Kann ich Kin­der? Wenn man sich da nicht so si­cher ist, muss man es eben aus­pro­bie­ren.

Un­ser Au­tor war sich nicht si­cher – und hat bei ei­ner Fa­mi­lie als Gast­va­ter hos­pi­tiert.

Das Magazin - - Contents - Von ar­non Grün­berg

Mein Va­ter war neun­und­fünf­zig, als ich ge­bo­ren wur­de. Auf der Stras­se und in Ge­schäf­ten wur­de er häu­fig für mei­nen Gross­va­ter ge­hal­ten. Er tat, als sei es die nor­mals­te Sa­che der Welt, dass Vä­ter für Gross­vä­ter ge­hal­ten wer­den. In die Er­zie­hung misch­te er sich kaum ein, als wä­re er tat­säch­lich mein Gross­va­ter.

Er war ab­we­send und an­we­send zu­gleich, ab­we­send in sei­ner An­we­sen­heit, denn er war im­mer zu Hau­se, er sass im Wohn­zim­mer am Ess­tisch und hör­te Ra­dio.

Das Al­ter mei­ner El­tern war ge­heim, und auch das hielt ich für nor­mal. Ich dach­te, al­le El­tern hiel­ten ihr Al­ter, und viel­leicht so­gar noch mehr, vor ih­ren Kin­dern ver­bor­gen. Das Al­ter mei­ner El­tern heim­lich zu er­grün­den, ver­spür­te ich kaum ein Be­dürf­nis. Wenn ich es wüss­te, müss­te ich nur im­mer­zu dar­an den­ken, wie bald sie ster­ben wür­den.

Ich selbst bin in­zwi­schen sie­ben­und­vier­zig und spie­le ernst­haft mit dem Ge­dan­ken, even­tu­ell doch noch Va­ter zu wer­den, vor­zugs­wei­se be­vor ich das neun­und­fünf­zigs­te Le­bens­jahr er­reicht ha­be. Gleich­zei­tig muss ich zu­ge­ben, dass mir der Ge­dan­ke an ein Kind Angst macht, fast mehr noch als der Ge­dan­ke an den Tod. Ein ei­ge­nes Kind scheint mir ei­ne exis­ten­zi­el­le Be­dro­hung. Den­noch kann ich ein un­be­stimm­tes Ver­lan­gen nach die­ser Be­dro­hung nicht leug­nen.

Was ist das Be­son­de­re an ei­nem ei­ge­nen Kind? Wo­rin un­ter­schei­det es sich von dem Kind ei­nes an­de­ren, das ver­sorgt wer­den muss? Was sind die­se «Ban­de des Bluts», über die oft so lei­den­schaft­lich ge­spro­chen wird?

Im Jahr 2004 wur­de mein Pa­ten­kind Mayu ge­bo­ren. Für den Jun­gen bin ich im Grun­de schon ein Va­ter. So wie mein Va­ter ab­we­send war in sei­ner An­we­sen­heit, hof­fe ich, für ihn in der Ab­we­sen­heit an­we­send zu sein. Vor ein paar Jah­ren frag­te er mich, ob ich ihn we­ni­ger lieb ha­ben wür­de, wenn ich ein ei­ge­nes Kind hät­te. Die Fra­ge zer­riss mir das Herz. Ich ant­wor­te­te, ich wür­de nie mehr je­man­den so lieb ha­ben wie ihn. Ob­wohl mir klar war, dass ei­ne Dro­hung über uns schweb­te, vor al­lem über ihm: das «ei­ge­ne Kind».

Die «Er­satz­va­ter­schaft» schien mir dar­um ein ge­eig­ne­ter An­fang. Wenn Le­ben Üben ist, ob­wohl man oft nicht recht weiss, wo­für, müss­te ich dann nicht auch für die Va­ter­schaft üben? Viel­leicht wür­de das Er­geb­nis für mich ja lau­ten: kein Ta­lent. Auf der Thea­ter­schu­le in Maas­tricht war ich einst mit der Be­grün­dung «tech­nisch un­ge­eig­net» ab­ge­lehnt wor­den. Könn­ten El­tern in spe wo­mög­lich mit der glei­chen Be­grün­dung ab­ge­lehnt wer­den?

Wirk­lich be­droh­lich je­doch wird es erst da, wo man – ver­meint­lich oder re­al – nicht mehr er­setzt wer­den kann. Das Ver­lo­cken­de der Jung­ge­sel­len­e­xis­tenz be­steht in der Frei­heit, je­der­zeit er­setzt wer­den zu kön­nen. Al­so: erst ein­mal üben. Schwimm­un­ter­richt neh­men, be­vor man echt schwim­men geht.

An­de­re Leu­te ha­ben die­ses Pro­blem an­ders ge­löst, aber je­der darf auf sei­ne Wei­se der ei­ge­nen Uner­setz­bar­keit ge­gen­über­tre­ten. Al­so star­te­te ich im Jahr 2014 ei­nen Auf­ruf, dass ich mich als Er­satz­va­ter zur Ver­fü­gung stel­len wür­de. In vie­len Fa­mi­li­en ist der Va­ter oft auf Rei­sen oder auf Rad­tour mit sei­nen Freun­den. Ich bot an, sei­ne Auf­ga­ben vor­über­ge­hend zu über­neh­men. Na­tür­lich wür­de ich auch dar­über schrei­ben, das ist näm­lich, was Schrift­stel­ler tun: Sie schrei­ben über al­les.

Dut­zen­de Müt­ter, mit­un­ter auch Vä­ter, mel­de­ten sich. Al­ler­dings dau­er­te es drei Jah­re, bis ich mei­ne Plä­ne rea­li­sier­te. Man­che Din­ge, erst recht ei­ne Er­satz­va­ter­schaft, brau­chen et­was Zeit. Zu gu­ter Letzt ka­men sechs Fa­mi­li­en in die en­ge­re Wahl. Im Spät­früh­ling und Früh­som­mer 2017 be­such­te ich sie. Ei­ne Art Da­te. Pas­sen wir zu­sam­men? Wel­che Er­war­tun­gen wer­den an den Er­satz­va­ter ge­stellt? Wo soll er schla­fen? Läuft er halb nackt durch die Woh­nung, oder trägt er ei­nen Ba­de­man­tel?

Zu­nächst die Fa­mi­li­en, die mich als Er­satz­va­ter auf­neh­men woll­ten:

Yu Li­an und Niels, Ams­ter­dam

Yu Li­an hat ge­schrie­ben: «Im Som­mer woh­nen wir an den Wo­che­n­en­den in un­se­rem Strand­haus in Castri­cum. Mei­ne Fa­mi­lie be­steht aus mei­nem (zwei­ten) Ehe­mann und mir, Toch­ter (drei­zehn, aus ers­ter Ehe), Toch­ter (sechs) und Toch­ter (vier). Ich ar­bei­te Voll­zeit, vom Va­ter wird dar­um viel Ein­satz er­war­tet (mit Un­ter­stüt­zung von Ba­by­sit­tern) ...»

