Der Män­ner­flüs­te­rer. Wo­für steht Jor­dan Pe­ter­son?

Jor­dan Pe­ter­son schart Mil­lio­nen von Män­nern um sich. Aber wo führt er sie hin?

Das Magazin - - N° 42 — 20. Oktober 2018 - Von Mi­ka­el kro­ge­rus

Ich muss ein­ge­schlum­mert sein, da reisst mich ein kol­lek­ti­ves «Yeah!» aus dem Sitz. Drei­tau­send Zu­schau­er im Fill­mo­re-thea­ter in Mia­mi Beach sind auf­ge­sprun­gen, klat­schen, joh­len, ju­beln dem Red­ner zu. Was ist ge­sche­hen? Hat er To­te zum Le­ben er­weckt? Die Erd­ro­ta­ti­on ge­stoppt?

Nein, schreit mir mein Nach­bar zu, er hat ge­sagt, die ra­di­ka­le Lin­ke sei die gröss­te Be­dro­hung für die Re­de­frei­heit.

Er.

Er, das ist Jor­dan Bernt Pe­ter­son.

Für al­le, die in den letz­ten sechs Mo­na­ten nicht auf So­ci­al Me­dia wa­ren: Wer ist Jor­dan Pe­ter­son? Zu­nächst: Wä­re So­ci­al Me­dia nicht er­fun­den wor­den, wüss­te das wohl bis heu­te nie­mand. Pe­ter­son ist ein 56-jäh­ri­ger ka­na­di­scher Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät von To­ron­to. 1999 schrieb er ein Buch, «Maps of Mea­ning», es ver­kauf­te sich 500-mal. 2013 be­gann Pe­ter­son sei­ne Vor­le­sun­gen auf Youtu­be hoch­zu­la­den, das In­ter­es­se an ihm wuchs. 2016 pro­tes­tier­te er ge­gen ein ka­na­di­sches An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz, das ihn ver­meint­lich da­zu zwang, Trans­per­so­nen mit dem von ih­nen ge­wünsch­ten Pro­no­men an­zu­spre­chen. Da­mit ging die Auf­merk­sam­keit für ihn und sei­ne Per­son durch die De­cke.

Prak­tisch über Nacht war dem Kul­tur­kampf, dem Kampf ri­va­li­sie­ren­der Grup­pen um die kul­tu­rel­le Vor­herr­schaft, ei­ne neue Fi­gur ge­bo­ren: kein Dem­ago­ge, der un­ver­hoh­len Ras­sis­mus, whi­te su­pre­ma­cy oder An­ti­is­la­mis­mus pre­digt; auch kein Po­pu­list, der

vor­gibt, für den «klei­nen Mann» zu spre­chen. Son­dern ein In­tel­lek­tu­el­ler, ei­ner, der sich an die Un­ent­schlos­se­nen und Miss­ver­stan­de­nen rich­tet und mit der Ernst­haf­tig­keit ei­nes er­fah­re­nen The­ra­peu­ten sagt: Die Welt be­fin­det sich im Cha­os.

Cha­os be­schreibt Pe­ter­son als fe­mi­nin, Ord­nung als mas­ku­lin. Die Ge­fahr, vom Cha­os über­wäl­tigt zu wer­den, ist al­so die Ge­fahr, vom Fe­mi­ni­nen über­wäl­tigt zu wer­den. Na­tür­lich meint er das sym­bo­lisch, aber aus dem Sym­bo­li­schen lei­tet Pe­ter­son im­mer auch das Wirk­li­che ab.. Er schreibt: «Cha­os ist das Mög­li­che, die Qu­el­le al­ler Ide­en, das mys­te­riö­se Reich der Ge­burt.» Das Weib­li­che ha­be die Evo­lu­ti­on be­ein­flusst, so­dass wir zu «krea­ti­ven, fleis­si­gen, auf­rech­ten, kom­pe­ti­ti­ven, ag­gres­si­ven, do­mi­nan­ten Le­be­we­sen wur­den».

Das Schick­sal des Men­schen sei es, die Ba­lan­ce zwi­schen Cha­os und Ord­nung zu fin­den, denn das ei­ne exis­tie­re nicht oh­ne das an­de­re. In letz­ter Zeit aber ha­be das Fe­mi­ni­ne auf ei­ne un­gu­te Art die Ober­hand ge­won­nen.

Den Kampf zwi­schen Ord­nung und Cha­os ver­or­tet Pe­ter­son ei­ner­seits im Pri­va­ten, wo uns Ve­r­un­si­che­rung, Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit und Be­lie­big­keit in ein psy­chi­sches Cha­os stür­zen kön­nen; an­de­rer­seits aber auch im Öf­fent­li­chen, wo ra­di­ka­ler Fe­mi­nis­mus, po­li­ti­sche Kor­rekt­heit und Iden­ti­täts­po­li­tik die ge­wach­se­nen (und in sei­nen Au­gen da­her gu­ten) Fun­da­men­te der Ge­sell­schaft an­geb­lich ge­fähr­den. Pe­ter­son stellt sich die­ser Ge­fahr ent­ge­gen, wählt je­doch nicht die Mit­tel der Po­li­tik, son­dern je­ne der Psy­cho­lo­gie: Er spricht nicht ei­ne Grup­pe an – Pe­ter­son hasst Kol­lek­ti­vis­mus –, son­dern das In­di­vi­du­um. Er will je­den Ein­zel­nen da­zu be­fä­hi­gen, end­lich ein sinn­vol­les Le­ben zu füh­ren.

Sei­ne Le­bens­an­wei­sun­gen hat er in ei­nem Buch zu­sam­men­ge­tra­gen, es heisst «12 Ru­les for Li­fe».

Die Re­geln sind we­der neu noch ra­di­kal: «Steh auf­recht» (Re­gel 1). «Be­geg­ne dir selbst wie je­man­dem, dem zu hel­fen du ver­pflich­tet bist» (Re­gel 2). «Um­gib dich mit Men­schen, die das Bes­te für dich wol­len» (Re­gel 3). «Ver­fol­ge das Be­deu­tungs­vol­le, nicht das Zweck­mäs­si­ge» (Re­gel 7). «Sag, was du denkst» (Re­gel 8).

Je­der Re­gel wid­met er ein Ka­pi­tel. Aus­gangs­punkt ist da­bei im­mer dies: Das Le­ben ist hart, jam­mern hilft nicht, wer­de er­wach­sen. Ori­en­tie­rungs­lo­sen oder un­glück­li­chen Men­schen, ana­ly­siert er, feh­le es oft an Ver­ant­wor­tung und Struk­tur. Man muss kein gros­ser Men­schen­ken­ner sein, um ein­zu­se­hen, dass Pe­ter­son hier ei­nen Punkt hat. Den meis­ten geht es bes­ser, wenn sie ein Ziel im Le­ben ha­ben, und Men­schen, de­ren Le­ben aus dem Ru­der ge­lau­fen ist, tun gut dar­an, Rou­ti­nen zu ent­wi­ckeln.

