Wer war Fer­di­nand Hod­ler? Auf al­le Fäl­le nicht der, zu dem er heu­te ge­macht wird.

Wer war Fer­di­nand Hod­ler? Kein blin­der Pa­tri­ot. Was hat er ge­schaf­fen? Kei­ne hei­le Welt.

Das Magazin - - Contents - VON MAR­KUS SCHNEI­DER

Ei­ne Frau und ein Mann war­ten in Genf auf das Ta­xi. «Weisst du, wer vis-à-vis im Ate­lier ar­bei­tet?», fragt der Mann und gibt gleich selbst die Ant­wort: «Ein son­der­ba­rer Kauz von ei­nem Ma­ler, ein Kerl oh­ne Bil­dung und Er­zie­hung, ein un­ge­leck­ter Bär. Je­den Tag ei­ne an­de­re Frau. Brau­ne, ro­te, blon­de, jun­ge, al­te. Er sagt, das sei­en Mo­del­le, aber selbst die Häss­lichs­ten sind will­kom­men. Er glaubt, der gröss­te Ma­ler der Welt zu sein, nur weil er viel Geld ver­dient hat. Ein Roh­ling! Geh nur nie da hin­ein!»

Der Mann und die Frau, sie bei­de wis­sen: Es ist zu spät. Die Frau geht be­reits ein und aus beim Meis­ter­ma­ler. Sté­pha­nie Gu­er­zo­ni, so heisst die Frau, die vor knapp hun­dert Jah­ren auf das Ta­xi war­tet, ist sei­ne Schü­le­rin, die sich sel­ber nie ei­nen Na­men als Ma­le­rin ma­chen wird. Wer heu­te nach ihr sucht, fin­det nur ein blei­ben­des Werk – kein Bild, son­dern ein Buch: «Fer­di­nand Hod­ler als Mensch, Ma­ler und Leh­rer». Und der Mann am Ta­xi­stand, der in der drit­ten Per­son über sich spricht, als ge­he es um ei­nen an­de­ren, das ist Fer­di­nand Hod­ler.

Was sei­ne Schü­le­rin an ih­rem Leh­rer be­son­ders schätzt, ist sein «fröh­li­cher Schalk» im Um­gang mit sich selbst. Jetzt ge­ra­de plap­pert Hod­ler da­her, was so­wie­so über ihn her­umer­zählt wird. Dass er nur noch fürs Geld ar­bei­te, ein Schür­zen­jä­ger sei, bei­des gern ver­bin­de, das Ma­len mit dem Lie­ben, die Mo­del­le mit sei­nen Frau­en. Tat­säch­lich hat er sich von bür­ger­li­chen Moral­vor­stel­lun­gen be­freit, da­zu steht er. Und auf Geld ist er stolz. Drei­fa­cher Mil­lio­när ist er, das ver­schweigt er nicht, im Ge­gen­teil. «Kom­pli­men­te», sagt Hod­ler zu sei­ner Schü­le­rin Sté­pha­nie Gu­er­zo­ni, sei­en zu bil­lig. «Erst wenn ein Ama­teur das Porte­mon­naie her­vor­nimmt, um Ih­nen ein Bild ab­zu­kau­fen, sind Sie si­cher, dass es ihm ge­fällt.»

Er ist jetzt 65 und ahnt, aufs Ta­xi war­tend, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Mit dem Tod kennt er sich aus. Al­le sei­ne nächs­ten Ver­wand­ten hat er ver­lo­ren. Sei­ne bei­den liebs­ten Ge­lieb­ten, zu­gleich die Müt­ter sei­ner bei­den Kin­der, hat er bis zu­letzt ge­malt. Als Lei­den­de, als Ster­ben­de, als To­te.