Ich sit­ze in ei­nem schö­nen, hel­len Wohn­zim­mer in der Nä­he des Ams­ter­da­mer Zoos. Die bei­den jün­ge­ren Töch­ter, Lau­ren und Ale­xa, sind zu Hau­se. Ale­xa trägt ein Hör­ge­rät. «Sie ist ein we­nig schwer­hö­rig», sagt Yu Li­an, «und ei­ne Wei­le ha­ben wir uns Sor­gen über ih­ren Wort­schatz ge­macht, aber es läuft gut. Wir ha­ben al­le Ge­bär­den­spra­che ge­lernt.» Der Va­ter, Niels, ist auch da, sagt aber we­nig.

Yu Li­an zeigt mir Fo­tos von ih­rem Fe­ri­en­häus­chen. «Was er­war­tet ihr von ei­nem Er­satz­va­ter?», will ich wis­sen.

«Ja, was ma­chen Pa­pas?», fragt Yu Li­an ih­re Töch­ter. «Ab­wa­schen, ko­chen, ‹Jo­nas im Wal­fisch› spie­len.»

Dann kommt Li­la, die Toch­ter aus ers­ter Ehe, nach Hau­se. Sie war mit ih­rem Ho­ckey­team zum Schwim­men. Sie sagt zu Li­an: «Mei­ne Freun­din­nen fin­den ih­re Müt­ter to­tal doof, aber ich fin­de dich toll.»

Beim Ab­schied sagt Yu Li­an zur mir: «Ich will dir zei­gen, wie viel Schön­heit im Fa­mi­li­en­le­ben steckt.»

(Im Herbst 2017 es­se ich mit Li­an in New York zu Abend, wo sie sich für ei­ne Wei­le im Rah­men ih­rer Ar­beit auf­hält, und sie er­klärt: «Ich hät­te dir so gern ge­zeigt, wie schön sich das El­tern­sein an­füh­len kann.»)

Mar­jo­lein und Ri­ni, Zut­phen

Mar­jo­lein hat ge­schrie­ben: «Wie ich schon sag­te, wir woh­nen in ei­ner Fe­ri­en­an­la­ge.»

An ei­nem Sonn­ta­gnach­mit­tag im Ju­ni kom­me ich dort an. Vie­le ge­schie­de­ne Vä­ter und Dro­gen­händ­ler wür­den hier woh­nen, hat mir der Ta­xi­fah­rer er­zählt. Mar­jo­lein er­klärt, sie ha­be mir zu Eh­ren ei­ne Tor­te ge­ba­cken, ob ich ein Stück wol­le? Sie ha­ben vier Kin­der, lau­ter Mäd­chen: Ron­ja (fünf), Thu­ra (vier), Lay­la (zwei) und Zo­ra (neun Mo­na­te). Die Äl­tes­te liegt krank auf dem So­fa, die an­de­ren las­sen sich die Scho­ko­la­den­tor­te schme­cken. «Für das Ers­te ha­ben wir uns be­wusst ent­schie­den», er­zählt Mar­jo­lein. «Wir ken­nen na­tür­lich die gän­gi­gen Ver­hü­tungs­me­tho­den, set­zen aber vor al­lem auf Ent­halt­sam­keit wäh­rend der frucht­ba­ren Ta­ge.»

Un­ter dem Tisch reibt ei­nes der Kin­der sei­nen Kopf an mei­nen Bei­nen wie ei­ne Kat­ze.

Er ist drei­und­fünf­zig, sie ein­und­dreis­sig.

«Wie habt ihr euch ken­nen ge­lernt?», fra­ge ich.

«Ich woll­te ei­ne Freun­din in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft in Den Haag be­su­chen», sagt Mar­jo­lein, «aber ich hab auf die fal­sche Klin­gel ge­drückt, und da stand er in der Tür. Spä­ter mein­te die Freun­din: ‹Puh, Ri­ni war ganz hin und weg von dir.›»

Ri­ni: «Ich muss­te rich­tig nach Luft schnap­pen.» Mar­jo­lein: «Als er mir ei­nes Tages sei­ne Lie­be ge­stand, ha­be ich ge­ant­wor­tet: ‹Schön zu hö­ren, aber ich bin les­bisch und will kei­ne Freund­schaf­ten mit Män­nern, weil die frü­her oder spä­ter doch al­le mehr wol­len.›»

Ich be­kom­me noch ei­ne Füh­rung durch das klei­ne, ein­stö­cki­ge Haus. «Wir schla­fen al­le zu­sam­men in ei­nem Bett», sagt Mar­jo­lein. «Da musst du dann auch rein, wir ha­ben nicht viel Platz.»

Ma­rie­ke, Ut­recht

Dies ist ei­ne Ei­n­el­tern­fa­mi­lie, aber der wah­re Er­satz­va­ter schliesst auch die Ei­n­el­tern­fa­mi­lie nicht aus, ob­wohl die Er­satz­va­ter­schaft sich in solch ei­ner Fa­mi­lie leicht in die Län­ge zie­hen kann.

Ma­rie­ke hat ge­schrie­ben, ich sol­le mich auf et­was ge­fasst ma­chen. «Mei­ne Toch­ter ist mit­ten in der Pu­ber­tät.»

Ich neh­me Platz in dem klei­nen Gar­ten ei­ner chao­ti­schen, aber ge­müt­li­chen mo­der­nen Rei­hen­haus­woh­nung. Ma­rie­ke hat sech­zehn­jäh­ri­ge Zwil­lin­ge, Kha­dra und Ki­li­an. Kha­dra trägt ei­ne Zahn­span­ge und will zur Klein­kunst­aka­de­mie, Ki­li­an will Me­di­zin stu­die­ren, die Psych­ia­trie in­ter­es­siert ihn.

«Kha­dra ist auf­müp­fig», sagt Ma­rie­ke, «letz­tens woll­te mich ein Leh­rer spre­chen. Da hab ich sie ge­fragt: ‹Was war da los?› Ant­wor­tet sie: ‹In Fran­zö­sisch in der ers­ten St­un­de schläft es sich im­mer so schön.›»

Wir ge­hen ins Haus. Drin­nen zieht Kha­dra läs­sig ei­ne Aus­ga­be von Na­bo­kovs «Lo­li­ta» aus dem Re­gal. «Darf ich das le­sen?», fragt sie. «Ich hab schon viel dar­über ge­hört.»

