Igor, mein Freund. Ei­ne Hom­mage an den po­li­tischs­ten al­ler Pia­nis­ten.

nach­den­ken über igor le­vit, Welt­star, Weg­be­glei­ter und po­li­tischs­ter al­ler pia­nis­ten.

Das Magazin - - Contents - Von Georg Diez

Als ich igor le­vit das ers­te mal traf, sass er im re­stau­rant Bor­chardt auf ei­ner der ro­ten Bän­ke mit samt­be­zug, wo die gu­ten ti­sche sind für die leu­te, die dar­auf ach­ten, wo die gu­ten ti­sche sind, in die­ser im­mer noch un­fer­ti­gen stadt Ber­lin, die nie so gross sein wird, wie sie ei­gent­lich sein will, nie so of­fen wie man­che men­schen, die hier le­ben, igor zum Bei­spiel.

er war mit dem schrift­stel­ler ma­xim Bil­ler ver­ab­re­det, ein al­ter freund von mir und ein neu­er freund von igor. ma­xim hat­te mir er­zählt, dass igor bald ein welt­be­rühm­ter pia­nist sein wer­de, «welt­be­rühmt!», hat­te er am te­le­fon ge­sagt, und auch die «frank­fur­ter All­ge­mei­ne» hat­te es schon ge­schrie­ben, «jahr­hun­dert­pia­nist» oder so, und weil ich mich meis­tens freue, ma­xim zu se­hen, und mich so wuch­ti­ge Aus­sa­gen im­mer neu­gie­rig ma­chen und ich eh ums eck war, kam ich zum lunch da­zu. Was mir so­fort auf­fiel an igor und was ich gleich moch­te, das war, wie alt und gleich­zei­tig jung er war. Äus­ser­lich mit­te zwan­zig, aber in man­chen mo­men­ten noch jün­ger, nai­ver, neu­gie­ri­ger; wie er sich über ide­en freu­te, wie er sät­ze be­trach­te­te wie schmuck­stü­cke, wie er sich ge­dan­ken erst mal an­ver­trau­te und sie an­pro­bier­te, wie ein neu­es klei­dungs­stück. Und je län­ger wir spra­chen, des­to mehr merk­te ich, dass er in sei­nem Den­ken sehr viel wei­ter ist, äl­ter, von sei­nem Blick auf die Welt her, von dem, was er wuss­te, oh­ne es zu sa­gen, nur als hal­tung, als sicht auf die Din­ge. eher so 75 jah­re alt. Viel­leicht kommt das ja da­her, den­ke ich, dass er stän­dig mit men­schen kom­mu­ni­ziert, die die tie­fe der Welt durch­schrit­ten ha­ben, je­ne kom­po­nis­ten, to­te und le­ben­di­ge, de­ren Wer­ke er spielt und de­ren mu­sik, kunst, le­ben ihn ver­än­dern und prä­gen, das ist ja sein Be­ruf.

Was heisst das al­so, wenn je­mand von jun­gen ta­gen an in die­ser in­ten­si­tät lebt, die die mu­sik ist, die­se tä­ler durch­wan­dert, die­sen Don­ner hört, die­se trau­er er­blickt, was heisst es, zu lie­ben, oh­ne zu wis­sen, was lie­be ist, was heisst es, den tod zu er­ken­nen, oh­ne zu wis­sen, was der tod ist? Wie wächst man auf als künst­ler und kind, und was bleibt an nai­vi­tät? Denn al­le an­de­re kunst, die li­te­ra­tur, die ma­le­rei, al­les an­de­re, ent­steht ja erst im er­wach­se­nen­al­ter, wäh­rend igor sei­ne kind­heit in der ge­sell­schaft von re­vo­lu­tio­nä­ren, Ver­lo­re­nen, poe­ten, fan­tas­ten, Welt­su­chern und Wel­ter­fin­dern ver­brach­te?

igor hör­te erst mal nur zu bei die­sem mit­tag­es­sen, er hör­te zu, wie ma­xim und ich un­ser üb­li­ches po­in­ten­ping­pong spiel­ten. Aber bald misch­te er sich ein, fand den Bo­gen des ge­sprächs, va­ri­ier­te das the­ma, führ­te es wei­ter, als sei es ein trio, das wir hier spiel­ten, und aus uns drei ent­stand der mo­ment, ent­stand die mu­sik, als im­pro­vi­sa­ti­on auf das, was wir wa­ren und dach­ten. igor war da­bei zu­gleich selbst­be­wusst und zu­rück­hal­tend, er hör­te ge­nau zu, wie er es gut kann, denn er liebt die men­schen, er ist gie­rig nach Wor­ten, nach ide­en, nach al­lem, was sei­ne Welt grös­ser macht, rei­cher, tie­fer und wah­rer.

