Chris­ti­an sei­ler

Grie­chin mit Oli­ven

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - CHRIS­TI­AN SEI­LER ist Re­por­ter bei« Das Ma­ga­zin ». Chris­ti­an sei­ler

Ih­re Freun­de und Kol­le­gen nen­nen Cris­ti­na Stri­ba­cu «die Na­se». Sie hat, was Oli­ven­öl be­trifft, die aus­ser­or­dent­li­che Fä­hig­keit, Qua­li­tät, Al­ter, Be­schaf­fen­heit und na­tür­lich auch mög­li­che De­fek­te wahr­zu­neh­men. Sie un­ter­schei­det, wie lang und bei wel­cher Tem­pe­ra­tur ein Öl ge­presst wur­de, ob das Was­ser, mit dem die Müh­le ge­rei­nigt wur­de, frisch war oder be­reits ge­braucht, ob ein Öl me­tal­lisch schmeckt oder sau­er, weil es zu lang an der Luft ge­we­sen oder dem di­rek­ten Son­nen­licht aus­ge­setzt war.

Cris­ti­nas Fa­mi­lie pro­du­ziert seit Ge­ne­ra­tio­nen Oli­ven­öl in Mes­se­ni­en, im Süd­wes­ten der grie­chi­schen Pe­lo­pon­nes. Ihr Va­ter hat­te von sei­nem Va­ter ei­nen klei­nen, fried­li­chen Oli­ven­hain na­mens Vou­lier­aki ge­schenkt be­kom­men, in dem neun­zehn Bäu­me ste­hen. Die Bäu­me sind zwi­schen 300 und 500 Jah­re alt. Als klei­nes Mäd­chen kam Cris­ti­na fast täg­lich mit dem Va­ter hier­her. Sie wuss­te früh, dass sie ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches sen­so­ri­sches Ta­lent be­sitzt. Wenn sie Ge­rü­che wahr­nahm, fiel ihr mehr da­zu ein als al­len an­de­ren. Sie konn­te Düf­te in ih­re Be­stand­tei­le zer­le­gen, weil sie sich an die­se Be­stand­tei­le er­in­ner­te. Er­in­ne­rung und Sen­so­rik sind kom­mu­ni­zie­ren­de Ge­fäs­se. Selbst die dif­fe­ren­zier­tes­te Wahr­neh­mung taugt nichts, wenn man sie so­fort wie­der ver­gisst. Bei Cris­ti­na tra­fen sich die Sen­si­bi­li­tät, noch so flüch­ti­ge Aro­men wahr­zu­neh­men, mit ei­nem prä­zi­sen, ge­schul­ten Ge­dächt­nis – und ein paar an­de­ren Fak­to­ren: Sie raucht nicht; sie lebt in ei­ner von In­dus­trie­ge­rü­chen na­he­zu ver­schon­ten Na­tur; sie hat ein Ta­lent zur völ­li­gen Ent­span­nung; sie kennt die Aro­men der Oli­ven­öl­pro­duk­ti­on seit ih­rer Kind­heit. Die­se Fä­hig­keit und et­was Selbst­ver­trau­en stan­den am An­fang der Plä­ne, ih­re ei­ge­ne Fir­ma zu grün­den. Es brauch­te aber noch ei­ne Mi­schung aus grie­chi­scher Tra­gik und Me­lo­dra­ma­tik, bis es tat­säch­lich pas­sier­te.

Im Jahr 2011 nahm sich ein en­ger Freund der Fa­mi­lie das Le­ben. Es war der ra­di­kals­te Aus­weg, den je­mand aus der Kri­se neh­men konn­te, die Grie­chen­land und vor al­lem sei­ne Ju­gend er­fasst hat­te. Ein ent­fern­ter Be­kann­ter hielt bei der Trau­er­fei­er ei­ne fol­gen­rei­che An­spra­che.

