ein tag im le­ben

Ei­ne Ös­ter­rei­che­rin in Sri Lan­ka

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Pro­to­koll ANUSCHKA ROSHANI Bild SOFIE KNIJFF

Im Win­ter 1983 reis­te ich mit mei­nem Mann und mei­ner Toch­ter zum ers­ten Mal nach Sri Lan­ka. Wir such­ten nach ei­nem Ort, der uns ne­ben un­se­rem Le­ben in Wi­en und un­se­rer Ar­beit im «Mu­se­um in Pro­gress» neue Er­fah­run­gen er­mög­licht. Zum Fi­scher­dorf Wa­thu­re­ga­ma emp­fan­den wir auf An­hieb ei­ne Ver­bin­dung. Kurz ent­schlos­sen kauf­ten wir mit be­schei­de­nen Mit­teln ein klei­nes Grund­stück und bau­ten dar­auf ein Haus – uns schweb­te vor, es zu ei­ner Be­geg­nungs­stät­te für Künst­ler aus un­se­rem Be­kann­ten­kreis zu ma­chen.

Wäh­rend un­se­rer In­se­l­er­kun­dun­gen kam dann durch die vie­len jun­gen Men­schen auf der In­sel, die kaum Eng­lisch spre­chen konn­ten, die Idee auf, ei­ne Schu­le zu grün­den: in der die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on Sri Lan­kas die Chan­ce er­hal­ten soll­te, an der kul­tu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ih­res Lan­des mit­zu­wir­ken.

Bald er­war­ben wir das Haus ne­ben­an und bau­ten den bis­he­ri­gen Wohn­raum zu zwei Klas­sen­zim­mern um. Am 27. Au­gust 1995, nach der bud­dhis­ti­schen «hei­li­gen» Zeit um elf Uhr vor­mit­tags, er­öff­ne­ten wir un­se­re noch klei­ne Schu­le: mit zwei Leh­rern und rund hun­dert Schü­le­rin­nen und Schü­lern.

Wich­tig war uns, dass die Schu­le kos­ten­los ist – wir al­le le­ben in ei­ner Welt –, so­dass Kin­der aus al­len Fa­mi­li­en Zu­gang ha­ben. Fi­nan­zie­ren woll­ten wir den Schul­be­trieb mit der Ver­mie­tung ei­nes Gäste­hau­ses. Doch am 26. De­zem­ber 2004 zer­stör­te ein Tsu­na­mi na­he­zu al­les, was wir bis da­hin auf­ge­baut hat­ten, mit ei­ner ein­zi­gen Flut­wel­le. Bald dar­auf je­doch er­reich­te uns in­mit­ten des Cha­os die po­si­ti­ve Kraft, die uns Mut mach­te, den Wie­der­auf­bau an­zu­pa­cken. Die un­bü­ro­kra­ti­sche Hil­fe der Stadt Wi­en, pri­va­te Spen­den so­wie der Er­lös aus ei­ner von der Künst­le­rin Eva Schle­gel or­ga­ni­sier­ten Kun­st­auk­ti­on hal­fen uns we­sent­lich da­bei, mit un­se­rer Stif­tung «One World Foun­da­ti­on» (www.owf.at) wei­ter­ma­chen zu kön­nen.

Heu­te kom­men zehn­mal mehr Kin­der zum Un­ter­richt als bei der Grün­dung – und wir tun al­les, da­mit die­ser für die mehr als tau­send Schü­le­rin­nen und Schü­ler in un­se­rer ar­men Re­gi­on gra­tis bleibt. Rund vier­zig Leh­re­rin­nen und Leh­rer un­ter­rich­ten Eng­lisch, Ta­mil, Com­pu­ter, Fo­to­gra­fie, Mu­sik und Sport – al­le Zeug­nis­se sind staat­lich an­er­kannt. Be­son­ders die Com­pu­ter­klas­sen und die «Wo­men’s Co­ope­ra­ti­on» mit ei­ner Schnei­der-aus­bil­dung schaf­fen wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für den spä­te­ren Ein­tritt ins Be­rufs­le­ben.

Zum Teil kön­nen wir die Schu­le mit den Ein­nah­men aus un­se­rem Gäste­haus Bo­gen­vil­lya, ei­nem Ayur­ve­da-re­sort, un­ter­hal­ten: 26 Gäs­te ha­ben in den sechs stil­vol­len Bau­ten am Meer Platz. Durch das En­ga­ge­ment des Zürcher An­walts Hans Ul­rich Hard­mei­er konn­te der sin­gha­le­si­sche Ar­chi­tekt Varu­na de Sil­va so­gar noch ei­nen neu­en schö­nen Bun­ga­low bau­en, er­gän­zend zu den Bau­ten sei­nes ös­ter­rei­chi­schen Ar­chi­tek­tur­kol­le­gen Carl Pru­scha.

Wir ha­ben vie­le Stamm­gäs­te, nicht zu­letzt we­gen un­se­res rei­chen Ayur­ve­da-an­ge­bots. Zu­dem kom­men re­gel­mäs­sig bil­den­de Künst­ler und Au­to­ren zu uns, seit­dem wir mit der Wie­ner Ga­le­ris­tin Ur­su­la Krin­zin­ger ein Ar­tists-in-re­si­dence- und zu­sam­men mit dem Schrift­stel­ler Ro­bert Me­n­as­se ein Wri­ters-in-re­si­dence-pro­gramm ins Le­ben ge­ru­fen ha­ben.

Die­ser künst­le­risch-in­tel­lek­tu­el­le Aus­tausch greift die ur­sprüng­li­che In­ten­ti­on von mir und mei­nem Mann Jo­sef Ort­ner, der 2009 un­er­war­tet starb, in bes­tem Sin­ne auf. Mit der «One World Foun­da­ti­on» ha­ben wir ei­nen Rah­men schaf­fen kön­nen, der vie­les zu­lässt, wo­bei wir wei­ter­hin auf fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen sind. Das ist nicht im­mer leicht und be­rei­tet mir mit­un­ter Kopf­zer­bre­chen, aber mein Op­ti­mis­mus ist zum Glück grös­ser als die Sor­ge: Ich kämp­fe gern wei­ter für die Sa­che, von Tag zu Tag und mit gros­ser Freu­de.

Die­wie­ner­in­kath­rin MESSNER (73) er­öff­ne­te 1995 in Sri Lan­ka ei­ne Schu­le.

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