«Okay», ant­wor­tet Ma­rie­ke, «aber vor­her müs­sen wir uns mal un­ter­hal­ten.» «Was für ei­ne Art Er­satz­va­ter sucht ihr?», fra­ge ich. Ma­rie­ke wirft ei­nen Blick auf ih­re Zwil­lin­ge. «Ei­gent­lich su­chen wir ei­ne Art Va­ter», sagt sie.

Ma­rie­ke und Ro­el, Ut­recht

Lei­d­sche Ri­jn, ei­ne Neu­bau­sied­lung. Es ist Sonn­tag­abend, ich wer­de herz­lich emp­fan­gen. Ob ich mit­es­sen möch­te? Ma­rie­ke schreibt Ko­lum­nen für die Zei­tung «Ut­rechts Nieuws­blad», lan­ge Zeit un­ter dem Pseud­onym Vor­stadt­tus­si. Ro­el ist Stadt­pla­ner. «Wir wa­ren sie­ben­und­zwan­zig und an­ders als un­se­re Freun­de», sagt Ma­rie­ke. «Die woll­ten nach Thai­land, wir woll­ten Kin­der. Wenn Ro­el jetzt um zehn vor sechs ver­schwitzt mit dem Fahr­rad nach Haus kommt, so ein biss­chen zer­zaust – dann fin­de ich das toll!»

Ma­rie­ke und Ro­el ha­ben vier Kin­der: Aart (drei­zehn), Joost (elf), Dieu­wert­je (acht) und Emiel (vier).

«Mein Va­ter war Be­rufs­sol­dat», er­zählt Ma­rie­ke, «und ein paar Jah­re auf Kre­ta sta­tio­niert. Das war ei­ne gross­ar­ti­ge Zeit für mei­ne El­tern. Rau­schen­de Fes­te. Dann muss­ten sie zu­rück in die Nie­der­lan­de und lan­de­ten in ei­nem Nest, da ha­ben sie sich nie wie­der ein­ge­lebt. Ro­el freut sich auf dich, dann kann er mit sei­nen Freun­den Rad­tou­ren ma­chen.» «Und die Kin­der?», möch­te ich wis­sen.

«Die ma­chen sich ein we­nig Sor­gen. Sie fra­gen: ‹Wo soll Pa­pa schla­fen, wenn die­ser Mann kommt?›»

«Was hat der Va­ter für Auf­ga­ben?»

«Vor al­lem prak­ti­sche», ant­wor­tet Ma­rie­ke, «es geht nicht dar­um, was du sagst, son­dern um das, was du tust.» Anouck und Je­ro­en, Eind­ho­ven

Anouck macht mir auf. Je­ro­en reicht mir ein Stück Tor­te, heu­te fei­ert ih­re äl­tes­te Toch­ter Elin ih­ren sieb­ten Ge­burts­tag. Sie ha­ben noch ein fünf­jäh­ri­ges Mäd­chen, Sti­ne.

«Es soll ein ech­ter Kin­der­ge­burts­tag wer­den», sagt Anouck. «Süs­sig­kei­ten schnap­pen, ei­ne Schatz­su­che.» «War­um habt ihr auf mei­nen Auf­ruf re­agiert?», fra­ge ich. «Je­ro­en ist ge­schäft­lich viel un­ter­wegs», sagt Anouck. «In den Jah­ren nach Sti­nes Ge­burt konn­ten wir je­de Hil­fe ge­brau­chen, und da sa­hen wir dei­nen Auf­ruf. Ei­ne Nan­ny, ein Au­pair, al­les war will­kom­men. Bei je­der Be­treu­ungs­mög­lich­keit ha­ben wir zu­ge­grif­fen.»

Ich es­se mei­ne Tor­te und fra­ge: «Kannst du Kin­der emp­feh­len?»

«Man ist nie mehr al­lein», sagt Anouck. «Im­mer in ei­ner Her­de.»

In die­sem Mo­ment wird mir klar, was von ei­nem Er­satz­va­ter ver­langt wird. Der Er­satz­va­ter ist Hir­te und Stier zu­gleich. Er sorgt, wie vor­über­ge­hend auch im­mer, für Ord­nung in der Her­de.

Han­nie und Pe­ter, Elst

Neu­bau. Ein war­mer Nach­mit­tag. Han­nie müht sich sicht­lich mit ei­nem Kind ab. «Das ist nicht meins», er­klärt sie. «Es ist ge­wis­ser­mas­sen ge­lie­hen. Ei­ne Freun­din hat mich an­ge­mel­det.»

Wir set­zen uns in den Gar­ten.

«Wir ha­ben Mark, der ist acht, Ro­bin ist sechs und Lau­ra vier. Ei­ne klei­ne Zu­ga­be. Sie war nicht ge­plant.»

Han­nie sagt: «Wir sind bür­ger­lich ge­wor­den. Frü­her war das an­ders, wir wa­ren kin­der­los. End­lo­se Par­tys. Dann ka­men die Kin­der. Ich war sie­ben Jah­re mit ih­nen zu Hau­se – töd­lich. Ich hab mal ge­hört, Schul­den sen­ken den IQ, weil man nur kurz­fris­tig denkt. Al­so, bei Kin­dern geht das ei­nem ge­nau­so.»

Ich den­ke an die Her­de.

«Man be­kommt so viel da­für zu­rück, heisst es im­mer – das hörst du mich nicht sa­gen. Aber man ist auf der Stel­le in sei­ne Kin­der ver­liebt.»

Ich fah­re nach Ams­ter­dam zu­rück. In je­der Fa­mi­lie wür­de ich Er­satz­va­ter sein wol­len, aber ich muss ei­ne Wahl tref­fen. Abends ent­schei­de ich mich für Mar­jo­lein in Zut­phen. Als Er­satz­va­ter darf man die Her­de – auch wenn sie nicht in Eind­ho­ven grast – nicht auf dis­kre­te Dis­tanz hal­ten, ich muss mei­ne Kom­fort­zo­ne ver­las­sen. Ich wer­de wei­den, wo die Her­de wei­det, schla­fen, wo die Her­de schläft, le­ben, wo die Her­de lebt. Von Kin­dern kann man sich nicht schei­den las­sen, aus­ser, man will den Hohn sei­ner Um­ge­bung ris­kie­ren und ein le­bens­lan­ges Schuld­ge­fühl üb­rig be­hal­ten. Das Ge­nia­le an der Er­satz­va­ter­schaft be­steht dar­in, dass Schei­dung nicht nur er­laubt ist, son­dern mo­ra­lisch ge­ra­de­zu ei­ne Pflicht.

