Über Frau­en im Bun­des­rat

Das Magazin - - Contents - PHIL­IPP LO­SER

müs­sen die Frau­en her! Er­staun­lich, die Tö­ne nach dem dop­pel­ten Rück­tritt der Bun­des­rä­te Do­ris Leuthard und Jo­hann Schnei­der-am­mann. Es roch nach Auf­bruch, nach Früh­ling fast. Leit­ar­tik­ler for­der­ten ul­ti­ma­tiv ein dop­pel­tes Frau­en­ti­cket für die Bun­des­rats­wah­len vom De­zem­ber – weil dem Land drei Frau­en in der Re­gie­rung gut­tä­ten. Im Par­la­ment wa­ren für ei­nen Mo­ment die Fra­gen nach der rich­ti­gen Her­kunft er­staun­lich se­kun­där, da­für je­ne nach dem rich­ti­gen Ge­schlecht er­staun­lich prio­ri­tär. Selbst Fdp-bun­des­rat Igna­zio Cas­sis warf sich für die weib­li­che Sa­che in die Schlacht: «Am bes­ten wä­ren zwei Frau­en», stell­te der Aus­sen­mi­nis­ter in ei­nem In­ter­view fest.

Der Wunsch von Cas­sis muss das Re­sul­tat ei­nes Er­we­ckungs­er­leb­nis­ses ge­we­sen sein. Noch vor ei­nem Jahr hat­te er fol­gen­den Satz ge­sagt: «Wenn ich ei­ne Frau wä­re, wä­re ich fast be­lei­digt, wenn man mich wäh­len wür­de, weil ich ei­ne Frau bin.» Cas­sis schaff­te es dann vor al­lem in den Bun­des­rat, weil er Tes­si­ner ist.

Sei­ne Wahl war ein Kipp­mo­ment. Noch ein­mal die Frau­en igno­rie­ren: un­mög­lich. Da­von zeug­te auch der Vor­stoss des links­frei­sin­ni­gen Stän­de­rats Ra­phaël Com­te, man sol­le das Ge­schlecht (ne­ben der re­gio­na­len Her­kunft und der Spra­chen­viel­falt) als drit­tes Aus­wahl­kri­te­ri­um für die Be­set­zung des Bun­des­rats in die Bun­des­ver­fas­sung schrei­ben. Der Vor­stoss wur­de vom Stän­de­rat über­ra­schend an­ge­nom­men und ist jetzt hän­gig.

Al­les gut? Schön wärs. Wie ernst die Frau­en­fra­ge im Par­la­ment ge­nom­men wird – oder eben nicht –, da­von zeugt der jetzt an­lau­fen­de Wahl­kampf um die bei­den va­kan­ten Sit­ze. Die Er­leich­te­rung im männ­lich do­mi­nier­ten Par­la­ment war fast mit Hän­den greif­bar, als die frei­sin­ni­ge Ka­rin Kel­ler­sut­ter sich für ei­ne Kan­di­da­tur ent­schied. Ei­ne fä­hi­ge Po­li­ti­ke­rin und ei­ne Frau! Mit Kel­ler-sut­ter im Ren­nen schien sämt­li­cher Druck aus der Frau­en­fra­ge ge­wi­chen: die Dis­kus­si­on vor­bei, die Wün­sche nach ei­nem dop­pel­ten Frau­en­ti­cket ver­ges­sen. Sol­len sie Ru­he ge­ben, die Frau­en.

In der CVP sind es jetzt wie­der die Män­ner, die sa­gen, wo es lang­geht. Es ist ja nicht so, dass es in der CVP kei­ne in­ter­es­sier­ten Frau­en gä­be – doch die wer­den al­le­samt schlecht­ge­re­det. Vio­la Am­herd zu links, Eli­sa­beth Schnei­der-schnei­ter zu in­kom­pe­tent, Hei­di Z’grag­gen zu un­be­kannt. Und hat­ten wir mit Do­ris Leuthard nicht eben ei­ne Frau in der Re­gie­rung? Wä­ren jetzt nicht end­lich mal die Män­ner an der Rei­he?

Die Aus­wahl an Frau­en in der CVP wird als der­art me­di­o­ker hin­ge­stellt (der Fair­ness hal­ber muss man sa­gen, dass auch nie­mand von Pe­ter Hegg­lin, dem bis­her ein­zi­gen männ­li­chen Kan­di­da­ten, be­geis­tert ist), dass Me­di­en und rech­te Par­la­men­ta­ri­er im­mer lau­ter nach ei­nem star­ken Mann ru­fen.

Ver­mut­lich hat noch nie­mand in die­sem Land so häu­fig sa­gen müs­sen, dass er nicht Bun­des­rat wer­den wol­le, wie Cvp-prä­si­dent Gerhard Pfis­ter. Und wenn es Pfis­ter nicht macht, der «Ge­heim­plan Pfis­ter» al­so flach­fällt, wä­re dann nicht doch der Bun­des­kanz­ler Wal­ter Thurn­herr ei­ne Op­ti­on – «Ge­heim­plan Wal­ter»? Oder halt ein an­de­rer? Ir­gend­ein an­de­rer rech­ter Mann?

Die Dis­kus­si­on zeigt: Es geht der Bun­des­ver­samm­lung nicht dar­um, mehr Frau­en in die Re­gie­rung zu wäh­len. Es geht dar­um, die be­ste­hen­den Kräf­te­ver­hält­nis­se mit ei­nem mög­lichst rechts­ge­rich­te­ten Kan­di­da­ten aus der CVP zu fes­ti­gen. Mit der Wahl von Igna­zio Cas­sis hat sich das Ver­hält­nis zu­guns­ten von SVP und FDP ver­scho­ben. Die Be­set­zung zwei­er va­kan­ter Sit­ze ein Jahr vor den eid­ge­nös­si­schen Wah­len ist die bes­te Ge­le­gen­heit, die­se rechts­bür­ger­li­che Mehr­heit wei­ter aus­zu­bau­en und die SP im Bun­des­rat zu iso­lie­ren. Macht­po­li­tik halt.

Der Wunsch nach ei­ner an­ge­mes­se­nen Ver­tre­tung der Frau­en stört da nur. PHIL­IPP LO­SER ist «Ma­ga­zin»-ko­lum­nist und Re­dak­tor des «Tages-an­zei­gers».

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