Auch wenn er als Psy­cho­lo­ge zwan­zig Jah­re lang Pa­ti­en­ten al­ler Ge­schlech­ter be­han­delt hat, rich­tet sich sein Buch doch ir­gend­wie an Män­ner. Wenn man so will, ap­pel­liert er an den ge­sun­den Männ­chen­ver­stand: Wer­de er­wach­sen! Über­nimm Ver­ant­wor­tung! Sei do­mi­nant!

Das fällt auf frucht­ba­ren Bo­den, denn wir Män­ner ken­nen, wenn wir ehr­lich sind, al­le zu gut die Si­tua­tio­nen, in de­nen von uns er­war­tet wird, dass wir do­mi­nant auf­tre­ten: Das sind Be­geg­nun­gen mit Frau­en, die ei­nen «star­ken» Mann wol­len. Vor al­lem aber sind es ho­mo­so­zia­le Zu­sam­men­hän­ge, in de­nen wir uns ge­gen­über an­de­ren Män­nern be­haup­ten müs­sen. Ho­mo­so­zia­li­tät, so nennt man in der So­zio­lo­gie die Aus­rich­tung von Män­nern an Män­nern. Män­ner wol­len vor al­lem von an­de­ren Män­nern be­wun­dert, an­er­kannt, ge­se­hen, ge­lobt, kri­ti­siert wer­den. Dar­aus er­gibt sich um­ge­kehrt die Angst, von an­de­ren Män­nern über­holt, über­trof­fen, be­siegt, lä­cher­lich ge­macht zu wer­den. Wer sich un­ter Män­nern durch­set­zen muss oder will, dem wird die­ses Buch ge­fal­len. Beim Le­sen den­ke ich un­wei­ger­lich: Hät­te ich die­se oder je­ne Re­gel be­folgt, dann hät­te ich mich in die­ser oder je­ner Si­tua­ti­on bes­ser be­haup­tet. Das Pro­blem ist aber: Hät­te ich mich bes­ser be­haup­tet, hät­te ich mich wie ein Mann be­nom­men, der ich nicht sein will.

Die Pe­ter­son-sucht

Vie­le Män­ner se­hen das of­fen­bar an­ders. Das Buch wur­de mehr als zwei Mil­lio­nen Mal ver­kauft (Über­set­zun­gen in vier­zig Spra­chen ste­hen an; auf Deutsch er­scheint es am 29. Ok­to­ber), da­zu gibt es Tau­sen­de St­un­den Youtu­be­vor­le­sun­gen, In­ter­views und Pod­casts mit ihm. Wer will, kann den Rest sei­nes Le­bens Pe­ter­son­vor­le­sun­gen und Pe­ter­son­re­den auf Youtu­be schau­en. Auf die Fra­ge, was Män­ner an sei­nen Ide­en so an­zie­hend fin­den, sagt Pe­ter­son stets das­sel­be: «Män­ner, vor al­lem jun­ge, ste­hen heu­te un­ter ex­tre­mem Druck, zu­gleich fehlt es ih­nen an po­si­ti­ver Ori­en­tie­rung.»

Man könn­te aber auch den Rest sei­nes Le­bens da­mit ver­brin­gen, Pe­ter­son­kri­ti­ken zu le­sen oder Pe­ter­son­plä­doy­ers, so viel ist über, für und ge­gen ihn ge­schrie­ben wor­den – und wer kom­plett den Ver­stand ver­lie­ren will, kann sich in die Kom­men­ta­re un­ter sei­nen Youtu­be­vi­de­os ver­tie­fen. Die schie­re Mas­se an ab­stru­sen Ar­gu­men­ten, nai­ven Lo­bes­hym­nen, ab­

Män­ner wol­len vor al­lem von an­de­ren Män­nern ge­lobt, be­wun­dert, an­er­kannt oder kri­ti­siert wer­den.

grund­tie­fem Hass ist er­schla­gend. Oder kurz ge­sagt: Jor­dan Pe­ter­son ist der zur­zeit meist­ge­fei­er­te und meist­ge­hass­te In­tel­lek­tu­el­le der west­li­chen Welt.

Um her­aus­zu­fin­den, was es mit ihm und sei­nen Ide­en auf sich hat, be­gab ich mich vor drei Mo­na­ten in den Pe­ter­son-kos­mos. Seit­her spre­che ich von ei­ner Prä-pe­ter­son-pha­se – in mei­ner Er­in­ne­rung ei­ne un­be­schwer­te Zeit, in der ich nichts von dem Ka­na­di­er wuss­te – und ei­ner Pe­ter­son-pha­se, in der die­ser Mann in mei­ne Träu­me kroch, auf ei­ne Art, wie ich es seit mei­ner Kind­heit nicht mehr kann­te.

Der Erst­kon­takt mit Pe­ter­son lief so ab:

Ich klick­te auf ei­nen sei­ner Youtu­be-vor­trä­ge, oft ver­se­hen mit Ti­teln wie: How to De­al With De­pres­si­on; oder: How to Be­co­me a Bet­ter Per­son; oder: Should Gay Cou­ples Rai­se Kids (Spoi­ler: Ja, kön­nen sie, aber es wird schwie­rig, die wich­ti­ge fe­mi­ni­ne Sei­te für das Kind zu be­frie­di­gen). Die Vi­de­os sind mehr­heit­lich Auf­nah­men oder Zu­sam­men­schnit­te sei­ner Vor­le­sun­gen oder Sky­pe-auf­nah­men aus sei­nem Ar­beits­zim­mer. Mie­ses Licht, kom­ple­xe The­men. Ein ha­ge­rer Mann in An­zug re­fe­riert mit hei­se­rer, leicht ge­reiz­ter Stim­me. Ers­ter Im­puls: weg­kli­cken. Wer aber dran­bleibt, der wird mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit noch ein Vi­deo schau­en und noch eins und noch eins. Weil Pe­ter­son Din­ge auf den Punkt bringt, wie ich es noch nie ge­hört ha­be. Die gna­den­lo­se Art, wie er Be­zie­hun­gen, De­pres­sio­nen, Ängs­te, Kin­der­er­zie­hung, Ver­ant­wor­tung, Selbst­über­win­dung ana­ly­siert und wie man sich da­bei die gan­ze Zeit an­ge­spro­chen, er­tappt, aber auch mit­ge­nom­men und vor al­lem ernst ge­nom­men fühlt – ja, das ist ein­neh­mend.

