Foot­ball Leaks: Ent­hül­lun­gen über die Fi­fa.

Das Magazin - - Contents - VON MA­RIO STÄU­B­LE, CHRIS­TI­AN BRÖN­NI­MANN, OLI­VER ZIHL­MANN & MI­KA­EL KROGERUS

1 TE­LE­FON MIT TRUMP

WM 2026 • In­fan­ti­nos Re­gel 1 • Das Da­ten­leck

Am Di­ens­tag, dem 21. Fe­bru­ar 2017, er­war­tet Gi­an­ni In­fan­ti­no, der Prä­si­dent des Welt­fuss­ball­ver­bands Fi­fa, ein Ge­spräch mit Do­nald Trump.

Die An­ge­le­gen­heit ist so sen­si­bel, dass die ame­ri­ka­ni­sche Pr-agen­tur Teneo, die für die Fi­fa ar­bei­tet, In­fan­ti­no per E-mail ein Dreh­buch für das Te­le­fo­nat schickt, bis hin zur kor­rek­ten An­spra­che: «Nen­nen Sie den Prä­si­den­ten ‹Mr. Pre­si­dent› oder ‹Pre­si­dent Trump›.» Als Er­öff­nung eig­ne sich ein Kom­pli­ment: «Ich be­wun­de­re Ih­ren Fo­kus und Ih­re Ener­gie, die Sie in den ers­ten Wo­chen Ih­rer Amts­zeit an den Tag ge­legt ha­ben.» Dann Über­gang zum ei­gent­li­chen Punkt: «Ich möch­te die­se Ge­le­gen­heit nut­zen, um Ih­nen zu sa­gen: Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind in mei­nen Au­gen als Fi­fa-prä­si­dent der bes­te Ort für die nächs­te ver­füg­ba­re Fi­fa-welt­meis­ter­schaft – im Jahr 2026.»

In ei­ner zwei­ten E-mail, die ei­ne Wo­che spä­ter an In­fan­ti­no geht, schreibt ein Mit­ar­bei­ter der Pr-fir­ma, er ha­be eben mit Trumps Vi­ze­st­abs­che­fin ge­spro­chen. Er drängt dar­auf, die Fi­fa müs­se ge­gen­über der Trum­p­re­gie­rung be­kräf­ti­gen, dass sie die USA für die WM 2026 «als be­vor­zug­te Na­ti­on pus­hen» wol­le.

Die Ver­ga­be der WM, so lau­tet ei­ne Re­gel, die sich der Welt­fuss­ball­ver­band selbst auf­er­legt hat, muss «fair und trans­pa­rent» er­fol­gen. Als mög­li­che Gast­ge­ber für 2026 tre­ten die drei Län­der Usa/ka­na­da/mexiko ge­mein­sam ge­gen Ma­rok­ko an. Die ame­ri­ka­ni­sche Kan­di­da­tur ist auf dem Pa­pier über­le­gen, aber Gi­an­ni In­fan­ti­no gibt ge­gen aus­sen kei­ne Prä­fe­renz be­kannt. Was im­mer das 211-köp­fi­ge Fi­fa-par­la­ment am 13. Ju­ni 2018 ent­schei­de, die Fi­fa kön­ne da­mit le­ben. «Wir ma­chen das Bes­te dar­aus», sagt der Prä­si­dent der Pres­se.

In­tern sieht es an­ders aus. Die Emails der Pr-agen­tur be­le­gen, dass hin­ter den Ku­lis­sen der be­vor­zug­te Kan­di­dat schon über ein Jahr vor der Ab­stim­mung um­schmei­chelt wird. Gi­an­ni In­fan­ti­no ist min­des­tens in­for­miert. Das wirft die Fra­ge auf, wie «fair und trans­pa­rent» die Ver­ga­be des po­pu­lärs­ten Sport­tur­niers der Welt an Usa/mexiko/ka­na­da war.

Die Mails il­lus­trie­ren Re­gel 1 von Gi­an­nis Ga­me: Du brauchst zwei Ge­sich­ter. Ei­nes nach aus­sen, ei­nes nach in­nen.

Die Fi­fa schreibt auf An­fra­ge, der Ver­ga­be­pro­zess wer­de «wahr­schein­lich als der fairs­te und trans­pa­ren­tes­te sei­ner Art» in die Sport­ge­schich­te ein­ge­hen. Es sei völ­lig nor­mal, dass der Fi­fa-prä­si­dent mit Re­gie­rungs­chefs im Kon­takt sei, auch von Kan­di­da­ten­län­dern. Das ein­zi­ge Mal, dass sich In­fan­ti­no mit Do­nald Trump ge­trof­fen ha­be, um über die WM 2026 zu spre­chen, sei nach der Ver­ga­be ge­we­sen, am 28. Au­gust 2018.

Zu Te­le­fo­na­ten zwi­schen In­fan­ti­no und der Trump-ad­mi­nis­tra­ti­on vor der Ver­ga­be schweigt der Welt­ver­band, eben­so zum kon­kre­ten In­halt der bei­den E-mails.

Die Trump-e-mails sind Bruch­stü­cke aus ei­nem um­fang­rei­chen Da­ten­satz, den der «Spie­gel» von der On­li­neplatt­form «Foot­ball Leaks» er­hielt und mit dem Jour­na­lis­ten­netz­werk Eu­ro­pean In­ves­ti­ga­ti­ve Col­la­bo­ra­ti­ons (EIC) ge­teilt hat. Der Re­cher­che­desk von Ta­me­dia und «Das Ma­ga­zin» wirk­ten bei der Aus­wer­tung als Schwei­zer Part­ner mit. Das Ma­te­ri­al: Ge­heim­nis­se aus dem Fuss­ball­busi­ness zu Ver­ei­nen, Ver­bän­den, Spie­ler­ver­mitt­lern – 70 Mil­lio­nen Do­ku­men­te, 3,4 Te­ra­byte. Dar­un­ter sind auch Da­ten aus dem In­ners­ten der Fi­fa, die Gi­an­ni In­fan­ti­no und sein Um­feld nicht an der Öf­fent­lich­keit se­hen wol­len: E-mails, Me­mos, Ver­trä­ge, Pro­to­kol­le. Zu­sätz­lich in­ter­view­te das Re­por­ter­team für die­se Re­cher­che ein Dut­zend Ex­per­ten und In­si­der, dar­un­ter lang­jäh­ri­ge Fi­fa-mit­ar­bei­ter.

Als Prä­si­dent kon­trol­liert In­fan­ti­no ein Gut, das längst über den Sport hin­aus­ge­wach­sen ist. Die Ein­schalt­quo­te der Russ­land-wm? «Mo­re than four bil­li­on view­ers», sagt er Do­nald Trump bei sei­nem Tref­fen im Weis­sen Haus. Die­se vier Mil­li­ar­den Fans ver­schaf­fen In­fan­ti­no Zu­gang zu fast al­len Macht­trä­gern auf al­len Kon­ti­nen­ten.

Zum Bei­spiel zu den Bü­ros der Prä­si­den­ten von Russ­land und den USA. Oder zu je­nem von Un-ge­ne­ral­se­kre­tär An­to­nio Gu­ter­res: Als In­fan­ti­nos Vor­zim­mer um ein Tref­fen bit­tet, trifft bin­nen Ta­gen ein Vor­schlag aus New York ein, wie Foot­ball Leaks zeigt. Mit UBS-CHEF Ser­gio Er­mot­ti macht In­fan­ti­no per SMS zum Es­sen ab. Schwei­zer Na­tio­nal- und Stän­de­rä­te mel­den sich höf­lich bei sei­nem Stab und bit­ten um Ter­mi­ne. Den Papst tref­fen? Kein Pro­blem. Ne­ben dem Mat­ter­horn und Ro­ger Fe­de­rer ist In­fan­ti­no als Fi­fa-chef ei­ner der wich­tigs­ten glo­ba­len Image­trä­ger der Schweiz.

Die Fra­ge ist: Was tut Gi­an­ni In­fan­ti­no mit die­ser Macht?

Er wer­de den Ruf des Welt­ver­bands wie­der­her­stel­len und ihm neu-

«(…) ‹I want to ta­ke this op­por­tu­ni­ty to tell you that as FI­FA Pre­si­dent I be­lie­ve the Uni­ted Sta­tes is the best lo­ca­ti­on for the next avail­able FI­FA World Cup – in 2026.› (…)» Da­tum 21. 2. 2017 Von Paul Kea­ry TENEO An Gi­an­ni In­fan­ti­no FI­FA

en Re­spekt ver­schaf­fen, ge­lobt er nach sei­ner Wahl zum Nach­fol­ger Sepp Blat­ters am 26. Fe­bru­ar 2016 im Zürcher Hal­len­sta­di­on: «Die gan­ze Welt wird uns da­für ap­plau­die­ren, was wir mit der Fi­fa in Zu­kunft tun.» Gleich­zei­tig for­dert er «null To­le­ranz» ge­gen­über Kor­rup­ti­on und schlech­ten Ma­na­gern. Von sich selbst ver­langt er: «Der Fi­fa-prä­si­dent muss im­mer mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen.» Und der Ver­band? Der müs­se schlicht «zur best­ge­führ­ten glo­ba­len Sport­in­sti­tu­ti­on wer­den. Punkt.»

Mehr, bes­ser, sau­be­rer: Gi­an­ni In­fan­ti­no ver­spricht al­len al­les.

Foot­ball Leaks ent­hüllt, wie leer die­se Ver­spre­chen sind. Ge­gen aus­sen schwärmt In­fan­ti­no von sei­nem 1,4-Mil­li­ar­den-franken-ver­teil­pro­gramm, im ver­trau­ten Kreis be­zeich­net er es als «ab­so­lu­te Plei­te». Ge­gen aus­sen for­dert er vol­le Un­ab­hän­gig­keit für die Fi­fa-in­ter­nen Auf­pas­ser, ge­gen in­nen be­tei­ligt er sich an de­ren Ent­mach­tung. Ge­gen aus­sen be­tont er, der Fussball müs­se sich von Po­li­tik fern­hal­ten, ge­gen in­nen lässt er sich auf ei­nen hoch­po­li­ti­schen 25-Mil­li­ar­den-de­al mit ei­nem un­durch­sich­ti­gen Kon­sor­ti­um ein. Ge­gen aus­sen kün­digt er an, die Fi­fa wer­de sich die schärfs­ten Com­p­li­an­ce-re­geln der Welt auf­er­le­gen – ge­gen in­nen schenkt er ei­nem Wal­li­ser Ober­staats­an­walt, der ihm dis­kre­te Ge­fal­len tut, ex­klu­si­ve Ti­ckets für die WM in Russ­land und den Cham­pi­ons-le­ague-fi­nal.

Prä­si­dent In­fan­ti­no er­weist sich als Ja­nus­kopf, der sei­ne öf­fent­lich ge­mach­ten Ver­spre­chen bricht, um sich ge­gen in­nen sei­ne Macht zu si­chern. Und die Fuss­ball­welt? Sie macht mit.

Sie spielt Gi­an­nis Ga­me.

2 «AB­SO­LU­TE PLEI­TE»

Der Baur-au-lac-schock • «Fuck Fi­fa» • Wer­be­tour in Afri­ka

Gio­van­ni Vin­cen­zo In­fan­ti­no stirbt bei­na­he, als er am 23. März 1970 im Kreis­spi­tal Brig zur Welt kommt. Gelb­sucht. Ein­ge­flo­ge­nes Blut aus En­g­land und dem da­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en ret­tet ihm das Le­ben. Der Jun­ge, den sei­ne Schwes­tern «Pic­co­lo» nen­nen, wächst in ei­ner Mi­gran­ten­fa­mi­lie auf, Mut­ter Ma­ria führt den Bri­ger Bahn­hofs­ki­osk, Va­ter Vin­cen­zo ar­bei­tet im Bahn­hof­buf­fet. Von ihm erbt er das Fuss­ball­fie­ber.

«(…) Tout le mon­de est d’ac­cord que le pai­e­ment des fonds For­ward est une prio­rité ab­so­lue et que jus­qu’à main­ten­ant c’était ... une fail­li­te ab­so­lue. (…)» Da­tum 13. 7. 2017 Von Gi­an­ni In­fan­ti­no FI­FA An Fat­ma Sa­mou­ra FI­FA

Als Viert­kläss­ler soll Gi­an­ni laut «Rho­ne­zei­tung» in ei­nem Auf­satz ge­schrie­ben ha­ben: «Ich möch­te Fuss­ball­pro­fi wer­den. Aber da ich da­für nicht so ta­len­tiert bin, wer­de ich Ad­vo­kat vom Fussball.»

