Ei­ne Frau ver­letzt sich selbst schwer. Was geht in ih­rem Kopf vor?

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Von er­win KOCH

Im Ok­to­ber 2015 such­te ei­ne Frau, Wun­den in der Brust, die Not­fall­sta­ti­on der Ber­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie auf. Die Sti­che ha­be sie sich selbst bei­ge­bracht, sag­te sie, im Auf­trag ei­ner gött­li­chen Stim­me, die ihr be­foh­len ha­be, sich zu op­fern – was, Herr Walt­her, ist an der Ge­schich­te von Frau X be­mer­kens­wert?

Darf ich aus­ho­len?, fragt se­bas­ti­an Walt­her, pro­fes­sor für psych­ia­tri­sche neu­ro­wis­sen­schaf­ten an der uni­ver­si­tät Bern, stell­ver­tre­ten­der Di­rek­tor und Chef­arzt.

Das Ma­ga­zin: So weit, wie Sie wol­len.

se­bas­ti­an Walt­her: es ist nicht so, dass wir in un­se­rer kli­nik ähn­li­che fäl­le nie er­le­ben, aber die form der Ver­let­zun­gen – die Wun­den wa­ren bis zu sie­ben Zen­ti­me­ter tief – se­hen wir nicht je­den tag. schliess­lich hör­te sich auch die krank­heits­ge­schich­te der pa­ti­en­tin, die da­mals 48 jah­re alt war, un­ge­wöhn­lich an.

In­wie­fern?

sie er­zähl­te, sie ha­be be­reits vier­mal in ih­rem bis­he­ri­gen le­ben pha­sen tiefs­ter spi­ri­tua­li­tät er­lebt, je­weils meh­re­re mo­na­te bis zu ei­nem jahr lang, zum ers­ten mal, als sie 13 ge­we­sen sei, dann mit 23, mit 32 und 41.

Und im­mer ver­nahm sie dann gött­li­che Stim­men?

ei­gent­lich zwei, sag­te sie, zwei ver­schie­de­ne, recht freund­li­che stim­men, die mit ihr Din­ge der re­li­gi­on be­spra­chen. frau X trat dann je­weils den Zeu­gen je­ho­vas bei und brach den kon­takt mit ih­nen wie­der ab, so­bald die stim­men ver­stumm­ten.

Was, Herr Walt­her, war Ihr Be­fund?

ei­ne psy­cho­se. mit Wahn­vor­stel­lun­gen.

Was ist ei­ne Psy­cho­se?

Von ei­ner psy­cho­se re­den wir, wenn un­ser Den­ken, un­ser füh­len, un­ser han­deln schwer ge­stört sind. Wenn ei­ner die­ser drei Be­rei­che nicht mehr gut funk­tio­niert. im un­ter­schied zu an­de­ren psy­chi­schen er­kran­kun­gen zeich­nen sich die psy­cho­sen da­durch aus, dass häu­fig nur ein Be­reich, zum Bei­spiel das füh­len, schwer be­ein­träch­tigt ist, wäh­rend die an­de­ren noch in­takt sind. Bei frau X war es so, dass das füh­len – und da­mit das Wahr­neh­men – stark ver­än­dert war. gleich­zei­tig konn­te sie aber nor­mal den­ken und sich be­we­gen, wenn auch bei­des leicht ver­lang­samt. Weil sie klar den­ken und spre­chen konn­te, war sie auch in der la­ge, ih­re Wahr­neh­mun­gen mit­zu­tei­len, die von der um­welt als ab­son­der­lich auf­ge­fasst wur­den. sitzt ih­nen je­mand ge­gen­über, der sich nor­mal be­wegt und weit­ge­hend un­auf­fäl­lig re­det, dann ha­ben sie den ein­druck, sie säs­sen ei­nem ge­sun­den men­schen ge­gen­über. er­zählt er ih­nen dann, er hö­re stim­men got­tes, die ihn steu­er­ten, ist das in un­se­rem kul­tur­kreis sehr un­ge­wöhn­lich. und das macht es schliess­lich für sol­che pa­ti­en­ten so schwie­rig: sie ver­lie­ren den kon­takt zu an­de­ren men­schen, sie ver­ein­sa­men, wer­den als Be­dro­hung emp­fun­den.

Was ist Wahn? Wann be­ginnt Wahn?