Je äl­ter Hod­ler wird, des­to be­ses­se­ner pro­du­ziert er. «Se­ri­en­wei­se», kla­gen Leu­te, die nicht be­grei­fen wol­len, was ihn an­treibt: die stän­di­ge Schöp­fung des Glei­chen. Drei, vier, fünf Frau­en in ei­ner Rei­he tan­zend, ar­me Leu­te ne­ben ar­men Leu­ten, Berg­ket­ten hin­ter Berg­ket­ten, gern par­al­lel ge­reiht. Was Kunst­his­to­ri­ker «Par­al­le­lis­mus» nen­nen, dar­un­ter ver­steht Hod­ler «jeg­li­che Art der Wie­der­ho­lung». So wie er malt, so lebt er. Ein Wo­ma­ni­zer? Je­des zwei­te Mal stei­gert die Lust auf das drit­te Mal, und zwar in je­der Be­zie­hung. Noch vor sei­nem fünf­zigs­ten Ge­burts­tag hat er 200 Aus­stel­lun­gen hin­ter sich. Nach je­dem Preis, den er ge­winnt, dürs­tet er nach dem nächs­ten. «Er war ein lei­den­der Mensch», sagt sein Künst­ler­kol­le­ge Cu­no Amiet. «Sei­nen gan­zen Ehr­geiz setz­te er dar­ein, oben­auf zu kom­men, zu do­mi­nie­ren. Von Bild zu Bild, von Jahr zu Jahr in­ten­si­ver.»

Am ak­tu­el­len Wir­bel rund um sei­nen hun­derts­ten To­des­tag hät­te er sei­ne hel­le Freu­de. Son­der­aus­stel­lun­gen, Sym­po­si­en, Me­dien­be­rich­te, ei­ne neue Brief­mar­ke. Ge­är­gert hät­te er sich höchs­tens über die neue Bio­gra­fie, die zeit­gleich er­schie­nen ist, fi­nan­ziert vom Schwei­ze­ri­schen Na­tio­nal­fonds und nam­haf­ten Samm­lern wie Chris­toph Blo­cher oder Tho­mas Schmid­hei­ny. Zwei Ki­lo schwer, 325 Sei­ten dick, top­se­ri­ös an­ge­kün­digt. Drin ste­he nur, was mit Do­ku­men­ten be­leg­bar sei: «Tra­dier­te Er­zäh­lun­gen, die sich zu Le­gen­den ver­fes­tigt ha­ben, wur­den ge­prüft» – und dann ge­stri­chen. Doch was ist ein Hod­ler oh­ne Le­gen­de? Et­was wie ei­ne Schweiz oh­ne Hod­ler – un­wirk­lich.

Es ist kei­ne hei­le Welt, in die Fer­di­nand Hod­ler am 14. März 1853 hin­ein­ge­bo­ren wird. An sei­nem Va­ter, Schrei­ner von Be­ruf, hat er spä­ter nur ei­ne dump­fe Er­in­ne­rung. «Ich ha­be ihn nie la­chen se­hen, und sei­ne manch­mal fast fins­te­re Ver­schlos­sen­heit liess kei­ne Fröh­lich­keit auf­kom­men», sagt Hod­ler sei­nem Bio­gra­fen und Freund Carl Al­bert Loos­li. Die Hod­ler­fa­mi­lie zieht von Bern nach La Chaux-de-fonds, wo Va­ter Jo­han­nes Hod­ler ei­nen Be­trieb auf­baut und in Kon­kurs geht. «Er litt an Schwind­sucht und war oft er­werbs­un­fä­hig.» Schwind­sucht heisst heu­te Tu­ber­ku­lo­se und wur­de frü­her auch «weis­se Pest» ge­nannt oder «Krank­heit des Pro­le­ta­ri­ats», zu dem sich der Ma­ler zählt. «Lum­pen­pro­let» nann­te der spä­te Hod­ler den frü­hen Hod­ler ein­mal.