Ich glau­be, dass vie­le Men­schen, die den Pia­nis­ten Igor Le­vit tref­fen, das an ihm schät­zen, die­se Ener­gie, die von ihm aus­geht, weil er Ge­dan­ken auf­nimmt und wei­ter­trägt, weil er sich für Po­li­tik ge­nau­so in­ter­es­siert wie für Bü­cher, Bril­len, Es­sen, na ja, viel­leicht nicht ge­nau­so, aber da­von spä­ter ein we­nig mehr. Ich glau­be auch, dass sie für sei­ne Kunst wich­tig ist, die­se Neu­gier auf die Welt, wie er sie liebt und sucht, ich glau­be, dass auch das die Men­schen spü­ren, wenn sie ihn Kla­vier spie­len hö­ren, ob sie es wis­sen oder nicht: Da ist je­mand, der wach ist, da ist je­mand, der sucht und fin­det, da ist je­mand, der das gern teilt, was er hat und kann.

Das al­les ist ei­ne Ewig­keit her und wirkt doch wie ges­tern. Viel ist seit­her pas­siert, draus­sen in der Welt und drin­nen in uns al­len. Igor wur­de tat­säch­lich welt­be­rühmt und blieb doch so sehr Igor, dass ich mich manch­mal wun­de­re, wie er das schafft. Er zog von Han­no­ver, wo sei­ne El­tern und sei­ne Schwes­ter im­mer noch le­ben, nach Ber­lin, und die Fra­ge ist, wie lan­ge er noch bleibt in die­ser Stadt, weil New York eben doch ver­lo­ckend ist und die Welt auf ihn war­tet und auch, weil Deutsch­land im­mer dunk­ler wird für je­man­den, der die Frei­heit liebt, die To­le­ranz, die Men­schen­wür­de. Wir ha­ben viel dar­über ge­spro­chen, ja un­se­re Freund­schaft grün­det auf die­sen Ge­sprä­chen über Po­li­tik, wür­de ich sa­gen, das war der An­fang je­den­falls, die­ser ge­mein­sa­me Ver­such zu ver­ste­hen, was da ge­ra­de pas­siert.

Freun­de

Ir­gend­wann, es mag im Jahr 2014 ge­we­sen sein, und Igor hat­te ge­ra­de an­ge­fan­gen, sich auf Twit­ter und in In­ter­views sehr deut­lich und sehr links zu po­si­tio­nie­ren, da dach­te ich noch: Ob das für ihn so gut ist, ob er das durch­hält, die­se po­li­ti­sier­te Öf­fent­lich­keit, ob es gut ist für sein Image oder eher ein Pro­blem? Und die­ser Ge­dan­ke ist so äus­ser­lich, das ver­stand ich dann auch schnell, ist so weit weg von dem, was Igor ist und tut, weil er al­les, was er ist und tut, aus sich her­aus schafft, weil es, wenn man es so nen­nen will, au­then­tisch ist und er im Grun­de gar kei­ne Wahl hat. Es ist so sehr Teil von ihm und sei­ner Kunst. Er nahm meh­re­re Al­ben auf in die­ser Zeit und wur­de im­mer be­rühm­ter. Er spiel­te Bach, als sei er sein Freund, und Beet­ho­ven wie ei­nen Bru­der. Er las und lern­te und reis­te viel, und die Po­li­tik wur­de im­mer wich­ti­ger, weil die Zei­ten im­mer rau­er wur­den, und manch­mal war Igor so ver­zwei­felt über die Schlech­tig­keit der Welt, dass ich merk­te, wie un­mit­tel­bar er al­les er­lebt, wie durch­läs­sig er ist und auch ver­letz­lich. Un­se­re Freund­schaft, die so be­gon­nen hat­te, wie Freund­schaft bei Igor eben be­ginnt, spon­tan, in­ten­siv, in­spi­rie­rend, di­rekt, wuchs in die­sen Jah­ren. Für mich war das neu, weil Igor so viel jün­ger ist und ich kaum jün­ge­re Freun­de ha­be. Es war be­glü­ckend, weil Igor ein Mensch ist, der sehr auf­merk­sam ist, der sehr viel gibt, der ei­nen for­dert, weil er wis­sen will, was man selbst denkt, wie man selbst sich fühlt. Es ist ein dau­ern­des Ge­spräch mit Igor, und ich ken­ne vie­le Men­schen, de­nen es so geht, weil Igor ein Ta­lent da­zu hat, Men­schen zu se­hen und von Men­schen ge­se­hen zu wer­den. Und weil die­se Men­schen so un­ter­schied­lich sind, zeigt sich in ih­nen auch die Spann­wei­te sei­ner Lei­den­schaf­ten.