Sep­tem­ber 2017

Als ich die Trep­pen des Zut­phe­ner Bahn­hofs hin­un­ter­kom­me, ste­hen drei bar­füs­si­ge Mäd­chen vor mir. Bei mei­nem ers­ten Be­such war mir er­klärt wor­den: «Zu Hau­se tra­gen wir kei­ne Schu­he.» Am Bahn­hof of­fen­bar auch nicht.

So fängt mei­ne Er­satz­va­ter­schaft an, mit blos­sen Füs­sen.

Ich küs­se die Mut­ter, Mar­jo­lein, auf die Wan­ge. Auf dem Arm hält sie Zo­ra, die Jüngs­te. Die an­de­ren drei Mäd­chen – Lay­la (zwei), Thu­ra (vier) und Ron­ja (fünf) – ren­nen vor­aus zum Wa­gen. Mein Ge­päck passt nicht in den Kof­fer­raum, weil dort durch Um­klap­pen ein wei­te­rer Rück­sitz für die Kin­der ge­schaf­fen wur­de, des­halb muss ich nun ge­set­zes­wid­rig auf dem Bo­den zwi­schen zwei Kin­der­sit­zen kau­ern, wäh­rend mein Kof­fer auf dem Bei­fah­rer­sitz ne­ben Mar­jo­lein steht.

«Hat­test du ei­ne lan­ge Rei­se?», fragt sie.

Wäh­rend wir zu ih­rem Haus in der Fe­ri­en­an­la­ge fah­ren, er­zählt Mar­jo­lein: «Ich bin echt am En­de, du kommst ge­ra­de noch recht­zei­tig. Ein Mann in der An­la­ge hat schon ge­fragt: ‹Kommt eu­er Er­satz­va­ter noch? Dann hab ich ein paar fie­se Fra­gen für ihn. Sei­ne Bü­cher krieg ich näm­lich nie durch.› Erst woll­te ich ihn zu Zo­ras Ge­burts­tag ein­la­den, aber dann ha­be ich es doch blei­ben las­sen.» Zo­ra wird am 4. Sep­tem­ber ein Jahr alt.

«Ich bin fie­se Fra­gen ge­wöhnt», sa­ge ich.

In dem Mo­ment be­wer­fen die bei­den äl­te­ren Mäd­chen in ih­ren Kin­der­sit­zen di­rekt hin­ter mir mich mit ei­nem Stoff­tier. Sie fan­gen auch an, mich zu tre­ten. «Ich hab ih­nen ge­sagt, das sol­len sie nicht ma­chen, über Stoff­tie­re ha­ben wir nicht ge­spro­chen», er­klärt die Mut­ter.

«Ver­misst ihr eu­ren Pa­pa sehr?», will ich wis­sen. «Jaaaa!», ruft Ron­ja. «Soll ich dich nass sprit­zen?»

Der Er­satz­va­ter muss ge­tes­tet wer­den wie ein neu­er Staub­sau­ger. Der ech­te Va­ter war kürz­lich in Bra­si­li­en, er im­por­tiert Aya­huas­ca-tee, der psy­che­de­li­sche Wir­kun­gen her­vor­ruft, und or­ga­ni­siert Ver­kaufs­nach­mit­ta­ge. Mo­men­tan streift er durch Sü­d­eu­ro­pa, weil der Er­satz­va­ter in sei­nem Haus ist. Lei­der war es nicht mög­lich, mei­ne Er­satz­va­ter­schaft so zu pla­nen, dass sie ge­nau mit sei­ner Zeit in Bra­si­li­en zu­sam­men­fällt. Zu Hau­se wer­fen die grös­se­ren Mäd­chen sich auf ih­re Bunt­stif­te, das jüngs­te wird ge­stillt; da­nach schlägt die Mut­ter vor, ich sol­le vor­le­sen, da­mit sie ko­chen kann. Ich le­se vor aus «Kaat­je zieht um» von Lies­bet Sle­gers, das auf dem So­fa her­um­liegt.

Erst lässt sich die Äl­tes­te laut stöh­nend hint­über­fal­len. Kurz dar­auf lau­fen al­le Kin­der weg.

«Pack erst mal in Ru­he den Kof­fer aus», sagt die Mut­ter. Ich ha­be kein ei­ge­nes Bett, wohl aber ei­nen ei­ge­nen Schreib­tisch: im ers­ten Stock, in Ri­nis Ar­beits­zim­mer. Auf die­sem Tisch liegt ein Ge­schenk von ihm, ein Buch, das er selbst ge­schrie­ben hat: «The Po­wer of Not­hing – A Spi­ri­tu­al Gui­de to True Emp­ti­ness».

Auf dem Um­schlag ste­hen Emp­feh­lun­gen wie: «One of tho­se tru­ly ex­cep­tio­nal books.»

Ich schla­ge es auf. Al­le Sei­ten sind leer. Ich muss an mein Pa­ten­kind den­ken und an sei­ne Mut­ter, die mir re­gel­mäs­sig vor­wirft, dass ich zu we­nig Zeit mit ihm ver­brin­ge. Ist die Er­satz­va­ter­schaft nicht vor al­lem ein li­te­ra­ri­sches Pro­jekt?

Soll ich Mar­jo­lein mei­ne Er­satz­freun­din nen­nen? Ist das die Kon­se­quenz mei­ner Er­satz­va­ter­schaft für ih­re vier Töch­ter? Mei­ne ei­ge­ne Freun­din wur­de ner­vös, als der ers­te Tag mei­ner Er­satz­va­ter­schaft nä­her rück­te. «Ich fin­de es schreck­lich, dass du dich ne­ben die­se Frau legst», sag­te sie. «Nicht mal so sehr, weil du Sex mit ihr ha­ben könn­test, son­dern weil sie dann weiss, wie du schläfst.»

«Ach», er­wi­der­te ich, «das wis­sen noch mehr Leu­te!» Trotz­dem ha­be ich ihr die­ses Pro­jekt auch als Übung ver­kauft, als ei­nen Kurs, aus dem ich als bes­se­rer po­ten­zi­el­ler Va­ter her­vor­ge­hen wer­de. Sie re­agier­te mit ei­ni­ger Skep­sis, aber ich liess mich nicht von mei­nem Vor­ha­ben ab­brin­gen: «Sie ver­las­sen sich dar­auf, dass ich kom­me, jetzt kann ich nicht mehr zu­rück», er­klär­te ich ihr.

Als ich ein paar St­un­den nach mei­ner An­kunft Lay­la, der Zweit­jüngs­ten, im Gar­ten ge­ra­de ei­nen Ball zu­wer­fe, hö­re ich die Mut­ter laut schrei­en. Ich be­trach­te es als mei­ne Pflicht, zu ihr zu ei­len. Sie sagt: «Da war ei­ne Rat­te!»

