Über den Ka­nin­chen­test

Das Magazin - - N° 42 — 20. Oktober 2018 - ben Moo­re

Kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten For­scher der Uni­ver­si­tät Ko­pen­ha­gen die Er­st­über­set­zung ei­ni­ger alt­ägyp­ti­scher Pa­py­rus­ma­nu­skrip­te. Die 3500 Jah­re al­ten Tex­te ent­hül­len un­ter an­de­rem das frü­he Wis­sen über die mensch­li­che Nie­re und den äl­tes­ten be­kann­ten Schwan­ger­schafts­test. Die Frau müs­se je­weils in ei­nen Sack Gers­te und ei­nen Sack Wei­zen uri­nie­ren. Kei­me die Gers­te zu­erst, tra­ge die Frau ei­nen Jun­gen, wenn der Wei­zen zu­erst kei­me, tra­ge sie ein Mäd­chen; und wenn kei­ne Sa­men kei­men, sei sie nicht schwan­ger. Ver­sio­nen die­ses nicht-in­va­si­ven Schwan­ger­schafts­tests brei­te­ten sich vom al­ten Ägyp­ten wei­ter aus, er­schei­nen spä­ter in grie­chi­schen und rö­mi­schen Tex­ten und zie­hen sich durch das Mit­tel­al­ter bis in die ger­ma­ni­sche Folk­lo­re des 17. Jahr­hun­derts.

Die Be­stim­mung ei­ner Schwan­ger­schaft und die Be­ein­flus­sung des Ge­schlechts von Ba­bys ha­ben ei­ne fas­zi­nie­ren­de Ge­schich­te. Bei den al­ten Grie­chen dach­ten man­che, dass Mäd­chen vom lin­ken Ho­den und Bu­ben vom rech­ten kä­men. Das fran­zö­si­sche Buch «L’art de fai­re des gar­çons» aus dem Jahr 1760 emp­fahl Män­nern, ih­ren lin­ken Ho­den ab­zu­schnei­den, um ei­nen Sohn zu be­kom­men. Der Ein­griff hät­te im­mer­hin ei­ne 50-pro­zen­ti­ge Er­folgs­ra­te! Ein an­de­rer Text schlug vor, dass, um ei­nen Jun­gen zu emp­fan­gen, der Mann Rot­wein mit ge­trock­ne­tem Ka­nin­chen-ute­rus trin­ken sol­le, wäh­rend der Da­me Rot­wein mit fein ge­hack­tem Ka­nin­chenho­den emp­foh­len wur­de. Und wenn die Frau nicht schwan­ger wer­den woll­te, riet Hip­po­kra­tes, die Be­trof­fe­ne sol­le wie­der­holt in die Luft sprin­gen und da­bei mit den Fer­sen ge­gen den Hin­tern schla­gen, bis der Sa­men her­aus­fal­le.

Die Ka­nin­chen muss­ten zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts er­neut dran glau­ben, als der ers­te zu­ver­läs­si­ge Schwan­ger­schafts­test ent­wi­ckelt wur­de. 1925 ent­wi­ckel­ten die deut­schen Ärz­te Sel­mar Asch­heim und Bern­hard Zon­dek den «Ka­nin­chen­test». Der Urin ei­ner Frau wur­de in das ar­me Ka­nin­chen in­ji­ziert. Wenn die Frau schwan­ger war, wur­de das Ka­nin­chen brüns­tig und ovu­lier­te. Dies war auf das mensch­li­che Hor­mon Cho­ri­ongo­na­do­tro­pin (HCG) zu­rück­zu­füh­ren, das von der Pla­zen­ta schwan­ge­rer Frau­en frei­ge­setzt wird. Der Ka­nin­chen­test war zu 98,5 Pro­zent zu­ver­läs­sig. Un­glück­li­cher­wei­se wur­de das Ka­nin­chen se­ziert, um die Er­geb­nis­se des Tests zu be­stim­men. Spä­ter fand man her­aus, dass der Test auch bei Frö­schen und Krö­ten funk­tio­niert. So­bald sie den Urin ei­ner schwan­ge­ren Frau in­ji­ziert be­ka­men, pro­du­zier­ten sie in­ner­halb ei­nes Ta­ges Eier. Die be­dau­erns­wer­ten Krea­tu­ren konn­ten so­gar mehr­mals be­nutzt wer­den.

1941 ent­deck­te der Gy­nä­ko­lo­ge Er­le Hen­rik­sen im al­ten Wei­zen­test ein Körn­chen Wahr­heit. Er über­re­de­te ei­ne Men­ge Frau­en, auf Wei­zen­sa­men zu pin­keln, und stell­te fest, dass der Wei­zen bei ei­ner Schwan­ger­schaft tat­säch­lich in 75 Pro­zent der Fäl­le keim­te; und dass er in 85 Pro­zent der Fäl­le nicht keim­te, wenn die Frau nicht schwan­ger war. Die hö­he­re Keim­ra­te kann auf das ver­stärk­te Vor­han­den­sein von Östro­gen und Pro­ges­te­ron wäh­rend der Schwan­ger­schaft zu­rück­zu­füh­ren sein. Erst in den 1970er-jah­ren wur­de ein zi­vi­li­sier­ter und un­kom­pli­zier­ter Schwan­ger­schafts­test ent­wi­ckelt, bei dem die wäh­rend der Schwan­ger­schaft frei­ge­setz­ten Hor­mo­ne im La­bor be­stimmt wer­den kön­nen. Ein Hoch auf die mo­der­ne Me­di­zin!

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