Me­ri­to­kra­tie ist ge­wöh­nungs­be­dürf­tig.

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Von oli­ver Zim­mer

«Ha­ben Ih­re El­tern ein Uni­ver­si­täts­stu­di­um ab­sol­viert?»

Wie wür­den Sie re­agie­ren, wenn Ih­re Toch­ter oder Ihr Sohn bei der Be­wer­bung für ein Prak­ti­kum bei ei­ner Ver­si­che­rung oder ei­nem In­ge­nieur­bü­ro mit die­ser Fra­ge kon­fron­tiert wür­de? In Gross­bri­tan­ni­en müss­ten Sie da­mit rech­nen. Im Fach­jar­gon spricht man von der Er­he­bung kon­tex­tu­el­ler Da­ten. In Ox­ford oder Cam­bridge spie­len sie in Zu­las­sungs­in­ter­views schon län­ger ei­ne Rol­le. Zu den re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen ge­hört ne­ben der Aus­bil­dung der El­tern auch der schu­li­sche Hin­ter­grund der Be­wer­ber. Da­bei geht es nicht nur dar­um, ob je­mand ei­ne Pri­vat- oder ei­ne staat­li­che Schu­le be­sucht hat. Wich­ti­ger ist der durch­schnitt­li­che Er­folgs­quo­ti­ent ei­ner Schu­le bei der Ma­tu­ra­prü­fung. Mit gu­tem Grund: Im Ein­zugs­ge­biet füh­ren­der Staats­schu­len sind die Haus­prei­se mar­kant hö­her als zwei Ki­lo­me­ter wei­ter weg, wo die me­dio­kre Schu­le wohnt. Öko­no­mi­sches und so­zia­les Ka­pi­tal ver­schrän­ken sich hier in lehr­buch­mäs­si­ger Wei­se. Seit kur­zem ma­chen auch bri­ti­sche Fir­men ver­mehrt von kon­tex­tu­el­len Da­ten Ge­brauch. Laut ei­nem Be­richt des In­sti­tu­te of Stu­dent Em­ploy­ers frag­ten 2017 na­he­zu 45 Pro­zent der gröss­ten An­bie­ter von Prak­ti­kums­stel­len, den in­ternships, bei den Be­wer­bern nach der Bil­dungs­kar­rie­re der El­tern. 2012 wa­ren es noch 13 Pro­zent. Die­ser Wan­del sorgt bei An­ge­hö­ri­gen der be­reits mit aka­de­mi­schem Zer­ti­fi­kat aus­ge­rüs­te­ten Mit­tel- und Ober­schicht oft für Un­mut. Man wit­tert Dis­kri­mi­nie­rung als Fol­ge ei­nes neu­en, als Gleich­be­rech­ti­gung ge­tarn­ten Klas­sen­kampfs.

Die­se Re­ak­tio­nen über­ra­schen nicht – bei den Be­rufs­aus­sich­ten hört der Spass be­kannt­lich auf, nicht erst heu­te. Zum ei­nen ha­ben je­ne Krei­se, die man in En­g­land auch die chat­te­ring clas­ses nennt, oft viel Geld in die Aus­bil­dung der Spröss­lin­ge in­ves­tiert. Zum an­dern sind in­ternships po­pu­lär. Jähr­lich ab­sol­vie­ren et­wa 70 000 Stu­den­ten sol­che Prak­ti­ka. Bei den re­nom­mier­ten Lon­do­ner An­walts­kanz­lei­en läuft oh­ne ab­sol­vier­tes Prak­ti­kum nicht viel. Die Kon­kur­renz um die be­gehr­tes­ten Jobs der Ci­ty lässt Kan­di­da­ten kei­ne Wahl. So sind vie­le be­reit, im Som­mer wäh­rend Wo­chen für ein sym­bo­li­sches Ent­gelt oder gra­tis zu ar­bei­ten. Es gibt ta­len­tier­te Stu­den­ten, für die so ein Prak­ti­kum schlicht un­er­schwing­lich ist. Wo­mit wir beim The­ma Me­ri­to­kra­tie an­ge­langt sind: Auf­grund lang­jäh­ri­ger Er­fah­rung bei der Zu­las­sung von Stu­den­ten in Ox­ford hal­te ich solch el­ter­li­ches Weh­kla­gen für weit­ge­hend un­be­grün­det. Die Vor­stel­lung, ein Ar­beit­ge­ber oder ei­ne Uni­ver­si­tät ent­schei­de sich nur aus Quo­ten­grün­den für ein Kind aus ei­ner be­stimm­ten so­zia­len Schicht oder eth­ni­schen Grup­pe, ist wirk­lich­keits­fremd. Zu­gleich gilt: Ein Kind aus ei­ner Aka­de­mi­ker­fa­mi­lie mag elo­quent sein und viel wis­sen. Das heisst aber nicht, dass es der Toch­ter ei­ner Putz­frau, die sich im In­ter­view we­ni­ger ge­wählt aus­drückt, ana­ly­tisch über­le­gen ist. Es ist denk­bar, dass Kind B bei der Ana­ly­se ei­nes his­to­ri­schen Texts mehr Krea­ti­vi­tät und Ge­dan­ken­schär­fe zeigt als Kind A. Dann ist zu ver­mu­ten, dass Kind B mehr Po­ten­zi­al be­sitzt als Kind A. Nicht al­les lässt sich kau­fen oder ver­er­ben. In der Pra­xis ist Me­ri­to­kra­tie mit­un­ter ge­wöh­nungs­be­dürf­tig.

An­ge­hö­ri­ge der Mit­tel- und Ober­schicht wit­tern neu­er­dings Dis­kri­mi­nie­rung.

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