Wahn ist et­was, das man denkt. Wahn­vor­stel­lun­gen ba­sie­ren nicht auf lo­gik. Wahn­in­hal­te sind plötz­lich da – wir nen­nen das ei­ne A­prio­ri­evi­denz: Wer an ei­nem Wahn lei­det, ist von des­sen rich­tig­keit, von des­sen Wahr­heit über­zeugt, ob­wohl es nicht den ge­rings­ten hin­weis für das ge­glaub­te gibt. und er ist plötz­lich zu die­ser Über­zeu­gung ge­kom­men, oh­ne re­cher­che, oh­ne lan­ges nach­den­ken, oh­ne Be­wei­se. und drit­tens: An­de­re men­schen der glei­chen kul­tur tei­len das ge­glaub­te nicht. Von ei­nem Wahn kann man nicht re­den, wenn gan­ze grup­pen in­hal­te oder the­sen ver­tre­ten, die un­lo­gisch und nicht be­weis­bar sind.

Wahn ist al­so auch ei­ne Fra­ge der Quan­ti­tät?

ge­nau.

Dem­nach sind die Is­län­der nicht wahn­sin­nig, ob­wohl mehr als die Hälf­te von ih­nen an El­fen und Trol­le glaubt?

es gibt tat­säch­lich ei­ne kul­tu­rel­le kom­po­nen­te bei dem, was als wahn­haft gilt und was nicht. näm­lich die fra­ge, ob an­de­re den in­halt mit­tra­gen. men­schen, die an ei­ner psy­cho­se lei­den, ha­ben den Wahn al­lein und aus­schliess­lich. sie schaf­fen es nicht, ih­re in­hal­te und the­men so zu ver­brei­ten, so zu kom­mu­ni­zie­ren, dass an­de­re sie über­neh­men. Des­we­gen re­den wir in die­sem Zu­sam­men­hang auch von ei­ner kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung: Das haupt­pro­blem der psy­cho­se­kran­ken ist, dass sie sich nicht gut mit­tei­len kön­nen. frau X kann zwar gut spre­chen, sie kann sich nor­mal be­we­gen, aber was sie mit­teilt, ist so schräg, so un­glaub­wür­dig und selt­sam, dass ihr nie­mand folgt und je­der denkt: Das stimmt nicht, was frau X er­zählt, das ist gros­ser Blöd­sinn. frau X aber hält ge­gen al­le Wi­der­stän­de dar­an fest, weil es für sie wahr und echt ist.

Der Glau­be an ei­nen Gott ist kein Wahn, weil so vie­le Men­schen die­sen Glau­ben tei­len?

rich­tig. Weil es ei­ne Über­ein­kunft vie­ler gibt, das ein­ver­ständ­nis von mil­li­ar­den, dass ein gott exis­tiert. Wä­ren sie in ih­rer so­zia­len um­ge­bung der ein­zi­ge, der plötz­lich an gott glaubt, und wür­den sie trotz Ab­leh­nung die­ser idee durch an­de­re stän­dig da­von spre­chen, lit­ten sie an ei­nem Wahn.

Die fach­welt horch­te auf, als der Ber­ner psych­ia­trie­pro­fes­sor se­bas­ti­an Walt­her im no­vem­ber 2017 den fall ei­ner pa­ti­en­tin vor­stell­te, die, weil sie ei­nen hirn­tu­mor hat­te, gött­li­che stim­men hör­te. ein ge­spräch über Wahn, gott, ge­hirn.

Der ka­na­di­sche Neu­ro­psy­cho­lo­ge Micha­el Per­sin­ger hielt Gott oh­ne­hin für ein Ar­te­fakt des Ge­hirns.

Die Ge­dan­ken sind frei. Ich fürch­te, da wer­den Din­ge ver­mischt, die nicht ver­mischt ge­hö­ren. Die Psych­ia­trie baut letzt­lich auf na­tur­wis­sen­schaft­li­chen und so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­den, sie stellt Ver­su­che an, ver­gleicht, misst. Und zieht nach Mög­lich­keit dar­aus Schlüs­se, er­ar­bei­tet Be­hand­lungs­me­tho­den für die Pa­ti­en­ten. Spi­ri­tua­li­tät kann sie nicht mes­sen.

Mitt­ler­wei­le gibt es das Fach der Neu­ro­theo­lo­gie, der Neu­ro­phi­lo­so­phie.

