Wann wird der Mann ein Kro­ko­dil?

Wie ein Ber­ner Fo­to­graf in Pa­pua-neu­gui­nea Zeu­ge ei­nes ge­hei­men Ri­tu­als wur­de.

Das Magazin - - Contents - Von CHRIS­TOF GERTSCH

En­de 2017, ein frü­her Mor­gen in Kan­din­ge, ei­nem Dorf am Se­pik, dem längs­ten Fluss Pa­pua-neu­gui­ne­as. Der In­sel­staat liegt nörd­lich von Aus­tra­li­en im Pa­zi­fik, hat gleich vie­le Ein­woh­ner wie die Schweiz, ist aber zehn­mal so gross. Florian Spring, ein Schwei­zer Fo­to­graf, spürt die Hit­ze und hört die Mos­ki­tos. Doch Au­gen hat er nur für die Ze­re­mo­nie, de­ren Zeu­ge er ge­ra­de wird – als ers­ter Weis­ser seit ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert.

Vier­und­vier­zig von Kopf bis Fuss ent­blöss­te Män­ner lie­gen auf den Rümp­fen um­ge­kehr­ter Ka­nus. Um sie her­um ha­ben sich an­de­re Män­ner ver­sam­melt, sie hal­ten ein Uten­sil in den Hän­den, von dem nicht ver­ra­ten wer­den darf, wo­rum ge­nau es sich han­delt. Was man sa­gen darf: dass es be­nutzt wird, um den Män­nern auf den Ka­nus Schnit­te zu­zu­fü­gen.

Die Leu­te in Kan­din­ge ha­ben die­sen Tag seit lan­gem her­bei­ge­sehnt. Es ist der Be­ginn des Männ­lich­keits­ri­tu­als des Nio­wra-stam­mes, das al­le drei bis fünf Jah­re statt­fin­det. Bloss dass jun­ge Män­ner hier nicht zu rich­ti­gen Män­nern wer­den. Son­dern zu Krokodilen.

Was hat Florian Spring hier­her ver­schla­gen? Und war­um darf er dem Ri­tu­al bei­woh­nen?

Florian Spring stammt aus Bern und ist Fo­to­graf, doch der Be­ruf, den er er­lernt hat, ist der des Schrei­ners. Und da­mit hat ei­gent­lich auch al­les an­ge­fan­gen: In den Dschun­gel von Pa­pua-neu­gui­nea führ­te ihn ei­ne Ver­ket­tung von Zu­fäl­len.

Mit 20 brach er ein ers­tes Mal in die Welt auf, nach Ka­na­da, mit 21 zog er durch Sri Lan­ka und In­di­en, mit 22 ent­deck­te er Nord­afri­ka. Im­mer im Ge­päck: sein Schrei­ner­werk­zeug. Er bau­te Block­häu­ser und Pfahl­hüt­ten, re­pa­rier­te Fens­ter, bes­ser­te Dä­cher aus. Wie frü­her die Wan­der­ge­sel­len: Er bot sei­ne Hand­wer­ker­diens­te an und be­kam da­für Kost und Lo­gis. Als er 23 war und ge­ra­de durch Kam­bo­dscha tramp­te, be­rief ihn die Ar­mee zu ei­nem Wie­der­ho­lungs­kurs ein. Er ant­wor­te­te, er kön­ne nicht kom­men und man mö­ge ihn bit­te in den Zi­vil­dienst um­tei­len. Für die paar Wo­chen, die er noch zu leis­ten hat­te, liess er sich von Schwei­zer Mis­sio­na­ren in Pa­pua­neu­gui­nea ver­pflich­ten, das war 2016. Er er­le­dig­te Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten in de­ren Un­ter­künf­ten. Oft zu­sam­men mit Ein­hei­mi­schen, bald konn­te er sich recht gut mit ih­nen un­ter­hal­ten.

Ei­nes Ta­ges lief er in We­wak, der Ha­fen­stadt, in der er sta­tio­niert war, ei­nem Weis­sen über den Weg. Und noch ei­nem. Und noch ei­nem. Er folg­te ih­nen, bis er vor ei­nem Kreuz­fahrt­schiff stand. Zu Eh­ren der vier­tau­send Pas­sa­gie­re führ­ten drei Folk­lo­re­grup­pen Tän­ze auf. Zwei der Grup­pen kann­te Florian Spring.