Ei­gent­lich scheint mir Mar­jo­lein nicht die Art Frau, die vor Rat­ten Angst hat, al­so be­schrän­ke ich mei­ne Re­ak­ti­on auf ein kur­zes: «Oh.»

Da­nach set­ze ich das Ball­spiel fort, wo­bei ich dar­auf ach­te, den Ort, an dem die Rat­te ge­sich­tet wur­de, zu mei­den.

Das Abend­es­sen rückt nä­her. Man setzt sich hier früh zu Tisch, un­ge­fähr um halb sechs. Bis vor kur­zem ass ich abends meis­tens zwi­schen halb zehn und zehn.

Mar­jo­lein kommt be­sorgt aus der Kü­che. «Ich muss Ron­ja su­chen», sagt sie, «sie woll­te zu ih­rer Freun­din Fleur. Sie will nicht mit dir am Tisch sit­zen.»

Mir wird klar, dass die An­kunft des Er­satz­va­ters mehr Span­nun­gen aus­löst als vor­her­ge­se­hen. Die Äl­tes­te stösst den Er­satz­va­ter ab wie der Kör­per ei­ne neue Nie­re. «Ich kann das ver­ste­hen», sagt Mar­jo­lein. «Als ich klein war, schlief ich im­mer bei mei­ner Mut­ter. Wenn sie dann Män­ner mit nach Haus brach­te, wur­de ich aus dem Bett ge­wor­fen. Das mach­te mich fuchs­teu­fels­wild.»

Das klingt, als sei der Er­satz­va­ter ein Stück Fleisch, das Mar­jo­lein in ih­re Höh­le ge­schleift hat. Ich will al­les sein, auch ein Stück Fleisch, aber das ist nicht die Rol­le, auf die ich mich vor­be­rei­tet ha­be.

So­lan­ge Mar­jo­lein weg ist, stap­fe ich mit Zo­ra, der Jüngs­ten, durch den Gar­ten und sa­ge: «Ich fin­de es lieb von dir, dass du frei­wil­lig mit mir am Tisch sitzt.»

Mar­jo­lein kommt mit Ron­ja zu­rück. «Ich ha­be mit Fleurs Mut­ter und Ron­ja ab­ge­macht, dass Ron­ja zu Fleur darf, wenn ein Schild mit Schmet­ter­lin­gen ne­ben der Tür hängt. Hängt da das Schild mit dem Mond, wol­len sie nicht ge­stört wer­den. Ir­gend­wann war sie mehr bei ih­nen als hier.»

Wir set­zen uns an den Tisch, Ron­ja bei ih­rer Mut­ter auf dem Schoss, in si­che­rer Ent­fer­nung vom Er­satz­va­ter.

Und wie viel Mü­he der sich auch gibt, er, der Frem­de, sorgt für Span­nun­gen.

«Am liebs­ten wä­re es mir», sagt Mar­jo­lein, «der Er­satz­va­ter wür­de jetzt vor­le­sen.»

Aber die Kin­der wol­len kein Buch, sie wol­len ei­nen Film. Sie wol­len Pe­ter Ha­se, und den krie­gen sie auch. «Ei­gent­lich ver­su­che ich im­mer, oh­ne Fil­me aus­zu­kom­men», sagt Mar­jo­lein, «aber manch­mal geht es nicht an­ders.»

Das Abend­es­sen ist zu En­de. Mar­jo­lein ist kei­ne über­trie­ben ängst­li­che Mut­ter. Na­sen­schleim ver­mischt sich mit Es­sen, vor al­lem die Jüngs­te hat im­mer ei­ne Rotz­na­se. Es­sen und Schnod­der fal­len auf den Bo­den und wer­den spä­ter trotz­dem in den Mund ge­steckt. Zu viel Hy­gie­ne schwächt die Im­mun­ab­wehr.

Mar­jo­lein bit­tet mich, die ste­hen ge­las­se­nen Nu­deln der Kin­der ins Klo zu schüt­ten. Ich weiss nicht, ob dies prak­ti­sche oder ri­tu­el­le Grün­de hat.

«Wenn du was ko­misch fin­dest, sagst dus, ja?», fragt Mar­jo­lein.

Ich fin­de nichts ko­misch.

Im Bad put­ze ich der Jüngs­ten die Zäh­ne. Sie leckt die Zahn­pas­ta von der Bürs­te und presst da­nach die Lip­pen zu­sam­men. Ich schaf­fe es nicht, ihr die Zäh­ne zu put­zen, ich brin­ge höchs­tens ih­re Zun­ge kurz mit der Zahn­bürs­te in Be­rüh­rung.

Die Va­ter­schaft geht mit Schei­tern ein­her, un­ge­fähr al­le fünf Mi­nu­ten.

«Jetzt kannst du Lay­la vor­le­sen», ruft Mar­jo­lein.

Lay­la und ich ge­hen ins obe­re Stock­werk, wo die Äl­tes­te ihr Zim­mer hat, ob­wohl sie meist im­mer noch mit­ten in der Nacht zu den an­de­ren her­un­ter­kommt und ih­ren Va­ter gna­den­los aus dem gros­sen Bett stösst, der sich dar­auf not­ge­drun­gen nach oben ins Kin­der­bett legt. So wur­de mir be­rich­tet. Das Ma­tri­ar­chat be­ginnt früh.

Ich darf nicht aus «Pip­pi Langs­trumpf» vor­le­sen. Das darf nur Pa­pa.

Ein Buch über den Ni­ko­laus darf der Er­satz­va­ter vor­le­sen. Die vier­jäh­ri­ge Thu­ra ge­sellt sich zu uns und sagt: «Ni­ko­laus ist ver­klei­det, aber es gibt ihn wirk­lich.»

Ei­ne Aus­sa­ge, die of­fen­bar auf mich ge­münzt ist: als Er­satz­va­ter ver­klei­det, aber nicht frei er­fun­den. Mar­jo­lein er­zählt: «Mei­ne Mut­ter hat fünf Kin­der von vier ver­schie­de­nen Män­nern. Mei­nen Va­ter hat­te sie sich aus­ge­sucht, weil sie ein dun­kel­häu­ti­ges Kind woll­te. Ich wur­de fast nie ge­schla­gen, weil ich im­mer al­les tat, was sie woll­te.» «Möch­test du noch ein fünf­tes Kind?», fra­ge ich. «Dar­über nach­den­ken tue ich schon», ant­wor­tet sie, «letz­tens dach­te ich so­gar, ich sei schwan­ger. Ob­wohl wir nach un­se­rer Me­tho­de ver­hü­ten, wir fas­sen uns so­wie­so kaum noch an. Aber neu­lich fuhr ich mit dem Rad an ein paar Ju­gend­li­chen vor­bei, mit mei­nen vier Kin­dern. Und da hör­te ich: ‹Siehst du die Frau da? Die hat ja mäch­tig drauf­los­ge­ram­melt.› So will ich nicht ab­ge­stem­pelt wer­den.»

