Virginie Despentes, wich­tigs­te fran­zö­si­sche Au­to­rin, über al­les, was Frau­en und Män­ner mo­men­tan trennt.

Das Magazin - - Contents - Von Ga­b­rie­la Her­pell

Virginie Despentes hat als Treff­punkt ei­ne Bar im Pa­ri­ser Quar­tier Bel­le­vil­le vor­ge­schla­gen, nicht weit vom Parc des But­tes-chau­mont, wo der zwei­te Teil ih­rer Tri­lo­gie über das Le­ben des Ver­non Su­butex spielt. In der Bar läuft Mu­sik der Acht­zi­ger, als Despentes in ei­nem Plat­ten­la­den ar­bei­te­te, wie ihr Held Ver­non.

Jetzt lebt Despentes, 49, in die­sem Quar­tier mit ih­rer spa­ni­schen Freun­din zu­sam­men. Mit 35 be­en­de­te sie ih­re letz­te he­te­ro­se­xu­el­le Be­zie­hung. Es sei nichts für sie, be­wei­sen zu müs­sen, dass sie ei­ne lie­bens­wer­te Frau sei, schreibt sie in der «King Kong Theo­rie», die im Sep­tem­ber neu über­setzt gleich­zei­tig mit dem drit­ten Su­butex-band – «Das Le­ben des Ver­non Su­butex 3» – er­schie­nen ist. «Den Män­nern ge­fal­len ist ei­ne kom­pli­zier­te Kunst, die ver­langt, dass man al­les un­ter­drückt, was mit Macht zu tun hat.» Die «King Kong Theo­rie» ist ei­ne fe­mi­nis­ti­sche Streit­schrift, mit wich­ti­gen bio­gra­fi­schen De­tails, aus de­nen sich Virginie Despentes’ Welt­sicht er­klärt: Ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen in Nan­cy, wur­de sie mit sieb­zehn beim Tram­pen ver­ge­wal­tigt. Mit An­fang zwan­zig ar­bei­te­te sie als Pro­sti­tu­ier­te – das war für sie, als wür­de sie sich ih­re Wür­de zu­rück­ho­len. In der Zeit schrieb sie «Bai­se-moi», ein Skan­dal­buch, aus dem sie ei­ni­ge Jah­re spä­ter ei­nen Skan­dal­film mach­te: zwei Frau­en auf ei­nem Ra­che­feld­zug ge­gen die Män­ner.

Despentes, un­ge­schminkt, schwar­ze Ho­se, schwar­zes T-shirt, be­stellt ein klei­nes Glas Weiss­wein und spricht er­staun­lich lei­se.

Das Ma­ga­zin: Sie sind ei­ne er­klär­te Fe­mi­nis­tin. Aus wel­chem Grund ha­ben Sie für die Tri­lo­gie über Ver­non Su­butex ei­ne männ­li­che Haupt­fi­gur ge­wählt?

Virginie Despentes: Ers­tens, weil Mu­sik, al­so Punk­rock, wirk­lich wich­tig für das Buch ist. Da war es ein­fa­cher, ei­nen Mann zu neh­men. Die meis­ten Punk­ro­cker wa­ren doch Jungs. Zwei­tens, weil al­le mei­ne Ro­ma­ne bis­her Frau­en als Hel­den hat­ten. Ich muss­te sie im­mer ver­tei­di­gen und hat­te ein­fach Lust auf et­was an­de­res. Und ich glau­be, mein Un­ter­be­wusst­sein hat mir ein­ge­flüs­tert, ein Buch mit ei­nem Mann als Prot­ago­nis­ten könn­te erns­ter ge­nom­men wer­den. Und so ist es tat­säch­lich. Ich bin mir si­cher, wenn an die­sem Ro­man al­les ge­nau­so wä­re, nur Su­butex wä­re ei­ne Frau, dann wä­re er an­ders wahr­ge­nom­men wor­den.

Wie denn?

Jetzt ist «Su­butex» ein Ge­sell­schafts­ro­man, ein Ro­man über Pa­ris, über un­se­re Zeit, über Po­li­tik. Wä­re Su­butex ei­ne Frau ge­we­sen, wä­re der Ro­man als die Ge­schich­te die­ser Frau ge­le­sen wor­den.

