Lie­bes Ra­dio SRF 1, einst DRS 1

Das Magazin - - N° 42 — 20. Oktober 2018 - Max küng

na­tür­lich ner­ve ich mich über pin­ge­li­ge Le­ser­brief­schrei­ber und -schrei­be­rin­nen, die mich dar­auf hin­wei­sen , dass dies oder das in ei­nem Ar­ti­kel falsch ge­we­sen sei. Ein­mal schrieb ich in ei­ner Sto­ry über Schin­ken, die Ex­trema­du­ra lie­ge im Os­ten Spa­ni­ens. Da ka­men die Brie­fe: Sie liegt im Wes­ten. In ei­nem Ro­man schrieb ich, ne­ben dem Bett ste­he ein «Nach­tisch» und nicht ein «Nacht­tisch». Feh­ler pas­sie­ren, ei­ne je­de und ein je­der greift mal da­ne­ben, es ist halt im­mer die Fra­ge, wie schlimm. An­de­rer­seits: Es ist ja schön, wenn man sich ein­mal klug vor­kom­men kann im Le­ben; und so rief ich laut «Ha!», als ich im Au­to Rich­tung Sü­den fuhr. Der Mo­de­ra­tor auf SRF 1 kün­dig­te ei­nen Be­richt an über ei­ne Lachs­zucht in Lostal­lo. Er sag­te, das lie­ge im Tes­sin. Und ich rief dem Au­to­ra­dio zu, laut wie ein bes­ser­wis­se­ri­scher Schü­ler in der drit­ten Klas­se: «Fa-alsch! Lostal­lo liegt im Mis­ox, und das Mis­ox ge­hört zum Kan­ton Grau­bün­den. Auch Gro­no liegt im Mis­ox, dort wur­de am 11. Au­gust zwan­zig­null­drei mit 41,5 °C die höchs­te in der Schweiz je ge­mes­se­ne Tem­pe­ra­tur re­gis­triert. Das Mis­ox war schon im­mer ein Hots­pot, vor al­lem im 16. Jahr­hun­dert, wenn da­mals auch vor al­lem für He­xen­ver­bren­nun­gen.»

Wie ge­sagt: Tes­sin oder Grau­bün­den, ein De­tail bloss, ge­nau­er tren­nen die Lachs­zucht von der Gren­ze zum Boc­ca­li­no-coun­ty bloss 16 Ki­lo­me­ter, ge­mes­sen an der Dis­tanz zur Son­ne ein Klacks, aber hey: Wenn man den Un­ter­schied dort un­ten nicht macht, dann kann es sein, dass man in der Ton­ne lan­det.

Dann kam der Be­richt; er­freut ver­nahm ich, dass der Lachs aus Lostal­lo so­wohl vom WWF wie auch von Gour­man­ds höchs­te No­ten er­hält. Wei­ter du­del­te das Ra­dio, das Au­to fuhr, die Zeit lief, und in der neu­en St­un­de über­nahm ein an­de­rer Mo­de­ra­tor das Mi­kro­fon, vom Lachs ging es zu ei­nem trau­ri­gen The­ma: das Be­ben und der Tsu­na­mi, wel­che die in­do­ne­si­sche In­sel Su­la­we­si ge­trof­fen hat­ten.

Es lag viel Em­pa­thie in der Stim­me des Mo­de­ra­tors, mei­ner Mei­nung nach et­was zu viel, es war wie bei ei­nem Ki­sag-blä­ser, bei dem an­statt Schlag­rahm Mit­ge­fühl her­aus­kommt, aber hey: Die Ge­schmä­cker sind ver­schie­den. Aber dann wa­ren die Wor­te zu En­de, de­ren In­halt wirk­lich trau­rig war. Es kam Mu­sik, ein Lied, weil es ja Ra­dio war, da ge­hört die Mu­sik da­zu als Schmier­mit­tel zwi­schen den erns­ten Wor­ten – und da be­gann für mich das Pro­blem.

Der Song, der ge­spielt wur­de, war «Sky­fall» von Ade­le, Ti­tel­song zum gleich­na­mi­gen Ja­mes-bond­film, und er be­ginnt mit die­sen Wor­ten: «This is the end/hold your bre­ath and count to ten/feel the earth mo­ve and then/he­ar my heart burst again.» Ist ja bloss ein Lied, klar, den­noch den­ke ich, dass, wer ei­ne Ka­ta­stro­phe be­han­delt und be­nutzt, ei­ne er­höh­te Sorg­falts­pflicht be­sitzt. Es wur­de dann auch noch die Dys­to­pie-hym­ne «In the Ye­ar 2525» von Za­ger und Evans ge­spielt so­wie «SOS» von Ab­ba. Al­les bloss Songs, auf de­ren Wor­te kaum je je­mand hört, aus­ser man hört auf sie und hat noch an­de­re Wor­te im Kopf, mit de­nen sie dann kol­li­die­ren.

Im Sü­den an­ge­kom­men, schal­te­te ich das Ra­dio ab, par­kier­te den Wa­gen. Der Shop der Lachs­zucht in Lostal­lo war ge­öff­net, hin­ter der The­ke stand wie beim letz­ten Mal der freund­li­che jun­ge Mann aus Schott­land, der zu­sam­men mit sei­nem Va­ter die Lachs­zucht lei­tet. Ich nahm mir vor, et­was ge­räu­cher­ten Fisch zu kau­fen. Zwei­hun­dert Gramm.

Nach dem Wo­chen­en­de wa­ren die To­ten auf Su­la­we­si be­reits wie­der fast gänz­lich aus den Me­di­en ver­schwun­den. Die Ti­tel­sei­te der Bou­le­vard­zei­tung wur­de be­herrscht von Top­mo­del Ta­my Glau­ser und ih­ren Be­kennt­nis­sen, einst von ih­rer da­ma­li­gen Ge­lieb­ten ver­prü­gelt wor­den zu sein. Zu­dem wur­de be­rich­tet von ei­nem Esel-reit­ver­bot für zu di­cke Tou­ris­ten auf der grie­chi­schen In­sel San­to­ri­ni (neu­es Li­mit: 100 Ki­lo). Im «Ta­ges-an­zei­ger» um­fasst die Mel­dung, dass die Zahl der To­ten auf Su­la­we­si auf 1944 ge­stie­gen sei, noch gan­ze 14 Zei­len, gleich lang ist die Mel­dung in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft, dass sich Oz­zy Os­bourne gut von ei­ner Ope­ra­ti­on er­ho­le.

Im Ra­dio wird bald wie­der «Sky­fall» ge­spielt, und nie­mand denkt sich et­was da­bei.

Ir­gend­wie be­rührt, un­klar, wie ge­nau: Max Küng

PS Al­bum zum The­ma: «Lie­der oh­ne Wor­te» von Fe­lix Men­dels­sohn, z. B. die Ein­spie­lung von Da­ni­el Ba­ren­boim, 1974, Deut­sche Gram­mo­phon.

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