Die Nacht be­ginnt früh in der Fe­ri­en­sied­lung bei der Fa­mi­lie, der ich als Er­satz­va­ter die­ne, ob­wohl ei­ne Ex neu­lich hä­misch mein­te, ich sei nicht mehr als ein Er­satz- Ba­by­sit­ter. Die Mut­ter Mar­jo­lein da­ge­gen zieht in Er­wä­gung, ei­ne Va­ter­schu­le zu grün­den, wenn die­ses Ex­pe­ri­ment ge­lingt. Ich könn­te der ers­te Ab­sol­vent sein, der bei ihr sei­nen Ab­schluss macht.

Ein Staub­saug­ro­bo­ter, von der Fa­mi­lie Stau­bi ge­nannt, be­wegt sich über den Tep­pich. Die vier Mäd­chen lie­gen in dem gros­sen Bett, in dem auch Mar­jo­lein schläft. Sie sagt: «Viel­leicht wä­re es gut, wenn du dich die ers­te Nacht ins Kin­der­zim­mer legst, die Mäd­chen sind noch nicht so rich­tig an dich ge­wöhnt.»

Das ver­ste­he ich, und heim­lich bin ich er­leich­tert. Dar­um schla­ge ich so­fort vor, das lee­re Bett von Ron­ja im ers­ten Stock zu neh­men, aber Mar­jo­lein will ei­ne Ma­trat­ze ne­ben das Kin­der­bett le­gen. Sie wirft ei­ne bun­te Bett­de­cke dar­auf. «Be­stimmt das ers­te Mal, dass du un­ter ei­ner Meer­jung­frau schläfst, was?», fragt sie.

Un­ten trin­ken wir noch ei­nen Tee und schau­en Stau­bi zu, der ein­sa­men Men­schen Trost spen­den könn­te.

«Ja, der Ri­ni», sagt Mar­jo­lein über ih­ren Freund und Kinds­va­ter, «sein Pro­blem ist, dass ich ihn nicht wirk­lich brau­che. Ich brau­che nie­man­den. Ob­wohl ich mich oh­ne Kin­der nackt füh­le.»

«Nackt», sa­ge ich, «in­ter­es­sant.»

Mo­men­tan ist Ri­ni in Lis­s­a­bon. Es war viel­leicht et­was hart, dem ech­ten Va­ter den Zu­tritt zu sei­nem Haus zu ver­bie­ten, so­lan­ge der Er­satz­va­ter da ist, und ich be­mer­ke auch Mar­jo­leins Zwei­fel, ob Ri­ni sich in Lis­s­a­bon so recht amü­siert. Ih­ren Wor­ten ent­neh­me ich eher, dass er sich dort über­haupt nicht wohl­fühlt.

Ich ge­he schla­fen. Ei­ne Pup­pe, die aus­sieht wie ein Em­bryo zu me­di­zi­ni­schen De­mons­tra­ti­ons­zwe­cken, ein­schliess­lich Pim­mel, sitzt ne­ben mei­ner Ma­trat­ze auf ei­nem Ei­mer und starrt mich an. Un­ten hö­re ich die Jüngs­te hus­ten. «Mor­gen früh um sechs geht der Tanz wie­der los», hat Mar­jo­lein mich ge­warnt.

Am nächs­ten Mor­gen gibt es Sonn­tags­früh­stück. «Für dich ha­be ich Mar­me­la­de ge­holt», sagt Mar­jo­lein. «Wir es­sen kei­nen Zu­cker.»

Nach dem Früh­stück hängt Mar­jo­lein die Wä­sche auf. Ich fra­ge, ob ich hel­fen kann.

«Nein», sagt sie, «das tut Ri­ni auch nicht.» Ich soll tun, was Ri­ni tut.

Mar­jo­lein wirkt ein we­nig be­drückt.

«Bist du trau­rig?», fra­ge ich.

«Ja», ant­wor­tet sie.

«Liegt das an mir?»

«Ganz be­stimmt.»

Dann springt je­den von uns ein Kind an. Die Kin­der sind Klet­te­raf­fen an die­sem Mor­gen.

Viel­leicht bleibt we­ni­ger Zeit zum Schrei­ben, wenn der Schrift­stel­ler erst ein­mal Va­ter ge­wor­den ist, aber dann ist auch we­ni­ger Zeit für Weh­mut und Kum­mer. Das wä­re schon mal ein Vor­teil.

Ob­wohl es erst mor­gen so weit ist, fei­ern wir heu­te Zo­ras ers­ten Ge­burts­tag. Gir­lan­den wer­den auf­ge­hängt, Be­such wird er­war­tet, auf je­den Fall Mar­jo­leins Va­ter so­wie Jan und Lies­beth, die Mar­jo­lein ih­re «Lei­h­el­tern» nennt. Als sie es am En­de ih­rer Pu­ber­tät bei sich zu Hau­se nicht mehr aus­hielt, durf­te sie ei­ne Wei­le bei ih­nen woh­nen.

Ich muss noch ein Ge­schenk be­sor­gen. Spä­ter am Tag wer­de ich mit ei­ner Fla­sche Kin­der­cham­pa­gner und Cham­pa­gner Ro­sé für Mut­ter und Er­satz­va­ter auf­ta­pern, aber es wird sich her­aus­stel­len, dass die Mut­ter nicht trinkt. Und der Kin­der­cham­pa­gner ent­hält na­tür­lich Zu­cker. Der Er­satz­va­ter denkt nicht ge­nug nach. Er ist mit den Ge­dan­ken bei sei­nen Ar­ti­keln und dem Ro­man, an dem er zwi­schen­durch auch noch ar­bei­ten muss.

Wäh­rend Mar­jo­lein Ku­chen backt, ver­su­che ich auf ih­re Bit­te, die jün­ge­ren bei­den Kin­der mit ei­nem klei­nen Spa­zier­gang zu be­schäf­ti­gen. Die Ak­zep­tanz des Er­satz­va­ters bei den bei­den äl­te­ren lässt zu wün­schen üb­rig. Das mag an mir lie­gen – was an mei­nem Ver­hal­ten muss ich än­dern? Wenn sie sich den Rotz an mei­ner Wan­ge ab­wi­schen, ak­zep­tie­re ich das ge­las­sen und den­ke: Mor­gen ra­sie­re ich mich so­wie­so.