Am 29. Fe­bru­ar 2016, drei Ta­ge nach sei­ner Wahl, zieht sich der neue obers­te Ad­vo­kat des Welt­fuss­balls in der Fi­fa-zen­tra­le ein Tri­kot über, um mit Fi­go, Mal­di­ni und an­de­ren «Le­gen­den» zu ki­cken. Der neun­te ge­wähl­te Prä­si­dent trägt die Num­mer 9. Er wer­de «den Fussball zu­rück in die Fi­fa brin­gen und die Fi­fa zu­rück in den Fussball», sagt er in die Mi­kro­fo­ne der Re­por­ter. Aber nie­mand hat das Fo­to der «New York Ti­mes» vom 27. Mai 2015 ver­ges­sen: An­ge­stell­te des Zürcher Fünf­ster­ne­hau­ses Baur au Lac hal­ten ein La­ken hoch, um die Sicht auf ei­nen der Fi­fa-funk­tio­nä­re zu ver­de­cken, den die Zürcher Po­li­zei ab­führt. Seit­her weiss die Welt, dass Us­ame­ri­ka­ni­sche An­ti-ma­fia-staats­an­wäl­te er­mit­teln. Für über 150 Mil­lio­nen Dol­lar Schmier­geld sol­len laut Us-jus­tiz über Jahr­zehn­te Wm-tur­nie­re und Tv-rech­te ver­kauft wor­den sein. Die USA kla­gen 41 Funk­tio­nä­re und Sport­ver­mark­ter an, 24 ha­ben sich schul­dig be­kannt, meh­re­re sit­zen im Ge­fäng­nis.

Die Fi­fa ist ein Ver­ein nach Ar­ti­kel 60 des Schwei­ze­ri­schen Zi­vil­ge­setz­buchs. Ge­grün­det, um die Re­geln des Spiels zu hü­ten, die Welt­meis­ter­schaft zu or­ga­ni­sie­ren und die Ein­künf­te dar­aus so zu ver­tei­len, dass da­mit in Ba­ma­ko Fuss­ball­plät­ze ge­baut, in Bei­rut Schieds­rich­ter trai­niert oder in Bern Ju­nio­ren­trai­ner aus­ge­bil­det wer­den kön­nen. Heu­te aber spray­en Un­be­kann­te

«Fuck Fi­fa» an die Fas­sa­de des Fi­fa-mu­se­ums, Spon­so­ren sprin­gen ab, und «Kor­rup­ti­on in der Fi­fa» hat ei­nen ei­ge­nen Wi­ki­pe­dia-ein­trag.

Die heu­ti­ge Fi­fa-spit­ze nennt die Wie­der­wahl des frü­he­ren Pa­tri­ar­chen Sepp Blat­ter nach dem Baur-au-lac­schock in ei­ner um­fang­rei­chen Stel­lung­nah­me zu den ge­le­ak­ten Do­ku­men­ten ei­ne «ab­sur­de Ko­mö­die». Blat­ter ha­be sich erst zum Rück­tritt zwin­gen las­sen, als er mit dem Fakt kon­fron­tiert ge­we­sen sei, dass die Usund die Schwei­zer Jus­tiz sonst die Fi­fa schlies­sen wür­den. «Die Or­ga­ni­sa­ti­on war de­mo­ra­li­siert und dys­funk­tio­nal. Und sie blu­te­te fi­nan­zi­ell aus.» (Blat­ter be­strei­tet das: In­fan­ti­no «konn­te ei­ne su­per Fi­fa über­neh­men», sagt er.)

Was tut man als Thron­fol­ger ei­ner der­art ver­hass­ten Or­ga­ni­sa­ti­on? Man muss zwei Din­ge gleich­zei­tig schaf­fen: das zer­fled­der­te Image zu­sam­men­fli­cken – und die Ge­mein­de bei Lau­ne hal­ten, um die ei­ge­ne Wie­der­wahl zu ga­ran­tie­ren. Denn schon im Ju­ni 2019 sind die nächs­ten Wah­len.

Der Welt­ver­band stellt in ih­rer schlicht mit «Fi­fa» un­ter­zeich­ne­ten Stel­lung­nah­me dem ei­ge­nen Prä­si­den­ten ein gu­tes Zeug­nis aus: «St­ein für St­ein» ha­be er den Ver­band wie­der auf­ge­baut, den Frauenfussball ge­för­dert, in Russ­land ei­nes der bes­ten Wm-tur­nie­re der Ge­schich­te or­ga­ni­siert, trotz «un­ba­lan­cier­ter Be­richt­er­stat­tung, Hys­te­rie und Angst­ma­che­rei». Auch die Kas­se stim­me wie­der.

Und nichts ist wich­ti­ger als das. «The mo­ney of Fi­fa is your mo­ney. It’s not the mo­ney of the Fi­fa pre­si­dent», hat­te In­fan­ti­no 2016 in sei­ner Wahl­kampf­re­de im Hal­len­sta­di­on ge­sagt und spon­ta­nen Ap­plaus der De­le­gier­ten ge­ern­tet. 1,4 Mil­li­ar­den Dol­lar soll­ten die 211 Lan­des­ver­bän­de von 2015 bis 2018 von der Fi­fa er­hal­ten, deut­lich mehr pro Jahr als in der Ära Blat­ter.

Am 27. Fe­bru­ar 2017, ein Jahr und ei­nen Tag nach dem «Mo­ney»-satz, steht In­fan­ti­no auf dem Roll­feld des Flug­ha­fens von Ac­cra, Gha­nas Haupt­stadt. Der Fi­fa-prä­si­dent ab­sol­viert ei­ne zehn­tä­gi­ge Afri­ka­tour – hat er den Kon­ti­nent hin­ter sich, hat er 56 Stim­men für 2019. Und In­fan­ti­no kommt nicht mit lee­ren Hän­den. «Wir hat­ten vie­le Leu­te, ge­ra­de in un­se­rem Teil der Welt, die gut sind im Re­den. Ich aber will han­deln», sagt er. Blat­ters Fi­fa ha­be jähr­lich 27 Mil­lio­nen Dol­lar an afri­ka­ni­sche Län­der ge­zahlt. Sei­ne Fi­fa wer­de 94 Mil­lio­nen aus­schüt­ten. «Wir tun das nicht für die Pu­b­li­ci­ty. Wir tun es, weil es gut für den Fussball ist.» Die Ka­me­ra fängt je­des sei­ner Wor­te ein.

In­fan­ti­no nennt sein Ver­teil­pro­gramm «For­ward». Nur nicht zu­rück­schau­en, die Ver­gan­gen­heit ist kein Vor­bild: Die al­te Fi­fa ha­be Gel­der «oh­ne Kon­trol­le und aus po­li­ti­schen Grün­den» aus­ge­zahlt, schreibt der Welt­ver­band. Das sei heu­te nicht mehr mög­lich. Man ha­be ei­ne stren­ge­re Auf­sicht ein­ge­führt, das Per­so­nal auf­ge­stockt. Heu­te kön­ne die Fi­fa mehr Pro­jek­te be­treu­en und kon­trol­lie­ren.

«For­ward» sei «auf Kurs und un­ter Kon­trol­le», so steht es im öf­fent-

li­chen Fi­fa-fi­nanz­be­richt 2017. Aber ge­gen in­nen klingt es an­ders. Die här­tes­ten Wor­te stam­men von In­fan­ti­no selbst. Die «For­ward»-aus­zah­lun­gen sei­en bis­her ei­ne «ab­so­lu­te Plei­te», mailt der Prä­si­dent im Ju­li 2017 sei­ner Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Fat­ma Sa­mou­ra. Die Mil­lio­nen flös­sen zu lang­sam. War­um? Bü­ro­kra­tie. Geld zu be­an­tra­gen, füh­re zu «lan­gen Ver­spä­tun­gen» und «end­lo­sen Fra­gen» von «frus­trier­ten» Lan­des­ver­bän­den. In­fan­ti­no drängt dar­auf, schnel­ler aus­zu­zah­len. Er ist ein Mann der Ta­ten, nicht der Wor­te.

Der Druck ist nicht wir­kungs­los, die Geld­flüs­se neh­men zu. Gleich­zei­tig tre­ten Ne­ben­wir­kun­gen auf: Im Herbst 2017 be­ginnt die Geld­ver­teil­di­vi­si­on der Fi­fa, an­de­re Ab­tei­lun­gen zu um­ge­hen. Sie über­weist Lan­des­ver­bän­den pau­schal Be­trä­ge für Rei­se­spe­sen, oh­ne ge­nau zu wis­sen, wie die­se das Geld ver­wen­den. Das ver­stösst ge­gen das «For­ward»-re­gle­ment, wie die Di­rek­to­ren der Ab­tei­lun­gen Recht, Com­p­li­an­ce und Fi­nan­zen in ei­nem Me­mo be­män­geln. Ge­mäss ei­ner ge­le­ak­ten Lis­te er­hält et­wa der Fuss­ball­ver­band von Ma­cao über ei­ne hal­be Mil­li­on Dol­lar für Rei­se­spe­sen, die teil­wei­se erst in der Zu­kunft an­fal­len – oder auch nicht. 8,5 Mil­lio­nen Dol­lar gin­gen laut Me­mo to­tal re­gel­wid­rig im Vor­aus an Ver­bän­de.

Die Fi­fa-spit­ze de­men­tiert: «Al­le Zah­lun­gen wa­ren re­gel­kon­form und wur­den pro­fes­sio­nell ge­prüft.»

Es ist nicht so, dass die Fi­fa kei­ne Kon­trol­len durch­führt – aus ei­ner Ge­heim­lis­te geht her­vor, dass An­fang 2018 38 Ver­bän­de nur ein­ge­schränkt Geld er­hal­ten, we­gen feh­len­der Do­ku­men­te, in­ter­na­tio­na­ler Sank­tio­nen, Kor­rup­ti­ons­ver­dacht. Aber In­fan­ti­nos ex­tre­mer «For­ward»-druck spal­tet die Fi­fa. Auf der ei­nen Sei­te die Geld­ver­tei­ler, auf der an­de­ren Sei­te die Auf­pas­ser. Ein In­si­der, der sich in Go­ver­nan­ce-fra­gen aus­kennt, sagt: «Wie die For­ward-mil­lio­nen ver­teilt wer­den, ist der­zeit der gröss­te Schwach­punkt der Fi­fa. Nie­mand kann wis­sen, ob nicht gros­se Sum­men in kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tä­ten ab­ge­zweigt wer­den.»

Im Fe­bru­ar 2018 ist der Druck so gross, dass ein en­ger Be­ra­ter In­fan­ti­nos Alarm schlägt. Der Nor­we­ger Kje­til Siem hat vom Prä­si­den­ten den Auf­trag er­hal­ten, den Zu­stand der Fi­fa in ei­nem ver­trau­li­chen Re­port scho­nungs­los zu be­wer­ten. Er schreibt über die Ab­tei­lung, die Gel­der ver­teilt: «Das Scha­dens­ri­si­ko ist be­sorg­nis­er­re­gend an­ge­sichts der Art und Wei­se, wie die Ab­tei­lung funk­tio­niert und wie sie die For­ward-gel­der aus­zahlt. Statt auf Ba­sis von Aus­ga­ben und Pro­jek­ten zu zah­len, zahlt sie im Vor­aus.» Und wei­ter: «Die Ab­tei­lung (...) wird als chao­tisch, mit we­nig Wis­sen und im Kon­flikt mit an­de­ren Ab­tei­lun­gen ste­hend wahr­ge­nom­men, oh­ne Füh­rung, auf die je­mand stolz wä­re oder hin­ter der je­mand ste­hen wür­de. (...) Dar­un­ter lei­det die Fi­fa. Wenn die Fi­fa lei­det, lei­det de­ren Prä­si­dent.»

Die Fi­fa sagt, die Kom­men­ta­re sei­en «un­fair» und «un­prä­zi­se». Kje­til Siem ha­be in dem Me­mo nur «per­sön­li­che An­sich­ten» auf­ge­schrie­ben.

Ein Fi­fa-in­si­der teilt je­doch Siems Fa­zit. Er sieht den «For­ward»-kon­flikt als Sym­ptom ei­nes grös­se­ren Pro­blems: «Gi­an­ni hievt Leu­te auf Pos­ten, die nach aus­sen un­an­greif­bar sind – schein­bar Ide­al­be­set­zun­gen für ei­ne neue Fi­fa. Aber sie sind ihm al­le zu Dank ver­pflich­tet, da­mit leicht zu steu­ern. Gi­an­ni holt Ja­sa­ger. Es ist ein Kli­ma der Angst und des Schwei­gens ge­wor­den.» Das sei «Bü­ro­klatsch», der kei­ne ernst­haf­te Ant­wort ver­die­ne, schreibt die Fi­fa da­zu.

Die Aus­sa­gen meh­re­rer Fi­fa-ken­ner äh­neln sich aber in die­sem Punkt. Trotz sei­nes Sprach­ta­l­ents (Ara­bisch, Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch, Spa­nisch) feh­le In­fan­ti­no das Ge­spür für An­ge­stell­te, sagt ei­ner. Im Flur grüs­se er kaum. Mit­ar­bei­ter, die mit ihm frü­her per Du wa­ren, er­hiel­ten ei­ne Mail, der Prä­si­dent sei zu sie­zen, sagt ein Zwei­ter. Blat­ter ha­be die Ga­be be­ses­sen, je­der Putz­kraft das Ge­fühl zu ge­ben, sie sei ent­schei­dend für das Fort­kom­men des Fuss­balls, sagt ein Drit­ter – «Gi­an­ni steht draus­sen auf der Rau­cher­brü­cke, zieht an ei­ner Zi­ga­ret­te und starrt in sein Smart­pho­ne».