Es folg­ten Wo­chen, in de­nen ich näch­te­lang Pe­ter­son-vi­de­os schau­te, mich durch sein di­ckes, ers­tes Buch wälz­te, je­de Dis­kus­si­on, egal ob mit Frau, Freun­den oder Kol­le­gen, auf ihn dreh­te, mich bei je­der Ent­schei­dung frag­te: Was wür­de Pe­ter­son tun? Ich nerv­te mei­ne Kin­der mit der Re­gel 5: «Lass nicht zu, dass dei­ne Kin­der et­was tun, was be­wirkt, dass du sie da­für nicht magst.» Ich stritt mit mei­ner Frau. Ich imi­tier­te so­gar sei­ne ei­gen­tüm­li­che Ges­tik. Um es ganz kurz zu ma­chen: Ob­wohl ich doch im Grun­de al­les ab­leh­ne, wo­für Pe­ter­son steht – An­ti­fe­mi­nis­mus, Bio­lo­gis­mus, Kul­tu­ra­lis­mus und ei­ne gan­ze Rei­he an­de­rer un­gu­ter Is­men –, war ich in sei­nen Fän­gen.

Ab­so­lu­te Wahr­hei­ten

Aber was fas­zi­nier­te mich so? War­um ver­brach­te ich mehr Zeit mit ei­nem 56-jäh­ri­gen Ka­na­di­er als mit mei­nen Kin­dern? Da sind zu­nächst sei­ne The­men:

Pe­ter­son hat Nietz­sche stu­diert: «Gott ist tot!», das Da­sein un­er­träg­lich, die Exis­tenz ei­ne ein­zi­ge Wun­de. Jetzt kann der Mensch ent­we­der ni­hi­lis­tisch wer­den oder to­ta­li­tär oder aber ei­ge­ne Wer­te ent­wi­ckeln. Aber wir sind nicht frei, ar­gu­men­tier­te der Schwei­zer Psych­ia­ter C. G. Jung. Des­sen Bild der Psy­che als al­ler­ers­ter Ort mensch­li­cher Er­fah­rung und der See­le als Schnitt­stel­le zwi­schen In­nen und Aus­sen spie­len in Pe­ter­sons Uni­ver­sum ei­ne wich­ti­ge Rol­le.

Un­ser Wün­schen und da­mit auch un­se­re Wer­te sind C. G. Jungs Den­ken zu­fol­ge ge­prägt von tief lie­gen­den Struk­tu­ren, so­ge­nann­ten ar­che­ty­pi­schen Er­zäh­lun­gen. Der furcht­lo­se Held, die lie­ben­de Mut­ter – sol­che Sa­chen. Man fragt sich un­wei­ger­lich: Ist man nicht da­zu über­ge­gan­gen, die­se Er­zäh­lun­gen ein biss­chen zu hin­ter­fra­gen? War­um müs­sen Prin­zes­sin­nen zum Bei­spiel im­mer ge­ret­tet wer­den? Pe­ter­son da­ge­gen glaubt, dass die­se ar­che­ty­pi­schen Ge­schich­ten uns den Weg wei­sen durch das Cha­os, zu­rück in ei­ne (männ­li­che) Ord­nung. My­thi­sche und re­li­giö­se Er­zäh­lun­gen bil­den ihm zu­fol­ge da­bei das un­um­stöss­li­che Fun­da­ment mensch­li­cher Iden­ti­tät und stel­len ab­so­lu­te Wahr­hei­ten dar, die seit Jahr­tau­sen­den von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Ein ge­wach­se­nes Sys­tem, das man nicht stö-

ren dür­fe. Ein Wis­sen, das wir al­le tief in uns tra­gen, aber das in den mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten ver­lo­ren ge­gan­gen ist.

Vor die­sem Hin­ter­grund be­ar­bei­tet Pe­ter­son vor al­lem vier The­men:

1. Bi­belex­ege­se: Je­de sei­ner «12 Re­geln» wird vor der Fo­lie ei­ner Bi­bel­stel­le durch­ex­er­ziert. Die Re­gel Nr. 6 zum Bei­spiel, «Bring dein Haus in Ord­nung, be­vor du die Welt kri­ti­sierst», in­ter­pre­tiert er als fast re­li­giö­se Pflicht, Ver­ant­wor­tung für sein Le­ben zu über­neh­men, an­statt sich zu be­kla­gen: Die Ju­den des Al­ten Tes­ta­ments hät­ten im­mer den Feh­ler bei sich und nie bei Gott ge­sucht. «Ein Hur­ri­kan ist ei­ne Tat Got­tes», schreibt Pe­ter­son, «aber sich nicht vor­zu­be­rei­ten, ob­wohl die Not­wen­dig­keit of­fen­sicht­lich ist – das ist Sün­de. ‹Und der Sün­de Sold ist der Tod (Rö­mer­brief 6:23).›» Vier­zig St­un­den Bi­be­l­in­ter­pre­ta­ti­on hat Pe­ter­son auf Youtu­be hoch­ge­la­den. Für theo­lo­gisch In­ter­es­sier­te ist das nicht oh­ne Reiz. Auf die Fra­ge, ob er sel­ber an Gott glau­be, gibt er die si­byl­li­ni­sche Ant­wort: Ich glau­be nicht an Gott, aber ich le­be so, als ob es ihn gä­be. Ei­ne Hal­tung, mit der er sich an­schluss­fä­hig macht für Re­li­giö­se eben­so wie für At­he­is­ten, über­haupt für Su­chen­de al­ler Art.

2. Psy­cho­me­trie: Kern sei­ner psy­cho­lo­gi­schen For­schung ist das Big-fi­ve-mo­dell der Psy­cho­lo­gie. Da­nach lässt sich der Cha­rak­ter je­des Men­schen an­hand von fünf Per­sön­lich­keits­di­men­sio­nen er­fas­sen: Of­fen­heit (Wie auf­ge­schlos­sen sind Sie?), Ge­wis­sen­haf­tig­keit (Wie per­fek­tio­nis­tisch sind Sie?), Ex­tra­ver­si­on (Wie ge­sel­lig sind Sie?), Ver­träg­lich­keit (Wie rück­sichts­voll sind Sie?) und Neu­ro­ti­zis­mus (Wie leicht sind Sie aus der Ru­he zu brin­gen?). Die meis­ten For­sche­rin­nen und For­scher stim­men dar­in über­ein, dass sich die Per­sön­lich­keit in al­len Kul­tur­krei­sen durch die­se fünf Di­men­sio­nen be­schrei­ben lässt. Pe­ter­son be­zieht sich stän­dig auf die Big Fi­ves: «Mei­ne Frau Tam­my be­glei­tet mich über­all­hin, zum Glück punk­tet sie eher nied­rig in Neu­ro­ti­zis­mus.»