Da ist je­mand wie der ame­ri­ka­ni­sche Kom­po­nist und Kom­mu­nist Fre­de­ric Rzew­ski, der so kom­pli­zier­te Kla­vier­stü­cke schreibt, dass nur we­ni­ge sie spie­len kön­nen, und des­sen Ra­di­ka­li­tät sich nicht auf die Mu­sik be­schränkt,weil er in sei­nen Wer­ken von Un­ter­drü­ckung, Aus­beu­tung, Wi­der­stand er­zählt, weil er die Schön­heit des Pro­tes­tes ge­nau­so fei­ert wie den schein­bar ver­geb­li­chen Kampf. Igor schrieb ihn ein­fach an, da war er noch Stu­dent, und frag­te ihn, ob er ein Stück für ihn kom­po­nie­ren wür­de. Seit­her sind sie Freun­de. Igor hat an ihm sein Den­ken und Han­deln ge­schärft, er ver­ehrt ihn auf ei­ne ganz und gar nicht an­bie­dern­de Art und Wei­se, und der so viel äl­te­re Rzew­ski, den Igor ins Zen­trum der Mu­sik­welt ho­len will, und der ge­fei­er­te jun­ge Pia­nist sind dar­über hin­aus ein wun­der­ba­res Duo von schnei­den­dem Witz.

Ein an­de­rer en­ger Freund ist der Ju­ra­pro­fes­sor Paul Ge­wirtz von der Ya­le Uni­ver­si­ty, der sich mit Chi­na ge­nau­so aus­kennt wie mit Bach und ei­gent­lich ei­nen Platz in der Re­gie­rung von Hil­la­ry Cl­in­ton be­kom­men soll­te, und wenn er über Igor re­det, dann wirkt er fast ver­liebt. Es ist ei­ne kind­li­che Er­grif­fen­heit dar­über, wie sehr es ihn be­rührt, was Igor auf der Büh­ne tut, und fast noch mehr ist es das Glück, ja, Glück, das er emp­fin­det, je­man­dem be­geg­net zu sein, der mit so viel Wach­heit durch die Welt geht, weil et­was da­von auch bei de­nen bleibt, die mit Igor in Be­rüh­rung kom­men.

Da ist je­mand wie Alex Poots, der Mu­sik- und Kunst­ma­cher, der in New York den ex­pe­ri­men­tel­len Kunst­raum The Shed lei­tet und Igor mit so un­ter­schied­li­chen Künst­lern wie Ma­ri­na Abra­mo­vić und Hans Haa­cke zu­sam­men­ge­bracht hat, die in Igor Le­vit ei­nen Gleich­ge­sinn­ten se­hen, weil er sei­ne Kunst nicht vom Le­ben trennt und schon gar nicht von der Po­li­tik, weil er Kunst, in sei­nem Fall Mu­sik, als Mit­tel sieht, das Le­ben zu le­ben und die Po­li­tik zu re­flek­tie­ren, al­so das Weh und das Wü­ten ge­nau­so zu se­hen wie die Lie­be, die Schön­heit, den Ver­lust und das Pri­va­te zu ver­bin­den mit dem, was al­le tei­len, die füh­len und emp­fin­den.

Da ist Mar­kus Hin­ter­häu­ser, der In­ten­dant der Salz­bur­ger Fest­spie­le, der Igor er­mu­tigt, schwie­ri­ge Pro­gram­me und pro­gram­ma­ti­sche Kon­stel­la­tio­nen von Stü­cken zu spie­len; da ist Alan Rus­bridger, der ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­tor des «Guar­di­an», mit dem Igor, der be­ses­se­ne Me­di­en­kon­su­ment und Twit­ternut­zer, sich über die Ups und Downs die­ser so wich­ti­gen, so strau­cheln­den Bran­che un­ter­hält, und da sind sei­ne bei­den en­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen für Ma­nage­ment und Pres­se, de­nen er ver­traut.

