Lie­ber Fe­lix Plat­ter

Das Magazin - - Contents - max KÜNG

Sie ken­nen mich nicht – aber das ist nicht wei­ter schlimm, weil: Ich kann­te Sie auch nicht. Bis ei­ne An­fra­ge aus Ba­sel kam, von ei­nem Vo­kal­ensem­ble na­mens So­lo­voices, ob ich ei­nen Song­text schrei­ben wür­de für ei­nen Lie­der­abend, bei dem es um ei­nen ge­wis­sen Fe­lix Plat­ter ge­he. Eben: um Sie.

Es rat­ter­te in mei­nem Schä­del, dann er­in­ner­te ich mich va­ge, Ih­ren Na­men ir­gend­wo schon ein­mal ge­hört zu ha­ben, dann kam es mir in den Sinn: na­tür­lich! So heisst ein Spi­tal in Ba­sel, ganz in der Nä­he hat­te ich einst ge­wohnt, beim Kan­nen­feld­park, in ei­ner Zeit, die mir heu­te fern scheint wie das finst­re Mit­tel­al­ter. Und noch et­was kam mir in den Sinn, näm­lich dass ich einst ei­ne Af­fä­re un­ter­hal­ten hat­te mit ei­ner Frau, die in eben­je­nem Spi­tal ar­bei­te­te, wel­ches Ih­ren Na­men trägt. Es gab in je­ner Zeit ei­ne si­gni­fi­kan­te Häu­fung von kür­ze­ren Be­zie­hun­gen zu Frau­en, die in Pfle­ge­be­ru­fen tä­tig wa­ren. Ich weiss nicht, wes­halb dem so ge­we­sen ist. Viel­leicht zog ich sie an, weil ich ei­nen hilfs­be­dürf­ti­gen Ein­druck mach­te? Aber wes­halb blie­ben sie dann nicht? Nun, so­sehr ich auch stu­dier­te, mir woll­te der Na­me die­ser Frau nicht mehr ein­fal­len, auch ha­be ich kei­ne Ah­nung, was aus ihr ge­wor­den ist. Schon selt­sam, wie man sich be­geg­net und an­zieht, dann wie­der trennt, wei­ter­zieht wie ein tau­meln­der As­te­ro­id, bis je­mand an­de­res ei­nen wie­der bin­det mit sei­ner Gra­vi­ta­ti­ons­kraft, für wie lan­ge auch im­mer.

Dank dem Gros­sen Brock­haus in 24 Bän­den fand ich bald her­aus: Sie, lie­ber Fe­lix Plat­ter, wa­ren der to­ta­le Re­nais­sance­mensch: ein Pio­nier der pa­tho­lo­gi­schen Ana­to­mie, Ge­lehr­ter, Gesteins­samm­ler, Mu­sik­freak und ein gros­ser Bo­ta­ni­ker oben­drein, so­gar Mon­tai­gne lug­te bei Ih­nen in Ba­sel vor­bei, auf sei­ner Rei­se gen Ita­li­en, um ihr ein­zig­ar­ti­ges Her­ba­ri­um zu bestau­nen, da­mals im Jahr 1580.

In der An­fra­ge der Mu­si­ker ging es kon­kret dar­um, ei­nen neu­en Text für das Lied «Bon­jour, Mon Co­eur» des Kom­po­nis­ten Or­lan­do di Las­so zu schrei­ben – der El­ton John Ih­rer Zeit (auch Sie ha­ben ja da­von ei­ne «ver­teutsch­te» Co­ver­ver­si­on ver­fasst). Be­geis­tert sag­te ich zu, weil: Das woll­te ich schon im­mer mal ma­chen: ei­nen Song­text schrei­ben. Denn ich wuss­te: Wenn man ei­nen Welt­hit lan­de­te, bräuch­te man nie mehr ei­nen Fin­ger krumm zu ma­chen.

Bald aber soll­te ich her­aus­fin­den, dass es gar nicht so ein­fach ist, für ei­ne be­stimm­te Mu­sik die pas­sen­den Wor­te zu fin­den. Es roch nach ech­ter Kno­chen­ar­beit. Dann aber hat­te ich ei­ne Idee. Ich be­sorg­te mir ei­ne Lis­te mit den Na­men al­ler Me­di­ka­men­te von No­var­tis, wähl­te die wohl­klin­gends­ten aus, brach­te die­se in ei­ne Rei­hen­fol­ge, die mir ge­fiel. Schnell war der Song­text ge­schrie­ben. «Co­dio­van Mif­lo­ni­de Ri­ta­lin / La­cri­sic La­mi­sil Vol­ta­ren / Exelon Tob­ra­dex Da­firo! / Sird­a­lud! Sird­a­lud! Sird­a­lud!» Das lies­se sich gross­ar­tig sin­gen, fand ich. Das klang bes­ser als die «Car­mi­na Bura­na» oder et­was von den drei Te­nö­ren. Das klang nach Mit­tel­la­tein und Har­ry Pot­ter – und al­so eben: nach Welter­folg, Ruhm und Reich­tum. Ich wuss­te: Bald wür­de ich nie mehr ar­bei­ten müs­sen. Nie mehr.

Doch als ich den Text dann für mich im Stil­len sang, ihn über die Me­lo­die des Lie­des stülp­te, da war das so, als wol­le ein Tier­prä­pa­ra­tor das Fell ei­nes Ka­nin­chens über den Kör­per ei­nes Braun­bä­ren zie­hen – oder um­ge­kehrt. Die Sa­che pass­te hin­ten und vor­ne nicht, forza­t­is­si­mo hin oder her. Al­so tat ich das, was nicht im­mer ein­fach ist: über ei­ne Sa­che nach­den­ken, über die man schon nach­ge­dacht hat.

Und ich ver­such­te es er­neut.

Mit Gruss in die fer­ne Zeit, Max Küng

PS Song zum The­ma: «Words» von F. R. Da­vid, 1982.

PPS So­lo­voices prä­sen­tie­ren ihr 10-Jahr-ju­bi­lä­ums­pro­gramm «Pas de cinq ...?» in Zü­rich (13./14. 10., Thea­ter Stok), La Chaux-de-fonds (10./11. 11., Temp­le Al­le­mand) und in Ba­sel (13./14. 11., Ga­re du Nord).

PPPS Buch zum The­ma: «Das Her­ba­ri­um des Fe­lix Plat­ter», 208 Sei­ten, 1,7 Ki­lo, er­schie­nen im Haupt Ver­lag.

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