Als sein Va­ter stirbt, ist Fer­di­nand erst sie­ben, das äl­tes­te von fünf Kin­dern. Ein sechs­tes Kind ist schon

vor dem Va­ter ge­stor­ben, eben­falls an Tu­ber­ku­lo­se. Die Mut­ter hei­ra­tet wie­der: den vier­zehn Jah­re äl­te­ren Gott­lieb Schüp­bach, der sei­ner­seits fünf Kin­der in die Ehe mit­bringt. Das Paar zeugt drei wei­te­re, so­dass ei­ne viel­köp­fi­ge Schar zu­sam­men­wächst. Sie wohnt im Ar­men­vier­tel der Stadt Bern, dem Quar­tier Mat­te un­ten an der Aa­re mit zahl­rei­chen Tu­ber­ku­lo­se­to­ten je­des Jahr. Im­mer­hin hat Fer­di­nand Hod­ler auch fro­he Er­in­ne­run­gen. «Es freut mich noch jetzt, wenn ich dar­an den­ke, wie ich als Bu­be, wie es noch heu­te bei Kin­dern ar­mer Leu­te üb­lich ist, ins Grau­holz oder in den Mu­ri­wald, oder den Brem­gar­ten­wald aus­zog, um dür­res Brenn­holz zu sam­meln.»

Dann er­krankt die Mut­ter. Schon wie­der Tu­ber­ku­lo­se. Fer­di­nand schläft im sel­ben Zim­mer, hört sie in der Nacht lei­den und schrei­en. Ei­nes Mit­tags bricht sie auf ei­nem Acker der All­mend Thun zu­sam­men. Die Kin­der sind da­bei, als die Lei­che auf­ge­la­den und nach Hau­se ge­karrt wird. Fer­di­nand, jetzt vier­zehn, er­lebt ei­ne trau­ma­ti­sche Be­er­di­gung: «Wir wa­ren da­mals mi­se­ra­bel arm. Auf ei­nem ge­wöhn­li­chen Kar­ren wur­de der ro­he Sarg auf den Fried­hof ge­fah­ren, und als Lei­chen­ge­lei­te tip­pel­ten wir Kin­der, mei­ne Ge­schwis­ter und ich, al­lein hin­ter­her. Die­ses Bild ist mir mein Le­ben lang scharf und treu vor Au­gen ge­blie­ben.»

Kurz und bün­dig fasst er sei­ne Kind­heit ge­gen­über sei­nem Bio­gra­fen Loos­li zu­sam­men: «In der Fa­mi­lie war es ein allgemeines Ster­ben. Mir war schliess­lich, als wä­re im­mer ein To­ter im Haus und als müss­te es so sein.» Die Trans­for­ma­ti­on vom Pul­sie­ren­den zum Er­starr­ten ha­be er bei sei­ner Mut­ter haut­nah zu spü­ren be­kom­men, deu­tet Sté­pha­nie Gu­er­zo­ni an. Mit ei­ge­nen Hän­den ha­be er zu­pa­cken müs­sen, sei­ne so­eben ge­stor­be­ne Mut­ter auf den Kar­ren zu he­ben. Auch wenn das «nur» ei­ne Le­gen­de wä­re, die in ei­ner Na­tio­nal­fonds­stu­die kei­nen Platz hat, blie­be es ein Fall für den Psy­cho­ana­ly­ti­ker.

Gott­lieb Schüp­bach, nun zum zwei­ten Mal ver­wit­wet, macht sich da­von in die USA, nach Bos­ton zu sei­nem ei­ge­nen äl­tes­ten Sohn. Sei­nen äl­tes­ten Stief­sohn – Fer­di­nand Hod­ler – schickt er zu ei­nem be­freun­de­ten Ve­du­ten­ma­ler in Thun. «Im­mer­hin lern­te ich dort das Prak­ti­sche und Hand­werks­mäs­si­ge ziem­lich gründ­lich und schaff­te mit grosser Lust», sagt Hod­ler spä­ter. «Ich er­in­ne­re mich, bei ei­nem Speng­ler, bei dem ich ei­ne Wei­le ver­kost­gel­det war, Mö­bel und Blech­wa­ren, so gut es eben ge­hen woll­te, nach­ge­zeich­net zu ha­ben.» Be­rauscht von der Land­schaft ver­gisst er die leib­li­che Not: «Die ge­wal­ti­ge Kraft der Stock­horn­ket­te, des Nie­sens, des leuch­ten­den Hoch­ge­bir­ges fes­sel­ten mich der­mas­sen, dass ich gar nicht mehr ans Es­sen und Trin­ken dach­te.»