Sie mei­nen, der Ro­man wä­re in der Schub­la­de Frau­en­li­te­ra­tur ge­lan­det?

Na­tür­lich. In Frank­reich ist es für Frau­en schwie­rig, nicht un­ter Frau­en­li­te­ra­tur ab­ge­hakt zu wer­den. Auch wenn es gar nicht wirk­lich ei­ne Ka­te­go­rie ist. Ich ha­be üb­ri­gens auch dar­auf be­stan­den, dass auf dem Co­ver mei­ner Bü­cher mein Vor­na­me nicht mehr auf­taucht. Ich glau­be, dass al­lein ein weib­li­cher Vor­na­me da­für sorgt, dass we­ni­ger Män­ner dich le­sen.

In der «King Kong Theo­rie», die Sie 2006 ver­öf­fent­licht ha­ben, stell­ten Sie fest, dass man Sie sys­te­ma­tisch mit

Die Fran­zö­sin Virginie Despentes schrieb die Tri­lo­gie «Das Le­ben des Ver­non Su­butex» vol­ler Wut – und es ge­lang ihr, die­se Wut zu ei­ner kon­struk­ti­ven Kraft zu ma­chen.

Frau­en wie Amé­lie No­thomb ver­glich und Sie da­mit auf Ih­ren Platz «als Weib­chen» ver­wies. Ist das jetzt an­ders?

Ich ha­be an Glaub­wür­dig­keit ge­won­nen. Und ich wer­de für in­tel­li­gen­ter ge­hal­ten.

Ist es dann nicht kon­tra­pro­duk­tiv, dass Ih­re fe­mi­nis­ti­sche Streit­schrift ge­ra­de jetzt in Deutsch­land neu er­scheint?

Nein, gar nicht. Das bin ja ich. Und ak­tu­ell ist das Buch nach wie vor. Aber wenn ich ei­nen Ro­man schrei­be, ist der na­tür­lich mehr als nur fe­mi­nis­tisch. Und ich ha­be es satt, dass mei­ne Prot­ago­nis­tin­nen so scho­nungs­los be­trach­tet und be­ur­teilt wer­den. Män­nern ge­gen­über ist der Le­ser gross­zü­gi­ger. Es ist ein­fach so: Die Frau­en lie­ben die Män­ner. Und die Män­ner lie­ben die Män­ner auch.

Die «King Kong Theo­rie» ist au­to­bio­gra­fisch. Man be­greift, wie viel die Frau­en um Ver­non Su­butex her­um mit Ih­nen zu tun ha­ben: ein ehe­ma­li­ger Por­no­star, ei­ne jun­ge Frau, die ver­ge­wal­tigt wird, ei­ne ehe­ma­li­ge Bas­sis­tin …

Ja, sie sind al­le ein biss­chen ich.

Und «die Hyä­ne», ei­ne cha­ris­ma­ti­sche, cle­ve­re Les­be: Ist das Ihr Al­ter Ego?

Ich wä­re froh, wenn sie mein Al­ter Ego wä­re, ich fin­de sie sehr cool, stark und tüch­tig. Aber ich bin viel schüch­ter­ner als sie. Die Hyä­ne taucht schon in mei­nem Ro­man «Apo­ca­lyp­se Ba­by» auf, sie be­glei­tet mich schon lan­ge. In «Ver­non Su­butex» ist sie mil­der ge­wor­den. Mensch­li­cher.

War­um ha­ben Sie die Fi­gur Hyä­ne ge­nannt?

Ich ha­be mir ei­nen weib­li­chen Cl­int East­wood aus «Dir­ty Har­ry» vor­ge­stellt. Das ist kei­ne sym­pa­thi­sche Fi­gur. Er ist der Jä­ger, die Hyä­ne ist die Jä­ge­rin. Ei­ne des­il­lu­sio­nier­te, zy­ni­sche, ef­fek­ti­ve und sehr wit­zi­ge Pri­vat­de­tek­ti­vin.

Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt der Fil­me­ma­cher Do­pa­let, ein Se­xist und Ras­sist. Zwei Frau­en ma­chen ihn fer­tig. Über ihn heisst es: «In ihm wü­tet der Zorn, der Zorn des Op­fers, des­sen ret­ten­de Schär­fe er nicht kann­te.» Den Zorn des Op­fers ken­nen Sie gut. Sind Sie auch Do­pa­let?

Als Op­fer ist man ja im­mer wü­tend. Es wur­de ei­nem Un­recht an­ge­tan, Ge­walt, da wird man wü­tend. Ich ken­ne die­sen Zorn, er ist mir sehr ver­traut. Ich un­ter­schei­de heu­te zwi­schen der Wut, mit der man sich ver­tei­digt und die ei­nen am Le­ben er­hält, und der Wut, mit der man zer­stört, an­de­re und auch sich selbst. Vie­le Ge­dan­ken der ge­walt­be­rei­ten Män­ner in «Su­butex» wie Patri­ce oder Xa­vier oder Do­pa­let sind mei­ne ei­ge­nen Ge­dan­ken, ihr Le­ben Teil mei­nes Le­bens. Wich­tig ist bei der Wut, dass man den Mo­ment er­kennt, in dem die Wut, die zer­stört, sich Bahn bricht.

Wie er­kennt man die­sen Mo­ment?

Man ist un­glück­lich. Die­se Wut er­stickt ei­nen, zer­frisst ei­nen, macht ei­nen ka­putt.

Und was macht man?

Da muss man schnell et­was än­dern. Wirk­lich än­dern.

Ging es Ih­nen mal so?

Als ich un­ge­fähr dreis­sig war, ha­be ich ver­sucht, ei­ne gu­te Frau zu sein. Ei­ne an­stän­di­ge Frau, mit ei­nem Mann und Kin­der­wunsch, wie die fran­zö­si­sche Ge­sell­schaft sich das vor­stellt. Ei­ne weib­li­che Frau. Aber Weib­lich­keit ist ja nichts an­de­res als die Kunst der Ser­vi­li­tät. Ver­füh­re­risch sein, aber un­auf­fäl­lig. Häus­lich. Nied­lich. Weib­lich. Und ich wur­de wü­tend, wü­ten­der als je zu­vor. Da wuss­te ich, das funk­tio­niert so nicht, du musst et­was Grund­le­gen­des än­dern.

Wird nur ei­ne mit ei­nem Mann ver­hei­ra­te­te Frau von der Ge­sell­schaft re­spek­tiert?

Bei ei­ner un­ver­hei­ra­te­ten Frau denkt man in Frank­reich so­fort, dass et­was mit ihr nicht stimmt. Zu­min­dest se­hen das die Män­ner mei­ner Ge­ne­ra­ti­on noch so. Ich glau­be, die jün­ge­ren än­dern sich. Das hat man bei #Me­too ja auch ge­se­hen.

Was mei­nen Sie da­mit?

Die Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en macht die Män­ner zwi­schen fünf­zig und sech­zig wü­tend, weil sie sich da­durch schwä­cher füh­len. Sie den­ken, dass ei­ne Frau nicht da draus­sen un­ter­wegs wä­re, wenn sie ei­ne gu­te Frau wä­re, son­dern bei ih­rem Mann und ih­ren Kin­dern. Wenn ei­ne Frau ei­nen an­ge­se­he­nen Pos­ten hat, wenn sie gu­te Ar­beit leis­tet, sich in die Öf­fent­lich­keit be­gibt, mit Män­nern in Kon­kur­renz tritt, ist sie se­xu­ell an­tast­bar. Sie ris­kiert es, se­xis­tisch be­han­delt zu wer­den. Ei­ne Ehe­frau nicht.

Sie ver­glei­chen die Ehe­frau mit ei­ner Pro­sti­tu­ier­ten. Wie be­grün­den Sie das?