Man soll sich selbst­ver­ständ­lich über Dis­zi­pli­nen hin­weg aus­tau­schen, doch die Me­tho­den der An­nä­he­rung an die­se Fra­ge­stel­lun­gen, hier Na­tur­wis­sen­schaft, dort Geis­tes­wis­sen­schaft, sind mei­nes Erach­tens zu ver­schie­den. Als Psych­ia­ter kön­nen wir nicht sa­gen: An die­ser oder je­ner Stel­le im Ge­hirn fin­det statt, was wir Spi­ri­tua­li­tät nen­nen. Wir kön­nen nicht sa­gen, wo im Ge­hirn Gott hockt. Aber wir kön­nen be­schrei­ben, was im Ge­hirn ge­schieht, wenn Men­schen die Stim­me Got­tes hö­ren. Da­von ha­ben wir ei­ne Vor­stel­lung. Das kann man tes­ten. Weil es ent­spre­chen­de Ex­pe­ri­men­te und Mess­me­tho­den gibt, mitt­ler­wei­le be­reits seit über zwan­zig Jah­ren.

Was ge­schieht al­so im Ge­hirn, wenn je­mand Got­tes Stim­me hört?

Wir set­zen den Pa­ti­en­ten ei­nem bild­ge­ben­den Ver­fah­ren aus, wir schie­ben ihn, volks­tüm­lich ge­sagt, in die Röh­re, wir scan­nen sein Ge­hirn. Je­des Mal, wenn er die Stim­me Got­tes hört, muss er ei­nen Knopf drü­cken – und wie­der­um dann, wenn die Stim­me ver­stummt. Wir kön­nen die Hirn­bil­der, die wir so ge­win­nen, ver­glei­chen, kon­tras­tie­ren. So se­hen wir, was im Ge­hirn pas­siert, wenn der Pa­ti­ent je­weils Got­tes Stim­me hört. Und was pas­siert, wenn er sie nicht hört. Ver­schie­de­ne Stu­di­en – und das ist ein re­la­tiv ro­bus­ter Be­fund – zei­gen auf, dass bei Men­schen, die Stim­men hö­ren, je­weils je­ne Stel­le der Ge­hirn­rin­de ak­ti­viert ist, die Ge­hör­tes ver­ar­bei­tet. Mit an­de­ren Wor­ten: Der au­di­tive Cor­tex, der Hör­cor­tex, ist ak­ti­viert, ob­wohl von aus­sen kei­ne Stim­me, kein Laut ins Ohr des Pa­ti­en­ten dringt. Das heisst: Dem Ge­hirn ist es ei­ner­lei, ob die gött­li­che Stim­me da ist oder nicht. Es ver­hält sich so, als ob je­mand sprä­che. Das kann man mes­sen. Be­reits 1902 kam der deut­sche Neu­ro­lo­ge und Psych­ia­ter Carl Wer­ni­cke zum Schluss, dass das Phä­no­men des Stim­men­hö­rens mit je­nem Teil der Hirn­rin­de zu tun ha­ben muss, der fürs Hö­ren zu­stän­dig ist. Nur konn­te er dies da­mals noch nicht be­wei­sen. Heu­te kön­nen wir es. In der Tat ist es ja so, dass wir glau­ben, über das Ge­hirn des Men­schen viel zu wis­sen, trotz­dem wis­sen wir erst we­nig – aber ei­gent­lich woll­ten wir über Frau X re­den.

Wann ka­men Sie zum ers­ten Mal mit ihr in Kon­takt?

Hier in un­se­rer Kli­nik, nach­dem man sie chir­ur­gisch ver­sorgt, ih­re Wun­den be­han­delt hat­te, Ok­to­ber 2015. Wir schlos­sen auf Schi­zo­phre­nie, die wir zur Grup­pe der Psy­cho­sen zäh­len.

Was ist Schi­zo­phre­nie?

Schi­zo­phre­nie ist ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung, bei der die Be­trof­fe­nen Ve­rän­de­run­gen in ih­rem Den­ken, Han­deln und Füh­len er­le­ben, die mit der rea­len Welt nur schwer in Ein­klang zu brin­gen sind. Vor­hin spra­chen wir über Psy­cho­sen; die Schi­zo­phre­nie ist ei­ne spe­zi­fi­sche Ver­laufs­form da­von. Rund ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung, al­so je­der Hun­derts­te, er­krankt ein­mal in sei­nem Le­ben an Schi­zo­phre­nie. Rund fünf Pro­zent der Mensch­heit hö­ren im Lauf des Le­bens Stim­men, aber nur je­der Fünf­te da­von wird schi­zo­phren. Das heisst: Auf je­den, der schi­zo­phren wird, trifft es vier an­de­re, die auch ir­gend­wann Stim­men hö­ren, aber trotz­dem nicht krank wer­den.

