MAX KÜNG LIE­BER KLUM­PEN

Das Magazin - - Contents - M A X K Ü N G ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HASHIMOTO

Din­ge ge­sche­hen, wie im Him­mel, so auf Er­den, im­mer­zu. Ir­gend­wo spa­ziert bei­spiels­wei­se ei­ner mit ei­nem Hut auf dem Kopf – und ir­gend­wo ver­rich­tet ein Vo­gel sein Ge­schäft im Flug. In­ter­es­sant wird es je­doch erst, wenn die­se bei­den be­lang­lo­sen Er­eig­nis­se am sel­ben Ort ge­sche­hen, zur sel­ben Zeit, und kol­li­die­ren.

In­ter­es­sant kann es auch sein, wenn es nicht gut riecht. Und es roch gar nicht gut vor un­se­rer Haus­tü­re, bald stank es, ein wa­bern­der, aa­si­ger Ge­ruch, al­so ging ich nach­schau­en, eher aus an­er­zo­ge­nem Pflicht­be­wusst­sein denn aus mensch­li­cher Neu­gier, weil ich wuss­te: Es gä­be hier nichts mit Ge­winn zu ent­de­cken. Und so war es denn auch: Ei­ne to­te, fet­te Rat­te lag un­ter ei­nem Sta­pel Gar­ten­ge­stühls.

Wo­hin je­doch mit ei­ner to­ten, stin­ken­den Rat­te? Es war Frei­tag­abend, beim Kam­mer­jä­ger war bloss der An­ruf­be­ant­wor­ter dran (auf den Rück­ruf üb­ri­gens war­te ich bis heu­te …), die Tier­kör­per­sam­mel­stel­le Ha­gen­holz hat­te be­reits ge­schlos­sen (aus­ser­dem hat­te ich mir kei­ner­lei Ge­dan­ken ge­macht, wie das Viech dort hin­kä­me), al­so rief ich in Er­man­ge­lung von Al­ter­na­ti­ven die Feu­er­wehr an. Aber auch die konn­te mir nicht hel­fen. Ein Plan muss­te her!

So trat ich vors Haus, schwar­ze Weg­werfla­tex­hand­schu­he an den Hän­den, in der Lin­ken ei­ne al­te Piz­za­schach­tel, in der Rech­ten ei­ne ent­behr­li­che Gar­ten­schau­fel, im Ge­sicht die Zü­ge hilf­lo­ser Ent­schlos­sen­heit ei­nes Wal­ter Whi­te. Er­staun­lich schwer, das Viech, dach­te ich, als ich es vom Grund lös­te, mit dem es schon et­was ver­schmol­zen war. Die Rat­te droh­te von der Schau­fel und auf mei­ne Füs­se zu plump­sen, als ich sie hoch­ba­lan­cier­te; schnell wand­te ich die Schau­fel, als kehr­te ich ei­nen fet­ten Pfann­ku­chen, mit Schwung. Es mach­te «Platsch!», als ich das Viech in die of­fe­ne Piz­za­schach­tel knall­te.

Hun­dert glän­zen­de Ma­den wan­den sich im of­fe­nen Bauch des ver­en­de­ten Tie­res. Sich win­den­de Ma­den in rei­cher Zahl sind im­mer wie­der ein er­staun­li­cher An­blick, so ein biss­chen wie ein ani­mier­ter Cre­vet­ten­cock­tail in der Kro­nen­hal­le, ein­fach oh­ne das 34-Fran­ken­preis­schild und in an­de­rem Am­bi­en­te, aber im Grun­de doch ganz ähn­lich. Ich dach­te, ich könn­te die Ma­den dem Co­op ver­kau­fen, für die neu­en Wurm­apé­ros­nacks – es war je­doch bloss ein kur­zer Ge­dan­ke. Der aa­si­ge Gestank war wirk­lich un­er­träg­lich. Was das wohl für Ma­den wa­ren? Wie­der­ge­bur­ten im letz­ten Le­ben schlech­ter Men­schen? Ich den­ke: Bei ei­nem Hau­fen Ma­den lässt es sich vor­treff­lich über den Re­inkar­na­ti­ons­ge­dan­ken nach­den­ken.

Nun, die Rat­te al­so lan­de­te mit ei­nem lau­ten «Platsch!» in der Piz­za­schach­tel, und als ich an mir hin­un­ter­blick­te, sah ich Blut. Mein eben noch piz­za­bä­cker­weis­ses T-shirt war rot ge­spren­kelt, mei­ne Ar­me eben­falls, ich schmeck­te Blut an mei­ner Lip­pe – der Schreck fuhr mir in die Glie­der, so­fort wuss­te ich: Rat­ten­blut. Gif­ti­ges Rat­ten­blut. Mir ka­men all die Fil­me in den Sinn, die ich lei­der ge­se­hen hat­te, in de­nen es um Men­schen ging, die sich von in­nen her auf­lös­ten we­gen schreck­li­cher Vi­ren. Bis ich merk­te: Das Blut tropf­te her­un­ter. Aus mei­ner Na­se. Lief mir in den Mund. Es war mein ei­gen Blut. Rei­ner Zu­fall: das Ber­gen ei­ner ver­en­de­ten Rat­te und Na­sen­blu­ten. Zwei Din­ge, die nichts mit­ein­an­der zu tun hat­ten – ver­eint je­doch zu ei­nem voll­kom­men neu­en Er­leb­nis wur­den.

Mein Ge­müt war be­ru­higt und die Rat­te in der Piz­za­schach­tel. Aber was soll­te ich nun mit ihr tun? Da kam mir ein Ge­dan­ke: Ist das Sich­ge­gen­sei­tig­er­schre­cken­und­gru­seln nicht ein kul­tu­rel­les Gut, wel­ches man gern pflegt, ins­be­son­de­re jetzt, da Hal­lo­ween vor der Tü­re war­tet? Al­so stell­te ich die Schach­tel vor des Nach­bars Tü­re ab, sü­fer­li, und klin­gel­te. Knis­ternd kam sein «Ja?» aus der Ge­gen­sprech­an­la­ge. «Piz­zaku­rier», sag­te ich mit ver­stell­ter Stim­me, ant­wor­te­te nicht auf sei­ne Er­wi­de­rung, gar kei­nen be­stellt zu ha­ben, und als der Tür­sum­mer ging, da lief ich schnell da­von. Hin­ter der Haus­ecke war­te­te ich blut­ver­schmiert. Es ging nicht lan­ge, da hör­te ich ei­nen Schrei. Er war laut. Er war lang.

Süs­ses oder Sau­res! Max

Song zum The­ma: «Hal­lo­ween» von den De­ad Ken­ne­dys vom Al­bum «Plas­tic Sur­ge­ry Di­sas­ters», 1982, be­gin­nend mit den schö­nen Zei­len: «Aie­e! Yow! Oh! Aaah, y­y­y­yeah!»

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