Sein Le­ben lang kehrt er im­mer wie­der zu­rück an den Thu­n­er­see; die Stock­horn­ket­te malt Fer­di­nand Hod­ler al­lein im Lau­fe sei­nes 60. Le­bens­jah­res sieb­zehn­mal. Ein Bild der Stock­horn­se­rie kam letz­te Weih­nach­ten un­ter den Ham­mer: im Auk­ti­ons­haus Sothe­by’s in Zü­rich für 4,3 Mil­lio­nen Franken.

Im Mai 1912 er­holt sich sei­ne da­ma­li­ge Ge­lieb­te Va­len­ti­ne Go­dé­dar­el in Hil­ter­fin­gen am Thu­n­er­see. Im­mer schwä­cher wird sie nach der Ge­burt ih­rer ge­mein­sa­men Toch­ter Pau­let­te. Hod­ler be­fürch­tet Tu­ber­ku­lo­se – es ist Krebs im fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um. Der fri­sche Va­ter zeich­net und malt sich in den Wahn – tau­send­mal sei­ne Ge­lieb­te Va­len­ti­ne.

In der Aus­bil­dung beim Ve­du­ten­ma­ler fer­tigt Hod­ler An­sichts­kar­ten für Tou­ris­ten. Lei­der darf er die Ber­ge nicht so ma­len, wie er sie sel­ber wahr­nimmt. Er muss sie von den Vor­la­gen des Lehr­meis­ters ab­ma­len. Ab­rupt bricht er die Leh­re ab und flieht nach Lan­gen­thal zum Schus­ter Neu­komm, dem Bru­der sei­ner Mut­ter, bei dem schon sei­ne Ge­schwis­ter Un­ter­schlupf ge­fun­den ha­ben und den er «bö­ser On­kel» nen­nen wird. Lan­ge hält er es je­doch nicht aus, er wan­dert Rich­tung Genf, hilft mal hier, mal dort auf ei­nem Hof, lebt ma­ger, tauscht die letz­ten Mün­zen ge­gen Pin­sel und Far­ben und strebt in Genf nach hö­he­rer Bil­dung. Er schreibt sich an der Uni­ver­si­tät als Hö­rer ein. Der Va­ter ei­nes Lan­gen­tha­ler Schul­freun­des hat ihm ge­ra­ten, bei Pro­fes­sor Carl Vogt an­zu­klop­fen, ei­nem Zoo­lo­gen und Geo­lo­gen.

Vogt, ein An­hän­ger des Dar­wi­nis­mus, ent­puppt sich als Re­for­mer der Päd­ago­gik. Bei ihm muss je­der Stu­dent zeich­nen. Wis­sen­schaft­lich ex­akt und auch «nach Her­zens­lust». Beim Se­zie­ren im La­bor lernt Hod­ler das in­ners­te Ge­heim­nis von Mus­keln ken­nen: Das kön­ne man eben nur am to­ten Men­schen ent­schlüs­seln, sagt Hod­ler spä­ter – «so wie man ei­ne Ma­schi­ne zu­erst ab­stel­len muss, um ihr in­ne­res Ge­trie­be zu er­fas­sen».