Bei­de wol­len was vom Mann. Ge­ra­de Frau­en, die mit mäch­ti­gen, rei­chen Män­nern ver­hei­ra­tet sind. Wenn ich mir Me­la­nia Trump an­schaue, den­ke ich so­fort, dass sie mit die­sem Mann ver­hei­ra­tet ist, weil er ihr ein Le­ben bie­ten kann, das sie oh­ne ihn nicht hät­te. Und er ist mit ihr ver­hei­ra­tet, weil sie schön und jung ist. Das ist nicht weit weg von der Pro­sti­tu­ti­on. Ei­ne Frau, die ihr Aus­se­hen be­nutzt, um an das Geld ei­nes Man­nes zu kom­men, ver­hält sich wie ei­ne Pro­sti­tu­ier­te, halt auf der Lu­xus­ebe­ne. Ich ver­ur­tei­le das nicht, ich war ja selbst mit An­fang zwan­zig Pro­sti­tu­ier­te. Als ich dar­über in der «King Kong Theo­rie» schrieb, ging es mir nicht dar­um, Ehe­frau­en zu krän­ken, son­dern ein Plä­doy­er für die Pro­sti­tu­ti­on zu hal­ten, die ich ei­ni­gen an­de­ren Ar­bei­ten vor­ge­zo­gen ha­be, bei de­nen ich mehr Geld hät­te ab­ge­ben müs­sen. Zum Bei­spiel an der Al­di-kas­se.

Sie fühl­ten sich als Pro­sti­tu­ier­te von Män­nern so­gar re­spekt­vol­ler be­han­delt als in Ih­rer Ei­gen­schaft als jun­ge Frau. Wie er­klä­ren Sie sich das?

Wenn ei­ne Frau mit ei­nem Mann ins Bett geht, weil sie Lust da­zu hat, kein Geld da­für möch­te und vor­aus­sicht­lich nicht sei­ne Ehe­frau wird, gilt das im­mer noch als un­an­stän­dig. Män­ner re­spek­tie­ren sol­che Frau­en nicht. Bei der Pro­sti­tu­ier­ten fällt die­se Ab­wer­tung ir­gend­wie weg. Die Se­xua­li­tät der Frau ist im­mer noch so un­fass­bar kom­pli­ziert. Ich glau­be, es ist heu­te so­gar wie­der pro­ble­ma­ti­scher als in den Sieb­zi­ge­rund Acht­zi­ger­jah­ren. Zu der Zeit durf­te man sich im­mer­hin mal für Jungs und Sex in­ter­es­sie­ren. Ins­ta­gram und Snap­chat ha­ben das to­tal ver­än­dert. Sol­che Frau­en sind heu­te wie­der Schlam­pen. Und das ist so­fort pu­blik. Sie wer­den stän­dig kon­trol­liert.

Er­le­ben wir ei­nen Rück­schritt?

Wir er­le­ben ei­ne Ver­bes­se­rung und ei­ne Ver­schlech­te­rung zu­gleich. Seit #Me­too ist klar, dass Frau­en heu­te er­zäh­len kön­nen, wenn sie Op­fer von Se­xis­mus wur­den oder wer­den. Und dass sie ernst ge­nom­men wer­den; das wä­re in den Sieb­zi­gern oder Acht­zi­gern nicht so ge­we­sen. Da­mals war es nicht selbst­ver­ständ­lich, dass Mäd­chen sich auf der Strasse her­um­trie­ben, dass sie tramp­ten, raus­gin­gen, Spass hat­ten. Es war so­gar ge­fähr­lich. Sie be­tra­ten die Strasse auf ei­ge­ne Ge­fahr.

Er­zähl­ten Sie des­halb Ih­ren El­tern nie von Ih­rer Ver­ge­wal­ti­gung? Dach­ten Sie, Sie sei­en selbst schuld?

Ich ha­be es ih­nen vor al­lem nicht er­zählt, weil sie mich dann nicht mehr raus­ge­las­sen hät­ten. Das wä­re das En­de mei­ner Frei­heit ge­we­sen. Heu­te wür­den die Frau­en sich weh­ren – das ha­ben wir nicht ge­tan, wir fühl­ten uns nicht im Recht da­zu. Das Glei­che mit der Ar­beit: Frau­en in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern wa­ren so glück­lich dar­über, über­haupt ar­bei­ten zu dür­fen, dass sie sich nicht über Män­ner be­klag­ten, die ih­re Macht miss­brauch­ten.