Igors Ge­schich­te

Und so gibt es ei­nen Kos­mos Le­vit mit den Men­schen, die er an­zieht und die et­was in ihm se­hen, so wie er et­was in ih­nen sieht; ent­schei­dend in die­sem Kos­mos, für sein Le­ben, für sei­ne Kunst, ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on, das Re­den. Es sind Er­zäh­lun­gen, die er mit sei­nen Kon­zer­ten be­ginnt, die von ihm selbst han­deln und der gros­sen Po­li­tik, von den klei­nen Mo­men­ten und dem gan­zen Grau­en, das Men­schen ein­an­der an­tun. Die­se Ge­schich­ten sind es auch, die Freund­schaf­ten an­trei­ben, die nie en­den, so scheint es, nicht mal mit dem Tod. Oder?

Denn ei­ner fehlt in die­sem Kos­mos, und für Igor war das die Per­son, die al­les zu­sam­men­ge­hal­ten hat: ein Freund und doch viel mehr, ei­ne Art Va­ter­fi­gur, ein Künst­ler, der die klei­nen Ges­ten und den fei­nen Hu­mor lieb­te, ein Mensch wie Igor, und seit der Ma­ler Han­nes Mal­te Mah­ler vor et­was mehr als zwei Jah­ren durch ei­nen Un­fall ums Le­ben ge­kom­men ist, durch ei­nen fast lä­cher­li­chen, dum­men, tra­gi­schen Un­fall, klafft die­se Lü­cke, fehlt die­ses Zen­trum, sucht Igor ei­nen Halt, den es in der Mu­sik nicht ge­ben kann, weil sie klin­gen­de Luft ist und nicht Han­nes – und trotz­dem ist es Mu­sik, die Igor Le­vit dem Freund ge­wid­met hat, die er zur Er­in­ne­rung an ihn ge­sam­melt hat, von Bu­so­ni bis Bach, von Liszt bis Rzew­ski und Bill Evans: «Life» heisst die­ses Al­bum, das vor kur­zem er­schie­nen ist und sehr brü­chig ist und trau­rig und kaum tröst­lich und viel­leicht ge­ra­de dar­um tröst­lich. Wenn Igor von die­sem Ver­lust er­zählt, dann leuch­ten sei­ne Au­gen. Sei­ne Stim­me be­kommt ei­nen an­de­ren Hall und Klang, sei­ne Sät­ze, die manch­mal noch ein we­nig in der Luft zu hän­gen schei­nen, be­vor sie zu En­de ge­hen, blei­ben noch ein we­nig län­ger so ste­hen, die­se Wor­te, weil Wor­te in vie­lem das sind, was von Han­nes Mal­te Mah­ler bleibt, die Wor­te, in de­nen er für Igor le­ben­dig wird. Mah­ler starb im Ju­li 2016, und ein paar Wo­chen spä­ter fuh­ren wir bei­de, Igor und ich, spon­tan nach Grie­chen­land. Wir hat­ten zwar be­reits seit län­ge­rem da­von ge­spro­chen, dass wir die Rea­li­tät de­rer se­hen woll­ten, über die im­mer ge­spro­chen wur­de, ge­strit­ten vor al­lem, ge­warnt, die Ge­flüch­te­ten al­so, die über das Mit­tel­meer ge­kom­men wa­ren und nun in Nord­grie­chen­land an ei­ne Gren­ze sties­sen, an das En­de ih­rer Rei­se, das En­de ih­rer Hoff­nun­gen.

Die Ent­schei­dung zu fah­ren, tra­fen wir dann schnell. Wir dach­ten nicht gross nach, wir nah­men ei­nen Ea­sy-jet-flug und mie­te­ten ein Au­to und fuh­ren von Thes­sa­lo­ni­ki aus ei­ne St­un­de nach Nor­den, und als die ers­ten Zel­te am Stras­sen­rand zu se­hen wa­ren, da wur­den wir stil­ler und wa­ren froh, dass wir nicht re­den muss­ten. Das La­ger, das wir such­ten, war in der klei­nen Grenz­stadt Ido­me­ni, Tau­sen­de wa­ren hier ge­stran­det, Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten Con­tai­ner auf­ge­stellt, in de­nen es me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung gab, vor man­chen Zel­ten sas­sen Mäd­chen und ver­kauf­ten To­ma­ten oder ein paar Do­sen Co­ca-co­la, es gab ein paar pro­vi­so­ri­sche Re­stau­rants in Zel­ten, mit of­fe­nem Feu­er, und auf den Bahn­glei­sen, auf de­nen kein Zug mehr fuhr, spiel­ten die Kin­der im Abend­licht Fan­gen. Es hat­te sehr viel ge­reg­net in den Ta­gen zu­vor, vie­le Ge­flüch­te­te hat­ten das La­ger ver­las­sen, weil sie wuss­ten, dass es bald ge­räumt wer­den soll­te. An die­sem Abend war der Him­mel klar und blau, und ei­ne selt­sa­me Ru­he lag über den Zel­ten und den Men­schen, die nicht wuss­ten, wo­hin.