Von mensch­li­chen Mus­keln kommt Hod­ler sein Le­ben lang nie mehr los: Krie­ger, Holz­fäl­ler, Mä­her – das sind sei­ne Fi­gu­ren, die je­de Schwei­ze­rin und je­der Schwei­zer in die Hand be­kom­men will: Hod­lers «Mä­her» zie­ren ein hal­bes Jahr­hun­dert lang die blau­en Hun­der­ter­bank­no­ten, Hod­lers «Holz­fäl­ler» die grü­nen Fünf­zi­ger­no­ten. Als Ge­mäl­de gibt es den Holz­fäl­ler in min­des­tens fünf­zehn Ver­sio­nen. Ein be­son­ders gross­for­ma­ti­ges Ex­em­plar ge­lang­te ins Bü­ro zwei­er so un­ter­schied­li­cher Bun­des­rä­te wie Chris­toph Blo­cher und Mo­ritz Leu­en­ber­ger. Zum jet­zi­gen hun­derts­ten To­des­tag von Hod­ler liess sich Blo­cher nicht lum­pen und spon­ser­te ei­ne Aus­ga­be der Kul­tur­zeit­schrift «Du». In ei­nem kur­zen Text schreibt der ab­ge­wähl­te Bun­des­rat über Hod­lers Land­schafts­ma­le­rei und fragt: «Sind das über­haupt noch Ber­ge?»

Blo­chers Ant­wort: «Zu­min­dest nicht nur Ber­ge. Viel­mehr Per­sön­lich­kei­ten: be­stimmt, kraft­voll, stand­fest, trut­zig und un­be­ein­druckt von al­lem Ober­fläch­li­chen und Flat­ter­haf­ten. So, wie ich mir ei­nen gu­ten Va­ter, ei­nen tüch­ti­gen Un­ter­neh­mer, ei­nen ge­stal­ten­den Po­li­ti­ker vor­stel­le: Plötz­lich wer­den Ber­ge zu Sym­bo­len.»

Heu­te wird Hod­ler ver­ein­nahmt. Als Pa­tri­ot, als al­pi­nes Ur­ge­stein ge­gen al­les, was das Ein­hei­mi­sche be­droht. Da­mals er­lebt Hod­ler just das Ge­gen­teil. Im In­land wird sein Werk zu­nächst für «häss­lich» er­klärt und spä­ter aus po­li­ti­schen Grün­den ver­höhnt. Zu viel Rea­lis­mus eckt an im Schwei­zer­land: Hod­ler malt den Schus­ter Neu­komm als Schus­ter, die to­te

Ge­lieb­te als To­te, die ar­me See­le als Ar­me, das Schlacht­feld Ma­ri­gna­no als Schlacht­feld. Bei ihm gibt es kei­ne Idea­li­sie­rung, kei­ne Ver­klä­rung, kei­ne Be­schö­ni­gung.

Der Zürcher Kunst­his­to­ri­ker Kon­rad Far­ner, ein be­ken­nen­der Kom­mu­nist, lob­te in ei­ner klei­nen Schrift vor al­lem das Bild «Der Schrei­ner» aus Hod­lers frü­hem Schaf­fen: «Das bes­te Hand­wer­ker­bild der Schwei­zer Kunst – sym­bol­haft und zu­gleich sehr klas­sen­be­wusst.» Be­leg da­für sei die weis­se In­schrift links über dem Kopf des Schrei­ners auf der Holz­wand: «Sec­tion me­nui­sier, 8 ju­in 1875»: das Da­tum sei­nes Bei­tritts zur Ge­werk­schaft. Als wä­re Far­ner Blo­cher, er­nennt er Hod­ler zum «Mann des Vol­kes».