3 «SU­PERA­MI­GA»

Auf­pas­ser aus­ge­boo­tet • Macht­bal­lung • Ju­ris­ti­scher Gift­müll

Wäh­rend der ak­tu­el­le Prä­si­dent um den Glo­bus tourt, sind sei­ne Leut­nants in Zü­rich da­mit be­schäf­tigt, die Über­res­te des al­ten Re­gimes weg­zu­räu­men. Zum Bei­spiel Sepp Blat­ters Wohl­tä­tig­keits­zah­lun­gen. 40 000 Franken für den Ver­ein Show­sze­ne Schweiz, der den «Prix Wa­lo» aus­rich­tet. 6000 Franken für Ro­ta­ry Düben­dorf. 120 000 Franken pro Aus­ga­be des Zürcher Zoo­fäschts. Die Fi­fa müs­se ih­re Cha­ri­ty-ak­ti­vi­tä­ten «grund­le­gend über­ar­bei­ten», heisst es in ei­nem in­ter­nen Me­mo.

Un­ter dem Co­de­na­men «Pro­ject Eos» – die Göt­tin der Mor­gen­rö­te – ste­hen wö­chent­li­che Kon­fe­renz­schal­tun­gen mit Us-an­wäl­ten der Kanz­lei Quinn Ema­nu­el und mit Au­di­to­ren von De­loit­te an. Die Spe­zia­lis­ten wüh­len sich durch Ar­chi­ve und Mail­ser­ver, auf der Su­che nach ju­ris­ti­schem Gift­müll, und fin­den ein 79-Mil­lio­nen-bo­nus­ka­rus­sell rund um Blat­ters engs­ten Kreis. Aber auch ku­rio­se Klein­zah­lun­gen tau­chen auf, et­wa ei­ne in­for­mel­le 3000-Franken-ren­te an die Wit­we ei­nes 2007 ver­stor­be­nen Schwei­zer Na­tio­nal­trai­ners und Sepp-blat­ter­freunds.

Par­al­lel da­zu ge­win­nen die Er­mitt­ler der Ethik­kom­mis­si­on an Ein­fluss. Die Fi­fa-in­ter­nen Auf­pas­ser kön­nen je­den Fussball-of­fi­zi­el­len, der ein Geld­cou­vert an­ge­nom­men oder sei­ner Fa­mi­lie Ge­schen­ke zu­ge­schanzt hat, le­bens­lang aus dem Sport aus­schlies­sen. Ein ge­sperr­ter Funk­tio­när darf

«(…) ade­más es su­pera­mi­ga (…)» Da­tum 6. 4. 2017 Von Ramón Je­surún FCF An Ale­jan­dro Domín­guez CONMEBOL

nicht mal mehr ei­ne Ju­nio­ren­mann­schaft trai­nie­ren.

Der Che­f­er­mitt­ler Cor­nel Bor­bé­ly, ein Schwei­zer, und der Che­f­rich­ter, der Deut­sche Hans-joa­chim Eckert, bei­de noch un­ter Blat­ter ein­ge­setzt, sper­ren nach dem Baur-au-lac­schock Dut­zen­de Funk­tio­nä­re. So zwin­gen sie die Ver­bands­spit­ze, sich zu er­neu­ern. Die bei­den sind es auch, die Sepp Blat­ter und den Uefa-prä­si­den­ten Mi­chel Pla­ti­ni we­gen ei­ner frag­wür­di­gen Zwei­mil­lio­nen­zah­lung von ih­ren Äm­tern sus­pen­die­ren.

Da­mit stö­ren sie die Thron­fol­ge. Mi­chel Pla­ti­ni, als Nach­fol­ger Blat­ters vor­ge­se­hen, kann we­gen der Sper­re im Fe­bru­ar 2016 nicht zur Wahl an­tre­ten. Sein Ge­ne­ral­se­kre­tär, ein ge­wis­ser Gi­an­ni In­fan­ti­no, springt als Not­kan­di­dat ein – und ge­winnt die Wahl. In­fan­ti­no ver­dankt sei­nen Auf­stieg al­so streng ge­nom­men der Ethik­kom­mis­si­on. Aber Bor­bé­ly, ein Ex-staats­an­walt mit lo­cke­rem Colt, lässt bald auch ge­gen In­fan­ti­no selbst er­mit­teln, zum Bei­spiel we­gen des­sen Pri­vat­jet­flü­gen.

Kurz: Die Auf­pas­ser be­gin­nen zu stö­ren. Und die Fi­fa-spit­ze um In­fan­ti­no trifft im Früh­ling 2017 ei­ne fol­gen­schwe­re Ent­schei­dung.

Ko­lum­bi­ens Ver­bands­prä­si­dent Ramón Je­surún schreibt ei­ne E-mail an Ale­jan­dro Domín­guez, den Chef der la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Kon­fö­de­ra­ti­on Conmebol: Er ken­ne da je­man­den, ei­ne «Lu­xus­kan­di­da­tin», die «fuss­ball­ver­rückt» sei und ei­ne «Su­pera­mi­ga». Die­se Mail geht wei­ter an In­fan­ti­no.

Die «Lu­xus­kan­di­da­tin» ist Ma­ría Clau­dia Ro­jas, ei­ne ko­lum­bia­ni­sche An­wäl­tin und Rich­te­rin am obers­ten Ver­wal­tungs­ge­richt, spe­zia­li­siert auf Bio­ethik und in­ter­na­tio­na­les Steu­er­recht. Der Plan: Sie soll als neue Che­f­er­mitt­le­rin ein­ge­wech­selt wer­den – für den bis­si­gen Bor­bé­ly.

In­fan­ti­no stellt sich hin­ter sie, und der Fi­fa-kon­gress wählt sie am 11. Mai 2017 in Bah­rain. Bor­bé­ly er­fährt im Flug­zeug nach Bah­rain per SMS, dass Rich­ter Eckert und er nicht mehr auf­ge­stellt wer­den. Of­fi­zi­ell, weil der Ver­band sei­ne Gre­mi­en we­ni­ger eu­ro­pa­las­tig be­set­zen will. «Das ist Un­sinn», sagt Ex-che­f­rich­ter Eckert heu­te. «Wir wur­den ge­stoppt, weil wir un­ab­hän­gig er­mit­telt ha­ben – auch ge­gen Herrn In­fan­ti­no selbst.»

Die Fi­fa schreibt heu­te in ih­rer Stel­lung­nah­me, frü­her sei­en vier von fünf un­ab­hän­gi­gen Gre­mi­en von Deut­schen oder Schwei­zern ge­lei­tet wor­den, was nicht un­be­dingt die Viel­falt ei­nes Welt­ver­bands ab­bil­de. Und: Frü­her ha­be es gar kein Wahl­pro­ze­de­re ge­ge­ben. Ma­ría Clau­dia Ro­jas sei für ihr Amt «sehr gut qua­li­fi­ziert». Die Amts­zei­ten von Cor­nel Bor­bé­ly und Hans-joa­chim Eckert sei­en 2017 ab­ge­lau­fen, dar­um sei ih­re Ab­lö­sung «kei­ne gros­se Über­ra­schung» ge­we­sen.

Was nach ei­ner harm­lo­sen Per­so­na­lie klingt, hat weit­rei­chen­de Fol­gen – es ist, als hät­te je­mand die Bat­te­ri­en aus der Alarm­an­la­ge ge­nom­men. «Seit Ro­jas im Amt ist, hat die Qua­li­tät der Un­ter­su­chun­gen deut­lich nach­ge­las­sen», sagt ein In­si­der. Der Foot­bal­lleaks-da­ten­satz för­dert Be­le­ge da­für zu­ta­ge. Ge­gen Da­vid Chung, den Chef der ozea­ni­schen Kon­fö­de­ra­ti­on OFC und Fi­fa-vi­ze­prä­si­dent, lie­gen Ro­jas seit De­zem­ber 2017 Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe vor, do­ku­men­tiert durch ei­nen Be­richt der Wirt­schafts­prü­fer von Pri­ce­wa­ter­hou­seco­o­pers. Aber erst als die «New York Ti­mes» den Be­richt am 6. April 2018 öf­fent­lich macht, tritt Chung «aus per­sön­li­chen Grün­den» zu­rück, oh­ne dass die Ethik­kom­mis­si­on da­bei öf­fent­lich ei­ne Rol­le ge­spielt hät­te.

«In­dis­ku­ta­bel» sei das, sagt Han­sjoa­chim Eckert. «Ich ge­he da­von aus, dass wir Herrn Chung in­nert we­ni­ger Ta­ge min­des­tens pro­vi­so­risch ge­sperrt hät­ten.»

Beim Ge­nuss von Pri­vi­le­gi­en ist Ma­ría Clau­dia Ro­jas we­ni­ger zu­rück­hal­tend. Sie ver­bringt die gan­ze WM 2018 auf Fi­fa-kos­ten im Mos­kau­er Lu­xus­ho­tel Lot­te, wo auch die Fi­fa-spit­ze un­ter­ge­bracht ist.

Das ein­schlä­gi­ge Re­gle­ment sieht aber vor, dass Ro­jas nur die Rei­se ans Er­öff­nungs- und Fi­nal­spiel be­zahlt er­hält – aus­ser, sie muss län­ger vor Ort für den Welt­ver­band ar­bei­ten. Han­sjoa­chim Eckert sagt, er sei 2014 nur für zwei Sit­zun­gen der Ethik­kom­mis­si­on und das Er­öff­nungs­spiel nach Bra­si­li­en ge­reist und er ha­be auch nicht im Ho­tel der Fi­fa-spit­ze ge­näch­tigt. «Ich wüss­te nicht, was die Recht­fer­ti­gung für mich ge­we­sen wä­re, die gan­ze WM im Fi­fa-ho­tel zu ver­brin­gen.» Ro­jas’ Le­bens­lauf zeigt, dass sie nicht auf Kor­rup­ti­ons- oder Straf­recht spe­zia­li­siert ist. Eng­lisch, die Spra­che der meis­ten Ver­fah­rens­ak­ten, be­herrscht sie laut CV nicht. Ge­le­ak­te Da­ten zei­gen, wie weit sie von der Ar­beit der in­ter­nen Er­mitt­ler ent­fernt ist: Das Zürcher Se­kre­ta­ri­at der Kom­mis­si­on ar­bei­tet die Fäl­le auf, über­setzt die Do­ku­men­te und schreibt Me­mos mit Vor­schlä­gen, was zu tun ist. Ro­jas seg­net die­se oft mit Zwei­zei­ler-e-mails ab: «De acu­er­do», bin ein­ver­stan­den.

Wie muss man die­se Ve­rän­de­rung ein­schät­zen? Die Macht ver­schiebt sich da­mit zum Se­kre­ta­ri­at der Kom­mis­si­on. Und hier nimmt Gi­an­ni In­fan­ti­no Ein­fluss. Frü­her hat­ten die haus­in­ter­nen An­klä­ger und Rich­ter je ei­nen ei­ge­nen Stab. «Wir woll­ten die Se­kre­ta­ria­te noch bes­ser tren­nen, Bü­ros und IT se­pa­rat, um der Ge­wal­ten­tei­lung ge­recht zu wer­den», sagt Han­sjoa­chim Eckert. In­fan­ti­no aber legt die Se­kre­ta­ria­te zu­sam­men und in­stal­liert ei­nen Ver­trau­ten als Über­di­rek­tor, den Ita­lie­ner Ma­rio Gal­la­vot­ti, ei­nen sieb­zig­jäh­ri­gen An­walt.

Die Fi­fa ver­tei­digt Ma­ría Clau­dia Ro­jas. Spa­nisch sei ei­ne of­fi­zi­el­le Fi­faspra­che, ge­spro­chen von mehr als 400 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit. Zen­tralund Süd­ame­ri­ka hät­ten ih­ren An­teil an Ethik­fäl­len ge­habt, da sei es hilf­reich, je­mand mit Spa­nisch­kennt­nis­sen im Amt zu ha­ben. Auch un­ter Ro­jas ha­be die Kom­mis­si­on Coun­cil­mit­glie­der oder Lan­des­prä­si­den­ten ge­sperrt, al­lein 2018 sei­en bis­lang 15 Urteile er­gan­gen. Ro­jas sei je­den Mo­nat ei­ni­ge Ta­ge in Zü­rich; auch Bor­bé­ly/ Eckert hät­ten Un­ter­stüt­zung der Se­kre­ta­ria­te ge­habt.

Nicht die An­zahl der Fäl­le sei das Pro­blem, son­dern die Nä­he der neu­en Ethi­ker zum Prä­si­den­ten, ent­geg­net ein In­si­der. Un­ter­su­chun­gen ge­gen die Fi­fa-spit­ze wie zur Zeit Bor­bé­lys ge­be es je­den­falls kei­ne mehr. «So ge­se­hen ist die Ethik­kom­mis­si­on tot.»

4 UMGESCHRIEBENE GE­SET­ZE

Än­de­rung im Ethik­ko­dex • In­fan­ti­nos Re­gel 2

Am 14. Au­gust 2018 er­giesst sich glo­ba­ler Spott über die Fi­fa. Ein Jour­na­list der Nach­rich­ten­agen­tur AP ent­deckt, dass der Welt­ver­band den in­ter­nen Ethik­ko­dex über­ar­bei­tet – und aus dem Re­gle­ment aus­ge­rech­net das Wort «Kor­rup­ti­on» ent­fernt hat. Die Mel­dung passt ins Nar­ra­tiv ei­ner re­for­mun­wil­li­gen Or­ga­ni­sa­ti­on.