3. Psy­cho­the­ra­pie: Die bes­ten Stel­len sei­nes Bu­ches und sei­ner Vor­le­sun­gen sind die the­ra­peu­ti­schen. Hier er­zählt er mit gros­sem Wis­sen, be­schreibt We­ge, wie man ler­nen kann, mit tra­gi­schen Er­eig­nis­sen um­zu­ge­hen. Hier möch­te man wäh­rend der Vor­le­sun­gen mit­schrei­ben, hier traut er sich den gros­sen Satz zu sa­gen: «Das weiss ich nicht.» Kurz: Hier wird er nah­bar.

4. To­ta­li­ta­ris­mus: Pe­ter­son ist be­ses­sen von Ex­tre­mis­mus, und er be­fürch­tet den Be­ginn ei­nes neu­en to­ta­li­tä­ren Zeit­al­ters. Ge­fahr sieht er da­bei al­lein von links. Die Rech­ten kön­ne man ver­nach­läs­si­gen, meint er, weil die Ge­sell­schaft seit dem Drit­ten Reich ver­in­ner­licht ha­be, wann die Gren­ze zu to­ta­li­tä­ren Po­si­tio­nen über­schrit­ten sei. Un­klar hin­ge­gen sei, ab wann Hal­tung und Hand­lung der Lin­ken als to­ta­li­tär ein­ge­stuft wer­den müs­sen. Die For­de­rung nach gender­neu­tra­ler Spra­che be­deu­tet in sei­nen Au­gen ei­ne Be­schrän­kung der Re­de­frei­heit, als Nächs­tes wird es Denk­ver­bo­te ge­ben. Ei­nem Re­por­ter sag­te er: «Wenn ich nicht re­den kann, wie ich will, dann kann ich nicht den­ken, wie ich will, und wenn ich das nicht kann, ver­lie­re ich die Ori­en­tie­rung in der Welt.»

Es ist ei­ne merk­wür­di­ge Ar­gu­men­ta­ti­on: Denn ist es wirk­lich so, dass Trans­men­schen ei­nem mit ih­ren An­lie­gen ver­bie­ten, ei­ne an­de­re Mei­nung zu ha­ben? Be­schränkt die For­de­rung nach, sa­gen wir, Trans­gen­der-toi­let­ten wirk­lich un­se­re be­ste­hen­den Rech­te? Ist es nicht eher so, dass die For­de­rung le­dig­lich die Rech­te für je­ne aus­wei­tet, die bis­lang kei­ne hat­ten. Ist das nicht eher ega­li­tär als to­ta­li­tär? An­ders ge­fragt: Sind Trans­per­so­nen ge­fähr­lich? Pla­nen sie ein au­to­ri­tä­res Re­gime?

Die­ser vier­te Punkt sei­nes Den­kens über­la­gert die ers­ten drei. Kennt man Pe­ter­sons Wel­t­an­schau­ung, er­schei­nen sei­ne Le­bens­an­wei­sun­gen in ei­nem an­de­ren Licht – der gan­ze Vor­lauf ent­puppt sich als Steig­bü­gel rechts­kon­ser­va­ti­ver Po­li­tik.

Wenn er et­wa den schö­nen Satz schreibt, man sol­le sein ei­ge­nes Le­ben in Ord­nung brin­gen, be­vor man die Welt ver­än­dern will – und dann als Bei­spiel lin­ke, pri­vi­le­gier­te Stu­den­ten nennt, die sich als Op-

fer in­sze­nie­ren; wenn er rück­grat­lo­se Men­schen kri­ti­siert und dann am Bei­spiel des Hum­mers zu be­le­gen ver­sucht, dass nur Män­ner mit hö­he­rem Se­ro­to­nin­le­vel für Frau­en at­trak­tiv sind und wir uns des­halb ag­gres­siv und selbst­si­cher ge­ben sol­len – ja, dann ver­geht ei­nem die Lust an der Lek­tü­re.

Der Über­va­ter

Ein en­ger Freund von mir lebt in Nor­we­gen. Er ist ei­ner der klügs­ten Men­schen, die ich ken­ne. Auch ei­ner der kon­ser­va­tivs­ten. Wir sind sel­ten ei­ner Mei­nung, aber ich er­war­te auch nicht von Freun­den, dass sie mei­ner Mei­nung sind. Mit­ten in mei­ner Pe­ter­sonPe­ri­ode rief ich ihn, ei­nen Pe­ter­son­fan, an.

«Was ge­fällt dir ei­gent­lich so an ihm?»

«Er er­in­nert mich an den Va­ter, den ich nie hat­te.» «Hm».

«War­um be­schäf­tigst du dich mit ihm?»

«Weil mich fas­zi­niert, was ich nicht ver­ste­he.» «Was ver­stehst du nicht?»

«Dass er dich so fas­zi­niert.»

So ging das hin und her. Schliess­lich frag­te ich ihn, wie er Pe­ter­son po­li­tisch ver­or­te. Die Ant­wort war er­hel­lend: Mein Freund fand, dass Pe­ter­son mit sei­ner The­ra­peu­ten­spra­che rechts­kon­ser­va­ti­ve Bot­schaf­ten nicht in­di­rekt in die Hir­ne schmug­ge­le, son­dern es di­rekt tue. Für ihn sind die Re­geln ge­leb­ter Kon­ser­va­tis­mus, das sei doch das Tol­le an Pe­ter­son!

Spricht man mit Pe­ter­son­an­hän­gern, hört man im­mer das­sel­be Ar­gu­ment: Du ver­stehst ihn erst in sei­nem Kon­text. Da­mit mei­nen sie, man müs­se ihn live ge­se­hen ha­ben. Sei­nen gan­zen Zau­ber ent­wick­le er nicht in den Bü­chern, son­dern auf der Büh­ne. Seit ei­nem Jahr re­det er, mehr­heit­lich in Nord­ame­ri­ka, fast täg­lich vor je­weils Tau­sen­den von Zu­schau­ern. Ab En­de Ok­to­ber kommt er nach Eu­ro­pa, und die Nach­fra­ge ist ge­wal­tig: Die 1600 Plät­ze im Skan­dia­s­ce­nen in Stock­holm wa­ren fünf St­un­den nach Be­kannt­ga­be der Ver­an­stal­tung aus­ver­kauft; für das Früh­jahr 2019 steht Mit­tel­eu­ro­pa auf dem Pro­gramm.