Was ist schlech­ter ge­wor­den?

Der Kör­per­kult. Die so­zia­le Kon­trol­le. Frau­en müs­sen im­mer schö­ner, per­fek­ter, ver­füh­re­ri­scher sein. Frau­en müs­sen sich im Griff ha­ben. Es ist nicht mehr vor­ge­se­hen, dass Frau­en ab fünf­zig zu­neh­men. Auch die Hei­lig­spre­chung der Mut­ter­schaft ist ein Rück­schritt für mich. Aber so ist es im­mer, nach der Be­frei­ung kommt ein Rück­schlag. Zum Glück wird trotz­dem nie wie­der al­les so wie frü­her.

Son­dern?

Wenn ich heu­te zwan­zig­jäh­ri­ge Frau­en se­he, kann ich mir nicht vor­stel­len, dass sie wirk­lich dar­an glau­ben, in der Ehe und Mut­ter­schaft ihr Glück zu fin­den. Man kriegt sie nicht zu­rück in die Fünf­zi­ger­jah­re.

Sie ha­ben Do­pa­let, über den wir schon ge­spro­chen ha­ben, be­reits vor #Me­too pro­phe­tisch wein­stein­haft an­ge­legt. Wie ka­men Sie dar­auf ?

Das ist kein biss­chen pro­phe­tisch, das Ki­no war schon im­mer so. Die Re­gis­seu­re, die gan­ze Stim­mung im Film­ge­schäft war su­per­s­e­xis­tisch, je­den­falls in Frank­reich. Da gab es üb­ri­gens auch kei­nen nen­nens­wer­ten Un­ter­schied zwi­schen nor­ma­len Fil­men und Por­no­fil­men, die At­mo­sphä­re war se­xu­ell auf­ge­la­den, man hat die Frau­en schlecht be­han­delt, er­nied­rigt, schlecht be­zahlt, seit den Fünf­zi­ger­jah­ren lief das so, durch al­le Jahr­zehn­te hin­durch. Das Ki­no hat auch im­mer mäch­tig Pro­pa­gan­da für die per­fek­te, an­stän­di­ge, weib­li­che Frau ge­macht. Als ich mei­nen ers­ten Film dreh­te, 2000, und mei­ne Vor­stel­lun­gen durch­setz­te, mit zwei Haupt­dar­stel­le­rin­nen, die sonst Por­nos dreh­ten, merk­te ich so­fort ei­nen schar­fen Wind. Der Film hat­te dann auch nicht die ge­rings­te Chan­ce bei den Kri­ti­kern. Er wur­de nach we­ni­gen Ta­gen ver­bo­ten, we­gen Por­no­gra­fie.

Der Film hiess «Bai­se-moi». Zwei Frau­en, de­nen Män­ner übel mit­ge­spielt ha­ben, zie­hen durchs Land und rä­chen sich an al­len Män­nern. Ei­ne Mi­schung aus «Thel­ma und Loui­se» und «Na­tu­ral Born Kil­lers», mit ei­ni­gen se­xu­ell bru­ta­len Sze­nen. Ein ziem­li­cher Wu­t­aus­bruch von Ih­nen. Sind Sie bis heu­te so wü­tend?

We­ni­ger als frü­her. Wahr­schein­lich so­gar we­gen Wein­stein. Weil es mich zu­frie­den macht, dass ei­ne jun­ge Ko­mö­di­an­tin, die sich für ein Cas­ting aus­zie­hen soll, heu­te Nein sa­gen kann. Oder ihr Te­le­fon nimmt und er­zählt, was ihr pas­siert ist.

Der Re­gis­seur Elia Ka­zan hat mal ge­sagt, künst­le­ri­sches Ge­nie sei der Schorf, der sich auf den Wun­den ge­bil­det ha­be. Ist man als Künst­ler stär­ker, wenn man noch sehr wü­tend ist oder wenn man et­was Ab­stand ge­won­nen hat?