Aber die Kri­tik ver­pass­te den we­sent­li­chen Punkt. Foot­ball-leaks-do­ku­men­te zei­gen: Der neue Ko­dex ent­stand nicht nur, wie of­fi­zi­ell de­kla­riert, in den Bü­ros der haus­ei­ge­nen Ethi­ker. Noch je­mand hat Ein­fluss auf den In­halt ge­nom­men.

Kurz vor Weih­nach­ten 2017, am 17. De­zem­ber, schreibt Vas­si­li­os Skou­ris ei­ne E-mail an In­fan­ti­no. Der grie­chi­sche Pro­fes­sor, Ex-prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs, am­tet als neu­er Che­f­rich­ter der Ethik­kom­mis­si­on. «Lie­ber Gi­an­ni», be­ginnt Skou­ris, «wie ver­spro­chen schi­cke ich Dir den Ent­wurf des Co­des, wie er von Ro­jas und mir aus­ge­ar­bei­tet wur­de. (...) Falls Du An­mer­kun­gen hast, bit­te ich Dich, die­se (...) zu schi­cken, da­mit ich sie im end­gül­ti­gen Text ein­bau­en kann.»

In­fan­ti­no ant­wor­tet am 11. Ja­nu­ar 2018. Der neue Ko­dex sei «wahr­lich ex­zel­lent», die Än­de­run­gen «sehr po­si­tiv». Aber als «gu­ter al­ter Ju­rist» kön­ne er kein Re­gle­ment le­sen, «oh­ne Kom­men­ta­re oder Vor­schlä­ge zu ma­chen».

Dann geht der Prä­si­dent da­zu über, bei zwölf Ar­ti­keln Än­de­run­gen vor­zu­schla­gen. In meh­re­ren Punk­ten drängt er auf ei­ne Ab­schwä­chung. Zum Bei­spiel for­dert er, dass schon für in­for­mel­le Vor­un­ter­su­chun­gen ex­pli­zit ein Okay des Che­f­er­mitt­lers nö­tig ist – al­so von «Su­pera­mi­ga» Ro­jas. Den Vor­schlag der Ethi­ker, al­len In­ha­bern von po­li­ti­schen Äm­tern das Aus­üben ei­ner Fuss­ball­funk­ti­on zu ver­weh­ren, um Sport und Po­li­tik stär­ker

zu tren­nen, weist er als «ex­zes­siv» zu­rück und schlägt ei­ne dif­fe­ren­zier­te Re­gel vor. Im neu­en Ko­dex bleibt dann doch al­les beim Al­ten.

Und da ist noch ein Punkt. Bis­her konn­te die Fi­fa je­der­zeit Er­mitt­lun­gen an sich zie­hen, wenn Lan­des­ver­bän­de bei lo­ka­len Ver­stös­sen nichts un­ter­nah­men. «Die Fi­fa ist nicht die Welt­po­li­zei mit ei­ner Ver­pflich­tung, al­les zu un­ter­su­chen und zu be­stra­fen, was ir­gend­wo auf der Welt pas­siert», schreibt In­fan­ti­no da­zu. Er for­dert, dass die Fi­fa nur «sub­si­di­är» ein­grei­fen sol­le. Im neu­en Ko­dex heisst es: Die Ethi­ker müs­sen drei Mo­na­te war­ten, bis sie über­neh­men dür­fen.

Hans-joa­chim Eckert hat schon öf­fent­lich spe­ku­liert, der neue Ko­dex tra­ge die Hand­schrift In­fan­ti­nos, oh­ne den Be­weis zu ken­nen. Die War­te­frist sei «ein Witz», sagt er nun. Zu sei­ner Zeit ha­be man Funk­tio­nä­re bei Ver­dacht in­nert Ta­gen zu­min­dest pro­vi­so­risch ge­sperrt. «Der Ein­griff In­fan­ti­nos führt die Ge­wal­ten­tei­lung in der Fi­fa ad ab­sur­dum. Nur schon die Mail ist ei­ne Ver­let­zung des Ko­dex.» Kor­rek­ter­wei­se ha­be der Prä­si­dent die neu­en Re­geln pas­siv zur Kennt­nis zu neh­men.

Der Bas­ler Straf­rechts­pro­fes­sor Mark Pieth sieht es gleich: «Es ist nicht Auf­ga­be des Prä­si­den­ten, die De­tails des Ko­dex selbst zu ent­wer­fen.» Bei­de Ju­ris­ten wa­ren 2012 an der Aus­ar­bei­tung der vor­he­ri­gen Ver­si­on be­tei­ligt. «Mit kei­nem Wort» ha­be sich der da­ma­li­ge Prä­si­dent Sepp Blat­ter ein­ge­mischt, sagt Eckert.

Ein Macht­ver­lust der Kon­trol­leu­re be­deu­tet ei­nen Macht­ge­winn des Prä­si­den­ten. Die Fi­fa schreibt, es sei für Prä­si­dent In­fan­ti­no als er­fah­re­nen Ju­ris­ten «ganz na­tür­lich», dass er mit Vas­si­li­os Skou­ris ei­nen sol­chen Aus­tausch pfle­ge. Rich­ter Skou­ris wür­de oh­ne­hin nie­mals ge­gen sei­ne Über­zeu­gung Än­de­run­gen am Ethik­ko­dex vor­neh­men.

Nach aus­sen wird der Ein­griff In­fan­ti­nos nicht sicht­bar, we­der in Pres­se­mit­tei­lun­gen noch im Schrei­ben, das den Lan­des­ver­bän­den den neu­en Ko­dex er­läu­tert. Selbst als sich die Fi­fa-spit­ze zwei Wo­chen nach In­fan­ti­nos «In­put» zu ei­ner Sit­zung trifft, um sich ei­nen Über­blick über die lau­fen­den Re­for­men zu ver­schaf­fen, ist nur von den Ethi­kern als Au­to­ren die Re­de.

Re­gel 2 von Gi­an­nis Ga­me lau­tet al­so: Misch dich ein. Aber lass of­fi­zi­ell an­de­re die Ent­schei­de fäl­len.

Das ex­trems­te Bei­spiel sei­ner Tarn­kap­pen­tak­tik kommt aus ei­ner Zeit, als Gi­an­ni In­fan­ti­no noch gar nicht an der Spit­ze der Fi­fa stand. Es geht um den fran­zö­si­schen Ver­ein Pa­ris Saint-ger­main (PSG), um ei­nen macht­gie­ri­gen Spon­sor und um sehr, sehr viel Geld.

5 7186 PRO­ZENT Ka­tar • Pa­ris Saint-ger­main • Das gros­se Fi­nanz­do­ping

Pa­ris, 19. April 2014, Sta­de de Fran­ce. Es ist kurz vor dem An­pfiff des Li­ga­po­kal-fi­nals, PSG ge­gen Olym­pi­que Lyon­nais: Im Sta­di­on to­ben die Fans, die end­lich die bei­den gros­sen Stars Zla­tan Ibra­hi­mo­vic und Ed­in­son Ca­va­ni se­hen wol­len. Hin­ter den Ku­lis­sen der Are­na spielt sich der letz­te Akt ei­nes Dra­mas ab, das den Fussball auf Jah­re hin­aus be­ein­flus­sen wird. In der Haupt­rol­le: Gi­an­ni In­fan­ti­no.

Da­mals ist er noch Ge­ne­ral­se­kre­tär des Eu­ro­päi­schen Fuss­ball­ver­bands Uefa. Dank Foot­ball Leaks kom­men jetzt auch In­fan­ti­nos Ge­schäf­te aus je­ner Zeit ans Licht – und sie wer­den sein Er­be für im­mer prä­gen.

Denn In­fan­ti­no macht an die­sem Tag Ge­brauch von sei­ner ers­ten Re­gel: Du brauchst zwei Ge­sich­ter, ei­nes nach in­nen, ei­nes nach aus­sen. Er macht im Ver­bor­ge­nen ei­nen De­al mit Pa­ris Saint-ger­main. Er um­schifft die haus­ei­ge­nen Uefa-er­mitt­ler und gibt dem Ver­ein grü­nes Licht für ei­ne Fi­nanz­sprit­ze aus Ka­tar von Hun­der­ten Mil­lio­nen Dol­lar.

Da­mit bricht In­fan­ti­no ein Ver­spre­chen: Als Uefa-ge­ne­ral­se­kre­tär hat er jah­re­lang ge­lobt, ri­go­ros ge­gen das so­ge­nann­te Fi­nanz­do­ping vor­zu­ge­hen, das den Fussball ka­putt ma­che. Fi­nanz­do­ping ist zu ei­nem der wich­tigs­ten Schlag­wor­te im mo­der­nen Fussball ge­wor­den. Es be­deu­tet: Ver­ei­ne wer­den nicht mit EPO-, son­dern mit Geld­sprit­zen «ge­dopt». Die «In­jek­ti­on» funk­tio­niert fol­gen­der­mas­sen: Ein Ver­ein ver­kauft zum Bei­spiel Wer­be­flä­che auf dem Tri­kot, be­kommt da­für aber viel mehr Geld, als das Spon­so­ring ei­gent­lich wert ist. Das heisst, er be­kommt Geld, das er gar nicht er­wirt­schaf­tet hat. Das ist un­fair ge­gen­über al­len an­de­ren Klubs, die kein sol­ches Do­ping er­hal­ten.

Der rus­si­sche Olig­arch Ro­man Abra­mo­witsch war viel­leicht der Ers­te. Er

«(…)Néan­moins, Da­tum 11. 1. 2018 en « bon vieux ju­ris­te » (pour ain­si di­re), je ne peux pas li­re un règle­ment sans fai­re des com­men­taires et/ou pro­po­si­ti­ons (…)» Von Gi­an­ni In­fan­ti­no FI­FA An Vas­si­li­os Skou­ris FI­FA

kauf­te sich 2003 den bri­ti­schen Klub Chel­sea. Seit­her wur­de es Mo­de, Mil­li­ar­den­sum­men in eu­ro­päi­sche Ver­ei­ne zu schleu­sen. Olig­ar­chen, Scheichs oder Öl­staa­ten wie Abu Dha­bi und Ka­tar über­nah­men Klubs wie Man­ches­ter Ci­ty, AS Mo­na­co oder eben Pa­ris Saint-ger­main.

Aber was sind die Aus­wir­kun­gen des Fi­nanz­do­pings? Die Klubs stel­len mit die­sem Geld­re­gen All-star-teams zu­sam­men. Durch das plötz­lich vor­han­de­ne Geld stei­gen die Trans­fer­sum­men. Ver­ei­ne, die oh­ne aus­län­di­sche In­ves­to­ren ar­bei­ten, kön­nen nicht mehr mit­hal­ten. Die Fol­ge: Sie ver­schul­den sich. «Es bau­te sich ei­ne Spi­ra­le auf», warnt In­fan­ti­no 2012 in der NZZ. «Wenn du Mes­si hast, muss ich Ro­nal­do ha­ben. Weil: Ich muss grös­ser sein als du.»

Ab 2010 ver­ord­net die Uefa den Klubs Fi­nan­ci­al-fair­play-re­geln. Die sol­len ers­tens da­für sor­gen, dass die Ver­ei­ne sich nicht zu stark ver­schul­den. Ein Ziel, das in­zwi­schen auch er­reicht wor­den sei, wie Uefa und Fi­fa in ih­ren Stel­lung­nah­men an das Jour­na­lis­ten­kon­sor­ti­um be­to­nen. Zwei­tens ver­bie­ten die­se Re­geln den Klub­be­sit­zern, über auf­ge­bläh­te Wer­be- und Spon­so­ren­ver­trä­ge Mil­li­ar­den in ih­re Teams zu pum­pen.

Im Mai 2011 sagt In­fan­ti­no dem Por­tal Go­al.com: «Die Zei­ten sind vor­bei, in de­nen ein Su­gar­d­ad­dy Hun­der­te Mil­lio­nen in ei­nen Klub ste­cken konn­te.» Man wer­de ge­ra­de auch ge­gen gros­se Klubs vor­ge­hen. «Wenn sie die Re­geln bre­chen, wer­den die här­tes­ten Stra­fen fol­gen.»

Aber war­um ste­cken die Mä­ze­ne ei­gent­lich Mil­li­ar­den in die Klubs? Für man­che war es ein Hob­by, für an­de­re ein In­vest­ment. Für die Ka­ta­ris, die 2011 Pa­ris Saint-ger­main über­nah­men, war es ein po­li­ti­scher Schach­zug: Der Wüs­ten­staat ist ei­nes der reichs­ten Län­der der Welt, aber er ist ab­hän­gig von sei­nem ir­gend­wann ver­sie­gen­den Öl­vor­kom­men und fühlt sich be­droht vom Nach­barn Sau­di­ara­bi­en. Ka­tar strebt nach po­li­ti­scher und öko­no­mi­scher Macht, aber auch nach Zu­spruch. Den schnells­ten Weg, all das zu be­kom­men, sieht das Land im Sport.