An ei­nem Sep­tem­be­r­a­bend spricht er in Mia­mi: Ich ste­he mit mehr als zwei­hun­dert Pe­ter­so­nis­tas zwei St­un­den vor Ein­lass im Foy­er des Fill­mo­reThea­ters, um mir ei­nen der bes­ten Plät­ze zu si­chern. Es gibt ei­ne Bar, ei­nen Hot­dogs­trai­ler und ei­nen Jor­dan­pe­ter­son­de­vo­tio­na­li­en­stand.

Wie über­all in Amerika kommt man schnell ins Ge­spräch, aber hier läuft es ein biss­chen an­ders. Nor­ma­ler­wei­se be­ginnt man mit: Whe­re are you from? und ist drei Sät­ze spä­ter bei den Quar­ter­back­pro­ble­men der Mia­mi Dol­phins. Hier fra­gen die Leu­te: War­um bist du hier? Glaubst du an Gott? Wie ist dei­ne Be­zie­hung zu dei­nem Va­ter? Man spricht of­fen und aus­führ­lich. Man hört zu. Fragt nach. Nie­mand ver­sucht mit Schlag­fer­tig­keit zu punk­ten, nie­mand will das letz­te Wort ha­ben.

Ei­ner er­zählt vom Af­gha­nis­tan­krieg, ein an­de­rer von sei­nem Schlag­an­fall. Im­mer wie­der ist von dark pla­ces die Re­de, dunk­len Or­ten, an de­nen die Män­ner wa­ren, bis sie dank Pe­ter­son wie­der das Licht er­blick­ten. Es sind Er­we­ckungs­ge­schich­ten, die man hört, und die ma­chen, dass du von dir er­zäh­len willst, in ei­ner Art, wie du es noch nie ge­tan hast.

Mag sein, dass es un­ter jun­gen Män­nern ei­ne Sehn­sucht nach ei­ner au­to­ri­tä­ren, pa­tri­ar­cha­len Wel­t­ord­nung gibt, nach ei­nem Dschun­gel­da­sein, in dem der Stär­ke­re, der Mu­ti­ge, das Sa­gen hat, aber die Män­ner hier im Foy­er schei­nen mir ei­ne eben­so gros­se Sehn­sucht nach ei­ner Welt zu ha­ben, in der Un­si­cher­heit kein Zei­chen von Schwä­che ist. Die meis­ten sind üb­ri­gens Trump­wäh­ler, wie mei­ne klei­ne, nicht re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge er­gibt. Wo­bei mei­ne Um­fra­ge so­fort ei­ne Ge­gen­fra­ge pro­vo­zier­te: Bist du ein Li­be­ra­ler? Die Tem­pe­ra­tur kühlt sich merk­bar ab, als hät­te je­mand die Kli­ma­an­la­ge hoch­ge­dreht. Ich schie­be schnell nach, ich sei christ­lich, und nip­pe an mei­nem Bour­bon­co­la.

Fein­de und Freun­de

In ei­ner sei­ner Vor­le­sun­gen sagt Pe­ter­son: «Wenn du un­si­cher bist, war­um je­mand et­was macht, schau dir die Kon­se­quen­zen sei­ner Hand­lun­gen an. Sie wer­den ihn ver­ra­ten.»

Was al­so sind die Kon­se­quen­zen sei­ner jetzt zwei Jah­re an­dau­ern­den Pre­digt? Jor­dan Pe­ter­son hat ei­ne gros­se Schar teils auch jun­ger Män­ner aus den ver­schie­dens­ten Mi­lieus und ver­schie­de­ner po­li­ti­scher Schat­tie­run­gen um sich ge­schart, die ihn in den so­zia­len Me­di­en bis aufs Blut ver­tei­di­gen und die ei­ne hef­ti­ge Ab­leh­nung von Iden­ti­täts­po­li­tik, Fe­mi­nis­mus und so­zia­ler Ge­rech­tig­keit eint.

Woll­te er das? Le­sen die Leu­te Pe­ter­son, weil er ih­nen hel­fen kann, ein bes­se­res Le­ben zu füh­ren, oder wol­len sie in­tel­lek­tu­ell le­gi­ti­mier­te rech­te Po­si­tio­nen aus dem Mun­de ei­nes elo­quen­ten Pro­fes­sors hö­ren? Vor al­lem aber: Ist das ein nicht ge­woll­ter Fol­ge­ef­fekt oder Pe­ter­sons kal­te Ab­sicht?

Ein ers­ter Hin­weis ist der Rah­men, den er sich gibt. An­sa­ger an die­sem Abend in Mia­mi ist Da­ve Ru­

«Wenn du un­si­cher bist, war­um je­mand et­was macht, schau dir die Kon­se­quen­zen sei­ner Hand­lun­gen an. Sie wer­den ihn ver­ra­ten.»

bin, ein wich­ti­ger kon­ser­va­ti­ver Youtuber. Er kommt auf die Büh­ne, macht ein paar Wit­ze über den Ko­ka­in­kon­sum in Mia­mi, was nicht so gut an­kommt, wor­auf­hin er rasch in zwei Sät­zen vier Be­grif­fe fal­len lässt, mit de­nen er das Pu­bli­kum so­fort in der Ta­sche hat und die sich wie ein ro­ter Fa­den durch den Abend zie­hen wer­den: Neo­mar­xis­mus, Ca­thy New­man, so­ci­al jus­ti­ce war­ri­ors, in­tel­lec­tu­al dark web. Es sind Schlüs­sel­wör­ter, die Pe­ter­son sel­ber in den nächs­ten neun­zig Mi­nu­ten im­mer wie­der be­nut­zen wird, so­bald er im Lau­fe sei­ner Re­de bei ir­gend­ei­nem aka­de­mi­schen Ne­ben­dis­kurs die Auf­merk­sam­keit des Pu­bli­kums ver­lo­ren hat.

Ei­ne kur­ze Be­griffs­de­fi­ni­ti­on:

Neo­mar­xis­mus, auch «Kul­tur­mar­xis­mus» ge­nannt, ist ei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie aus den 80ern: Als sie ein­sa­hen, dass der Mar­xis­mus ge­schei­tert war, sol­len die Mar­xis­ten zum Kul­tur­kampf über­ge­gan­gen sein. Di­ver­si­ty? Trans­gen­der­rech­te? Gender­neu­tra­le Spra­che? Al­les Neo­mar­xis­mus. Das Übel der ge­sam­ten Welt wird auf ei­nen ein­heit­lich agie­ren­den Feind ge­bün­delt, der hin­ter al­lem die Strip­pen zieht.

Ca­thy New­man: Ei­ne bri­ti­sche Tv-mo­de­ra­to­rin, die in ei­nem Tv-in­ter­view mit ih­rer ag­gres­si­ven Art ge­gen Pe­ter­son oh­ne Chan­ce blieb. Ihr schlug dar­auf­hin so viel Hä­me und Hass ent­ge­gen, dass sie Po­li­zei­schutz brauch­te und Pe­ter­son sich ge­nö­tigt sah, sei­ne An­hän­ger per Twit­ter zur Mäs­si­gung auf­zu­for­dern.

