Über #Metoo

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In die­ser Ko­lum­ne stand bis­her nichts zur #Metoo-de­bat­te, weil ir­gend­wie al­les dar­über ge­schrie­ben wur­de, was dar­über ge­schrie­ben wer­den kann. Von fein­füh­lig und in­tel­li­gent bis zu der­art dumm, dass man das Ge­fühl hat­te, der Au­tor (oder die Au­to­rin) wol­le die For­de­run­gen der Be­we­gung ex­tra falsch ver­ste­hen. Aber nun will ich mich doch ein­mi­schen, denn ein Jahr nach Be­ginn der gröss­ten Se­xis­mus­de­bat­te, die ich je er­lebt ha­be, be­ob­ach­te ich et­was, das mich sehr be­schäf­tigt. Ich nen­ne es: Op­fer-bingo.

Bingo ist ein Spiel, bei dem es dar­um geht, mög­lichst vie­le Fel­der auf der ei­ge­nen Num­mern­ta­fel ab­zu­de­cken, um zu ge­win­nen. Und et­wa so kommt mir die me­di­al in­sze­nier­te De­bat­te zu Ge­schlech­ter­the­men vor. Die Dis­kus­jetzt

si­on wird als Kampf Mann ver­sus Frau dar­ge­stellt. In der ei­nen Ecke ste­hen die Frau­en, die von ih­ren Er­fah­run­gen und Über­grif­fen er­zäh­len – und so­fort mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert wer­den, sie wür­den sich als Op­fer auf­spie­len. In der an­de­ren Ecke ste­hen die Män­ner, die an­schei­nend die ei­gent­li­chen Op­fer die­ses «Gen­der­wahn­sinns» sind, da sie stän­dig fürch­ten müs­sen, be­schul­digt zu wer­den, nur weil sie vor Jah­ren mal je­man­dem die Tür auf­ge­hal­ten ha­ben. Zu­dem will man ih­nen of­fen­bar das Flir­ten ver­bie­ten.

Im­mer wie­der wer­den die bei­den Fron­ten ge­gen­ein­an­der aus­ge­spielt: Frau­en ver­die­nen we­ni­ger, be­set­zen sel­te­ner Füh­rungs­po­si­tio­nen, wer­den häu­fi­ger Op­fer se­xua­li­sier­ter Ge­walt. Män­ner ster­ben frü­her, müs­sen ins Mi­li­tär und kön­nen in der #Me­tooära eh nichts mehr rich­tig ma­chen. Sie ste­hen un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, weil sie blö­der­wei­se als Män­ner zur Welt ge­kom­men sind. Den (me­di­al ge­hör­ten) Frau­en un­ter­stellt man, sie wol­len nur beim Op­fer-bingo ge­win­nen, und die (me­di­al ge­hör­ten) Män­ner tun al­les, um zu zei­gen, dass sie in Wahr­heit mehr Op­fer­punk­te ver­die­nen.

Bit­te auf­hö­ren! Die­se Art zu re­den ist ex­trem pro­ble­ma­tisch, da sie ei­ner­seits die Stim­men der Frau­en de­le­gi­ti­miert, die sich nun äus­sern, und an­de­rer­seits die Grund­idee des Fe­mi­nis­mus ins Ge­gen­teil ver­kehrt. Es ging – ent­ge­gen ei­ner merk­wür­di­gen Vor­stel­lung – nie dar­um, Män­ner klein zu ma­chen. Es geht schlicht dar­um, dass al­le Men­schen glei­che Rech­te ha­ben sol­len, egal mit wel­chem Ge­schlecht sie sich iden­ti­fi­zie­ren oder mit wel­chen Ge­ni­ta­li­en sie ge­bo­ren wur­den. Nicht mehr, nicht we­ni­ger. Da­mit dies aber Rea­li­tät wird, muss sich ei­ni­ges än­dern – zum Bei­spiel, dass Män­ner nicht mehr in al­len Be­rei­chen die ein­zi­ge und al­ter­na­tiv­lo­se Op­ti­on sind. Was heis­sen könn­te, dass auch Frau­en in Talk­shows mit­re­den dür­fen und dar­um halt ein Mann we­ni­ger ein­ge­la­den wird.

Wir müs­sen weg­kom­men vom Mann-frau-ant­ago­nis­mus, sonst ma­chen wir uns ge­gen­sei­tig fer­tig. Denn Gleich­heit un­ter den Ge­schlech­tern er­öff­net auch den Män­nern mehr Frei­hei­ten. Sie müs­sen nicht mehr der al­lei­ni­ge Geld­ver­die­ner sein, wenn sie

Il­lus­tra­tio­nen ALEX­AN­DRA COM­PAIN-TIS­SIER nicht wol­len, oder hart ar­bei­ten­de Ma­chos, die mit 52 an ei­nem Herz­in­farkt ster­ben. Wie gross­ar­tig wä­re das denn!

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