Die Mit­glie­der der drit­ten Trup­pe sa­hen aus, als hät­ten sie sich Kro­ko­dil­häu­te über­ge­zo­gen. «Be­such uns doch!», sag­te ei­ner von ih­nen zu Florian Spring. Al­so mach­te der sich auf den Weg: ei­ne Ta­ges­rei­se mit dem Bus. Als die End­sta­ti­on er­reicht war und die an­de­ren Pas­sa­gie­re in Ka­nus um­stie­gen, blie­ben nur er und ein al­ter Mann üb­rig. In ei­nem Ki­osk am Ufer des Se­pik kauf­te Spring sich ei­ne Co­la und schau­te wohl ein biss­chen ver­lo­ren drein.

«Wo willst du hin?», frag­te der Mann.

«Zu den Kro­ko­dil­män­nern», ant­wor­te­te Florian Spring.

«Mein Na­me ist Ka­ma. Ich neh­me dich mit.» Spring dach­te, er blei­be ein paar Ta­ge. Es wur­den drei Wo­chen. Er half beim Auf­bau des Schul­hau­ses, ge­le­gent­lich nahm er sei­ne Ka­me­ra her­vor und fo­to­gra­fier­te. Ka­mas Fa­mi­lie wur­de zu sei­ner Fa­mi­lie. Ei­nes Abends er­zähl­te Ka­ma ihm die Ge­schich­te ei­nes an­de­ren Weis­sen mit ei­ner Ka­me­ra.

Er war Eth­no­lo­ge, wie Florian Spring spä­ter her­aus­fand, und hat­te Kan­din­ge in den Sieb­zi­ger­jah­ren be­sucht. Die Leu­te ver­trau­ten ihm und lies­sen ihn das Männ­lich­keits­ri­tu­al er­le­ben, doch mit den Bil­dern, die er mach­te, ging er der­art un­be­dacht um, dass Kan­din­ge von den um­lie­gen­den Dör­fern auf Jahr­zehn­te hin­aus ge­äch­tet wur­de. Bis heu­te weiss hier je­des Kind von dem Un­glück, das der Eth­no­lo­ge mit sei­nem Buch über das Dorf brach­te: zer­stör­te Pal­men, ab­ge­brann­te Häu­ser, ka­put­te Le­ben.

In Kan­din­ge schwor man sich, nie mehr ei­nem Weis­sen zu zei­gen, wie die Män­ner zu Krokodilen wer­den. Das Kro­ko­dil ist für die An­ge­hö­ri­gen des auf

Man­che Män­ner ge­ben kei­nen Mucks von sich, wenn das Uten­sil an­ge­setzt wird, an­de­re heu­len.

meh­re­re Dör­fer ver­teil­ten Nio­wra-stam­mes ei­ne Schöp­fer­gott­heit. Sie sa­gen, im Ober­kie­fer sei der Him­mel ent­stan­den, im Un­ter­kie­fer die Er­de. Das Kro­ko­dil ist ihr Le­bens- und Kraft­quell zu­gleich: Sie ja­gen und tö­ten es, um es zu es­sen, aber sie glau­ben auch, dass es ih­nen Stär­ke ver­leiht, wenn sie es eh­ren. Ein Kro­ko­dil, sa­gen sie, kann man ein Le­ben lang füt­tern – und doch greift es ei­nen an, wenn man nur ei­nen Fuss in sei­nen Kä­fig setzt.

Der Glau­be an das Kro­ko­dil gip­felt da­rin, dass in der Vor­stel­lung des Nio­wra-stam­mes erst ein rich­ti­ger Mann ist, wer ein zwei­tes Mal zur Welt kommt – als Kro­ko­dil.

«Darf ich da­bei sein?», frag­te Florian Spring. «Be­such uns nächs­tes Jahr wie­der», sag­te ei­ner der Jün­ge­ren in Ka­mas Fa­mi­lie, der Wes­ley heisst.

Vor nicht lan­ger Zeit hat­te ihm der Dor­f­äl­tes­te die Ver­ant­wor­tung für das Ri­tu­al ab­ge­tre­ten. Wes­ley ge­fiel, dass Florian Spring nicht aus Sen­sa­ti­ons­gier nach Kan­din­ge ge­kom­men war.

Ein Jahr spä­ter, En­de 2017, folgt je­ner frü­he Mor­gen in Kan­din­ge: Um das Män­ner­haus im Zen­trum des Dor­fes ist ein vier Me­ter ho­her Zaun er­rich­tet wor­den. Es ist jetzt ein Kro­ko­dil­nest. Vor dem Tor ha­ben sich die Frau­en und Kin­der ver­sam­melt, sie sind vom Initia­ti­ons­ri­tu­al aus­ge­schlos­sen. Je nach­dem, wie gut die Wun­den ver­hei­len, blei­ben die Män­ner drei Wo­chen bis drei Mo­na­te un­ter sich.

