Kat­ja Früh

Ei­ne Schau­spie­le­rin er­in­nert sich

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Kat­ja Früh

Zit­ternd vor Er­re­gung stand ich als Kind am Pfau­en, trieb mich in der Nä­he des Schau­spiel­hau­ses her­um, wo am Büh­nen­ein­gang, der ma­gi­schen Tü­re, die Schau­spie­ler und Tech­ni­ker ein und aus gin­gen. Das ist al­les, was ich je im Le­ben will, dach­te ich da­mals, durch die­se Tü­re ein und aus ge­hen, wie wenn das ganz nor­mal wä­re. Die­se kind­li­che, heis­se Lie­be zu die­sem Haus, in dem «es» ge­schieht, näm­lich das Thea­ter, ist nicht aus mir her­aus­zu­krie­gen. Sie führ­te et­was spä­ter

dann wohl auch da­zu, dass ich, zum Leid­we­sen mei­ner El­tern, im «Pfau­en» zu ver­keh­ren be­gann, dem herr­li­chen Thea­ter­lo­kal da­mals. Ich sass dort stun­den­ und ta­ge­lang, meist im Kreis von Gym­na­si­as­ten, aber noch lie­ber bei den «Hän­gern», die das Thea­ter welt­an­schau­lich und äus­serst kri­tisch be­ur­teil­ten. Auch ech­te Kri­ti­ker wa­ren da­bei und fal­sche Schrift­stel­ler. Ich wur­de wahn­sin­nig kri­tisch, schau­te aber öf­ter sehn­süch­tig zum se­pa­ra­ten Tisch der Schau­spie­ler hin­über, die wir, frei nach Pe­ter St­ein, «Emo­tio­nal­clowns des aus­ster­ben­den Bür­ger­tums» nann­ten. Ich woll­te Schau­spie­le­rin aus ge­sell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung wer­den und ganz an­de­res Thea­ter ma­chen. Aber für ein Röll­chen am Schau­spiel­haus hät­te ich im­mer noch al­les, auch mei­ne Staats­thea­ter­kri­ti­sche Ge­sin­nung, ste­hen und lie­gen las­sen. Dass ich, als ich end­lich Schau­spie­le­rin war, die­ses Röll­chen auch be­kam, hau­te mich dann kom­plett um. Ich war wirk­lich «drin». Durf­te durch die ma­gi­sche Tü­re ein und aus, sass im Kon­ver­sa­ti­ons­zim­mer und rauch­te mit den Emo­tio­nal­clowns, die die dümms­ten und gross­ar­tigs­ten Wit­ze er­zähl­ten. Ich war im Him­mel. Und der Re­gis­seur fand mich auch noch gut und war rich­tig nett. Aber nichts hält ewig, und mein ver­schlun­ge­ner Be­rufs­weg führ­te mich in an­de­re Ge­fil­de. Die ma­gi­sche Tü­re war wie­der zu. Es folg­te ei­ne lan­ge Zeit am Ra­dio, die Re­gie von Hör­spie­len, das Schrei­ben, ich war ganz zu­frie­den, bis ich aus hei­te­rem Him­mel ei­nen An­ruf vom Schau­spiel­haus be­kam: ob ich die Ins­ze­nie­rung ei­nes Schwei­zer Au­tors über­neh­men wol­le. Die ma­gi­sche Tü­re war wie­der of­fen. Und zwar weit. Es folg­ten noch an­de­re Stü­cke im Haus mei­ner Kin­der­träu­me, und ich ging als Re­gis­seu­rin ein und aus, als ob das ganz nor­mal wä­re. Und es war ganz nor­mal. Ar­beit, Schweiss und Trä­nen. Ein wahr ge­wor­de­ner Kin­der­traum ist ein ge­platz­ter. Und das ist gut so. Denn stel­len Sie sich vor, ich wür­de im­mer noch zit­ternd an die­ser Tü­re vor­bei­ge­hen, statt, wie ich es heu­te tue, den Schritt nur et­was zu ver­lang­sa­men ...

KAT­JA FRÜH ist Dreh­buch­au­to­rin und Re­gis­seu­rin.

Il­lus­tra­tio­nen ALEX­AN­DRA COMPAIN-TISSIER

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