Wir ver­brach­ten die Nacht in ei­nem klei­nen Ho­tel ein paar Ki­lo­me­ter süd­lich von Ido­me­ni, wo sich im gros­sen Ess­raum all die Hel­fer und Ak­ti­vis­ten ver­sam­melt hat­ten, die ver­such­ten, das Schick­sal der Ge­stran­de­ten we­nigs­tens ein we­nig zu er­leich­tern. Sie be­spra­chen den nächs­ten Tag, sie re­de­ten vom Polizeieinsatz, der er­war­tet wur­de, wie sie sich ver­hal­ten soll­ten, wenn die La­ge un­über­sicht­lich oder ge­fähr­lich wer­den wür­de. Sie wa­ren al­le sehr jung, es hing ein sau­rer Ge­ruch von un­ge­wa­sche­nen Kör­pern in der Luft, sie wa­ren ernst und an­ge­spannt und ka­men aus al­len Tei­len der Welt. Igor und ich un­ter­hiel­ten uns beim Es­sen über die Jour­na­lis­ten, die von «Ab­grün­den der Moral» spra­chen und da­mit die mein­ten, die in Ido­me­ni hal­fen, wir re­de­ten über Phi­lo­so­phen wie Sla­voj Žižek, der eben­falls die­sen Über­schuss an Moral kri­ti­siert hat­te, und Igor war bei al­lem Un­ver­ständ­nis für die­se Art von Ar­gu­men­ta­ti­on an­ge­sichts der Hoff­nungs­lo­sig­keit die­ser Men­schen vor al­lem wü­tend, wü­tend auf die Welt und man­che Men­schen in ihr.

Am nächs­ten Tag wur­de das La­ger tat­säch­lich ge­räumt, wir sa­hen es nur aus der Fer­ne, von den Berg­hü­geln, wo­hin wir um­ge­lei­tet wur­den, weil der Zu­gang und die Stras­sen zum La­ger selbst ge­sperrt wa­ren. Wir fuh­ren dann in ei­nem gros­sen Bo­gen um das La­ger her­um und ka­men zu der Au­to­bahn, die in Rich­tung Thes­sa­lo­ni­ki führt, ge­ra­de zu dem Zeit­punkt, als ein paar der Bus­se in die Stadt fuh­ren, mit Ge­flüch­te­ten, die be­reit wa­ren, fried­lich zu ge­hen. Es wa­ren die al­ler­meis­ten. Wir folg­ten dem Bus bis zu der al­ten und schmut­zi­gen Fa­b­rik­hal­le, wir war­te­ten, bis sie aus­stie­gen, und das dau­er­te ei­ne Wei­le, denn sie konn­ten nicht ver­ste­hen, was sie hier soll­ten, in die­sem Nie­mands­land am Rand der Stadt. Sie stie­gen dann schliess­lich doch aus, und wir re­de­ten mit ein paar von ih­nen, und mit ei­nem von ih­nen, ei­nem jun­gen sy­ri­schen Leh­rer, tausch­te Igor Num­mern aus, und er blieb in Kon­takt mit ihm, schick­te ihm hun­dert Eu­ro, bis sich der Kon­takt ver­lor und die Nach­richt kam, dass der jun­ge Leh­rer an­geb­lich ei­ne Frau im La­ger be­läs­tigt ha­be.

Beet­ho­vens Don­ner

Un­se­re Rei­se dau­er­te nur knapp zwei Ta­ge, aber die Bil­der blie­ben und ver­än­der­ten Igor und auch mich. Igor wur­de noch po­li­ti­scher in den Mo­na­ten da­nach, sei­ne Ar­gu­men­te wur­den schär­fer, sei­ne Geg­ner­schaft zu al­lem Ge­sche­hen­las­sen und Still­hal­ten wur­de grund­sätz­li­cher. Er nutz­te In­ter­views und Twit­ter, um ge­gen Ras­sis­mus und die rechts­ex­tre­men Par­tei­en zu re­den. Er such­te den Kon­takt zu Men­schen, die wie er nach an­de­ren po­li­ti­schen Lö­sun­gen forsch­ten, und sie such­ten den Kon­takt zu ihm. In vie­lem ist er ein wun­der Zeit­ge­nos­se, und wenn er von Beet­ho­ven re­det und des­sen Ge­gen­warts­nä­he, dann geht es um den Don­ner in Beet­ho­vens Zeit, der zu uns her­über­grollt und uns warnt.