So­ci­al jus­ti­ce war­ri­ors: Ab­wer­ten­de Be­zeich­nung für je­de Art von Ak­ti­vis­mus für so­zia­le Ge­rech­tig­keit.

In­tel­lec­tu­al dark web: Klingt nach Zu­gangs­sper­ren und Il­le­ga­li­tät, da­bei ist das in­tel­lec­tu­al dark web um ei­ne mög­lichst gros­se Öf­fent­lich­keit be­müht. Die Prot­ago­nis­ten sind ei­ne lo­se Grup­pe aus Bio­lo­gen (Bret Wein­stein, Richard Daw­kins), Neu­ro­wis­sen­schaft­lern (Sam Har­ris), Psy­cho­lo­gen (Jor­dan Pe­ter­son, Ste­ven Pin­ker), Pod­cas­tern (Da­ve Ru­bin, Joe Ro­gan) und Is­lam­kri­ti­ke­rin­nen (Aya­an Hir­si Ali), die kei­nes­wegs al­le die glei­che po­li­ti­sche Mei­nung ver­tre­ten, aber sich ge­mein­sam ge­gen die po­li­ti­sche Kor­rekt­heit stel­len. Im An­ti­fe­mi­ni­mus fin­den At­he­is­ten (Sam Har­ris) und Fun­da­men­ta­lis­ten (Ben Sh­a­pi­ro) zu­ein­an­der, bei der Be­to­nung der bio­lo­gi­schen Ge­schlech­ter­un­ter­schie­de ge­ben sich The­ra­peu­ten (Pe­ter­son) und Neu­ro­bio­lo­gen (Wein­stein) die Hand. Das in­tel­lec­tu­al dark web ope­riert un­ab­hän­gig von Tv-sen­dern oder Zei­tun­gen, mehr noch: Es ist de­zi­diert An­ti-main­stream, sei­ne In­hal­te lau­fen aus­schliess­lich über Youtu­be, Twit­ter und Pod­casts.

Da­ve Ru­bin sagt auf der Büh­ne in Mia­mi, das dark web ver­tre­te al­le po­li­ti­schen Rich­tun­gen, «von links bis rechts». Ganz rechts ste­he Ben Sh­a­pi­ro, Pe­ter­son sei in der po­li­ti­schen Mit­te, ganz links Sam Har­ris. Es ist na­tür­lich Irr­sinn, ei­nen Kon­ser­va­ti­ven wie Har­ris als Lin­ken zu prä­sen­tie­ren. Und ziem­lich schlau: Denn wenn Har­ris links ist, lässt sich Pe­ter­son als Li­be­ra­ler ver­kau­fen. Was Da­ve Ru­bin tat­säch­lich gera­de ge­tan hat: Er hat das po­li­ti­sche Spek­trum ver­scho­ben.

Jetzt be­tritt Jor­dan Pe­ter­son die Büh­ne. Er sieht gut aus. Bes­ser als gut: drei­tei­li­ger An­zug, Kra­wat­te, das sil­ber­ne, leicht ge­lock­te Haar zu­rück­ge­gelt. Ein schlan­ker, gross ge­wach­se­ner Mann. Das Pu­bli­kum – ich schät­ze: 80 Pro­zent Män­ner – flippt aus, wie man es et­wa aus Fil­men über die Beat­les kennt. Die Leu­te sprin­gen von ih­ren Sit­zen, man­che ei­len so­gar zur Büh­ne, stre­cken ihm ih­re Ar­me ent­ge­gen. Und er lässt sich ganz auf sie ein, wie ein Va­ter, der dir ins Ge­sicht sagt, was du nur dumpf ahnst, der For­de­run­gen stellt, der aber, an­ders als vie­le rea­le Vä­ter, da ist. Wie für mei­nen nor­we­gi­schen Freund ist er ge­nau das: ein Va­ter­er­satz. Er ist es für ei­ne Ge­ne­ra­ti­on Män­ner, die zum Gross­teil mit be­rufs­tä­ti­gen, al­so ab­we­sen­den Vä­tern auf­ge­wach­sen ist und jetzt, ver­wirrt und ver­lo­ren, nach Rich­tung und Hal­tung sucht.

Die Kri­se des Man­nes

Dass sich so vie­le jun­ge Män­ner aus­ge­rech­net Pe­ter­son zu­wen­den, hat auch die­sen Grund: Un­ab­hän­gig da­von, was er sagt, be­wun­dern sie ihn für sei­ne Klar­heit, sei­ne Ru­he und sei­ne Un­ver­rück­bar­keit; er be­rührt da­mit den ei­nen Punkt in uns Män­nern, den wir mehr als al­les an­de­re fürch­ten: un­se­re Un­si­cher­heit. Un­si­cher, man muss das viel­leicht er­klä­ren, ist das Al­ler­letz­te, was man als Mann sein will. Und Pe­ter­son ver­spricht ei­ne Rei­se, an de­ren Ziel wir nicht mehr zwei­feln, nicht mehr nach­ge­ben, nicht mehr ge­fal­len wol­len und uns nie mehr Un­si­cher­heit oder Rat­lo­sig­keit ein­ge­ste­hen müs­sen. In Pe­ter­sons Wor­ten: «Don’t be de­pen­dent. At all. Ever. Pe­ri­od.»

Die gros­se Sehn­sucht nach Re­geln hat wohl auch mit ei­ner Art spi­ri­tu­el­ler Männ­lich­keits­kri­se zu tun. Was bis­her als si­cher und rich­tig und nor­mal galt, wird in ei­ner glo­ba­li­sier­ten, di­gi­ta­li­sier­ten und ega­li­tä­ren Welt in­fra­ge ge­stellt. Und vie­le Män­ner er­le­ben die­se Welt als Be­dro­hung. Sie fürch­ten Sta­tus­ver­lust. Frau­en drin­gen in Män­ner­do­mä­nen vor: Sie ver­die­nen zwar we­ni­ger, aber sie sind da und stel­len For­de­run­gen. Das Glei­che gilt für Mi­no­ri­tä­ten, sie wer­den Teil un­se­rer Ge­sell­schaft und be­dro­hen da­mit die Selbst­ver­ständ­lich­keit der al­ten Ord­nung.

