Über Heim­weh­kin­der

Das Magazin - - N° 42 — 20. Oktober 2018 - kat­ja Früh

In den letz­ten Wo­chen ha­be ich zwei, nein, ich glau­be, drei Ar­ti­kel über Kin­der ge­le­sen, die zu viel Heim­weh ha­ben. So viel, dass sie nicht ins Klas­senoder Fe­ri­en­la­ger kön­nen, dass sie Qua­len lei­den, wenn sie von ih­ren El­tern ge­trennt wer­den. Leh­rer be­kla­gen sich dar­über, dass in den Klas­sen­la­gern ver­wöhn­te Kin­der lie­ber wie­der nach Hau­se wol­len, weil sie es dort so schön ha­ben, zu schön eben. In al­len drei Ar­ti­keln wer­den die El­tern für schul­dig be­fun­den, denn wenn die­se Kin­der

nicht so kom­plett über­be­hü­tet wä­ren, könn­ten sie sich auch bes­ser von den El­tern lö­sen. Das mag sein, trotz­dem traue ich die­ser Theo­rie nicht ganz. Sie ist mir zu na­he an den Geg­nern der «Ku­schel­päd­ago­gik», an den Leu­ten, die jetzt wie­der laut «Gren­zen set­zen» ru­fen, an de­nen, die sa­gen: Das hat mir nicht ge­scha­det, war­um soll es mei­nen Kin­dern scha­den? Nichts ge­gen Klas­senoder Ski­la­ger, aber es gibt eben Kin­der, die sich dort fremd füh­len oder ein­sam. Ich weiss, wo­von ich re­de, denn ich war je­weils krank vor Heim­weh. Und dass ich über­be­hü­tet war, kann man wirk­lich nicht sa­gen. Denn mei­ne Ge­ne­ra­ti­on stammt ja noch aus ei­ner Zeit, in der es den Müt­tern ver­bo­ten war, ihr Kind in ihr Bett zu ho­len, wenn es un­glück­lich war, ei­ner Zeit, als man Ba­bys ein­fach schrei­en liess, statt sie in die Ar­me zu neh­men, in der man Kin­der ein­fach ir­gend­wo­hin in die Fe­ri­en schick­te, wenn man sich ei­ne schö­ne Zeit ma­chen woll­te, in der man nach Zeit­plan ge­stillt hat, egal ob das Kind Hun­ger hat­te oder nicht. Müt­tern riet man, ihr Kind mög­lichst we­nig zu be­rüh­ren, es auch nicht zu oft an­zu­schau­en, weil es dann ver­wöhnt wer­de. Denn ver­wöh­nen war da­mals (kurz nach dem Krieg) das Al­ler­schlimms­te über­haupt. Die­se nicht ver­wöhn­ten Kin­der hat­ten Heim­weh, und zwar ein viel tie­fe­res als die ver­wöhn­ten. Viel­leicht heul­ten sie nicht im Klas­sen­la­ger, denn Heu­len brach­te ih­nen nichts, aber Heim­weh hat­ten sie, wenn sie viel­leicht auch nicht ge­nau wuss­ten, wo­nach. Nach der ver­trau­ten Um­ge­bung mög­li­cher­wei­se, die ih­nen Schutz und Ge­bor­gen­heit ge­ben konn­te, we­nigs­tens die. Man weiss, dass Kin­der, die ih­re El­tern nie wirk­lich er­rei­chen kön­nen, be­son­ders an ih­nen hän­gen. Könn­te es al­so nicht sein, dass es gera­de um­ge­kehrt ist? Dass nicht die «über­be­hü­te­ten» Kin­der un­ter Heim­weh lei­den, son­dern die an­de­ren? Die, die et­was ver­mis­sen, was sie nicht be­nen­nen kön­nen?

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