, das sich selbst ver­stärkt. Je­des Haus sam­melt Re­gen­was­ser in gros­sen Plas­tik­be­häl­tern, auf de­nen manch­mal Din­ge wie «Paid by Aus­tra­li­an Aid Pro­gram» ste­hen. Was wie­der­um zur Fol­ge hat, dass we­ni­ger Was­ser in die Süss­was­ser­lin­se un­ter dem Atoll nach­si­ckert, was die Bö­den sal­zi­ger macht. Und auch an vie­len klei­nen Ecken macht der Kli­ma­wan­del das Le­ben im Pa­zi­fik schwie­ri­ger. «Wir muss­ten un­se­re Un­ter­richts­zei­ten mitt­ler­wei­le nach vor­ne le­gen», sagt Fi­ne­a­so Te­hu­lu, Leh­rer an ei­ner Schu­le auf Vai­tu­pu. Mit­tags sei es be­reits zu heiss, um sich zu kon­zen­trie­ren.

Das ist viel­leicht die kom­pli­zier­te Wahr­heit, die Tuvalu er­zählt: Der Kli­ma­wan­del ver­stärkt die Pro­ble­me der pa­zi­fi­schen Atoll­ge­sell­schaf­ten eher, als dass er sie er­zeugt. Zu­min­dest nicht al­lein. Auch der Be­griff «Kli­ma­flücht­ling», in der po­li­ti­schen De­bat­te seit lan­gem ver­an­kert, ist schwie­rig, weil er kom­ple­xe Pro­zes­se ein­fach zu er­klä­ren ver­sucht. Es ist kom­pli­zier­ter: Der Kli­ma­wan­del ver­ur­sacht die Mi­gra­ti­ons­strö­me nicht mo­no­k­au­sal, son­dern ver­stärkt eher die be­reits be­ste­hen­den. In Tuvalu gibt es seit Jahr­zehn­ten ei­nen mehr­schich­ti­gen Mi­gra­ti­ons­druck: Schlecht bis mit­tel­gut aus­ge­bil­de­te Ar­beits­kräf­te zieht es von den äus­se­ren In­seln auf das Haupt­atoll, gut aus­ge­bil­de­te wan­dern nach Neu­see­land und Aus­tra­li­en aus. Die­sen Trend gibt es schon seit lan­gem, auch oh­ne den Kli­ma­wan­del. «Wenn auf der Welt ein Un­gleich­ge­wicht an Le­bens­chan­cen herrscht, ge­hen die Men­schen dort­hin, wo sie mehr Chan­cen ha­ben», sagt ein tu­va­li­scher Un­be­am­ter, des­sen Kin­der in Neu­see­land und Aus­tra­li­en ar­bei­ten. «Sind das Kli­ma­flücht­lin­ge? Ich glau­be, das ist zu ein­fach.»

Die Me­di­en III

Um die Hal­tung der Be­völ­ke­rung zum Kli­ma­wan­del zu be­schrei­ben, nut­zen Wis­sen­schaft­ler oft fünf Ka­te­go­ri­en: die Alar­mier­ten (sie sind am lau­tes­ten, tun aber we­nig); die be­un­ru­hig­ten Ak­ti­vis­ten (sind lei­ser, än­dern aber ihr Le­ben); die Vor­sich­ti­gen (sind be­sorgt, aber nicht zu sehr); die Un­be­tei­lig­ten (ver­su­chen, die De­bat­te zu um­ge­hen) und die Zwei­feln­den. Die Ver­tei­lung un­ter­schei­det sich von Ge­sell­schaft zu Ge­sell­schaft. Der An­teil der Zwei­feln­den ist laut ei­ner Stu­die von 2011 in Deutsch­land mit 10 Pro­zent re­la­tiv klein, ei­ne sechs­te Grup­pie­rung, die der «Ab­leh­nen­den», die in den USA 13 Pro­zent aus­ma­chen, ist in Deutsch­land qua­si nicht vor­han­den.

Die Ein­stel­lun­gen kor­re­lie­ren mit den so­zio­öko­no­mi­schen Ei­gen­schaf­ten. Das führt zur pa­ra­do­xen Si­tua­ti­on, dass die Un­be­tei­lig­ten we­ni­ger Au­to fah­ren und sel­te­ner flie­gen als die Alar­mier­ten – nicht aus Sor­ge ums Kli­ma, son­dern weil sie es sich nicht leis­ten kön­nen. Die fünf Tei­l­öf­fent­lich­kei­ten sind vor al­lem in­ter­es­sant, weil sie ver­schie­de­ne An­satz­punk­te für Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on bie­ten. Un­be­tei­lig­ten fehlt es häu­fig an Ba­sis­wis­sen, wäh­rend die Vor­sich­ti­gen vor al­lem mo­ti­viert wer­den müs­sen. «Es gibt nicht die Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on», sagt Adri­an Brüg­ger, Ver­hal­tens­for­scher an der Uni Bern. «Ich muss lo­kal ver­an­ker­te Men­schen an­ders an­spre­chen als viel rei­sen­de, glo­bal den­ken­de.»