Gleich­zei­tig üben sich Män­ner in neu­en Rol­len, als Vä­ter, als Teil­zeit­ar­bei­ten­de, ver­su­chen aber da­bei, ih­re At­trak­ti­vi­tät für den Ar­beits­markt und das an­de­re Ge­schlecht nicht zu ver­lie­ren – sie pro­bie­ren das, woran Frau­en jahr­zehn­te­lang ge­schei­tert sind. Es ist nicht ein­fach, ein mo­der­ner Mann zu sein, der sei­ne fe­mi­ni­ne Sei­te aus­lebt und gleich­zei­tig, ob er will oder nicht, auch kämp­fen muss in ei­ner sich be­droht füh­len­den Män­ner­welt. Für die­sen Ba­lan­ce­akt gibt es kaum Vor­bil­der, es ist un­be­kann­tes Ter­rain. Man kann na­tür­lich fra­gen, ob es nicht auch auf­re­gend und her­aus­for­dernd ist, Pio­nier zu sein, Jor­dan

Pe­ter­son als The­ra­peut wür­de mich in­ter­es­sie­ren, Pe­ter­son als Po­li­ti­ker wä­re mein Alb­traum.

Pe­ter­sons Jün­ger aber er­le­ben dies als er­schöp­fend, ver­wir­rend und of­fen­bar ir­gend­wie kas­trie­rend.

Pe­ter­son live ist ein Er­leb­nis. Wenn er spricht, schaut er uns an und wir ihn, er spürt un­se­re Auf­merk­sam­keit und un­se­ren Hun­ger nach Rat­schlä­gen. Und er legt gleich mit sei­nem Man­tra los, der ers­ten bud­dhis­ti­schen Wahr­heit: Le­ben ist Lei­den. Aber wir sind stär­ker, als das Le­ben schreck­lich ist.

Schön.

Es dau­ert je­doch nicht lan­ge, bis er den Pfad des Eso-the­ra­peu­ten ver­lässt für ei­nen Sei­ten­hieb ge­gen An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­set­ze. Ich den­ke un­wei­ger­lich: Pe­ter­son als The­ra­peut wür­de mich in­ter­es­sie­ren, Pe­ter­son als Po­li­ti­ker wä­re mein Alb­traum.

Das Pu­bli­kum aber ist in die­sen Mo­men­ten voll da. Und jetzt wird auch klar: Es ist nicht so, dass Pe­ter­sons The­sen von der Rech­ten in­stru­men­ta­li­siert wer­den. Er ist so er­folg­reich, weil er sei­ne psy­cho­lo­gi­schen The­sen po­li­tisch auf­lädt. Hier in Mia­mi sieht man die zwei Ge­sich­ter des Jor­dan Pe­ter­son: der Psy­cho­lo­ge, der In­di­vi­du­en – man muss ihm das im Rah­men sei­ner the­ra­peu­ti­schen Tä­tig­keit glau­ben – hel­fen will, und der Pre­di­ger, der Res­sen­ti­ments be­dient, Men­schen an­sta­chelt, Po­li­tik macht.

Sei­ne Kon­trol­le über die Mas­se der männ­li­chen Zu­schau­er ist to­tal. Er re­det vor­der­grün­dig über Un­ver­fäng­li­ches – zum Bei­spiel dar­über, dass freund­li­che Men­schen, in sei­ner psy­cho­me­tri­schen Ka­te­go­rie «Men­schen mit ho­her Ver­träg­lich­keit», häu­fig aus Kon­flikt­angst harm­los sind und ih­re Feig­heit hin­ter ei­ner mo­ra­lisch auf­ge­la­de­nen Fas­sa­de ver­ste­cken. Sie wol­len «ein gu­ter Mensch» sein, da­bei ha­ben sie bloss Angst, ih­re Mei­nung zu sa­gen, an­zu­ecken, nicht ge­mocht zu wer­den. So weit klingt das nach­voll­zieh­bar. Man fragt sich, ob man sel­ber so ist.

Dann zi­tiert er die Bi­bel­pas­sa­ge «Se­lig, die Sanft­mü­ti­gen; denn sie wer­den das Erd­reich be­sit­zen» – aber: Dies sei aus dem Grie­chi­schen falsch über­setzt! Das Wort «sanft­mü­tig», im Ori­gi­nal das Wort πραΰς, be­schrei­be ei­gent­lich das Zäh­men ei­nes Wild­pfer­des. Der Text sei al­so eher so zu ver­ste­hen: «Se­lig die­je­ni­gen, die stark sind, aber ge­lernt ha­ben, ih­re Stär­ke oder so­gar ih­re Waf­fen nicht an­zu­wen­den.» Ab­ge­se­hen von der Tat­sa­che, dass sich ei­ne sol­che Über­set­zung nir­gends fin­den lässt, klingt auch das erst mal in­ter­es­sant. Doch Pe­ter­son geht noch wei­ter und sagt: Setzt euch zur Wehr, seid ge­fähr­lich, lasst euch nichts ge­fal­len – zum Bei­spiel nicht von Neo­mar­xis­ten, die glau­ben, euch ge­setz­lich vor­schrei­ben zu kön­nen, wel­che Gen­der­pro­no­men ihr be­nut­zen sollt! Ju­bel!

Je­de Rhe­to­rik hat et­was Er­mü­den­des, ich drif­te ab und las­se die Ge­dan­ken wan­dern. Ich fra­ge mich, ob ich ei­gent­lich auch Le­bens­re­geln ha­be, und den­ke an mei­ne ver­stor­be­ne Gross­mut­ter. De­ren gol­de­ne Re­gel lau­te­te: Mach je­den Mor­gen dein Bett, denn wenn du abends nach ei­nem schlech­ten Tag nach Hau­se kommst und dich ein­sam und wert­los fühlst, dann war­tet we­nigs­tens ein or­dent­li­ches Bett auf dich. Ich bin mir bei­na­he si­cher, mei­ne Gross­mut­ter hät­te an Pe­ter­son Freu­de ge­fun­den. Und dann den­ke ich an Ber­nard Schiff. Schiff ist der kun­digs­te und zu­gleich schärfs­te Pe­ter­son-kri­ti­ker. Er war es, der als Lei­ter der psy­cho­lo­gi­schen Fa­kul­tät 1998 Pe­ter­son an die Uni­ver­si­tät nach To­ron­to hol­te (ge­gen den Wil­len sei­ner Kol­le­gen, die Pe­ter­son für ego­zen­trisch hiel­ten). Bei Schiff wohn­te die Pe­ter­son-fa­mi­lie, als sie ihr Haus um­bau­te. Pe­ter­son war sein Ar­beits­kol­le­ge und Freund. Schiff be­ob­ach­te­te zu­nächst be­frem­det, spä­ter be­sorgt ei­ne zu­neh­men­de Ra­di­ka­li­sie­rung bei Pe­ter­son. Als Pe­ter­son ge­gen das An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz wet­ter­te, schrieb Schiff ei­nen lan­gen Brief mit dem Ti­tel: «Ich war Pe­ter­sons gröss­ter Un­ter­stüt­zer, jetzt hal­te ich ihn für ge­fähr­lich.»