Die Wun­den: 800 bis 1500 Schnit­te pro Kör­per, bei­na­he im Se­kun­den­takt wird das Uten­sil, von dem nicht ver­ra­ten wer­den darf, wo­rum ge­nau es sich han­delt, jetzt an­ge­setzt, vom Brust­korb über die Schul­tern und den Rü­cken bis zum Ge­säss. Män­ner, die schon in­iti­iert sind, voll­zie­hen die Pro­ze­dur: Sie neh­men ein Stück Haut zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger, füh­ren das Uten­sil ein, zie­hen durch. Die Mus­ter un­ter­schei­den sich, aber je­der Va­ter ver­erbt sei­nes an sei­ne Kin­der wei­ter.

Man­che Män­ner, sie sind mehr­heit­lich zwi­schen 14 und 20 Jah­re alt, ge­ben kei­nen Mucks von sich, an­de­re heu­len, kaum wird das Uten­sil ein ers­tes Mal an­ge­setzt – dann ver­sam­meln sich äl­te­re Män­ner um sie und stim­men in ihr Kla­gen ein. Kei­ne Frau und kein Kind soll er­fah­ren, wel­cher Mann wie auf die Schmer­zen re­agiert hat.

Nach ei­ner hal­ben St­un­de ist der ers­te Teil des Ri­tu­als vor­über. Aber der Pro­zess der Kro­ko­dil­wer­dung hat da­mit ge­ra­de erst be­gon­nen. Mit ge­krümm­tem Rü­cken blei­ben die Män­ner nun ta­ge­lang auf den Ka­nus lie­gen, zur Toi­let­te dür­fen sie nur in ge­bück­ter Hal­tung ge­hen. Die Wun­den sol­len mög­lichst lang of­fen blei­ben. Da­mit sich ei­ne Krus­te bil­det, wird wäh­rend der nächs­ten drei Ta­ge Palm­öl auf den Kör­pern ver­teilt, da­nach wird mit Mu­scheln täg­lich das Blut aus den Wun­den ge­kratzt, die mit Was­ser aus­ge­spritzt und mit Lehm ein­ge­rie­ben wer­den. So ent­ste­hen die Nar­ben, die bald je­ne Kör­per­kunst­wer­ke bil­den, die Florian Spring an der tan­zen­den Folk­lo­re­grup­pe im Ha­fen so be­wun­dert hat. Die Bil­der, die er mit dem Ein­ver­ständ­nis des Stam­mes jetzt ver­öf­fent­li­chen darf, zei­gen ei­nes nicht: das Schnei­den selbst. «Das war die Ab­ma­chung, die ich mit Wes­ley ge­trof­fen ha­be», er­zählt Florian Spring. Der Mo­ment des Schnei­dens ist den Män­nern hei­lig, zu se­hen be­kom­men darf ihn nur, wer das Ri­tu­al selbst durch­ge­macht hat.

Für den Eth­no­lo­gen in den Sieb­zi­ger­jah­ren hat­te man ei­ne Aus­nah­me ge­macht, aber er miss­brauch­te die Gut­gläu­big­keit und ver­öf­fent­lich­te die Fo­to­gra­fi­en.

Für Florian Spring mach­te man ei­ne zwei­te Aus­nah­me, aber nur un­ter ge­wis­sen Be­din­gun­gen: Wie je­der Mann, der zum Kro­ko­dil wer­den will, muss­te er ein Kro­ko­dil er­le­gen. Und er muss­te den Män­nern Ge­schen­ke ma­chen: 200 Pa­ckun­gen Da­fal­gan, 100 Ki­lo Reis, 100 Do­sen Thun­fisch, ein Schwein.

Muss­te er sich auch schnei­den las­sen? «Das war nicht Teil der Ab­ma­chung», sagt Florian Spring.

Er zö­gert. «Ich glau­be auch nicht, dass die Män­ner das noch von mir er­war­ten. Aber ich selbst – ich er­war­te es ir­gend­wie von mir. Ach, ich weiss nicht. Viel­leicht ein paar Schnit­te?»

800- bis 1500-mal pro Mann wird in die Haut ge­schnit­ten.Die Mus­ter va­ri­ie­ren, nur wie Kro­ko­dils­haut soll es am En­de aus­se­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.