ben moo­re

Wo sind nur al­le die Aus­ser­ir­di­schen?

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Ben Moo­re

Die be­mer­kens­wer­tes­te Ent­de­ckung in den dreis­sig Jah­ren, wäh­rend de­nen ich mich mit Astro­phy­sik be­schäf­ti­ge, ist, dass die meis­ten Ster­ne am Nacht­him­mel ei­ge­ne Pla­ne­ten ha­ben. Bei über hun­dert Mil­li­ar­den Ster­nen al­lein in un­se­rer Ga­la­xie gibt es min­des­tens zehn Mil­li­ar­den erd­ähn­li­che Pla­ne­ten, die Le­ben, wie wir es ken­nen, be­her­ber­gen könn­ten.

Ei­ni­ge die­ser Ster­ne mit ih­ren Pla­ne­ten ha­ben sich vor über zehn Mil­li­ar­den Jah­ren ge­bil­det – wenn sich das Le­ben auf ih­nen be­reits vor lan­ger Zeit ent­wi­ckelt hat, kann ich mir kaum vor­stel­len, wie fort­ge­schrit­ten ei­ne Zi­vi­li­sa­ti­on sein könn­te, die zehn­mal so lan­ge wie un­se­re exis­tiert, viel­leicht so­gar seit Mil­li­ar­den von Jah­ren. Die un­aus­weich­li­che Fra­ge ist al­so: Wo sind all die Ali­ens?

All die­se Wel­ten und kein Le­bens­zei­chen – das ist doch eher selt­sam. Dies wird – nach dem Phy­si­ker En­ri­co Fer­mi, der die Fra­ge 1950 stell­te – das Fer­mi­pa­ra­do­xon ge­nannt, ob­wohl das Pro­blem be­reits 1933 vom so­wje­ti­schen Ra­ke­ten­wis­sen­schaft­ler Kon­stan­tin Ziol­kow­ski be­schrie­ben wur­de. Es gibt vie­le mög­li­che Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge. Man­che glau­ben, dass die Aus­ser­ir­di­schen be­reits hier sind und Wis­sen­schaft­ler ih­re An­we­sen­heit ver­tu­schen. Ei­ne an­de­re mög­li­che Lö­sung für die­ses Pa­ra­do­xon ist, dass die Wahr­schein­lich­keit, dass Le­ben aus ei­ner Ur­sup­pe ent­steht, win­zig ist und un­se­re Welt der ein­zi­ge Ort ist, an dem es pas­siert ist. Das wür­de mir selt­sam er­schei­nen; es gibt nichts Be­son­de­res an un­se­rem Pla­ne­ten oder den Be­din­gun­gen auf sei­ner Ober­flä­che. Es wur­de auch schon vor­ge­schla­gen, dass un­se­re Welt mit ih­rer pri­mi­ti­ven Zi­vi­li­sa­ti­on von Aus­ser­ir­di­schen aus­ser Acht ge­las­sen wird. Ist die Er­de ein pla­ne­ta­rer Zoo, be­ob­ach­tet, stu­diert und ge­mie­den, bis die Zeit reif ist?

Viel­leicht ist un­se­re Ga­la­xie vol­ler Le­ben, aber un­se­re Su­che in den Funk­fre­quen­zen ver­fehlt das Sum­men der in­ter­ga­lak­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on, die mit ei­nem an­de­ren Mecha­nis­mus als Ra­dio­wel­len statt­fin­det. Oder viel­leicht hö­ren al­le Wel­ten mit Le­ben nur zu und sen­den nicht! Ein dys­to­pi­sche­res Sze­na­rio be­sagt, dass es ei­nen gros­sen Fil­ter gibt, der Zi­vi­li­sa­tio­nen be­en­det, so­bald sie ein Ni­veau von Raf­fi­nes­se er­reicht ha­ben, das dem un­se­ren äh­nelt: Sie ver­ur­sa­chen ihr ei­ge­nes Auss­ter­ben durch Kli­ma­wan­del, durch Atom­krie­ge oder Um­welt­ver­schmut­zung. Im Au­gust ka­men As­tro­no­men der Har­vard Uni­ver­si­ty zum Er­geb­nis, dass die Ober­flä­che der meis­ten Wel­ten da draus­sen von ei­nem ein­zi­gen tie­fen Oze­an be­deckt ist.

Un­se­re ei­ge­nen Com­pu­ter­si­mu­la­tio­nen, die den Ur­sprung des Was­sers auf der Er­de zu er­klä­ren su­chen, sind zum sel­ben Er­geb­nis ge­kom­men. In die­sem Sin­ne könn­te die Er­de, die Ozea­ne und Land hat, et­was Sel­te­nes sein. In Was­ser­wel­ten könn­te sich fort­schritt­li­ches Le­ben in ih­rem Oze­an ent­wi­ckeln. Aber um ins All zu flie­gen oder mit an­de­ren Wel­ten zu kom­mu­ni­zie­ren, müss­ten die­se Aus­ser­ir­di­schen ei­ne in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on durch­lau­fen. Ich kann mir nicht den­ken, wie Mee­res­be­woh­ner, wie klug sie auch im­mer sein mö­gen, Gestei­ne zu Me­tall schmel­zen. Da­zu braucht es Feu­er, und das ist un­ter Was­ser wirk­lich schwer zu ent­fa­chen. Sol­che Aus­ser­ir­di­schen könn­ten da­zu be­stimmt sein, für im­mer in ih­rer Mee­res­tie­fe zu blei­ben: viel­leicht viel in­tel­li­gen­ter als das Le­ben auf der Er­de, aber oh­ne den Kos­mos jen­seits ih­res wäss­ri­gen Ge­fäng­nis­ses zu ken­nen.

B E N M O O R E ist Pro­fes­sor für Astro­phy­sik an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

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