Rock­star oder Dem­ago­ge?

Er zeich­net das Bild ei­nes Op­por­tu­nis­ten, der ei­nen me­phis­to­phe­li­schen Bund mit der Mas­se ge­schlos­sen hat: «Jor­dan hat die au­to­ri­tä­ren Dem­ago­gen stu­diert und von ih­nen ge­lernt», schreibt Schiff, «er weiss ge­nau, wie er die Mas­sen er­rei­chen kann.»

Was er meint: In In­ter­views hat Pe­ter­son aus­führ­lich er­klärt, wie dem­ago­gi­sche Füh­rer je­ne Aus­sa­gen wie­der­ho­len, bei de­nen das Pu­bli­kum springt, und je­ne Aus­sa­gen weg­las­sen, bei de­nen die Leu­te es nicht tun. Das ers­te Mal spran­gen die An­hän­ger, als Pe­ter­son sich über die gender­neu­tra­le An­spra­che echauf­fier­te. Al­so tat er es im­mer wie­der, auch wenn es kei­nen An­lass gab und er sel­ber viel­leicht auch gar nicht trans­feind­lich ge­sinnt ist. Aber war­um über­haupt das Feind­bild Trans­gen­der? Schiff er­klärt es so: C. G. Jung, auf den sich Pe­ter­son oft be­zieht, präg­te den Be­griff des kol­lek­ti­ven Un­be­wuss­ten, je­ne un­be­wuss­te Grund­struk­tur, in der un­se­re tiefs­ten Ängs­te und mie­ses­ten Res­sen­ti­ments la­gern. Wenn es ein kol­lek­ti­ves Un­be­wuss­tes wirk­lich gibt, kann man da­von aus­ge­hen, dass dort auch un­se­re pri­mi­ti­ven Vor­ur­tei­le ge­gen Trans­men­schen lie­gen.

Trans­per­so­nen hat es im­mer ge­ge­ben, aber in un­se­ren pro­gres­si­ven Zei­ten, die Pe­ter­son so be­un­ru­hi­gen, sind sie sicht­ba­rer ge­wor­den. Pe­ter­son spürt in-

tui­tiv, so Schiff, dass Trans­gen­der ein Stich­wort ist, wo­mit er die Ängs­te im kol­lek­ti­ven Un­be­wuss­ten ei­ner gros­sen Grup­pe schü­ren kann. «Es ist Zünd­schnur für ei­ne wut- und res­sen­ti­ment­ge­la­de­ne Auf­merk­sam­keit», schrieb Schiff. «Er ist kein Rechts­ra­di­ka­ler, was im­mer das heis­sen mag, er ist ein Kon­ser­va­ti­ver der ex­trems­ten Form, aber er ap­pel­liert hem­mungs­los und be­wusst an ein rech­tes Spek­trum.»

Pe­ter­son, das sa­gen vie­le, die ihn ken­nen, ist ein in­ter­es­san­ter Ge­sprächs­part­ner, be­le­sen, schnell im Den­ken. Bei der kleins­ten Kri­tik aber kommt der Satz: Das ha­be ich so nicht ge­sagt. Wer ihm vor­wirft, er sei ein Law&or­der-rech­ter, dem ent­geg­net er, Ord­nung sei dem Cha­os nicht über­le­gen, bei­de sei­en wich­tig. Wer ihn als Für­spre­cher ei­nes Pa­tri­ar­chats be­zeich­net, dem ent­geg­net er, dass er das sym­bo­lisch Männ­li­che mei­ne, nicht Män­ner an sich. Und wer ihn mi­so­gyn nennt, den droht er zu ver­kla­gen, wie un­längst die Cor­nell-pro­fes­so­rin Ka­the­ri­ne Man­ne. Zu­dem be­dient sich Pe­ter­son ei­nes klas­si­schen ma­ni­pu­la­ti­ven Tricks: Wenn er er­klärt, dass Män­ner eher für Füh­rungs­po­si­tio­nen ge­eig­net sind oder es na­tur­ge­ge­be­ne Ver­an­la­gung für Hier­ar­chi­en gibt, dann schiebt er schnell nach: Ich sa­ge nicht, dass ich das gut fin­de. Ich sa­ge nur, dass es so ist. In die­sem Mo­ment reisst mich der Ju­bel der Zu­schau­er aus mei­nen Über­le­gun­gen. Es gibt ste­hen­de Ova­tio­nen. Pe­ter­son auf der Büh­ne: ein Rock­star. Noch ei­ne Zu­ga­be, dann geht das Licht an. Nur lang­sam leert sich der Saal, die Pe­ter­so­nis­tas ste­hen jetzt an, um sich mit ih­rem Star fo­to­gra­fie­ren zu las­sen. Es kommt zu be­we­gen­den Sze­nen, Män­ner, die Trä­nen in den Au­gen ha­ben, Ju­gend­li­che, die sich Pe­ter­son um den Hals wer­fen. Zwei St­un­den spä­ter be­ginnt die Q&a-ses­si­on mit den zwei­hun­dert Au­ser­wähl­ten. Aber der Meis­ter ist mü­de. Er geht auf ei­ni­ge Fra­gen ein. Aus­führ­lich be­schäf­tigt er sich mit dem Pro­blem ei­nes 45-jäh­ri­gen An­walts, der un­si­cher ist, ob er den Be­ruf wech­seln soll, dann freut er sich über ei­ne sim­ple Fra­ge: «Kann es in­di­vi­du­el­le Frei­heit im Kol­lek­ti­vis­mus ge­ben? – «Nein!», dann will er ins Ho­tel.

Und so stel­le ich mei­ne Fra­ge dem lee­ren Bour­bon-co­la-glas: Mr. Pe­ter­son, lie­gen Sie manch­mal nachts wach im Bett und fürch­ten, dass Sie die Büch­se der Pan­do­ra ge­öff­net ha­ben?

Der viel­leicht wirk­mäch­tigs­te In­tel­lek­tu­el­le un­se­rer Zeit: der ka­na­di­sche Psy­cho­lo­ge Jor­dan Pe­ter­son (56).

Wo Jor­dan Pe­ter­son auf­tritt, ist die Po­li­zei vor Ort. Sei­ne An­sich­ten pro­vo­zie­ren mi­li­tan­te Geg­ner­schaft.

Jor­dan Pe­ter­son dis­ku­tiert mit Lgbt-ak­ti­vis­ten auf dem Cam­pus der Uni­ver­si­tät von To­ron­to.

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