Auch Hod­lers Bio­graf Carl Al­bert Loos­li kommt von ganz un­ten: «Ein Schrift­stel­ler, der das Schick­sal ei­nes ad­mi­nis­tra­tiv Ver­wahr­ten als Zög­ling im Er­zie­hungs­heim auf Schloss Trach­sel­wald/em­men­tal am ei­ge­nen Leib er­fah­ren und ein Le­ben lang ge­gen die ad­mi­nis­tra­ti­ve Ver­wah­rung an­ge­kämpft hat.» So be­schreibt ihn der Bas­ler Kri­mi­au­tor Hans­jörg Schnei­der. Und er­gänzt: «Et­was vom Bes­ten, was die Schwei­zer Literatur zu bie­ten hat.» Loos­li, da­mals 20 und Jour­na­list, trifft Hod­ler, da­mals 44, zum ers­ten Mal im Ber­ner Re­stau­rant «Korn­haus­kel­ler». The­ma ist der Streit um Hod­lers Wand­bild «Rück­zug aus Ma­ri­gna­no» im Lan­des­mu­se­um Zü­rich. Die bei­den tref­fen sich im­mer wie­der, Hod­ler wird ge­ahnt ha­ben, dass sich das, was er dem Jour­na­lis­ten und bal­di­gen Freund er­zählt, «zur Le­gen­de ver­fes­ti­gen» wird.

Dank Loos­lis Bio­gra­fie wis­sen wir, dass der jun­ge Hod­ler via Pro­fes­sor Vogt zur Er­laub­nis kommt, sich ins ers­te öf­fent­li­che Kunst­mu­se­um der Schweiz zu set­zen, ins Mu­sée Rath in Genf, mit sei­ner Staf­fe­lei di­rekt vor die Wer­ke der bei­den Gen­fer Meis­ter Alex­and­re Ca­la­me und François Di­day. Strich für Strich malt er ab. Da­bei schaut ihm manch­mal Bar­t­hé­le­my Menn über die Schul­ter, der Leh­rer der Gen­fer Kunst­schu­le. «Menn war je­der­zeit recht freund­lich und er­teil­te mir oft recht wert­vol­le Rat­schlä­ge.» Gross­zü­gig nimmt er den be­gab­ten Hod­ler in sei­ne Schu­le auf und lässt ihn zeich­nen, zeich­nen, zeich­nen.

Fünf Jah­re darf Hod­ler in Menns no­bler Schu­le blei­ben, ver­eint mit den Her­ren­söh­nen, «les fils à pa­pa», die ihn «Stre­ber» schimp­fen, wäh­rend er sich sel­ber als «Pro­let» be­zeich­net, der kein Geld ha­be, um sich Mo­del­le zu leis­ten. Al­so star­tet er mit ei­nem Selbst­bild­nis. «Der Stu­die­ren­de» wird im Früh­jahr 1876 aus­ge­stellt, so­gar be­ach­tet – doch im «Jour­nal de Genè­ve» am 12. April 1876 für «häss­lich» er­klärt. Das Pu­bli­kum blei­be vor dem «Stu­die­ren­den» ste­hen und bre­che in Ge­läch­ter aus. Der 23-jäh­ri­ge Ur­he­ber sol­le «zur Schu­le ge­hen, um ‹das Schö­ne› erst noch zu ler­nen» – wenn er sich denn nicht den «Lu­xus» leis­ten wol­le zu ver­hun­gern, schreibt der bür­ger­li­che Jour­na­list in der bür­ger­li­chen Zei­tung.

Hod­ler, der in sei­ner Ju­gend im Mat­te­quar­tier von Bern er­fah­ren hat, was Hun­ger und Not ist, malt wei­ter. Und als die zwei­te Gen­fer Zei­tung, «Le Ge­ne­vois», am 13. März 1877 ti­telt «Le laid et le sa­le» (Das Häss­li­che und das Schmut­zi­ge), zieht er dar­aus ei­ne Lek­ti­on fürs Le­ben: «Ich pfei­fe auf al­les, was über mich ge­sagt und ge­schrie­ben wird.» War­um ist er so selbst­si­cher? Weil er den ers­ten gros­sen Er­folg be­reits ge­fei­ert hat: 1874 ge­wann er den re­nom­mier­ten Ca­la­me-preis für das Land­schafts­bild «Wald­in­ne­res» («Le Nant de Fron­tenex»). Das Preis­geld von 300 Franken ver­prasst er nicht, er braucht es vier Jah­re spä­ter, als er nach Ma­drid flüch­tet.