Nach dem Ba­cken ge­hen wir län­ger spa­zie­ren, dies­mal an der Ijs­sel, dem Fluss, der an Zut­phen vor­bei­fliesst. Mar­jo­lein er­klärt, Schutz­imp­fun­gen kri­tisch ge­gen­über­zu­ste­hen, weil sie bei Kin­dern zu Per­sön­lich­keits­ver­än­de­run­gen füh­ren kön­nen.

«Das wuss­te ich nicht», sa­ge ich. Es ist nicht Sa­che des Er­satz­va­ters, Dis­kus­sio­nen über das Pro und Kon­tra von Schutz­imp­fun­gen vom Zaun zu bre­chen.

Der Be­such kommt, und wir set­zen uns in den Gar­ten. Cor, Mar­jo­leins Va­ter, wen­det sich an mich. «Ich war in der Psych­ia­trie», sagt er, «aber es geht mit wie­der ganz gut. Jetzt ma­che ich ei­nen gros­sen Bo­gen um die Jungs dort und le­be oh­ne grös­se­re Ein­schrän­kun­gen.»

Mar­jo­lein hat be­reits er­zählt, dass ihr Va­ter frü­her un­ter Wahn­vor­stel­lun­gen litt. Ih­re Pfle­ge­el­tern sind bei­de Ärz­te: sie On­ko­lo­gin, er In­ter­nist. Über per­sön­li­che Din­ge schei­nen sie nicht gern zu spre­chen.

Opa Cor, für den ich in­stink­tiv Sym­pa­thie emp­fin­de, re­det da­ge­gen gern und viel. «Du bist Ju­de», sagt er zu mir, «tja, was der Herr­gott mit dem jü­di­schen Volk vor­hat, das will mir beim bes­ten Wil­len nicht klar wer­den.»

«Sind Sie gläu­big?», möch­te ich wis­sen.

«Das nicht, aber ich ver­su­che, ei­ne per­sön­li­che Be­zie­hung zum Herr­gott zu un­ter­hal­ten.» Ei­ne per­sön­li­che Be­zie­hung zu sei­ner Toch­ter und zu den En­ke­lin­nen scheint ihm grös­se­re Schwie­rig­kei­ten zu be­rei­ten. Ver­gli­chen mit den Men­schen ist der Herr­gott ver­mut­lich nur halb so schlimm.

Als das Ge­spräch auf Kin­der in Gestalt von Klet­te­raf­fen kommt, sagt Opa Cor zu Lies­beth und Jan: «Ihr klet­tert be­stimmt nicht mehr auf­ein­an­der, oder?»

Kaum ist der Be­such weg, be­kom­me ich Mi­grä­ne. «Bist du sen­si­bel?», fragt Mar­jo­lein.

«Kei­ne Ah­nung», sa­ge ich.

«Das Ers­te, was mir auf­fiel, als du da­mals bei uns vor­bei­kamst, war, wie sen­si­bel du bist.»

Es liegt wohl an der Mi­grä­ne – ih­re Wor­te rüh­ren mich. «Ist es in Ord­nung, wenn der Er­satz­va­ter sich ei­nen Mo­ment ins Kin­der­zim­mer legt?», fra­ge ich.

Und wäh­rend ich dort in der Dun­kel­heit lie­ge, er­tap­pe ich mich bei dem Ge­dan­ken: Ich bin froh, dass ich hier wie­der weg­kann. Doch was ist, wenn man sich das wünscht und nicht wie­der weg­kann?

«Heu­te Nacht ha­be ich ge­träumt, dass ich ei­nen Sohn zur Welt brin­ge», sagt Mar­jo­lein. «Er war sehr gross, und sein Na­me war ir­gend­was mit ‹Br›.»

«Br», er­wi­de­re ich, «in­ter­es­sant.»

Die bei­den Äl­te­ren müs­sen heu­te in den Kin­der­gar­ten. Um acht Uhr geht es aus dem Haus. Ein strik­ter Zeit­plan.

Wäh­rend ich noch auf dem So­fa sit­ze und über den Traum nach­den­ke, ruft Mar­jo­lein aus dem Ba­de­zim­mer:

«Ei­ne Auf­ga­be für den Er­satz­va­ter! Könn­test du Zo­ras Win­deln wech­seln?»

Ich ren­ne zu ihr. Das Ge­fühl, mich zu viel ums Schrei­ben und zu we­nig um mei­ne Pflich­ten als Er­satz­va­ter zu küm­mern, lässt mich nicht los.

Ich le­ge Zo­ra auf die Wi­ckel­kom­mo­de und flüs­te­re ihr zärt­li­che Wor­te ins Ohr.

«Schau, so musst du sie hin­le­gen», sagt Mar­jo­lein.

Wie in je­dem Haus­halt gel­ten auch hier stren­ge Re­geln. Ein­mal ha­be ich beim Zäh­ne­put­zen das Was­ser zu lan­ge lau­fen las­sen, und Mar­jo­lein dreh­te so­fort ein we­nig ge­nervt den Hahn zu.

Die Win­del ist vom Kin­der­po­po her­un­ter. «Wir be­nut­zen kei­ne Feucht­tü­cher», ruft Mar­jo­lein, jetzt aus der Kü­che. «Wir neh­men nur Wat­te.»

«Soll ich sie ein­cre­men?», ru­fe ich zu­rück.

«Pu­der.»

Ich fin­de die Wat­te. Sol­che Wat­te be­nutzt mei­ne Freun­din zum Ab­schmin­ken. Ich brau­che sehr viel da­von, und der Nach­teil ist, dass die Wat­te zwi­schen den Po­ba­cken kle­ben bleibt und ich sie wie­der ab­pu­len muss. Als ich mir nicht mehr an­ders zu hel­fen weiss, lö­se ich die Res­te mit war­mem Was­ser. Da­nach streue ich reich­lich Pu­der dar­über, das ist, wie ich mal ge­hört ha­be, ge­sund.

Wir ra­deln zum Wal­dorf­kin­der­gar­ten. Mar­jo­lein mit ih­rem Last­rad, in dem die bei­den Jün­ge­ren sit­zen, die bei­den Äl­te­ren mit ei­ge­nen Rä­dern, ich auf ei­nem Da­men­rad, das et­was zu gross für mich ist.

Die Kin­der­gärt­ne­rin Ma­rie­ke – ur­sprüng­lich hat­te sie sich auch als an ei­nem Er­satz­va­ter in­ter­es­siert an­mel­den wol­len, schliess­lich aber doch da­von ab­ge­se­hen, nicht zu­letzt dar­um, weil ih­re Kin­der fast aus dem Haus sind – be­grüsst je­den Schütz­ling mit of­fe­nen Ar­men und ei­ner Strei­chel­ein­heit.