Ka­tar wol­le «An­er­ken­nung auf in­ter­na­tio­na­ler Büh­ne er­lan­gen», heisst es in ei­nem Ge­heim­ver­trag zwi­schen PSG und den Ka­ta­ris. Man ha­be die Rech­te für die Aus­rich­tung der WM 2022 er­langt. Der Kauf von PSG sei Teil des «Plans», ei­ne Sport­macht zu wer­den. Bis 2017 soll PSG «ei­ner der Top-5-klubs in Eu­ro­pa» wer­den, steht in ei­nem an­de­ren Do­ku­ment aus dem Leck. Da­für wer­de man nun «schnell» ein «Cham­pi­ons-le­ague-team» zu­sam­men­kau­fen. Über ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro sol­len da­zu über meh­re­re Jah­re in den Klub flies­sen. Und zwar vor al­lem, um Spie­ler zu kau­fen. Bei die­sen Sum­men spielt der Preis kei­ne Rol­le mehr. Doch in den Do­ku­men­ten steht auch, wo das Pro­blem die­ses Plans liegt: beim Fi­nan­ci­al Fair­play, das In­fan­ti­no so ri­go­ros durch­set­zen will.

Fi­nan­ci­al Fair­play sagt klar, dass ein Klub­be­sit­zer wie Ka­tar nicht ein­fach Geld oh­ne Ge­gen­leis­tung in ei­nen Ver­ein pum­pen darf, auch nicht über Um­we­ge. Im Au­gust 2012 taucht nun plötz­lich ein selt­sa­mer Wer­be­ver­trag zwi­schen der ka­ta­ri­schen Tou­ris­mus­be­hör­de und PSG auf. Die Ka­ta­ris ver­pflich­ten sich, wäh­rend fünf Jah­ren im Schnitt bis zu 215 Mil­lio­nen Eu­ro in den Pa­ri­ser Klub zu lei­ten, ins­ge­samt über ei­ne Mil­li­ar­de. Ka­tar zahlt so­gar rück­wir­kend für die Sai­son 2011/12, als der Ver­trag noch gar nicht an­ge­wen­det wur­de.

Und was bie­tet PSG den Ka­ta­ris als Ge­gen­leis­tung? Nicht viel, we­der Tri­kot­noch Ban­den­wer­bung. Der Klub muss sich nur für nicht nä­her de­fi­nier­te «Pro­mo­ti­ons­ak­ti­vi­tä­ten» zur Ver­fü­gung stel­len und Ka­tar er­lau­ben, sei­nen Na­men zu be­nut­zen.

Ein kla­re­rer Ver­stoss ge­gen die Fair­play-re­geln scheint kaum vor­stell­bar – und die Ka­ta­ris wis­sen das. Foot­ball Leaks zeigt, wie die Füh­rung von PSG al­le mög­li­chen Ab­wehr­stra­te­gi­en

dis­ku­tiert, für den Fall, dass die Uefa ge­gen den Ver­trag vor­ge­hen wird. Und das tut sie auch.

In der Uefa ist ei­ne spe­zia­li­sier­te Un­ter­su­chungs­kam­mer für Ver­stös­se ge­gen Fi­nan­ci­al Fair­play zu­stän­dig. Dort hat man PSG schon seit 2013 im Au­ge, die Er­mitt­ler ge­ben ein hal­bes Dut­zend wis­sen­schaft­li­che Gut­ach­ten in Auf­trag, die be­wer­ten sol­len, ob der Pa­ri­ser Klub ei­ne fai­re Ge­gen­leis­tung für die Mil­li­ar­den­zah­lung er­bringt oder ob Ka­tar schlicht Fi­nanz­do­ping be­treibt. Dank dem Da­ten­leck wer­den die Gut­ach­ten öf­fent­lich. Sie sind ver­nich­tend:

Ta­kis Tri­di­mas, Ko­ry­phäe in Sa­chen Wett­be­werbs­recht, schreibt in ei­nem drei­zehn­sei­ti­gen Be­richt, es sei «klar», dass die Geld­sum­men, die mit die­sem Ver­trag an PSG flos­sen, «jen­seits des­sen lie­gen, was die Fi­nan­ci­al­fair­play-re­geln er­lau­ben». Es ge­be so­gar «sehr star­ke Hin­wei­se», dass der Ver­trag ex­tra «dar­auf an­ge­legt ist, die­se Re­geln zu um­ge­hen». Mark Hos­kins, Ex­per­te der eng­li­schen Kanz­lei Brick Court Cham­bers, kommt zu dem glei­chen Er­geb­nis.

Der Druck auf PSG wächst. Es kommt zu ei­nem Gip­fel­tref­fen mit Gi­an­ni In­fan­ti­no, Uefa-prä­si­dent Mi­chel Pla­ti­ni und Nas­ser Al-khe­lai­fi, dem ka­ta­ri­schen Chef von PSG. Am Don­ners­tag, dem 27. Fe­bru­ar 2014, trifft man sich in Nyon am Gen­fer­see. Al-khe­lai­fi be­ginnt laut Be­tei­lig­ten so­gleich zu dro­hen. Es sei si­cher nicht im In­ter­es­se der Uefa, sich mit dem Staat Ka­tar an­zu­le­gen, sagt er.

Und was tut In­fan­ti­no? Er weiss, dass der Ka­tar-pa­ris-ver­trag sich mit den Fair­play-re­geln nicht ver­trägt. Er weiss auch, dass die Er­mitt­lun­gen in den Hän­den der Un­ter­su­chungs­kam­mer lie­gen, die «to­tal un­ab­hän­gig ist», wie er selbst mehr­fach ge­sagt hat. Er darf ei­gent­lich gar nicht ein­grei­fen. Doch die Psg-sei­te ver­langt, dass Pla­ti­ni und er mit dem Pa­ri­ser Ver­ein ei­ne Ver­ein­ba­rung aus­han­deln, die dann von der Kom­mis­si­on, die ei­gent­lich zu­stän­dig wä­re, über­nom­men wer­den soll. Und In­fan­ti­no knickt ein ers­tes Mal ein: Er be­ginnt zu dea­len. Ab dem 10. März 2014 ver­han­delt der Schwei­zer re­gel­mäs­sig und im Ge­hei­men mit PSG und Al-khe­lai­fi.

Ge­gen aus­sen hin­ge­gen ver­spricht er Här­te. Noch am Tag nach dem Tref­fen in Nyon tritt In­fan­ti­no vor die Me­di­en und be­stä­tigt, dass die Uefa die «füh­ren­de Rol­le» bei der Ver­tei­di­gung des Fuss­balls ge­gen die «Gier und das rück­sichts­lo­se Aus­ga­be­ver­hal­ten» ei­ni­ger Klubs über­neh­me.

Im März trifft das letz­te und ver­nich­tends­te Gut­ach­ten zum Psg-ver­trag ein. Oc­t­a­gon, die welt­weit re­nom­mier­tes­te Be­ra­tungs­fir­ma für Sport­rech­te, fi­le­tiert den De­al aus Do­ha in ei­ner 116-sei­ti­gen Ana­ly­se. Im Ver­gleich zu Ver­trä­gen von acht füh­ren­den Klubs wie Re­al Ma­drid oder Bay­ern Mün­chen lie­ge die Zah­lung der Ka­ta­ris 7186 Pro­zent über dem er­wart­ba­ren ma­xi­ma­len Wert für sol­che Di­enst­leis­tun­gen. Was Ka­tar von PSG krie­ge, sei nicht im Durch­schnitt 215 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr wert, wie im Ver­trag steht – son­dern ge­ra­de ein­mal 2,78 Mil­lio­nen. Das In­vest­ment sei «mas­siv auf­ge­bläht». Fak­tisch al­so ein Fi­nanz­do­ping.

PSG wehrt sich heu­te ge­gen die­se Ein­schät­zung. Der Klub schreibt, es hand­le sich um ei­nen «Na­ti­on-bran­ding-ver­trag». Er fol­ge ei­ner Stra­te­gie, bei dem sich am Schluss das Image des Lan­des Ka­tars po­si­tiv ent­wick­le. Dies sei der Ge­gen­wert der mas­si­ven In­ves­ti­ti­on. Oc­t­a­gon ver­glich den Ver­trag der Ka­ta­ris auch mit lang­jäh­ri­gen stra­te­gi­schen Part­ner­schaf­ten, et­wa mit dem In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tee. Die Ex­per­ten ka­men zum Schluss, dass der Ka­tar-ver­trag auch un­ter die­sen Ge­sichts­punk­ten «mas­siv auf­ge­bläht» sei.

Im April 2014 hat Gi­an­ni In­fan­ti­no al­so al­les in der Hand, um «Gier» und «rück­sichts­lo­ses Aus­ga­be­ver­hal­ten» zu stop­pen. Sei­ne Ad­mi­nis­tra­ti­on müss­te nur den Oc­t­a­gon-be­richt zu

PSG schi­cken, die Ge­heim­ver­hand­lun­gen ab­bre­chen und die haus­ei­ge­ne Un­ter­su­chungs­kam­mer ar­bei­ten las­sen. Die kam in­zwi­schen sel­ber zum Er­geb­nis, dass der Ver­trag die Re­geln mas­siv ver­letzt. Doch er­staun­li­cher­wei­se traf we­der die Schluss­fol­ge­rung der Kom­mis­si­on noch ir­gend­ei­nes der Gut­ach­ten bei PSG ein, auch nicht die ent­schei­den­de Eva­lua­ti­on von Oc­t­a­gon. Der Klub de­men­tiert heu­te, je da­von ge­hört zu ha­ben. War­um die Ak­ten un­ter Ver­schluss ge­hal­ten wur­den, ist un­ge­wiss. Klar ist aber, dass In­fan­ti­no ei­nem wei­te­ren Tref­fen mit der Psg­spit­ze zu­stimm­te – es ist das Tref­fen, das am Sams­tag, 19. April 2014, statt­fand, dem Tag des Li­ga­po­kal-fi­nals.

Ge­mäss Do­ku­men­ten aus Foot­ball Leaks trifft In­fan­ti­no bei dem Tref­fen ei­ne Ver­ein­ba­rung: Statt 2,78 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr, so viel wä­re der Wer­be­ver­trag laut der Ex­per­ten wert, ak­zep­tiert er, dass PSG 100 Mil­lio­nen pro Jahr aus Ka­tar er­hält. Da­mit seg­net er de fac­to ein Fi­nanz­do­ping ab.

Die Uefa er­klärt auf An­fra­ge, dass man sol­che Ver­ein­ba­run­gen mit Klubs tref­fe, wenn ein «ge­nü­gend ver­läss­li­cher» Bu­si­ness­plan vor­lie­ge, der den Klub künf­tig wie­der re­gel­kon­form wer­den lässt. In der Tat muss­te PSG In­fan­ti­no ver­spre­chen, dass man den Ver­trag mit den Ka­ta­ris noch er­wei­tert. Schon in frü­he­ren Ver­hand­lungs­run­den bat die Uefa die Pa­ri­ser bei­na­he fle­hent­lich, den Ver­trag doch bit­te glaub­wür­di­ger zu ma­chen. Doch der er­wei­ter­te Ver­trag, den PSG an die­sem Abend ver­spricht, wird erst Jah­re spä­ter un­ter­schrie­ben und bleibt um­strit­ten. Da­für ak­zep­tiert In­fan­ti­no Fi­nanz­sprit­zen für Pa­ris aus Ka­tar im Wert von Hun­der­ten von Mil­lio­nen Eu­ros auch für die letz­ten Jah­re.

Die Psg-spit­ze fei­ert ei­nen gros­sen Er­folg an je­nem Sams­tag – der Sieg im Po­ka­l­end­spiel wird da fast zur Ne­ben­sa­che. Die bei­den To­re er­zielt üb­ri­gens Ed­in­son Ca­va­ni, der Star­stür­mer aus Uru­gu­ay. Er kam für ei­ne Re­kord­sum­me von 64 Mil­lio­nen Eu­ro nach Pa­ris – mit­hil­fe der Fi­nanz­sprit­zen, die Gi­an­ni In­fan­ti­no eben durch­ge­winkt hat.

Die Fra­ge ist: War­um knick­te In­fan­ti­no ein? War­um spiel­te er die­ses dop­pel­te Spiel? Im Nach­gang kur­siert Uefa-in­tern ein Brief mit ei­ner Lis­te von drei­zehn Ar­gu­men­ten, war­um die Ver­ein­ba­rung «auf kei­nen Fall ei­ne ‹Ka­pi­tu­la­ti­on›» vor PSG be­deu­te. Es sei doch im Ge­gen­teil «ver­nünf­tig», die gröss­ten Klubs und die bes­ten Spie­ler nicht ein­fach aus der Cham­pi­ons Le­ague zu kip­pen. Denn ei­nes ist klar: Hät­te man die Fair­play-re­geln hart um­ge­setzt, hät­te es durch­aus ei­ne Cham­pi­ons-le­ague-sper­re für PSG ge­ben kön­nen. Das woll­te man of­fen­sicht­lich um je­den Preis ver­mei­den. Tat­sa­che ist auch, dass die Uefa bei Klubs oh­ne su­per­rei­che ara­bi­sche Spon­so­ren mehr­mals hart durch­ge­grif­fen hat: Ga­la­ta­sa­ray Istan­bul, Ro­ter Stern Bel­grad und an­de­re wur­den we­gen Ver­stös­sen ge­gen die Fair­play-re­geln kur­zer­hand aus der Cham­pi­ons Le­ague ver­bannt.

