max Küng

Lie­ber Ste­fan Küng

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - MAX KÜNG ist Re­por­ter bei« Das Ma­ga­zin »; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HA­SHI­MO­TO Max Küng

na­tür­lich kleb­te ich vor dem Fern­se­her, als die Welt­meis­ter­schaf­ten aus Inns­bruck über­tra­gen wur­den, und ich möch­te Ih­nen zur Bron­ze­me­dail­le im Mann­schafts­zeit­fah­ren gra­tu­lie­ren; und beim Ein­zel­zeit­fah­ren, da ha­be ich mit Ih­nen ge­lit­ten, denn so ein Ein­zel­zeit­fah­ren stel­le ich mir als grösst­mög­li­che Qu­al vor, weil es kei­ne an­de­ren Geg­ner gibt als die Uhr und den in­ne­ren Schwei­ne­hund, den man über­win­den muss, im­mer­zu, vom ers­ten Me­ter an bis ins Ziel: voll Ka­ra­cho! Sie sind ja mein Lieb­lings­sport­ler, nicht nur we­gen Ih­rer Er­fol­ge, son­dern vor al­lem we­gen der Art und Wei­se, wie Sie die­sen Sport aus­üben: Dass man et­was so An­stren­gen­des und Har­tes mit ei­ner sol­chen Lo­cker­heit be­rufs­mäs­sig be­trei­ben kann, das ver­dient gröss­ten Re­spekt. Aber des­halb schrei­be ich Ih­nen gar nicht, son­dern we­gen et­was an­de­rem. Ich möch­te Ih­nen ei­nen Film emp­feh­len. Er heisst «Won­der­ful Lo­sers: A Dif­fe­rent World» und kommt die­ser Ta­ge in die Ki­nos, ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on von Arū­nas Mate­lis, ei­nem Fil­me­ma­cher aus Li­tau­en.

Der Film han­delt von et­was, das Sie bes­tens ken­nen: Es geht um Velo­ren­nen. Nun por­trä­tiert Mate­lis in sei­nem Film aber nicht Ge­win­ner­ty­pen, kei­ne gros­sen Stars, Abräu­mer und Ju­bel­ge­wohn­te. Der Film be­leuch­tet das Le­ben und die Lei­den von vier Renn­fah­rern wäh­rend des Gi­ro d’ita­lia, und die vier Fah­rer sind «Gre­ga­ri­os»: Hel­fer, Knech­te, Was­ser­trä­ger. Je­ne Fah­rer al­so, die mit al­ler Kon­se­quenz ih­re Mann­schaft und ih­re Ka­pi­tä­ne un­ter­stüt­zen, Was­ser­fla­schen trans­por­tie­ren, Flucht­grup­pen stel­len, Wind­schat­ten ge­ne­rie­ren. Es sind Renn­fah­rer, de­ren Na­me der brei­te­ren Öf­fent­lich­keit wohl nicht nä­her be­kannt sind: Da­nie­le Col­li, Svein Tuft, Pao­lo Ti­ra­lon­go und Jos Van Em­den. Ti­ra­lon­go et­wa wur­de im Jahr 2000 Pro­fi, aber erst zehn Jah­re spä­ter er­rang er als sol­cher ei­nen ers­ten Sieg: Er wur­de nicht an­ge­stellt, um zu ge­win­nen. Sein Be­ruf ist die Auf­op­fe­rung.

Ih­nen muss ich das ja nicht er­zäh­len: Der Rad­sport ist ein Ein­zel­sport, zu­gleich aber auch ein Team­sport. Am En­de kann nur ei­ner ge­win­nen, aber oh­ne die Hil­fe sei­nes Teams hat auch der stärks­te Fah­rer der Welt kei­ne Chan­ce. Dies macht Velo­ren­nen so kom­plex und span­nend: Die Schick­sa­le der Sie­ger sind mit je­nen der Ver­lie­rer ver­knüpft.

Dies zu ver­ste­hen hilft der Film von Mate­lis, der von selt­sa­mer Schön­heit ist – oder viel­leicht trä­fe es «von ver­stö­ren­der Schön­heit» noch bes­ser. Ein­drück­lich zeigt er die Qua­len und Lei­den: Stür­ze, Schmer­zen, Schnee und Ne­bel, schwer wird ge­at­met in den Ber­gen, still wird ge­lit­ten in der Re­ha. Aber er ist eben auch vol­ler Schön­heit. Ei­ne der hüb­sche­ren Sze­nen: Wenn Jos Van Em­den wäh­rend der 19. Etap­pe des Gi­ro (ein Ein­zel­zeit­fah­ren) an­hält, um sei­ner am Stras­sen­rand ste­hen­den Freun­din Kim­ber­ly ei­nen Hei­rats­an­trag zu ma­chen, in­klu­si­ve Blu­men­strauss und oh­ren­be­täu­ben­dem Ge­hu­pe aus dem Mann­schafts­wa­gen. Wer da kei­ne feuch­ten Au­gen be­kommt, der ist kein Mensch.

Al­so: Ich kann den Film nur emp­feh­len. Es könn­te aber na­tür­lich sein, dass Sie nach der lan­gen und har­ten Sai­son ge­nug von dem gan­zen Güm­mel­er­zeugs ha­ben und sich lie­ber ei­nen Pi­ra­ten­film rein­zie­hen oder (als Vor­be­rei­tung für Ih­re Zeit im Team Grou­pa­ma-françai­se des Jeux, für wel­ches Sie nun fah­ren wer­den) ei­nen Film von Éric Roh­mer, et­wa «Le Ge­nou de Clai­re», in dem noch mehr ge­re­det wird als wäh­rend ei­ner gan­zen Tour de Fran­ce auf Eu­ro­sport. Könn­te ich ver­ste­hen, weil: Ich schau in mei­ner Frei­zeit ja auch kei­ne Fil­me über Jour­na­lis­ten

, je­doch kann ich mich ein­fach nicht satt­se­hen an die­sem Renn­ve­lo-zeugs – dem Zeugs, das Ihr Le­ben ist und zu ei­nem klei­nen, be­schei­de­nen Teil auch meins, was mich sehr glück­lich macht. In dem Sin­ne: Cha­peau! Ich freu mich auf die nächs­te Sai­son.

Mit sport­li­chen Grüs­sen (aber erst 3500 Ki­lo­me­tern auf dem Ta­cho)

Max Küng

PS «Won­der­ful Lo­sers» ist 71 Mi­nu­ten lang und läuft ab dem 8. Ok­to­ber in aus­ge­wähl­ten Ki­nos.

PPS Der nüch­ter­ne Blick auf die ver­meint­lich un­wich­ti­gen Din­ge er­in­nert mich an ei­nen an­de­ren Film, die gross­ar­ti­ge (aber mit ih­ren 18 Mi­nu­ten et­was kur­ze) Do­ku­men­ta­ti­on von Lou­is Mal­le aus dem Jahr 1962 mit dem sim­plen Ti­tel «Vi­ve Le Tour». Auch da­mals wur­de schon ge­lit­ten. Sprich­wört­lich: bis zum Um­fal­len.

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