Nein. Ich glau­be so­gar, dass es ein gu­ter Mo­ment ist, künst­le­risch tä­tig zu wer­den, wenn die Wun­de noch blu­tet. Schrei­ben ist doch wie Licht ma­chen. Fil­men auch. Das kann chao­tisch sein. Aber so­bald man ei­ne Spra­che fin­det, ent­steht ein Werk. «Bai­se-moi» war nie so­phis­ti­ca­ted, das stimmt. Aber das Ro­he, Derbe ist für mich auch ei­ne Qua­li­tät. Es ist kein Wert für mich, über den Din­gen zu ste­hen. Und mei­ne Spra­che ist im­mer noch derb.

Auch Ihr Blick auf die Ge­gen­wart, auf Frank­reich, auf Pa­ris, ist im­mer noch un­gnä­dig.

Na ja, das ist na­tür­lich auch ei­ne Al­ters­er­schei­nung. Ich bin nun fast fünf­zig, und vie­les von der Welt, wie ich sie lieb­te, als ich jung war, ist ver­schwun­den. Ich mag die Mu­sik von vor zwan­zig Jah­ren lie­ber als die Mu­sik von heu­te. Ich mag Pa­ris, aber ich fand Pa­ris vor zwan­zig Jah­ren schö­ner als heu­te. Pa­ris ist Krieg. Auch schon vor den At­ten­ta­ten. In der U-bahn, im Ta­xi, al­le sind ag­gres­siv, man wird selbst ag­gres­siv. Ich

«Ei­ne Frau, die ihr Aus­se­hen be­nutzt, um an das Geld ei­nes Man­nes zu kom­men, ver­hält sich wie ei­ne Pro­sti­tu­ier­te.»

be­kla­ge all das, was man so in mei­nem Al­ter be­klagt, das Ver­schwin­den der klei­nen Ge­schäf­te, an de­ren Stel­le jetzt die Ket­ten sind. Die Buch­lä­den sind weg. Und ich muss mir Mü­he ge­ben, die Vor­tei­le der heu­ti­gen Welt zu er­ken­nen. Ich bin stän­dig im In­ter­net, ich pro­fi­tie­re da­von, aber es trägt auch so viel Elend, Hass, Ag­gres­si­on, Lärm an mich her­an, dass ich das manch­mal kaum aus­hal­te. Frü­her wuss­te ich nicht, was mein ras­sis­ti­scher Nach­bar dach­te. Heu­te kann ich nicht an­ders, als es zu er­fah­ren.

Nach­dem an­fangs in «Su­butex» al­les den Bach run­ter­geht, schöp­fen die Haupt­fi­gu­ren wie­der Hoff­nung, weil sie sich zur Grup­pe zu­sam­men­tun. Ist die Grup­pe für Sie die Hoff­nung?

Na­tür­lich. Es war das Geld, das sie aus­ein­an­der­ge­bracht hat. Oder die Po­li­tik. Mu­sik – die ei­nen hö­ren die­se, die an­de­ren je­ne. Kin­der – die ei­nen krie­gen wel­che, die an­de­ren nicht. Das ist bei Grup­pen so wie bei Paa­ren: Ge­hen die Ge­mein­sam­kei­ten ver­lo­ren, ist es vor­bei. Und es ist wahr: Was mir in Pa­ris am meis­ten fehlt, ist die Grup­pe. Man lebt hier sehr iso­liert.

Sind Sie ein­sam?

Das nicht. Ich ha­be nicht stän­dig vie­le Leu­te um mich, aber ich le­be mit mei­ner Freun­din zu­sam­men. Und wir ha­ben ei­nen klei­nen, aber treu­en Freun­des­kreis. Ich hat­te mei­ne ein­sa­men Mo­men­te im Le­ben, aber ge­ra­de ist es nicht ein­sam. Den­noch ist die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe, die zu­sam­men­hält, et­was, das ich gern noch ein­mal er­le­ben wür­de.

Die Mit­glie­der der Grup­pe, die sich in «Su­butex» fin­det, ge­hör­ten al­le schon mal zu­sam­men. Das macht es ein­fa­cher, oder?