Ist Schi­zo­phre­nie im Ge­hirn fest­stell­bar?

Im Ge­hirn ei­nes ein­zel­nen Men­schen, der an Schi­zo­phre­nie er­krankt ist, ent­de­cken wir sel­ten Auf­fäl­li­ges. Das Schwie­ri­ge ist ja, dass die mensch­li­chen Ge­hir­ne ein­an­der sehr ähn­lich sind, auf­ge­baut nach ein und dem­sel­ben Sche­ma: Gross­hirn, Klein­hirn, Zwi­schen­hirn, Hirn­stamm, rund 86 Mil­li­ar­den Ner­ven­zel­len und ei­ne gros­se Men­ge Fa­sern, die sie ver­bin­den. Vie­le Hirn­re­gio­nen und de­ren Fa­ser­ver­bin­dun­gen sind spe­zia­li­siert für be­stimm­te Auf­ga­ben. Ei­ne lo­ka­li­sier­te Stö­rung führt zu­meist zu ei­nem spe­zi­fi­schen Pro­blem. Der Un­ter­schied zwi­schen zwei ge­sun­den Ge­hir­nen ist nicht we­sent­lich ge­rin­ger als der Un­ter­schied zwi­schen ei­nem ge­sun­den und ei­nem psy­chisch er­krank­ten. Ein Scan, rou­ti­ne­mäs­sig er­stellt, för­dert im Ein­zel­fall kaum Be­son­de­res zu­ta­ge. Un­ter­sucht man je­doch die Ge­hir­ne von meh­re­ren Men­schen, die an Schi­zo­phre­nie lei­den, gleich­sam ei­ne gan­ze Grup­pe, dann sind doch ge­wis­se Ei­gen­hei­ten fest­zu­stel­len.

Die da wä­ren?

Schi­zo­phre­nie­pa­ti­en­ten ha­ben an be­stimm­ten Stel­len des Ge­hirns, nicht über­all, we­ni­ger Ner­ven­zel­len als ge­sun­de Men­schen. Und Ve­rän­de­run­gen auch im Auf­bau der Fa­ser­ver­bin­dun­gen. Ver­än­dert sind, zwei­tens, auch ge­wis­se Hirn­funk­tio­nen: Hält man Be­trof­fe­ne an, Auf­ga­ben zu lö­sen, wäh­rend man ih­re Ge­hirn­funk­tio­nen misst, er­ge­ben sich Un­ter­schie­de zur Funk­ti­ons­wei­se ei­nes ge­sun­den Ge­hirns. Und drit­tens gibt es Un­ter­schie­de in der Zu­sam­men­ar­beit ver­schie­de­ner Hirn­re­gio­nen, die teil­wei­se weit von­ein­an­der ent­fernt lie­gen und doch mit­ein­an­der ge­kop­pelt sind – bei­spiels­wei­se müs­sen sie syn­chron mit­ein­an­der zu­sam­men­ar­bei­ten kön­nen, da­mit ei­ne sinn­vol­le Ak­ti­vi­tät ent­steht.

All dies ha­ben Sie auch im Ge­hirn von Frau X fest­ge­stellt?

Im Kopf von Frau X ha­ben wir et­was sehr viel Auf­fäl­li­ge­res fest­ge­stellt. Um ei­ne or­ga­ni­sche Ur­sa­che ih­res Lei­dens aus­zu­schlies­sen, mach­ten wir von ih­rem Ge­hirn ei­ne MRT, Ma­gnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie, mehr oder we­ni­ger rou­ti­ne­mäs­sig. Wir ent­deck­ten ei­nen Tu­mor, ei­nen so­ge­nann­ten dys­em­bryo­plas­ti­schen neu­ro­ektod­er­ma­len Tu­mor.

Was ist denn das?

Ei­ne an­ge­bo­re­ne gut­ar­ti­ge Ge­schwulst. Im Ge­hirn von Frau X fand sich ein Rest von je­nen em­bryo­na­len

Zel­len, aus de­nen sich nor­ma­ler­wei­se im Lauf der Ent­wick­lung im Mut­ter­leib und in den ers­ten Le­bens­jah­ren das Ge­hirn formt. Das Re­sul­tat ei­ner Ent­wick­lungs­stö­rung.