Un­mit­tel­ba­re Ur­sa­che für die Abrei­se ist die Af­fä­re mit Ma­de­moi­sel­le Ca­ro­li­ne Lechaud, die Fer­di­nand Hod­ler vier­zig Jah­re spä­ter dem Ber­ner Jour­na­lis­ten und Kunst­his­to­ri­ker Hans Müh­leste­in beich­tet. Ca­ro­li­ne Lechaud ist Hod­lers ers­tes weib­li­ches Mo­dell. Ei­ne Toch­ter «aus gu­ter Bür­gers­fa­mi­lie», die für das Mo­dell­ste­hen kein Geld ver­lan­gen muss, das er so­wie­so nicht hät­te. «Ich war da­mals noch so im Dreck.» Aus Angst vor ih­ren ed­len El­tern se­hen sich die bei­den nur heim­lich.

In Hod­lers Wor­ten, zi­tiert nach Müh­leste­in, war es «im­mer ei­ne schö­ne Quä­le­rei für mich, wenn sie bei mir ge­ses­sen hat. Ich konn­te es schon so oft nicht mehr aus­hal­ten. Aber sie woll­te um nichts in der Welt et­was wis­sen von An­rüh­ren. Da ist’s mir eben wirk­lich zu heiss ge­wor­den. Ich warf Pin­sel und Pa­let­te weg und riss sie in mei­ne Ar­me.»

Das so­ge­nann­te Fräu­lein re­agiert mit vol­ler Wucht: «Ge­wehrt hat sie sich, ge­schla­gen, ge­bis­sen hat sie mich. Und auf und da­von ist sie, ich ha­be sie nie wie­der ge­se­hen.» Auch die­se Ge­schich­te, er­zählt von Hod­ler sel­ber, hat sich zur Le­gen­de ver­fes­tigt. In der Na­tio­nal­fonds-stu­die frei­lich wird Ca­ro­li­ne Lechaud le­dig­lich er­wähnt: als Hod­lers «ers­te» und «heim­li­che Ver­lob­te».

Heu­te ge­hört das «Bild­nis Ca­ro­li­ne Lechaud» zur Sammlung im Kunst­haus Zü­rich. Dem 23-jäh­ri­gen Töl­pel Hod­ler ist es als Ma­ler ge­lun­gen, die sonn­täg­lich ge­klei­de­te jun­ge Da­me in ih­rer gan­zen Keusch­heit zu er­fas­sen. Ein Meis­ter­werk.

«In der Fa­mi­lie war ein allgemeines Ster­ben. Mir war schliess­lich, als wä­re im­mer ein To­ter im Haus.»

In Ma­drid kommt Hod­ler künst­le­risch nicht wei­ter. Zu­rück in Genf stellt er in ei­ner leer ste­hen­den Bou­tique in ei­nem Aus­sen­quar­tier aus, für 20 Cen­ti­me Ein­tritt. Die Re­so­nanz ist harsch. In je­dem Ge­mäl­de ste­cke «ein Schuss Ge­mein­heit», fin­det die «Tri­bu­ne de Genè­ve» am 23. April 1880. «Le Ge­ne­vois» or­tet ei­nen «schlecht ge­lei­te­ten Schü­ler, der sei­ne Or­tho­gra­phie­feh­ler für Ori­gi­na­li­tät hält». Nun lan­det er im «pro­le­ta­ri­schen Mi­lieu», wie er noch oft und stolz er­zäh­len wird. «In je­ner Zeit leb­te ich fast aus­schliess­lich in der Ge­sell­schaft ar­mer Teu­fel, ge­schei­ter­ter

Exis­ten­zen aus den tiefs­ten Schich­ten.» Ei­nen Schnaps­t­rin­ker be­freit er aus dem Stras­sen­gra­ben, auch al­le an­de­ren Män­ner und Frau­en, die ihm Mo­dell ste­hen, kennt er per­sön­lich. «Mich zo­gen die Un­glück­li­chen an und ich sie.»

