ehrt Em­ma Kunz

Das Magazin - - Contents - HANS UL­RICH obrist

Ei­nes der ers­ten Kunst­wer­ke, mit de­nen ich je­mals in Be­rüh­rung kam, war das Bild auf der Ver­pa­ckung des Wun­der­mit­tels, das bei uns zu Hau­se her­um­stand. Das Pul­ver, das es auch heu­te noch in Schwei­zer Apo­the­ken zu kau­fen gibt, heisst Ai­on A. Her­ge­stellt wird es aus ei­nem mi­ne­ral­hal­ti­gen Gestein, das ge­gen al­ler­lei Be­schwer­den und Schmer­zen hilft. Das Bild auf der Ver­pa­ckung zeigt vier in­ein­an­der ver­schränk­te Drei­ecke, grün, blau, gelb und rot, die von ei­nem Neu­neck um­rahmt sind.

Erst ei­ne gan­ze Wei­le spä­ter fand ich her­aus, dass Pul­ver und Zeich­nung aus ein- und der­sel­ben Hand kom­men. Em­ma Kunz, 1892 im Aar­gau ge­bo­ren, wuchs in sehr be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf, wuss­te aber be­reits im jun­gen Er­wach­se­nen­al­ter, dass in ihr be­son­de­re Ta­len­te schlum­mer­ten. Sie er­prob­te ih­re Fä­hig­kei­ten in der Te­le­pa­thie, eig­ne­te sich den Stand der For­schung auf dem Ge­biet des Ma­gne­tis­mus an und nahm auf der Su­che nach ver­bor­ge­nen Ener­gieflüs­sen aus­gie­big das Pen­del zu Hil­fe. Übe­r­all ent­deck­te sie Kraft­strö­me, nicht nur in der Er­de, son­dern auch in den Wör­tern und hin­ter den Bil­dern. Sie be­gann Ge­dich­te zu schrei­ben, pu­bli­zier­te ei­nen Poe­sie­band und fing schliess­lich an, mit dem Pen­del geo­me­tri­sche Zeich­nun­gen an­zu­fer­ti­gen. Es sind kos­mi­sche Abs­trak­tio­nen, ganz ähn­lich den gross­for­ma­ti­gen Zeich­nun­gen ih­rer schwe­di­schen Zeit­ge­nos­sin Hil­ma af Kl­int. Doch wäh­rend es Kl­int, ei­ner Pio­nie­rin der abs­trak­ten Ma­le­rei, um die Ent­fal­tung der Kunst ging, forsch­te Kunz in al­lem, was sie tat, nach dem Le­ben und was es er­hält.

An­fang der 1940er-jah­re liess sie sich in Wü­ren­los nie­der und ent­deck­te in dem Gestein, das sie dort fand, be­son­de­re Heil­kräf­te. Sie liess es ab­bau­en und ver­ar­bei­te­te es zu Pul­ver, weil sie woll­te, dass je­der in den Ge­nuss die­ses en­er­gie­rei­chen Mit­tels kom­me. So ge­lang­te es auch in die Hän­de der El­tern des fünf­jäh­ri­gen An­ton C. Mei­er, der an Kin­der­läh­mung er­krankt war – und dank Ai­on A ge­nas. Mei­er rich­te­te Kunz, die 1963 ver­starb, post­hum ei­ne Stif­tung ein, trieb die Pro­duk­ti­on von Ai­on A an und küm­mer­te sich auch um Kunz’ künst­le­ri­schen Nach­lass.

Wir ar­bei­ten der­zeit an ei­ner Kunz-aus­stel­lung und ha­ben den Künst­ler Al­exis Chris­to­dou­lou ge­be­ten, für die­sen An­lass Sitz­bän­ke aus Ai­on-a-st­ein bei­zu­steu­ern.

Üb­ri­gens ha­be ich bis heu­te im­mer ei­ne Pa­ckung mit Em­ma Kunz’ Heil­pul­ver bei mir. Da­mit sind die Drei­ecke auf der Pa­ckung auch das Kunst­werk, das mich in mei­nem Le­ben am engs­ten be­glei­tet hat.

Mit dem Pen­del ge­zeich­net: geo­me­tri­sche Abs­trak­ti­on von Em­ma Kunz.

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