Kli­ma-re­zep­ti­ons­for­schung ist ein kom­pli­zier­tes Feld. Der Zu­sam­men­hang von Bil­dern, aus­ge­lös­ten Ge­füh­len und mög­li­chen Fol­ge­hand­lun­gen ist we­nig er­forscht. Auch weil sich beim The­ma Kli­ma­wan­del Fra­gen von Selbst­wirk­sam­keit (Was kann ich tun? Und bringt das was?) und kol­lek­ti­ver Wirk­sam­keit (Wie brin­ge ich ei­ne Ge­sell­schaft da­zu, et­was zu tun?) über­lap­pen. «Men­schen sind zum Han­deln be­reit, wenn sie sich von ei­nem Pro­blem be­trof­fen füh­len und glau­ben, et­was da­ge­gen tun zu kön­nen», sagt Brüg­ger. Das funk­tio­nie­re bei ei­nem The­ma wie Krebs, beim Kli­ma­wan­del sei bei­des nur be­dingt ge­ge­ben.

Nicht im­mer füh­ren die ge­wähl­ten Bil­der zu den ge­wünsch­ten Er­geb­nis-

Apo­ka­lyp­ti­sche Bil­der kön­nen Men­schen das Ge­fühl ver­mit­teln, man kön­ne oh­ne­hin nichts mehr tun.

sen. Apo­ka­lyp­ti­sche Bil­der kön­nen Men­schen das Ge­fühl ver­mit­teln, man kön­ne oh­ne­hin nichts mehr tun. Bil­der, die Hoff­nung ma­chen, kön­nen sug­ge­rie­ren, es müss­te nichts mehr ge­tan wer­den. Man­che Bil­der, die frü­her ein wich­ti­ger To­pos der Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on wa­ren, sind heu­te eher aus der Mo­de ge­ra­ten – der trau­ri­ge Eis­bär auf dem schmel­zen­den Eis et­wa. Men­schen, die sich für Eis­bä­ren in­ter­es­sie­ren, sind meist oh­ne­hin für den Kli­ma­wan­del sen­si­bi­li­siert. Heu­te ver­sucht man es eher mit lo­ka­len Be­zü­gen: Was heisst der Kli­ma­wan­del für die Schweiz, wo die Jah­res­durch­schnitts­tem­pe­ra­tur um zwei Grad ge­stie­gen ist? Was be­deu­tet er für Zü­rich, für Ber­lin, für Wi­en? Und was für mich per­sön­lich?

Jour­na­lis­mus ha­be da­bei vor al­lem die Auf­ga­be zu in­for­mie­ren, oh­ne die De­bat­te zu über­hit­zen, sagt Micha­el Brüg­ge­mann, der an der Uni Ham­burg zu Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on forscht. «Am bes­ten lie­fert man Kon­text, kei­ne Häpp­chen.» Bei der Be­richt­er­stat­tung über ei­ne Stu­die wie die Paul Kenchs über die Küs­ten Tu­va­lus ge­nü­ge es manch­mal schon, ei­nen Satz ein­zu­bau­en wie: «Die­se Stu­die stellt die For­schung über den vom Men­schen ver­ur­sach­ten Kli­ma­wan­del nicht in­fra­ge.» Mit der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on sind vie­le un­zu­frie­den. Wer mit Kli­ma­for­schern re­det, hört viel Kri­tik an der Be­richt­er­stat­tung. Das Pro­blem sei­en nicht ein­zel­ne Jour­na­lis­ten, son­dern die Struk­tu­ren. Die News-zy­klen lies­sen ei­ne tie­fe­re Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma kaum zu, aus­ser­halb der Wis­sen­schafts­res­sorts sei es für Jour­na­lis­ten oft schwie­rig, Stu­di­en ein­zu­se­hen. Oder zu ver­ste­hen, wie Wis­sen­schaft funk­tio­niert. Die Wün­sche, die sich in den Ge­sprä­chen zei­gen, sind ein­fach: Jour­na­lis­ten soll­ten Ein­zel­stu­di­en nicht über­in­ter­pre­tie­ren, sie zu­min­dest von Fach­leu­ten in den Stand der For­schung ein­ord­nen las­sen. Sie soll­ten De­bat­ten ab­bil­den und Un­si­cher­hei­ten zu­las­sen, aber den un­be­strit­te­nen Kern der For­schung un­be­strit­te­nen Kern sein las­sen: «Die Er­de hat sich seit 1900 welt­weit um ein Grad Cel­si­us er­wärmt. Der mensch­li­che Ein­fluss ist klar. Will man die Er­wär­mung be­schrän­ken, muss man die Emis­si­on von Treib­haus­ga­sen, vor al­lem CO2, re­du­zie­ren und auf null brin­gen», sagt Tho­mas Sto­cker. So ein­fach sei das.