All das ist, wie ge­sagt, ei­ne Zu­ga­be zur Mu­sik und ist es doch nicht. Denn die Art, wie Igor sei­ne Zeit er­lebt, öff­net sei­nem Spiel ei­nen an­de­ren Raum. Das heisst nicht, dass er in je­dem Mo­ment po­li­tisch ist; an­de­rer­seits, doch, er ist es schon, wie soll­te es ein Mensch auch nicht sein, der denkt und fühlt und ei­nen Sinn für Un­ge­rech­tig­keit hat? Aber die Po­li­tik ist eben nicht äus­ser­lich zu Igors Mu­sik, sie ist Teil von ihm selbst und fin­det da­mit Ein­gang in sein Kla­vier­spiel. Sie ist Teil sei­nes We­sens, und weil er so ist, wie er ist, er­klingt in man­chem, was er spielt, die­ses Wis­sen um den Don­ner der Ge­schich­te, die­se Ah­nung von Ver­lust, die­ses Rin­gen mit den Feig­lin­gen, Zen­so­ren, Herz­lo­sen, das ihn an­treibt. Und so hat er sich noch ein­mal ver­än­dert, seit 2016, seit Br­ex­it, seit Trump, seit dem Auf­stieg der AFD in Deutsch­land und der Ver­ro­hung der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung und dem schlei­chen­den Op­por­tu­nis­mus von so vie­len. Er trat in Lon­don bei der Night of the Proms auf und spiel­te als Zu­ga­be ei­ne Va­ria­ti­on über Beet­ho­vens heim­li­che Eu­ro­pa-hym­ne, die «Ode an die Freu­de» und «Al­le Men­schen wer­den Brü­der», was ei­nen klei­nen Skan­dal ver­ur­sach­te und Igor ex­trem freu­te, weil er mit so we­nig Mit­teln so ei­ne gros­se Wir­kung und Auf­merk­sam­keit er­zeu­gen konn­te. Er ver­stand et­was in die­ser Zeit, er er­kann­te, was sei­ne Rol­le und sei­ne Mög­lich­keit ist als Künst­ler. Er ha­der­te und ha­dert im­mer noch da­mit, wie sehr vie­le Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ihr Wir­ken be­schrän­ken auf ih­re Mu­sik und sich nicht ih­rer Ver­ant­wor­tung stel­len, sich zu­rück­zie­hen auf die Po­si­ti­on, dass Kunst und Le­ben, Kunst und Po­li­tik zu tren­nen sind, was ja auch mög­lich ist, aber um wel­chen Preis, in die­ser Epo­che?

Igor hat sich an­ders ent­schie­den. Für ihn ge­hö­ren Beet­ho­ven und Flucht zu­sam­men, Rzew­ski und Re­vo­lu­ti­on, Bach und Ge­rech­tig­keit, für ihn ist ein Auf­tritt von Men­schen im­mer auch die Chan­ce, ge­mein­sam über das nach­zu­den­ken, was Men­schen, was Hu­ma­ni­tät aus­macht. So war das et­wa im Som­mer 2017 bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len, als er über zwei St­un­den lang die dunk­le, grel­le, ver­rück­te, be­we­gen­de Mu­sik von Dmi­tri Schosta­ko­witsch spiel­te, al­le 24 Prä­lu­di­en und Fu­gen, und als das Pu­bli­kum da­nach ge­mein­sam auf­stand, um Igor zu­zu­ju­beln, der so fas­zi­niert ist von Schosta­ko­witsch und der Fra­ge von Ideo­lo­gie, Ver­rat und dem Be­har­ren auf das, was Mu­sik leis­ten kann, da ju­bel­ten sie nicht nur, sie wa­ren sich auch be­wusst, glau­be ich, dass hier je­mand von den Tie­fen des 20. Jahr­hun­derts er­zählt und da­bei auch vor den Ge­fah­ren des 21. Jahr­hun­derts ge­warnt hat­te.