Die Fi­fa, die für In­fan­ti­no ant­wor­tet, nimmt kei­ne Stel­lung zu den De­tails der Psg-ver­hand­lun­gen und der Rol­le, die der Schwei­zer ein­nahm. Sie sagt aber, der Uefa-ge­ne­ral­se­kre­tär dür­fe bei sol­chen Ab­ma­chun­gen as­sis­tie­ren, um «Lö­sun­gen zu fin­den». Da­zu ge­hör­ten auch «Dis­kus­sio­nen» und «Tref­fen». Ganz an­ders be­schreibt die Uefa die Rol­le von In­fan­ti­nos da­ma­li­ger Ad­mi­nis­tra­ti­on bei sol­chen Ver­hand­lun­gen. Sie dür­fe nur In­fra­struk­tur, Per­so­nal, lo­gis­ti­schen Sup­port und Ähn­li­ches be­reit­stel­len. Ver­ein­ba­run­gen wer­den nicht vom Ge­ne­ral­se­kre­tär an­ge­bo­ten, son­dern von der Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on. Dies be­wah­re de­ren Un­ab­hän­gig­keit. In­fan­ti­no rich­tet via Fi­fa aus, dass am Schluss na­tür­lich al­lein die Kom­mis­si­on für ei­ne Ab­ma­chung ver­ant­wort­lich sei.

Wirk­lich?

For­mell zu­stän­dig für die Ver­ab­schie­dung der Psg-ver­ein­ba­rung war der da­ma­li­ge Kom­mis­si­ons­vor­sit­zen­de Bri­an Quinn. Doch der wei­ger­te sich an der ent­schei­den­den Sit­zung vom 2. Mai 2014 das zu un­ter­schrei­ben, was Gi­an­ni In­fan­ti­no aus­ge­han­delt hat­te. Laut ei­nem Be­tei­lig­ten sag­te er, die Ver­ein­ba­rung sei im Ver­hält­nis zum Aus­mass der Ver­stös­se von PSG «zu nach­gie­big». Er leg­te sein Amt noch in der Sit­zung nie­der. Ein an­de­rer, Um­ber­to La­go, muss­te wäh­rend des Mee­tings zum Vor­sit­zen­den er­nannt wer­den. Ei­ner, der dann auch un­ter­schrieb. Der Pa­ri­ser Klub sagt: «Die Art und Wei­se, wie PSG das Fi­nan­ci­al Fair­play be­folg­te, war ex­em­pla­risch. Wir ha­ben die Re­geln im­mer be­folgt, auch als sie sich än­der­ten.»

Was Quinn wohl vor­aus­sah, traf schliess­lich ein: In­fan­ti­nos Ver­ein­ba­rung mit PSG wur­de zum Prä­ze­denz­fall und ent­wi­ckel­te rasch ei­ne ver­hee­ren­de Wir­kung. Die Mass­nah­men der Uefa ge­gen das Fi­nanz­do­ping rei­cher Gön­ner ver­lo­ren viel von ih­rer ab­schre­cken­den Wir­kung. In den fol­gen­den Jah­ren kam es zu neu­en Re­kor­den bei Spie­ler­ge­häl­tern und Trans­fer­sum­men. Ob Fi­nanz­do­ping vor­lag, ist kaum noch The­ma. Am al­ler­we­nigs­ten liess PSG sich ab­schre­cken. Die Pa­ri­ser kauf­ten 2017 für mehr als 400 Mil­lio­nen Eu­ro die Stür­mer Ney­mar und Mbap­pé. Es sind die teu­ers­ten Trans­fers in der Ge­schich­te des Fuss­balls.

Die Uefa, jetzt un­ter der neu­en Füh­rung von Aleksan­der Če­fe­rin, un­ter­sucht be­reits wie­der. Bis­lang oh­ne Er­geb­nis.

Und In­fan­ti­no? An ihm blieb nichts kle­ben. Im Ge­gen­teil – zwei Jah­re nach dem Pa­ris-de­al wird er zum mäch­tigs­ten Mann im Fussball. Foot­ball Leaks zeigt nun, dass In­fan­ti­no bei der Fi­fa wo­mög­lich drauf und dran ist, wie­der ei­nen Aus­ver­kauf des Fuss­balls zu be­trei­ben – mit ei­nem noch hö­he­ren Ein­satz. Dies­mal geht es nicht um ei­nen ein­zel­nen Klub, son­dern um die Fi­fa selbst.

6 BRUDERKRIEG #UEFAFIFA • «Pro­ject Tro­phy» • Die Rol­le der Sau­dis

Aleksan­der Če­fe­rin ver­liest sei­ne Sät­ze mit ru­hi­ger Stim­me, oh­ne den Na­men je­ner Per­son zu nen­nen, an die er sie rich­tet. «Foot­ball is not for sa­le», sagt der slo­we­ni­sche Uefa-prä­si­dent in Brüs­sel in ei­ner Re­de an den EU-RAT für Bil­dung, Ju­gend, Kul­tur und Sport. «Ich kann nicht ak­zep­tie­ren, dass man­che Leu­te er­wä­gen, die See­le von Fuss­ball­tur­nie­ren an ne­bu­lö­se Fonds zu ver­kau­fen – ver­blen­det vom Stre­ben nach Pro­fit.»

Če­fe­rins Re­de zielt in­di­rekt auf ei­nen ehe­ma­li­gen Kol­le­gen. Ei­nen, der von der Uefa ge­gen ei­ne Mil­li­on Eu­ro für den Wahl­kampf zur Fi­fa-prä­si­dent­schaft er­hal­ten hat. Mit dem Če­fe­rin eng zu­sam­men­ar­bei­ten woll­te. Dem er nun aber «höchst zy­ni­schen und ge­wis­sen­lo­sen Mer­kan­ti­lis­mus» vor­wirft.

Es ist der 23. Mai 2018, und Aleksan­der Če­fe­rin er­klärt Gi­an­ni In­fan­ti­no ge­ra­de den Krieg. Haupt­grund des Zer­würf­nis­ses ist ei­ne Initia­ti­ve, die der Fi­fa-prä­si­dent heim­lich und in al­ler Ei­le ge­star­tet hat. Co­de­na­me: «Pro­ject Tro­phy». In­fan­ti­no will zwei neue Fuss­ball­tur­nie­re lan­cie­ren, wo­für ein mys­te­riö­ses Kon­sor­ti­um be­reit ist, bis zu 25 Mil­li­ar­den Dol­lar zu zah­len.

Kurz vor Če­fe­rins Atta­cke hat­te die «New York Ti­mes» ers­te De­tails zu In­fan­ti­nos Plä­nen öf­fent­lich ge­macht. Do­ku­men­te zei­gen jetzt, wie ein klei­ner Kreis ein­fluss­rei­cher Ge­schäfts­leu­te das Pro­jekt in ei­nem Höl­len­tem­po vor­an­treibt – und ver­sucht, die Kon­trol­le über Tei­le des Fuss­balls zu er­lan­gen. Da­vor warn­te so­gar Blat­ter: «25 Mil­li­ar­den für ein Stück vom gros­sen Ku­chen? Das ist falsch! Man darf den Fussball nicht ver­kau­fen.»

Die Ge­schich­te be­ginnt im De­zem­ber 2017. In den Ara­bi­schen Emi­ra­ten läuft die Fi­fa-klub-wm. Gi­an­ni In­fan­ti­nos per­sön­li­che Gäs­te­lis­te ent­hält Na­men, die auf den ers­ten Blick nichts mit Fussball zu tun ha­ben. Dar­un­ter sind drei Ex-ban­ker der Deut­schen Bank und von Gold­man Sachs, die mit ei­nem ei­ge­nen Fi­nanz­un­ter­neh­men un­ter­wegs sind: Centri­cus. Am Fi­nal­tag der Klub-wm trifft ein Centri­cus-mann Fi­fa-ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Fat­ma Sa­mou­ra. Er macht ihr ein un­ge­heu­er­li­ches An­ge­bot: Er schlägt vor, die bis­her we­nig be­ach­te­te Klub­wm zu re­vo­lu­tio­nie­ren und da­für bis zu zwei Mil­li­ar­den Dol­lar pro Tur­nier auf­zu­trei­ben. Die Fi­fa er­mäch­tigt Centri­cus mit Brief vom 22. Ja­nu­ar 2018, auf In­ves­to­ren­su­che zu ge­hen. Nur ei­nen Mo­nat spä­ter sitzt bei ei­nem Ge­heim­tref­fen am Pa­ri­ser Flug­ha­fen Le Bour­get ein Gross­in­ves­tor am Ver­hand­lungs­tisch: der ja­pa­ni­sche Tech­kon­zern Soft­bank, mit dem Centri­cus schon zu­vor Mil­li­ar­den­de­als ein­ge­fä­delt hat. In­zwi­schen geht es nicht mehr nur um ei­ne neue Klub-wm, son­dern auch um ein zwei­tes Tur­nier: Ei­ne Li­ga al­ler Na­tio­nal­mann­schaf­ten der Welt, aus­ge­tra­gen al­le zwei Jah­re, über 700 Spie­le. Teil des De­als wä­re ein neu­es Jo­int Ven­ture zwi­schen Fi­fa und In­ves­to­ren: der Fi­fa Foot­ball Di­gi­tal Fund. Die­ses Ve­hi­kel soll Trä­ger der neu­en Tur­nie­re sein. Mehr noch: Es soll das ex­klu­si­ve Recht er­hal­ten, ein «di­gi­ta­les Fi­fa­öko­sys­tem» mit lu­kra­ti­ven In­hal­ten zu füh­ren, dar­un­ter Fi­fa-e-sports und Tv-ka­nä­le, aber auch das gan­ze Ar­chiv des Welt­fuss­ball­ver­bands. Spä­ter soll der Foot­ball Di­gi­tal Fund zum Ge­fäss wer­den, um den «ge­sam­ten Fi­fa-in­halt zu kon­so­li­die­ren». So steht es im ge­hei­men Vor­schlag von Centri­cus und Soft­bank.

Aber was be­deu­tet das? Selbst Fi­fa-of­fi­zi­el­le rät­seln: Re­det man hier da­von, die Ar­chiv­bil­der von Ma­ra­do­nas Hand-got­tes-tor ab­zu­tre­ten?

Am 16. März stoppt der Fi­fa-coun­cil, bis­her nicht für har­te Ge­gen­wehr be­kannt, die «Pro­ject Tro­phy»-plä­ne zum ers­ten Mal. Ei­ligst ver­sucht In­fan­ti­no, die Ge­mü­ter zu be­ru­hi­gen. In ei­nem Brief ver­si­chert er dem Coun­cil, dass die Fi­fa die Kon­trol­le über das Jo­int Ven­ture und al­le Rech­te be­hal­ten wür­de. Doch wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen feh­len im zehn­sei­ti­gen Schrei­ben, et­wa der Na­me der Geld­ge­ber.

Vie­le Fuss­ball­funk­tio­nä­re blei­ben miss­trau­isch. «Die Iden­ti­tät der In­ves­to­ren muss of­fen­ge­legt wer­den», for­dert Uefa-chef Če­fe­rin in ei­nem Brief an In­fan­ti­no vom 8. Mai 2018. Če­fe­rin fühlt sich von In­fan­ti­no über­gan­gen und schnö­de vor voll­ende­te Tat­sa­chen ge­setzt. Der Fi­fa-chef spannt mit ei­nem In­ves­tor zu­sam­men, der sich nicht in ei­ner öf­fent­li­chen Aus­schrei­bung durch­ge­setzt, son­dern in Hin­ter­zim­mer­ge­sprä­chen an­ge­dient hat. Ein In­ves­tor, der mit un­vor­stell­ba­ren Sum­men lockt: Bis zu drei Mil­li­ar­den Dol­lar will er für je­de Klub-wm zah­len, bis zu zwei Mil­li­ar­den für je­de Na­tio­nen­li­ga; to­tal 25 Mil­li­ar­den für zwölf Jah­re. Und ein In­ves­tor, der bes­te Be­zie­hun­gen nach Sau­di­ara­bi­en pflegt, wie sich her­aus­stellt, nach­dem der Na­me Soft­bank doch durch­ge­si­ckert ist.

Soft­bank führt den gröss­ten Pri­va­te Equi­ty Fonds der Welt. Des­sen wich­tigs­ter Geld­ge­ber wie­der­um ist ein sau­di­scher Staats­fonds. Die­ser steu­er­te 45 von ins­ge­samt 93 Mil­li­ar­den Dol­lar Ka­pi­tal bei. Das Kö­nig­reich ver-

«(...) I can­not ac­cept that so­me peop­le who are blin­ded by the pur­su­it of pro­fit are con­side­ring to sell the soul of foot­ball tour­na­ments to ne­bu­lous pri­va­te funds (...)» An­griff der Uefa auf die Fi­fa: Aus­zug aus der Re­de von Uefa-prä­si­dent Aleksan­der Če­fe­rin.

sucht mit al­len Mit­teln, Ein­fluss im in­ter­na­tio­na­len Sport zu er­lan­gen. Centri­cus hat­te 2016 mit­ge­hol­fen, den Soft­bank-fonds auf­zu­bau­en, und ak­qui­rier­te da­bei laut ei­ge­nen An­ga­ben die 45 Sau­di-mil­li­ar­den. Je­ne Fi­nan­ciers, die Soft­bank mit dem sau­di­schen Staats­fonds zu­sam­men­brach­ten, sind nun al­so das Bin­de­glied zwi­schen Soft­bank und der Fi­fa.