«Ihr seid glück­lich», sag­te er zur Trau­er­ge­sell­schaft. «Schaut euch um. Ihr lebt in ei­ner Traum­land­schaft. Lasst euch nicht ein­re­den, dass es ei­ne Kri­se gibt. Über­legt euch, wel­ches Po­ten­zi­al in die­ser Re­gi­on vor­han­den ist. Seid froh, dass ihr hier le­ben dürft. Macht et­was draus.»

Cris­ti­na Stri­ba­cu über­nahm mit ih­rem Bru­der die Oli­ven­gär­ten der El­tern, kauf­te neue da­zu und pflanz­te Hun­der­te ei­ge­ne Bäu­me aus. Bis da­hin war das pro­du­zier­te Öl an ei­nen Gross­händ­ler ge­lie­fert wor­den, der es ab­füll­te und ver­mark­te­te. Cris­ti­na küm­mer­te sich um ei­nen ei­ge­nen Mar­ken­auf­tritt, um neue Ver­triebs- und Mar­ke­ting­ka­nä­le. Sie wähl­te für ih­re Fla­schen die Gr­und­far­be Weiss – «wie das grie­chi­sche Licht» – und nann­te das Öl «Liá», weil sie als klei­nes Kind nicht elaió­la­do sa­gen konn­te, grie­chisch für «Oli­ven­öl».

Gleich­zei­tig op­ti­mier­te sie die Pro­duk­ti­on. Ih­re Oli­ven wer­den schnel­ler vom Baum in die Müh­le ge­bracht und kür­zer ge­presst als frü­her. Die Mühl­stei­ne müs­sen pein­lich sau­ber sein. Die Tem­pe­ra­tur beim Pres­sen darf kei­nes­falls hö­her als 24 Grad wer­den. «Sonst schmeckt das Öl ver­brannt», sagt Cris­ti­na, was na­tür­lich ei­ne mass­lo­se Über­trei­bung ist, aber nicht für «die Na­se».

So jung sie ist, so re­so­lut kann Cris­ti­na sein. Als ein al­ter Oli­ven­bau­er sie als «dum­mes Mä­del mit ei­nem Note­book» ver­spot­tet, weil sie ih­re Oli­ven nicht bis auf den letz­ten Trop­fen aus­presst, fährt ihm die Sie­ben­und­dreis­sig­jäh­ri­ge gleich ein­mal über den Mund.

«Du glaubst, es ist wie beim Sex», faucht sie im hel­len Stak­ka­to, in dem sie Grie­chisch spricht. «Dir ist nur wich­tig, dass am Schluss mög­lichst viel raus­kommt. Mir ist das, was da­zwi­schen pas­siert, min­des­tens so wich­tig.»

Das sitzt. Der Al­te wird sich vor Cris­ti­na in Acht neh­men, bei die­sem Mund­werk.

Viel­leicht wird er auch ihr Öl kos­ten und be­mer­ken, dass es an­ders schmeckt als sei­nes, ele­gan­ter, fri­scher, fruch­ti­ger, mit ei­ner Ah­nung von den Kräu­tern, die in den Hai­nen wach­sen, von ei­ner na­he­zu per­fek­ten Ba­lan­ce zwi­schen Schär­fe und Frucht. Viel­leicht riecht er die Sorg­falt bei der Ern­te und die Gross­zü­gig­keit, beim Pres­sen auf die letz­ten Trop­fen zu ver­zich­ten und der ma­xi­ma­len Quan­ti­tät die ma­xi­ma­le Qua­li­tät vor­zu­zie­hen.

Kann sein. Viel­leicht riecht er das En­de der Kri­se.

Liá Oli­ven­öl gibt es in der Schweiz u.a. über s-fa­b­rik.ch, slow­goods.ch oder kan­tos.ch

Ei­ne jun­ge Grie­chin hat der schwe­ren Wirt­schafts­kri­se ih­res Lan­des ei­nen ei­ge­nen Ge­ruch ab­ge­trotzt: den von fei­nem Oli­ven­öl.

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