Wie gross war die­ser Tu­mor?

Der Tu­mor ist noch drin. Ihn zu ent­fer­nen hät­te mehr Scha­den an­ge­rich­tet als Nut­zen. Er ist et­wa so gross wie ein Apri­ko­sen­kern.

Und was macht ihn be­son­ders?

In­ter­es­sant macht ihn die Stel­le, an der er sitzt. Im Tha­la­mus. Der Tha­la­mus ist ein so­ge­nann­ter Hirn­kern, wo, ein­fach aus­ge­drückt, sehr vie­le In­for­ma­tio­nen zu­sam­men­flies­sen. Dort, oh­ne dass der Mensch es merkt, pas­siert ein Pro­zess des Aus­sor­tie­rens. Dort ent­schei­det sich, was oder wem im Mo­ment die Auf­merk­sam­keit gilt. Was wich­tig ist, was nicht.

Das ver­ste­he ich nicht.

Sie sit­zen hier ne­ben mir in mei­nem Bü­ro auf ei­nem Stuhl. Das Fens­ter steht of­fen. Es ist kühl. An der Wand hängt ein Bild. Mein Hemd ist blau. Sie sit­zen hier und spü­ren den Druck der Stuhl­leh­ne nicht, Sie hö­ren, ob­wohl der Lärm der Au­tos ins Zim­mer dringt, die Au­tos nicht, Sie mer­ken nicht, wie kühl es hier ist, und Sie be­ach­ten nicht, dass mein Hemd von blau­er Far­be ist – weil all dies im Mo­ment nicht wich­tig ist für Sie. Wich­tig ist, was und wor­über wir re­den – des­halb, neh­me ich an, sind Sie zu mir ge­kom­men. Die Aus­wahl, was wir in un­ser Be­wusst­sein drin­gen las­sen, ge­schieht zu ei­nem gros­sen Teil im Tha­la­mus. Er ist wie ein Wäch­ter, der dar­über ent­schei­det, was rein­darf und was nicht. Gibt es dort, im Tha­la­mus, ei­ne Ve­rän­de­rung, ei­ne Rei­zung, ei­ne Stö­rung, darf ver­mu­tet wer­den, die Fä­hig­keit ei­ner be­trof­fe­nen Per­son sei in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen, aus den vie­len In­for­ma­tio­nen, die auf den Tha­la­mus stän­dig ein­stür­zen, je­ne her­aus­zu­fil­tern, die im Mo­ment wich­tig sind. Al­ler­dings ist der Tha­la­mus kein ein­heit­li­cher Klum­pen, er ver­fügt über ver­schie­de­ne Un­ter­be­rei­che. Vom Tu­mor, den Frau X hat, ist auch ein Be­reich be­trof­fen, der für die Wahr­neh­mung ganz ge­ne­rell zu­stän­dig ist. Und in der Nä­he da­von – der Tu­mor war ja be­reits in die Um­ge­bung des Tha­la­mus hin­ein­ge­wach­sen – fin­det sich ei­ne wich­ti­ge Schalt­stel­le für das Ge­hör. Auch Fa­ser­ver­bin­dun­gen, be­deut­sam für die In­te­gra­ti­on von Den­ken und Füh­len, sind in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen. Ich fas­se zu­sam­men: Der Tu­mor von Frau X ist für uns des­we­gen so in­ter­es­sant, weil er an ei­ner sehr de­li­ka­ten Stel­le sitzt. Da ist nicht viel Platz. Sehr vie­le Funk­tio­nen sind ge­stört, mehr als wenn der Tu­mor in der Ge­hirn­rin­de säs­se.

Was macht nun die­ser Tu­mor? Ver­drängt er an­de­res Ge­we­be?

Das mensch­li­che Ge­hirn ist ja sehr an­pas­sungs­fä­hig – wächst ein Hirn­tu­mor, wie bei Frau X, nur lang­sam und un­re­gel­mäs­sig, passt das Ge­hirn sich stän­dig neu an. Un­se­re Hy­po­the­se ist nun die: Je­des Mal, wenn im Kopf von Frau X der Tu­mor wuchs, ge­schah ei­ne Art Rei­zung des um­ge­ben­den Ge­we­bes. Und im­mer dann tra­ten die Sym­pto­me ih­rer Krank­heit auf, tie­fe Spi­ri­tua­li­tät, gött­li­che Stim­men. Und hat­te sich das Ge­hirn je­weils wie­der an­ge­passt, ver­schwan­den die Sym­pto­me.