Das be­rührt mich. So wür­de ich auch gern je­den Tag von ei­ner sanft­mü­ti­gen Au­to­ri­tät be­grüsst wer­den.

Es wird ge­sun­gen. Man­che El­tern sin­gen laut mit. «Heu­te ist El­tern­abend», sagt Mar­jo­lein, «kommst du auch?»

Ich bin Mar­jo­leins Wurm­fort­satz, aber ich kann mich des Ein­drucks nicht er­weh­ren, dass vie­le Vä­ter die Wurm­fort­sät­ze der Müt­ter ih­rer Kin­der sind, ob­wohl manch ei­ner das zu tar­nen ver­sucht, in­dem er sich ei­nen Bart ste­hen lässt.

Mar­jo­leins Mut­ter ist zu Be­such, weil Zo­ra Ge­burts­tag hat. Ich ha­be noch nicht ge­duscht, denn da­für ist früh am Mor­gen kaum Zeit. Für den Er­satz­va­ter be­ginnt der Tag mit dem Aus­räu­men des Ge­schirr­spü­lers und dem Be­schäf­ti­gen der Kin­der, was auf An­ge­bo­te hin­aus­läuft, ih­nen et­was vor­zu­le­sen. Manch­mal wer­den die An­ge­bo­te an­ge­nom­men, manch­mal be­kommt der Er­satz­va­ter nicht mehr als ein kur­zes «Hau ab!» zu hö­ren. Doch das geht dem ech­ten Va­ter dem Ver­neh­men nach häu­fig ge­nau­so: Auch er muss sich im­mer wie­der trol­len. Of­fen­bar ha­ben Kin­der das öf­ter: Als klei­nes Kind soll ich auch wie­der­holt zu mei­ner Mut­ter ge­sagt ha­ben, sie sol­le Pa­pa, mei­nen Va­ter al­so, in den Müll­ei­mer wer­fen. Je­den­falls soll­te ich es nicht per­sön­lich neh­men, dass Mar­jo­leins Kin­der mich ab und zu aus dem Haus wer­fen wol­len. Als ich nach dem Du­schen in kur­zen Ho­sen durch die Woh­nung lau­fe – auch der Er­satz­va­ter soll sich ja zu Hau­se füh­len –, fragt Mar­jo­leins Mut­ter mich mit leich­tem Gro­n­in­ger Ak­zent: «Ar­non, wo­von lebst du ei­gent­lich?»

Sie schaut nicht un­freund­lich, je­doch arg­wöh­nisch, und ich mer­ke, sie denkt: Dem Er­satz­va­ter dient sei­ne Rol­le nur als Vor­wand, sich mal hier, mal da durch­zu­fres­sen und ein­zu­nis­ten.

«Ich le­be vom Schrei­ben», ant­wor­te ich.

«Oh, das geht al­so auch.»

Sie selbst ar­bei­tet in ei­nem Ge­schäft, frü­her hat­te sie ei­ne Kn­ei­pe.

Wir es­sen zu Mit­tag, doch Mar­jo­leins Mut­ter isst nicht mit. «Sie mag mei­ne Sup­pe nicht», sagt Mar­jo­lein.

Lay­la, die Zwei­jäh­ri­ge, sitzt auf der Toi­let­te und ruft: «Ma­ma, fer­tig!»

«Darf Oma dir hel­fen?», fragt Mar­jo­lein. «Ich bin ge­ra­de in der Kü­che.»

Der Er­satz­va­ter wischt kei­ne Hin­tern ab. Nicht, dass er sich da­für zu fein wä­re. So kämpft er zum Bei­spiel hart­nä­ckig ge­gen den Rotz mit Pa­pier­ta­schen­tü­chern, die da­nach im Alt­pa­pier ent­sorgt wer­den müs­sen. «Wir tren­nen ei­gent­lich al­les», hat­te Mar­jo­lein be­reits am ers­ten Tag ge­sagt, und mir war klar ge­wor­den, dass, wer ih­re Lie­be ge­win­nen will, mit dem sys­te­ma­ti­schen Tren­nen von Ab­fall an­fan­gen muss.

Nach­teil der Müll­tren­nung ist, dass die Tem­pos von der Kleins­ten aus dem Alt­pa­pier ge­fischt und im gan­zen Haus ver­teilt wer­den; auch ei­ne Form des Re­cy­clings, be­reits im Haus be­kommt der Rotz ein zwei­tes und mit­un­ter auch drit­tes Le­ben.

Okay, der ech­te Va­ter darf den Klei­nen den Hin­tern auch nur dann ab­wi­schen, wenn Mar­jo­lein nicht da ist. Wie vie­le Kin­der, er­in­ne­re ich mich aus mei­ner ei­ge­nen Kind­heit, wol­len auch die­se Mäd­chen, dass aus­schliess­lich ih­re Ma­ma sie ab­wischt.

Aber die Gross­mut­ter ruft: «Oma hat das schon zig­mal ge­macht!», und eilt zur Toi­let­te. Zu Mar­jo­leins und mei­nem Er­stau­nen lässt Lay­la Oma wi­der­spruchs­los ge­wäh­ren.

An­schlies­send wen­det der Er­satz­va­ter sich mit schon be­währ­ter Freu­de wie­der Zo­ras grau­gel­bem Rotz zu. Doch Rotz hin oder her, er ver­liebt sich ge­ra­de ein we­nig in die Jüngs­te.

Vor dem El­tern­abend wird mit der gan­zen Fa­mi­lie im See ge­schwom­men. Ich schwim­me kurz selbst und ver­su­che dann, das Ba­by vor dem Tod durch Er­trin­ken zu ret­ten.

«Pas­sie­ren kann im­mer was», sagt die Mut­ter. «Das ge­hört zu den Ri­si­ken, wenn man au­to­nom le­ben will.»

Als Un­ter­hal­tungs­pro­gramm wird uns ei­ne Grup­pe Po­li­zis­ten ge­bo­ten, die mit ei­nem Seil um die Schul­tern durch den See ren­nen; in der Nä­he be­fin­det sich ei­ne Po­li­zei­schu­le. Ein Trai­ner brüllt: «Nicht schlapp­ma­chen!»

«Das wär mein Tod, mich so be­han­deln zu las­sen», sagt Mar­jo­lein.

Da­nach le­gen wir uns auf un­se­re Hand­tü­cher. Es gibt Reis­waf­feln. Im­mer Reis­waf­feln.

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