Igor nutz­te auch Twit­ter im­mer mehr und im­mer in­ten­si­ver in die­ser Zeit, er pos­te­te oft und ag­gres­siv ge­gen die AFD, ge­gen Do­nald Trump, ge­gen «Bild» und all die Rechts­ver­schie­ber, die Re­la­ti­vie­rer, die die Hu­ma­ni­tät ver­ra­ten, so sieht er es. Für ihn ist das fast phy­sisch als Schmerz er­leb­bar. Und wenn es ein Er­eig­nis gibt wie et­wa die An­hö­rung von Chris­ti­ne Bla­sey Ford und Brett Ka­va­n­augh vor dem ame­ri­ka­ni­schen Se­nats­aus­schuss, dann schaut er sich das stun­den­lang an, ob­wohl er drin­gend ein kom­pli­zier­tes Stück üben soll­te. Er ist frus­triert und ver­zwei­felt und wü­tend und ver­sinkt ei­ner­seits in die­sem Ge­fühl und wehrt sich an­de­rer­seits da­ge­gen, sei­ne Ver­zweif­lung ist re­al. Und der Schutz ge­gen die Wirk­lich­keit, wie sie auf ihn, wie sie auf uns ein­bran­det, die­ser grau­sa­me Kar­ne­val der Ge­gen­wart, muss je­den Tag neu ak­ti­viert wer­den.

Be­son­ders be­drückt hat Igor in letz­ter Zeit all das, was in Deutsch­land un­ter dem Hash­tag Met­wo zu­sam­men­ge­fasst wur­de: Die Re­ak­ti­on auf ei­ne Äus­se­rung des deut­schen In­nen­mi­nis­ters Horst See­ho­fer von der CSU, der sag­te, dass Mi­gra­ti­on «die Mut­ter al­ler Pro­ble­me» sei – Igor fühl­te sich di­rekt an­ge­spro­chen, di­rekt aus­ge­schlos­sen aus dem, was See­ho­fer als die deut­sche Be­völ­ke­rung oder das deut­sche Volk sah. Und der Ras­sis­mus, der dar­in auf­schien, fach­te sei­ne Wut an, wie auch die vie­ler an­de­rer Deut­scher mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, wie man das so nennt. Sie al­le pos­te­ten ih­re Ge­schich­ten von stil­lem oder of­fe­nem Ras­sis­mus, von Ver­ach­tung, Aus­gren­zung oder ein­fach feh­len­der Em­pa­thie auf Twit­ter, es war ein kul­tu­rel­ler, ein po­li­ti­scher, ein ge­sell­schaft­li­cher Mo­ment, der das Land ein we­nig ver­än­der­te und Igor auch, weil er sich die Fra­ge nach sei­ner Iden­ti­tät stel­len muss­te, et­was, das er als Mu­si­ker und Mensch, wie er sich selbst be­zeich­nen wür­de, im­mer für über­flüs­sig ge­hal­ten hat­te.

Hass und Her­kunft

War­um al­so die Fra­ge nach der Her­kunft? Igor wur­de in Russ­land ge­bo­ren, in Ni­sch­ni Now­go­rod, ei­ner al­ten Han­dels­stadt 400 Ki­lo­me­ter öst­lich von Mos­kau, wo die Oka in die Wol­ga mün­det. Igor war nicht mehr dort, seit sei­ne Fa­mi­lie das Land ver­liess, da war er acht Jah­re. Selt­sam, sagt er, ich ha­be nie dar­über nach­ge­dacht. Und ich glau­be, das stimmt so­gar. Auch wenn es tat­säch­lich selt­sam ist, denn die Fra­ge nach der Her­kunft ist et­was so Ele­men­ta­res, um zu ver­ste­hen, wer man ist und was man tut. An­de­rer­seits, wie sagt es ei­ner von Igors Lieb­lings­au­to­ren, Ja­mes Bald­win: «Iden­ti­tät ist wie ein An­zug, der die Nackt­heit des Selbst be­deckt: In die­sem Fall ist es das Bes­te, wenn der An­zug recht lo­cker sitzt, ein we­nig wie der Kaf­t­an der Wüs­ten, un­ter dem die ei­ge­ne Nackt­heit im­mer zu spü­ren und, manch­mal, auch zu se­hen ist. Die­ses Ver­trau­en in die ei­ge­ne Nackt­heit ist es, was ei­nem die Kraft gibt, die Klei­dung zu wech­seln.»