Ein Fi­fa-in­si­der sagt: «Die Nä­he Sau­di­ara­bi­ens zu ‹Pro­ject Tro­phy› ist of­fen­sicht­lich. Es be­steht die Ge­fahr, dass die Fi­fa ih­re Kern­dos­siers in­di­rekt an Sau­di­ara­bi­en ver­kauft.» Da­zu passt, dass In­fan­ti­no par­al­lel zu den Ver­hand­lun­gen das sau­di­sche Kö­nigs­haus be­such­te, um «Ko­ope­ra­tio­nen» zu be­spre­chen. Zwei­mal im De­zem­ber 2017, ein­mal im Mai 2018. Dass ein Fi­fa-prä­si­dent die Staats­spit­ze ei­nes Lan­des in so kur­zer Zeit so oft be­sucht, ist höchst un­ge­wöhn­lich.

Bis heu­te ist es In­fan­ti­no nicht ge­lun­gen, das Miss­trau­en zu be­sei­ti­gen. «Wir ver­ste­hen die Dring­lich­keit und die Rück­sichts­lo­sig­keit nicht, mit der die Fi­fa in die­ser An­ge­le­gen­heit vor­geht», schreibt die ein­fluss­rei­che Fö­de­ra­ti­on der Fussball-pro­fi­li­gen am 22. Ok­to­ber 2018 in ei­nem Brief an In­fan­ti­no. Kurz dar­auf bremst der Fi­fa­coun­cil sei­nen Prä­si­den­ten er­neut aus. Statt die zwei neu­en Tur­nie­re zu be­wil­li­gen, be­schliesst der Coun­cil, ei­ne Task­force ein­zu­set­zen, die bis März Vor­schlä­ge zu den Tur­nie­ren er­ar­bei­ten soll. Auf ein­mal spricht In­fan­ti­no von ei­nem «Kon­sul­ta­ti­ons­pro­zess». Heisst über­setzt: zu­rück auf Feld eins. Die In­trans­pa­renz war schlicht zu gross.

Centri­cus, Soft­bank, der sau­di­sche Staats­fonds und das sau­di­sche Sport­mi­nis­te­ri­um lies­sen Fra­gen zu «Pro­ject Tro­phy» un­be­ant­wor­tet. Die Fi­fa schreibt, es sei sinn­voll, Fi­nan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten neu­er Fuss­ball­wett­be­wer­be zu dis­ku­tie­ren: «Wür­den der Fi­fa-prä­si­dent und die Ad­mi­nis­tra­ti­on sol­che Din­ge nicht ab­klä­ren, dann wür­den sie ih­ren Job nicht ma­chen.»

Nach der Coun­cil-sit­zung stellt sich In­fan­ti­no der ver­sam­mel­ten Welt­pres­se. Der In­ves­tor sei nach wie vor an Bord, er­klärt er, oh­ne ei­nen Na­men zu nen­nen. Ein Staats­fonds? Nein, da sei kei­ner in­vol­viert.

7 IN DUBIO PRO AMI­GO Bri­ger Bu­e­ben • Fi­nal­ti­ckets • «Ciao Ca­po»

Auf den ers­ten Blick sieht das Bild nach ei­nem ge­wöhn­li­chen Sel­fie aus. Zwei Fuss­ball­fans ma­chen ein Fo­to von sich im Bauch des Mos­kau­er Olym­pia­sta­di­ons, am Abend des 1. Ju­li 2018, als Gast­ge­ber Russ­land im Ach­tel­fi­nal ge­gen Spa­ni­en spielt.

Aber wer sind die bei­den? Der Mann rechts ist Kö­nig Fe­li­pe VI. von Spa­ni­en. Der Mann links Ri­nal­do Ar­nold, Ober­staats­an­walt der Re­gi­on Ober­wal­lis und Prä­si­dent des FC Brigg­lis. Ar­nold hat das Fo­to selbst auf sei­ne Face­book-sei­te ge­la­den, sein Kom­men­tar da­zu: «Auch der Kö­nig von Spa­ni­en war heu­te in Russ­land am Match!» 164 Li­kes.

Nur: Wie kommt ein Schwei­zer Jus­tiz­be­am­ter am Wm-ach­tel­fi­nal in den Vip-sek­tor, der für Nor­mal­sterb­li­che un­zu­gäng­lich ist? Ant­wort: dank ei­ner Bri­ger Seil­schaft. Es ist Gi­an­ni In­fan­ti­no, der Ri­nal­do Ar­nold nach Mos­kau ein­ge­la­den hat. Schon am Wm-spiel Schweiz ge­gen Cos­ta Ri­ca in Ni­sch­ni Now­go­rod und am Kon­gress 2016 in Mexiko ha­ben ihn Fi­fa-in­si­der ge­se­hen. Ober­staats­an­walt Ar­nold sei­ner­seits nimmt das Te­le­fon zur Hand, um bei der Bun­des­an­walt­schaft in­for­mell In­for­ma­tio­nen für In­fan­ti­no zu sam­meln, als die Be­hör­de ih­re Fussball-er­mitt­lun­gen vor­an­treibt.

Die bei­den Ober­wal­li­ser ken­nen sich seit Te­enager­zei­ten. Bei­de stu­die­ren Jus, Ar­nold in Bern, In­fan­ti­no in Frei­burg. Bei­de lie­ben Fussball. Und bei­de sind nicht für ih­re Tech­nik be­kannt – sie ki­cken zeit­wei­se zu­sam­men in der fünf­ten Li­ga. Ih­re Stär­ke ist das Spiel ab­seits des Plat­zes. Ar­nold prä­si­diert den FC Brig-glis, In­fan­ti­no grün­de­te den FC Fol­go­re («Blitz­schlag») – ei­ne Se­con­do­mann­schaft, die bald im grös­se­ren Ver­ein auf­geht. Die We­ge der bei­den schei­nen sich dann zu tren­nen. In­fan­ti­no ar­bei­tet zu­erst beim Zen­trum für Sport­stu­di­en in Neuenburg, dann wuch­tet er sich bei der Uefa zum Ge­ne­ral­se­kre­tär hoch. Ar­nold geht in die Wal­li­ser Ver­wal­tung.

Aber aus den Au­gen ver­liert man sich nicht. Als In­fan­ti­no als Fi­fa-prä­si­dent kan­di­diert, schreibt Ar­nold im «Wal­li­ser Bo­ten» ei­nen Le­ser­brief: «Er stellt den Fussball und so­mit den Sport in den Mit­tel­punkt; nicht Macht, Geld und Kor­rup­ti­on.» Und als In­fan­ti­no als Prä­si­dent ge­wählt ist, or­ga­ni­sie­ren die bei­den in Brig ge­mein­sam «Gi­an­nis Ga­me» – halb Freund­schaft­s­tur­nier, halb Staats­emp­fang für den neu­en Fi­fa-chef. Gi­gi Buf­fon steht im Tor, Sté­pha­ne Cha­pui­sat schlägt sei­ne

«(…) Ich möch­te Da­tum 25. 5. 2016 mich ein­mal noch be­dan­ken für die Ein­la­dung nach Me­xi­co. Es war in­ter­es­sant und span­nend. Auch herz­li­chen Dank für die Bil­let­te für den Cham­pi­on Le­ague­fi­nal.»

Ha­ken. 4500 Zu­schau­er se­hen zu, wie Ar­nold im Team Schweiz auf­läuft und wie In­fan­ti­no gleich in al­len drei auf­ge­stell­ten Mann­schaf­ten spielt – Ita­li­en, Schweiz, Welt­aus­wahl. «Das ist die Ge­schich­te mei­nes Le­bens, von Ita­li­en zur Schweiz zur Welt», sagt er in In­ter­views nach dem Tur­nier, Ri­nal­do Ar­nold ne­ben sich.

Das ist der öf­fent­li­che Teil der Freund­schaft.

Nicht öf­fent­lich ist, dass In­fan­ti­no Ar­nold mit ex­klu­si­ven Ti­ckets ver­sorgt. In ei­ner E-mail vom 25. Mai 2016 schreibt der Be­am­te an den Prä­si­den­ten: «Herz­li­chen Dank für die Bil­let­te für den Cham­pi­on Le­ague­fi­nal. Mein jün­ge­rer Sohn geht mit mei­ner Frau, da ich an ei­nem An­lass des FC teil­neh­men muss.»

Zwei Wo­chen zu­vor hat In­fan­ti­no Ar­nold ei­ne Rei­se an den Fi­fa­kon­gress in Mexiko­stadt er­mög­licht. «Ich möch­te mich ein­mal noch be­dan­ken für die Ein­la­dung nach Me­xi­co. Es war in­ter­es­sant und span­nend», schreibt der Be­schenk­te über sei­ne of­fi­zi­el­le E-mail­adres­se der Wal­li­ser Staats­an­walt­schaft. Der Ton ist ver­traut, «Ciao Ca­po» schreibt Ar­nold ein­mal als An­re­de an den Prä­si­den­ten.

Die Ge­fäl­lig­kei­ten ge­hen auch in die an­de­re Rich­tung.

Als In­fan­ti­no in der Klem­me steckt, ist Ar­nold zur Stel­le. Am 6. April 2016, we­ni­ge Wo­chen vor dem Mexiko­kon­gress, fährt die Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft bei der Uefa­zen­tra­le in Nyon vor. Die Er­mitt­ler su­chen Be­weis­ma­te­ri­al, das Pa­na­ma­pa­per­sDa­ten­leck hat auf­fäl­li­ge Tv-ver­trä­ge der Uefa ans Licht ge­bracht, un­ter­schrie­ben von Gi­an­ni In­fan­ti­no.

Die Bun­des­an­walt­schaft er­öff­net ein Ver­fah­ren ge­gen Un­be­kannt. Nicht ge­gen den Prä­si­den­ten selbst – aber da er ei­nen Ver­trag un­ter­schrie­ben hat, kur­siert sein Na­me so­fort in der Pres­se. Noch am sel­ben Abend schreibt In­fan­ti­no sei­nen Wal­li­ser Freund an. Aus des­sen Ant­wort­mail er­gibt sich, dass Ar­nold mit der Bun­des­an­walt­schaft Kon­takt auf­nimmt, um In­for­ma­tio­nen zu sam­meln – und dem Prä­si­den­ten dann sei­ne Hil­fe an­zu­bie­ten: «Wenn Du willst, kann ich mal ver­su­chen zu er­rei­chen, ob die Bun­des­an­walt­schaft ei­ne Me­di­en­mit­tei­lung ma­chen wür­de, die sagt, dass ge­gen Dich kein Ver­fah­ren am Lau­fen ist.» Der Ober­staats­an­walt geht noch wei­ter: Er schlägt vor zu über­le­gen, «ob wir/du Straf­kla­ge ge­gen Un­be­kannt we­gen üb­ler Nach­re­de ein­rei­chen soll­ten». Und er of­fe­riert, In­fan­ti­no an ei­ne Sit­zung mit den Er­mitt­lern des Bun­des zu be­glei­ten, «wenn dies für Dich und Dei­nen Chef­ju­ris­ten kein Pro­blem dar­stellt».

Es wä­re nicht das ers­te Mal. Ei­ni­ge Wo­chen zu­vor hat Ar­nold für In­fan­ti­no ein ver­trau­li­ches Tref­fen mit Bun­des­an­walt Michael Lau­ber or­ga­ni­siert. Die Straf­ver­fol­ger des Bun­des füh­ren nach den Baur­au­lac­ver­haf­tun­gen in­zwi­schen 25 Ver­fah­ren rund um die Fi­fa, das be­kann­tes­te ist je­nes ge­gen Sepp Blat­ter. Der Ver­band tritt je­weils als ge­schä­dig­te Par­tei auf.

Am 22. März 2016 set­zen sich Lau­ber und In­fan­ti­no im Ber­ner Lu­xus­ho­tel Schwei­zer­hof zu­sam­men. «Das ein­stün­di­ge Tref­fen dien­te der all­ge­mei­nen Ei­n­ord­nung des Un­ter­su­chungs­kom­ple­xes zum Fussball (...) so­wie der Klä­rung der Stel­lung der Fi­fa so­wohl als An­zei­ge­er­stat­te­rin wie auch als ge­schä­dig­te Par­tei», schreibt die Bun­des­an­walt­schaft heu­te. Der obers­te Schwei­zer Straf­ver­fol­ger er­scheint in Be­glei­tung sei­nes In­for­ma­ti­ons­chefs An­dré Mar­ty. Und Gi­an­ni In­fan­ti­no? Der kommt nicht et­wa mit ei­nem Haus­ju­ris­ten oder ei­nem Fi­faAn­walt, der sich in den 25 Ver­fah­ren aus­kennt. Son­dern eben: mit Ri­nal­do Ar­nold.

