über Ba­sels Nie­der­la­gen

Das Magazin - - Contents - phil­ipp lo­ser

«Ging uns halt sehr, sehr gut die letz­ten fünf­zehn Jah­re.» Das SMS kam von Pas­cal Pfister, Prä­si­dent der Bas­ler SP, und es klang et­was ver­le­gen, fast ent­schul­di­gend.

Pfister schrieb die Nach­richt, kurz nach­dem be­kannt wur­de, dass No­var­tis in der Schweiz 2150 Stel­len ab­baut, da­von rund tau­send am Stand­ort Ba­sel. Fast zehn Mil­li­ar­den Dol­lar ver­dien­te der Phar­ma­kon­zern im letz­ten Halb­jahr, doch das reicht dem Ma­nage­ment nicht. Die Kon­kur­renz ma­che im Schnitt 35 Pro­zent Mar­ge, sag­te Kon­zern­chef Vas Na­ra­sim­han zur Be­grün­dung des Ab­baus. «Bei No­var­tis be­trägt sie nur 30 Pro­zent.»

Man könn­te sich jetzt lan­ge über die­ses «nur» un­ter­hal­ten. Über fehl­ge­lei­te­te An­rei­ze und Aus­wüch­se des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus. Die­se Dis­kus­si­on ist al­ler­dings nur be­dingt hilf­reich. Ka­pi­ta­lis­mus ist Ka­pi­ta­lis­mus. Mehr war schon im­mer bes­ser, viel mehr viel bes­ser.

In­ter­es­san­ter ist, was so ein Ent­scheid mit ei­ner Stadt macht – und mit den po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen, de­ren Schick­sal stark von der Phar­ma­bran­che ab­hän­gig ist. 36 Pro­zent der kan­to­na­len Wirt­schafts­leis­tung in Ba­sel­stadt ge­hen auf das Kon­to von «Life Sci­en­ces». Seit sie sich um 1850 am Rhein an­sie­del­te, wo da­mals schon ei­ne flo­rie­ren­de Tex­til­in­dus­trie exis­tier­te, prägt die che­mi­sche In­dus­trie den Wirt­schafts­stand­ort und die Stadt. Dass Ba­sel der zweit­wich­tigs­te Wirt­schafts­raum der Schweiz ist (und bis vor kur­zem die Fuss­ball­haupt­stadt war), hat sie der Phar­ma­bran­che und ih­ren Mil­li­ar­den­ge­win­nen zu ver­dan­ken. «Geht es der Ro­che gut, dann geht es der ge­sam­ten Schweiz gut», sag­te der frü­he­re Stadt­prä­si­dent Guy Mo­rin ein­mal, ein Grü­ner.

Die Po­li­tik der Stadt hat die Be­deu­tung die­ser Leit­in­dus­trie im­mer an­er­kannt – Be­dürf­nis­se ab­ge­holt, mög­li­che Schwie­rig­kei­ten an­ti­zi­piert, Wün­sche er­füllt; hun­dert Jah­re schon. Es gibt nichts, was No­var­tis oder Ro­che in Ba­sel nicht an­stel­len kön­nen. Wenn die bei­den gros­sen Phar­ma­un­ter­neh­men mit ih­ren Tür­men das Stadt­bild ver­än­dern wol­len, dür­fen sie mit ei­ner Vor­zugs­be­hand­lung rech­nen. Von Re­gie­rung, Par­la­ment, Be­völ­ke­rung – und lin­ken Po­li­ti­kern.

Schön lässt sich das an der Ge­schich­te der Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form nach­zeich­nen. Dass die Fi­nanz­di­rek­to­rin Eva Her­zog ei­nem na­tio­na­len Pu­bli­kum zum Be­griff wur­de, hat nicht nur mit ih­rer Bun­des­rats­kan­di­da­tur im Jahr 2010 zu tun, son­dern vor al­lem mit ih­rem Ein­satz für die Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form III. Die da­rin vor­ge­se­he­nen Pa­t­ent­bo­xen wa­ren je­nes In­stru­ment, das es er­laubt hät­te, der Phar­ma wei­ter­hin Vor­zugs­steu­ern bie­ten zu kön­nen. Doch das Pa­ket fiel durch. Nun ver­han­delt die Schweiz die nächs­te gros­se Steu­er­re­form, den Ahv-steu­er­de­al, und wie­der ist Eva Her­zog ei­ne trei­ben­de Kraft.

Fi­nanz­di­rek­to­rin Her­zog ist ei­ne So­zi­al­de­mo­kra­tin, Volks­wirt­schafts­mi­nis­ter Chris­toph Brut­schin ist ein So­zi­al­de­mo­krat, die Bas­ler Re­gie­rung wird seit über zehn Jah­ren von ei­ner links-grü­nen Mehr­heit an­ge­führt. An die­ser Mehr­heit liegt es, der wich­tigs­ten Bran­che in der Stadt zu Di­ens­ten zu sein und im­mer dann vor die Mi­kro­fo­ne zu tre­ten, wenn wie­der ein­mal ei­ne Ka­ta­stro­phe pas­siert wie jetzt der Stel­len­ab­bau bei No­var­tis.

Wenn So­zi­al­de­mo­kra­ten sich öf­fent­lich recht­fer­ti­gen müs­sen, dass ein in­ter­na­tio­na­les Un­ter­neh­men trotz Mil­li­ar­den­ge­win­nen tau­send Jobs ab­baut, zeigt sich ex­em­pla­risch, wie ohn­mäch­tig die Po­li­tik der Wirt­schaft ge­gen­über sein kann. Im Fall der Bas­ler So­zi­al­de­mo­kra­ten hat das auch ei­ne tra­gi­sche No­te. Sie kön­nen so vie­le Tür­me be­wil­li­gen, wie sie wol­len, mass­ge­schnei­der­te Steu­er­sys­te­me bas­teln, güns­ti­ge Zo­nen­plä­ne er­las­sen und die ei­ge­ne Wel­t­an­schau­ung zu­rück­stel­len – wenn dem Ma­nage­ment ei­nes Phar­ma­un­ter­neh­mens die Ren­di­te zu tief ist, dann ist dem Ma­nage­ment die Ren­di­te zu tief. Muss man wohl ak­zep­tie­ren. Ging uns halt sehr, sehr gut die letz­ten Jah­re.

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