Als Igor Bald­win ent­deck­te, vor et­was über zwei Jah­ren, da war es, als ha­be er ei­nen al­ten Freund ge­fun­den, von des­sen Exis­tenz er wuss­te, den er aber nie per­sön­lich ge­trof­fen hat­te. Sei­ne Spra­che fass­te die Sehn­sucht da­nach zu­sam­men, dass die Welt an­ders sein könn­te, frei­er, und sie deu­te­te den Kampf an, der da­für nö­tig sein wür­de. Er las «The Fi­re Next Ti­me» und an­de­re Es­says, die da­von er­zäh­len, wie Bald­win den Ras­sis­mus der USA floh und nach Pa­ris ging, in den 1950er-jah­ren, wo er im Exil die­se Frei­heit fand und auch wie­der nicht. Es war ein stän­di­ges Be­schwö­ren der ei­ge­nen Ge­schich­te, des ei­ge­nen Schick­sals. Ich ha­be mich oft ge­fragt, was die schwar­ze und die jü­di­sche Er­fah­rung ver­bin­det und ob es der Blick in die Ab­grün­de des Le­bens und des Has­ses ist, der zu­gleich den Blick auf die Lie­be und das Schö­ne schärft. Igor kann wun­der­bar jü­di­sche Wit­ze er­zäh­len. Jü­di­sche Wit­ze, sagt Igor, en­den im­mer mit ei­ner Fra­ge. Und so geht er auch durchs Le­ben, mit lau­ter Fra­gen. So spielt er auch sei­ne Kon­zer­te, es sind in­ti­me Mo­men­te der Selbst­er­kun­dung, er öff­net sich dann und lässt ei­nen da­bei zu­schau­en, lässt ei­nen mit­er­le­ben, wie er hin­ein­hört in die Mu­sik, die er selbst er­klin­gen lässt. Es ist nie fer­tig, was Igor in sei­nen Kon­zer­ten zeigt und bei den Auf­nah­men, es ist im­mer ein An­fang. Selbst wenn er von ei­nem En­de er­zählt, wie auf dem Al­bum «Life».

Es ist schwer zu sa­gen, wo­hin ihn das al­les noch brin­gen wird. Pia­nis­ten wie Igor Le­vit le­ben in ei­ner et­was an­de­ren Zeit. Sie wis­sen, was sie 2019 und 2020 ma­chen wer­den und oft auch, was da­nach kommt. Das Zu­künf­ti­ge ist so re­al wie das Ver­gan­ge­ne. Für Igor be­deu­tet das, dass er im Beet­ho­ven-jahr 2020 al­le sei­ne So­na­ten spie­len wird, was nicht nur ei­ne phy­si­sche, son­dern auch ei­ne ge­dank­li­che und emo­tio­na­le Her­aus­for­de­rung ist. Es be­deu­tet auch, dass er sich ge­nau über­legt, was er mit dem Preis­geld macht, das mit dem Gil­mo­re Ar­tist Award kommt, den er die­ses Jahr ge­won­nen hat und der nur al­le vier Jah­re an ei­nen jun­gen Pia­nis­ten ver­ge­ben wird und mit 300 000 Dol­lar do­tiert ist.

Wir ge­hen nur noch sel­ten ins Bor­chardt, ei­gent­lich fast nie, weil die­se Zeit, die­se samt­ro­te Zeit vor­bei zu sein scheint. Igor trifft sich mit Po­li­ti­kern, die von ihm wis­sen wol­len, wie er die La­ge sieht. Er trifft sich mit Den­kern, Ak­ti­vis­ten, Künst­lern, um dar­über zu re­den, wie man Po­li­tik an­ders ge­stal­ten könn­te. Sein In­ter­es­se, sein Feu­er ist un­ge­bremst. Und gleich­zei­tig sind die Zwei­fel grös­ser ge­wor­den, was das al­les be­deu­tet, wo das al­les hin­führt. Er hat sie ja ge­se­hen, die Schre­cken der ver­gan­ge­nen Zeit, sie sind ihm be­geg­net als Echo in den Wer­ken, die er spielt. Er kennt sie, die Frat­zen der Ge­schich­te, sie sind bei Beet­ho­ven wie bei Hen­ze, bei Liszt wie bei Rzew­ski. Er kennt aber auch die an­de­re Sei­te, die Hoff­nung, ei­ne Art von Er­lö­sung oder we­nigs­tens ein Ver­spre­chen. Sie ist in den Men­schen.

So sieht Igor das. Es ist, für ihn, die Grund­la­ge von al­lem.

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