Klar. Auch das ist wie bei ei­nem Paar. Es spricht viel da­für, dass sie sich ver­ste­hen. Und ge­nau­so viel da­ge­gen. Aber dass sie sich lan­ge ken­nen, dass sie sich schon jung kann­ten, dass sie in den je­weils an­de­ren auch noch die jun­gen Men­schen se­hen und sich al­le schwer­tun mit dem Äl­ter­wer­den, macht es leich­ter.

Die Grup­pe trifft sich zu «Con­ver­gen­ces», Ra­ves oh­ne Dro­gen, oh­ne Licht, oh­ne Al­ko­hol. Und fast al­le er­le­ben et­was wie Er­leuch­tung. Schwingt da Iro­nie mit bei Ih­nen?

Nein. Tan­zen und Mu­sik hö­ren ist ei­gent­lich al­les, was sie al­le mit­ein­an­der ma­chen kön­nen. Und ich bin im­mer gern auf Kon­zer­te ge­gan­gen. Es hat mich ge­wun­dert, dass ich da un­ter Tau­sen­den ste­hen konn­te, oh­ne mich zu quä­len. Wir al­le ha­ben die­sel­be Mu­sik ge­hört und so et­was wie Glück emp­fun­den. Ein kol­lek­ti­ves Glück. Ich ge­he im­mer noch gern auf Kon­zer­te. Ich war zum Bei­spiel vo­ri­ges Jahr bei Nick Ca­ve, und das war so ein Er­leb­nis. Über­wäl­ti­gend. Er ist sech­zig. Und das Pu­bli­kum re­spek­tiert ihn, schätzt ihn, es ist ein gu­tes Pu­bli­kum – ei­ne Grup­pe, auch wenn sie sich nach dem Kon­zert wie­der auf­löst.

Die «King Kong Theo­rie» ha­ben Sie «für al­le vom gros­sen Markt der tol­len Frau­en Aus­ge­schlos­se­nen» ver­fasst, wie Sie in den ers­ten Zei­len des Bu­ches er­klä­ren. Für wen ha­ben Sie «Das Le­ben des Ver­non Su­butex» ge­schrie­ben?

Wie­der für die Frau­en, die aus­ser­halb der Ge­sell­schaft ge­lan­det sind. Aber auch für die Män­ner, die aus­ser­halb der Ge­sell­schaft ge­lan­det sind. Für al­le Ab­ge­schla­ge­nen, Aus­ge­mus­ter­ten. Da­mit mei­ne ich nicht zwin­gend das Pre­ka­ri­at, son­dern die, die sich aus­ser­halb der Ge­sell­schaft be­fin­den, weil sie sau­fen, weil sie ei­nen schlech­ten Cha­rak­ter ha­ben, weil sie häss­lich sind, weil sie Mist bau­en, weil sie un­an­ge­passt sind. Und auch weil sie re­ak­tio­när ge­wor­den sind.

Sie wur­den mit Balz­ac ver­gli­chen und sind in die Ju­ry des Prix Gon­court, des wich­tigs­ten fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur­prei­ses, auf­ge­nom­men wur­den. Ver­zeiht man Ih­nen Ih­re Wei­ge­rung, ge­sell­schaft­li­chen Nor­men von Weib­lich­keit zu ent­spre­chen?

Die Fran­zo­sen ha­ben mei­ne Ver­gan­gen­heit und den Skan­dal um «Bai­se-moi» nicht ver­ges­sen, aber zur­zeit re­det nie­mand da­von. Das ist an­ge­nehm. Ich wer­de bes­ser be­han­delt. Und es gibt in der fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur ei­ne Tra­di­ti­on von ver­lo­re­nen Frau­en, die an­er­kann­te Schrift­stel­le­rin­nen wur­den. Anaïs Nin, Co­let­te, Si­mo­ne de Be­au­voir, Vio­let­te Le­duc. Viel­leicht wer­de ich ei­nes Ta­ges zu ih­nen ge­hö­ren.

«Ich glau­be, es ist ein gu­ter Mo­ment, künst­le­risch tä­tig zu wer­den, wenn die Wun­de noch blu­tet.»

Mit dreis­sig müh­te sich Virginie Despentes an dem Ver­such ab, ei­ne «gu­te Frau zu sein».

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