Al­so: Ein Mensch hört gött­li­che Stim­men und ver­letzt sich selbst – nicht auf­grund ei­ner Psy­cho­se, son­dern auf­grund ei­nes Hirn­tu­mors?

Falsch: Ein Mensch hört Stim­men und ver­letzt sich selbst – weil ein Tu­mor ei­ne Psy­cho­se aus­lös­te.

Wie war Frau X zu hel­fen?

Mit An­ti­psy­cho­ti­ka. Bei ihr mit Ha­l­oper­idol und Pa­li­pe­ri­don.

Was ist der Un­ter­schied?

Kein we­sent­li­cher. Bei­de be­wir­ken un­ge­fähr das Glei­che, bei­de sind aus der glei­chen phar­ma­ko­lo­gi­schen Grup­pe. Sie blo­ckie­ren im Ge­hirn ei­ne Grup­pe von Re­zep­to­ren. Pa­li­pe­ri­don ist die mo­der­ne Va­ri­an­te und hat we­ni­ger Ne­ben­wir­kun­gen.

Und was ist die ge­wünsch­te Wir­kung?

Sie sol­len im Ge­hirn des Pa­ti­en­ten den Do­pa­min­haus­halt re­gu­lie­ren. Do­pa­min ist ein Bo­ten­stoff, ein so­ge­nann­ter Neu­ro­trans­mit­ter. Ner­ven­zel­len im Ge­hirn schüt­ten Bo­ten­stof­fe aus – nicht nur Do­pa­min –, um mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren, Rei­ze zu über­tra­gen. Ge­rät die­ser Stoff­wech­sel aus den Fu­gen, kommt es zu Ve­rän­de­run­gen des Füh­lens, des Den­kens, des Han­delns. Do­pa­min ist ein Bo­ten­stoff, der un­ter an­de­rem von Be­deu­tung ist, wenn es dar­um geht zu ent­schei­den, was wich­tig ist und was nicht. Das be­fä­higt den Kran­ken, die Re­le­vanz von wahn­haf­ten Wahr­neh­mun­gen zu re­du­zie­ren. Im Ide­al­fall be­gin­nen Pa­ti­en­ten in­fra­ge zu stel­len, was sie in ei­ner ge­wis­sen Pha­se glaub­ten, den Wahn.

Ist das mensch­li­che Ge­hirn denn fä­hig, nach Ein­nah­me von An­ti­psy­cho­ti­ka ei­nen qua­li­ta­ti­ven Un­ter­schied zu ma­chen, wel­che Wahr­neh­mung nun wahn­haft ist und wel­che nicht?

Über die Fra­ge, was ge­nau den Wahn nun weg­macht, müs­sen wir spe­ku­lie­ren. Die Über­le­gung ist die: Ein Wahn ent­steht durch Wahr­neh­mun­gen, die in der Re­gel an­de­re Wahr­neh­mun­gen – sol­che aus der rea­len Welt – an In­ten­si­tät über­tref­fen. Be­trof­fe­ne be­rich­ten vom Ge­fühl ei­ner gött­li­chen Ge­gen­wart, von Ver­schwes­te­rung mit dem Kos­mos, von gleis­sen­dem Licht und so fort. Mit die­sem Me­di­ka­ment ver­su­chen wir, den wahn­be­la­de­nen Wahr­neh­mun­gen den Vor­sprung zu neh­men, die Spit­zen ab­zu­mil­dern, sie in ih­rer In­ten­si­tät gleich­sam her­un­ter­zu­bre­chen auf das Ni­veau von Wahr­neh­mun­gen aus der rea­len Welt.

Und da­mit ver­liert der Wahn für den Pa­ti­en­ten an Be­deu­tung und ist nicht mehr auf­re­gen­der als je­de an­de­re Wahr­neh­mung?

Ge­nau. Und wenn das län­ger an­hält, bricht der Wahn ir­gend­wann weg.

Wie bei Frau X?

Wie bei Frau X.

«Früh­lings­baum» von Gün­ther Schüt­zen­hö­fer. Der Ma­ler lebt im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Gug­ging im «Haus der Künst­ler», ei­ner Ein­rich­tung für Psych­ia­trie­pa­ti­en­ten.

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