Tuvalu IV

In Tuvalu geht das Le­ben wei­ter, und das Rad dreht sich zu­neh­mend schnel­ler. Im Jahr 2015 feg­ten Zy­klo­ne in ei­ner Stär­ke über die In­seln, dass so­gar die stur­mer­prob­ten Be­woh­ner Tu­va­lus be­sorgt wa­ren. Das hät­ten sie so noch nicht ge­se­hen, er­zäh­len die Al­ten auf den äus­se­ren In­seln. Auf der an­de­ren Sei­te nimmt aber auch die Ge­schwin­dig­keit der Su­che nach Lö­sun­gen zu. Im Som­mer rück­ten die Bag­ger an, um mit dem Bau­mass­nah­men an der Küs­te Fu­n­a­fu­tis zu be­gin­nen. Men­schen wie Mi­ri­a­ma und Ke­pa­si Tau­ki­ei wol­len die In­seln nicht ver­las­sen.

«Wer Tuvalu ret­tet, ret­tet die Welt», sag­te der Aus­sen­mi­nis­ter des Pa­zi­fik­staats im Jahr 2015. Und so ganz falsch ist das nicht. Dass die pa­zi­fi­schen Atoll­ge­sell­schaf­ten bis zum En­de des Jahr­hun­derts im Meer ver­sin­ken, darf zu­min­dest als um­strit­ten gel­ten. Die Ge­schich­te ist kom­pli­zier­ter als «Tuvalu gibt es bald nicht mehr». Auf den In­seln am En­de der Welt zei­gen sich aber die Pro­ble­me, vor die der Kli­ma­wan­del die Mensch­heit stellt, frü­her als an­ders­wo. Wie auf ei­ner klei­nen Büh­ne, auf der ei­ne mög­li­che Zu­kunft Pro­be hält. Und es ist sinn­voll, die­se Pro­be ernst zu neh­men.

Die Me­di­en IV

Das Bü­ro von Hel­ga Kromb-kolb liegt am En­de ei­nes lan­gen Gangs an der Uni­ver­si­tät für Bo­den­kul­tur in Wi­en. Der Raum ist win­zig, man kann sich kaum vor- und zu­rück­be­we­gen, über­all sta­peln sich Bü­cher. Die re­so­lu­te Frau ist ein Ur­ge­stein der ös­ter­rei­chi­schen Kli­ma­for­schung und hat ihr gan­zes Le­ben lang da­für ge­kämpft, das The­ma Kli­ma­wan­del bei den Men­schen zu ver­an­kern. Wo sieht sie die­sen Kampf jetzt, mit 69 Jah­ren? Ist es fünf vor zwölf ? Ist es be­reits zu spät? «Ich weiss es nicht», sagt Kromb-kolb. Sie stel­le sich die­se Fra­ge nicht mehr, denn sie füh­re zu nichts.

Hel­ga Kromb-kolb re­det schnell, macht viel Öf­fent­lich­keits­ar­beit, hat un­zäh­li­ge Jour­na­lis­ten an dem Holz­tisch in dem klei­nen Bü­ro am En­de des Gangs emp­fan­gen. Und doch ist es heu­te ein an­de­res Ge­spräch, als es vor ein paar Jah­ren ge­we­sen wä­re. Es gibt so et­was wie Hoff­nung. Ir­gend­et­was sei in den letz­ten Jah­ren pas­siert. Nie­mand kön­ne sa­gen, ob das reicht, aber hin­ter den Sta­tus des Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­mens kön­ne die Welt nie mehr zu­rück, trotz des Aus­stiegs der USA. Der Geist sei aus der Fla­sche. In der De­bat­te zwi­schen den eher vor­sich­ti­gen und den eher ak­ti­vis­ti­schen Wis­sen­schaft­lern neigt Kromb-kolb eher zu den Letz­te­ren. Trotz­dem ist ihr Zu­gang ein an­de­rer.

Nach lan­gen Jah­ren der An­stren­gung will Kromb-kolb den Men­schen heu­te vor al­lem ein Bild ge­ben, wo­für sich die An­stren­gung lohnt. «Men­schen kämp­fen nicht da­für, we­ni­ger flie­gen zu kön­nen.» Kli­ma­for­scher kä­men in der Öf­fent­lich­keit im­mer rü­ber, als woll­ten sie et­was weg­neh­men. Man müs­se den Leu­ten statt­des­sen ver­mit­teln, dass man ih­nen et­was ge­ben wol­le: ein nach­hal­ti­ges, wür­di­ges Le­ben für al­le. «Es ist nicht Ver­bots­rhe­to­rik, die Men­schen für ei­ne Sa­che be­geis­tert. Es ist die Hoff­nung auf et­was Bes­se­res.»

Tuvalu ist als Tou­ris­ten­des­ti­na­ti­on noch un­ent­deckt.

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