Der Ober­staats­an­walt be­treibt ei­ne Art Schat­ten­be­ra­tung des Prä­si­den­ten. Sein Sta­tus als Straf­ver­fol­ger dürf­te ihm da­bei hel­fen. Wes­halb tut er das? War­um mischt er sich ein?

Die Sa­che ist un­klar. Je­den­falls fin­det sich am En­de der Nach­richt vom 25. Mai 2016 fol­gen­der Satz: «P.s: Soll­te Dei­ne neue Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin noch ei­nen Stell­ver­tre­ter brau­chen, emp­feh­le ich mich herz­lich …», mailt Ar­nold an In­fan­ti­no.

Der Trans­fer ist bis heu­te nicht zu­stan­de ge­kom­men, Ar­nold ar­bei­tet nach wie vor als Ober­staats­an­walt. Das Straf­ver­fah­ren ge­gen Un­be­kannt we­gen der Tv-ver­trä­ge ist in­zwi­schen ein­ge­stellt, der Ver­dacht der Bun­des­an­walt­schaft hat sich nicht er­här­tet.

Ar­nolds Ein­mi­schung in Bern ist da­ge­gen bis heu­te nicht auf­ge­ar­bei­tet. Die Fi­fa be­stä­tigt, dass der Prä­si­dent Ri­nal­do Ar­nold als «per­sön­li­che Be­

kannt­schaft» an Events und Tur­nie­re ein­ge­la­den hat. Auf die Fra­ge, ob er Rei­sen oder Ti­ckets zum Teil oder ganz selbst be­zahlt ha­be, ant­wor­tet Ar­nold nicht. Er schreibt: «Ich pfle­ge rein pri­va­ten Kon­takt zu Herrn In­fan­ti­no. Er ist ein Kol­le­ge von mir, seit Jah­ren. Un­se­re Kol­leg­schaft hat nichts mit mei­ner be­ruf­li­chen Tä­tig­keit zu tun. Ich bin zu kei­ner Zeit als Ober­staats­an­walt im Zu­sam­men­hang mit Herrn In­fan­ti­no tä­tig ge­we­sen.»

Straf­rechts­pro­fes­sor Mark Pieth wi­der­spricht: «Ich se­he zwei Pro­ble­me, was den Ober­staats­an­walt an­be­langt: Zum ei­nen lässt er sich von In­fan­ti­no ein­la­den. Zum an­dern or­ga­ni­siert er, in en­gem zeit­li­chem Zu­sam­men­hang mit ei­nem kon­kre­ten Ver­fah­rens­kom­plex, ein Tref­fen In­fan­ti­nos mit dem Bun­des­an­walt, das er auf­grund sei­ner amt­li­chen Funk­ti­on leich­ter ein­fä­deln konn­te als ein Pri­va­ter. Es stellt sich ernst­haft die Fra­ge, ob er nicht als Amts­per­son Vor­tei­le an­ge­nom­men hat.»

Die Auf­sicht über Staats­an­wäl­te ob­liegt dem obers­ten Wal­li­ser Straf­ver­fol­ger, Ge­ne­ral­staats­an­walt Ni­co­las Du­bu­is. Er schreibt auf An­fra­ge, Ar­nold ha­be ihm ver­si­chert, dass sämt­li­che Kon­tak­te zu Gi­an­ni In­fan­ti­no «rein pri­va­ter Na­tur» sei­en. In ei­ner zwei­ten E-mail schiebt er nach, der Lei­tungs­aus­schuss der Staats­an­walt­schaft wer­de sich an sei­ner nächs­ten Sit­zung mit dem The­ma be­fas­sen.

Der Fall Ar­nold of­fen­bart Re­gel 3 in Gi­an­nis Ga­me: In dubio pro ami­go. Man kennt sich, man hilft sich, man klärt Pro­ble­me un­ter sich. Die­ser An­satz ist nicht neu, es war Sepp Blat­ters Er­folgs­re­zept.

Wer ver­ste­hen will, war­um zwar die Ak­teu­re wech­seln, nicht aber die Me­tho­den, der muss in die Tos­ka­na fah­ren, nach Flo­renz.

8 GENTLEMEN’S CLUB

«Ein po­li­ti­sches Kar­tell» • Wi­ta­li Mut­ko • Schwei­zer Macht­lo­sig­keit

Mi­guel Poia­res Ma­du­ro emp­fängt in sei­ner Dach­woh­nung in der In­nen­stadt von Flo­renz. Das Wohn­zim­mer ist von ei­nem Flü­gel halb zu­ge­stellt. «Er ist seit Mo­na­ten ver­stimmt», sagt Ma­du­ro. An­de­res ist ihm wich­ti­ger.

Zum Bei­spiel Fuss­ball­po­li­tik. Der por­tu­gie­si­sche Rechts­pro­fes­sor ging 2016 zur Fi­fa, um dem Ver­band bei der Au­f­ar­bei­tung der Blat­ter­jah­re zu hel­fen. In­fan­ti­no hat­te ihn ge­holt. Auf des­sen Bit­ten über­nahm Ma­du­ro die Prä­si­dent­schaft des Go­ver­nan­ce­ko­ mitees. Sein Job war es, Kan­di­da­ten zu durch­leuch­ten, Wah­len zu kon­trol­lie­ren, Re­geln vor­zu­schla­gen.

Kein Jahr spä­ter war er das Amt wie­der los. Macht­trä­ger hat­ten sich über ihn be­schwert. Als sein Gre­mi­um den rus­si­schen Vi­ze­pre­mier Wi­ta­li Mut­ko nicht zur Wie­der­wahl in die Fi­fa­exe­ku­ti­ve zu­liess, setz­te auch In­fan­ti­no Druck auf. «Im Fussball glau­ben vie­le», sagt Ma­du­ro, «es sei der Job des Prä­si­den­ten, die – theo­re­tisch – un­ab­hän­gi­gen Gre­mi­en zu steu­ern.» Er wi­der­stand, Mut­ko blieb draus­sen, Ma­du­ro wur­de ab­ge­setzt. Prä­si­dent und Pro­fes­sor spra­chen sich nie wie­der.

Der Fussball sei in ei­nem «po­li­ti­schen Kar­tell» ge­fan­gen, sagt Ma­du­ro heu­te. Er er­klärt es so: In der Theo­rie ist die Fi­fa de­mo­kra­tisch von un­ten nach oben auf­ge­baut. Tat­säch­lich aber übt der Prä­si­dent die Macht von oben

nach un­ten aus. Den klei­nen Wahl­kör­per mit För­der­gel­dern und gut be­zahl­ten Pos­ten ru­hig­zu­stel­len, ist zu ein­fach. Und dann die Kul­tur: In den 70er­jah­ren ver­wan­del­te sich der Sport in ein Mul­ti­mil­li­ar­den­ge­schäft, aber die Ver­bän­de konn­ten mit dem Wachs­tum nicht mit­hal­ten, ver­harr­ten oft in Struk­tu­ren ama­teur­haf­ter Gentlemen’s Clubs.

Im Um­feld des Us-jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums ge­be es Stim­men, die die Schweiz in der Ver­ant­wor­tung se­hen, der Fi­fa schär­fe­re Ge­set­ze auf­zu­zwin­gen. Doch das Land sei zu klein da­für. Wür­de die Schweiz Re­geln auf­stel­len, zö­ge die Fi­fa weg. Ma­du­ro for­dert des­halb ein Ein­grei­fen der EU, zum Bei­spiel durch ei­ne Be­hör­de, die al­le Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen über­wacht. Aber bald sind Eu-par­la­ments­wah­len – «vor­her wird nichts ge­sche­hen». Und nach­her? «Mal schau­en.» Die Fra­ge ist: Wenn die­ses «po­li­ti­sche Kar­tell» so stark ist, wie hät­te In­fan­ti­no sei­ne Ver­spre­chen über­haupt hal­ten sol­len? An­ders ge­fragt: War das Spiel am En­de gar nicht zu ge­win­nen?

Die­se Fra­ge bringt al­le Fi­fa-ken­ner, de­nen man sie stellt, ins Grü­beln. Die ei­nen sa­gen, In­fan­ti­no ha­be den Ver­band aus sei­ner tiefs­ten Kri­se ge­holt und sta­bi­li­siert, die Russ­land-wm er­folg­reich or­ga­ni­siert. Aber mit wel­chen Me­tho­den?, fra­gen die an­de­ren – Ge­heim­de­als und Geld­ver­spre­chen? Er hät­te das Spiel än­dern, auf ei­ner of­fe­ne­ren Kul­tur be­har­ren kön­nen. «Das hät­te ei­ne Schock­wel­le aus­ge­löst, aber am En­de hät­te sich der Fussball an­ge­passt», sagt ein Of­fi­zi­el­ler.

Ma­du­ro fin­det, In­fan­ti­no hät­te sei­ne Ab­wahl 2019 ris­kie­ren müs­sen, um ein Um­den­ken zu er­zwin­gen. «Aber es ist ein­fach für mich, das zu sa­gen. Mein Le­ben ist nicht der Fussball.»

9 EPILOG Ei­ne ein­ma­li­ge Chan­ce

Wäh­rend «Gi­an­nis Ga­me» in Brig holt Gi­an­ni In­fan­ti­no ei­nen Elf­me­ter her­aus. Es ist in der Par­tie der Schweiz ge­gen die Welt­aus­wahl. In­fan­ti­no legt sich den Ball zu­recht, will sel­ber schiessen.

Der Pen­al­ty ist die leich­tes­te Übungs­an­la­ge im Fussball. Und die schwie­rigs­te. Wer prä­zi­se ge­nug zielt, schiesst ein Tor. Ein ver­wan­del­ter Elf­me­ter kann zum Wen­de­punkt wer­den, ein Spiel kip­pen. Oder eben auch nicht.

Als Fi­fa-prä­si­dent hat sich In­fan­ti­no ei­ne sol­che Mög­lich­keit ver­schafft. Sei­ne Wahl lässt sich als Elf­me­ter se­hen, als Chan­ce, das Spiel des Welt­fuss­balls zu dre­hen. In Brig nimmt Gio­van­ni Vin­cen­zo In­fan­ti­no ein paar Schrit­te An­lauf, ein Tritt ge­gen den Ball – ge­nau in die Mit­te. Der Tor­hü­ter hält.

MA­RIO STÄU­B­LE ist Re­por­ter des Ta­me­dia-re­cher­che­desks. ma­rio.sta­eu­b­le@ta­me­dia.ch

CHRIS­TI­AN BRÖN­NI­MANN ist Re­por­ter des Ta­me­dia-re­cher­che­desks. chris­ti­an.bro­en­ni­mann@ta­me­dia.ch.

OLI­VER ZIHL­MANN ist Co-lei­ter des Ta­me­dia-re­cher­che­desks. oli­ver.zihl­mann@ta­me­dia.ch

MI­KA­EL KROGERUS ist­re­dak­tor des «Ma­ga­zins». mi­ka­el.krogerus@das­ma­ga­zin.ch

Gi­an­ni In­fan­ti­no Fi­fa-prä­si­dentWill 2019 wie­der­ge­wählt wer­den.

Ma­ría Clau­dia Ro­jas Fi­fa-che­f­er­mitt­le­rin Bor­bé­lys Nach­fol­ge­rin, ge­pusht von In­fan­ti­no.

Cor­nel Bor­bé­ly Ex-fi­fa-che­f­er­mitt­ler Er­fuhr 2017 per SMS von sei­ner Ab­set­zung.

Hans-joa­chim Eckert Ex-fi­fa-che­f­rich­ter Wur­de von Blat­ter ein­ge­setzt, muss­te 2017 ge­hen.

Kje­til Siem In­fan­ti­no-be­ra­ter Sprach Kl­ar­text, muss­te da­für zah­len.

Mu­ham­mad bin Sal­man Kron­prinz Sau­di­ara­bi­ens Will Sau­di­ara­bi­en in ei­ne Sport­macht ver­wan­deln.

Ri­nal­do Ar­noldWal­li­ser Ober­staats­an­walt Hilft In­fan­ti­no mit dis­kre­ten Ge­fäl­lig­kei­ten.

Mi­guel Poia­res Ma­du­ro Ex-fi­fa-go­ver­nan­ce-chef Hält den Welt­fuss­ball für ein «po­li­ti­sches Kar­tell».

Fat­ma Sa­mou­ra Fi­fa-ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Wur­de mar­gi­na­li­siert, kämpft um Be­deu­tung.

Nas­ser Al-khe­lai­fi Psg-prä­si­dentKa­tars Statt­hal­ter in Pa­ris.

Aleksan­der Če­fe­rin Uefa-prä­si­dentLegt sich mit der Fi­fa an.

Ab zur Fi­nanz­do­ping­kon­trol­le:Mbap­pé (180 Mil­lio­nen Eu­ro) und Ney­mar (220 Mil­lio­nen Eu­ro).

Hier rollt nur der Ball: Kin­der spie­len vor der Rui­ne des Gran­de Ho­tel Bei­ra in Mo­sam­bik.

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