Ein Bett hat er nicht. «Wäh­rend drei Jah­ren häng­te ich am Abend die Schrank­tü­re aus, um dar­auf zu schla­fen», so feucht und holp­rig war der Bo­den in sei­ner Bu­de. Zu­ge­deckt ha­be er sich mit ei­ner un­be­mal­ten Lein­wand, er­zäh­len Loos­li, Müh­leste­in und Gu­er­zo­ni. Oder ist das ei­ne Le­gen­de? Für die Au­to­ren der Na­tio­nal­fonds-stu­die schon. «Ver­su­chen Sie ein­mal, sich mit ei­ner Lein­wand zu­zu­de­cken», er­mu­ti­gen Os­kar Bät­sch­mann und Paul Mül­ler die Jour­na­lis­ten an ih­rer Pres­se­kon­fe­renz.

Hod­ler zü­gelt an die Grand Rue, 35, un­mit­tel­bar ne­ben der Ka­the­dra­le St. Pier­re, in ein Ate­lier­haus mit zau­ber­haf­ter Dach­ter­ras­se. Wie kann er sich so et­was leis­ten? «Mei­ne Schul­den ha­be ich im­mer mit Bil­dern be­zahlt», ant­wor­tet der Künst­ler auf sol­che Fra­gen.

Im neu­en Ate­lier ent­ste­hen Ge­mäl­de, die schon mit ih­ren Ti­teln Emo­tio­nen aus­lö­sen. «Die ent­täusch­ten See­len»: fünf Män­ner, schwarz ge­klei­det, mit Bär­ten und Fur­chen im Ge­sicht, sit­zen, nach un­ten bli­ckend, auf ei­ner Bank in ei­ner Wie­se. «Die Le­bens­mü­den»: Fünf Män­ner in weis­sen Ge­wän­dern mit Bär­ten und Fur­chen im Ge­sicht sit­zen, nach un­ten bli­ckend, auf ei­ner Bank in ei­nem Fried­hof. «Va­ga­bun­die­ren» wird zum Hod­ler’schen Flü­gel­wort und «Die Nacht» zu sei­nem Meis­ter­streich, mit dem er 1891, im Al­ter von 38 Jah­ren, für den ers­ten Skan­dal sorgt: Das Bild zeigt neun Schla­fen­de in ei­ner fel­si­gen Land­schaft. Nicht al­le sind von Kopf bis Fuss be­klei­det. Der Mann in der Mit­te, oh­ne Zwei­fel Fer­di­nand Hod­ler sel­ber, er­wacht vor Schreck. Über ihm ei­ne schwarz ver­hüll­te Gestalt, die den Tod dar­stellt. Hin­ten auf dem Rah­men des Bil­des steht in Hod­lers Hand­schrift: «Plus d’un qui s’est cou­ché tran­quil­le­ment le soir ne s’éveil­le­ra pas le len­de­main ma­tin.»

Zwei Frau­en sind ein­deu­tig iden­ti­fi­zier­bar. Die Frau links von Hod­ler ist sei­ne Ge­lieb­te Au­gus­ti­ne Du­pin. Seit drei Jah­ren kennt er sie, seit drei Jah­ren malt er sie. Am 1. Ok­to­ber 1887 hat sie ihr ge­mein­sa­mes Kind Hec­tor zur Welt ge­bracht. Dar­auf ver­liebt sich Va­ter Hod­ler in Ber­tha Stucki, die er am 18. Ju­ni 1889 hei­ra­tet, mit­ten in der fieb­ri­gen Ar­beit an «Die Nacht». Prompt rutscht auch Ber­tha Stucki ins Bild «Die Nacht», sie liegt rechts von ihm.

«Die Nacht» wird im Mu­sée Rath in Genf auf­ge­hängt – und am nächs­ten Mor­gen po­li­zei­lich ent­fernt. «Ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­stos­send», «volks­ver­der­be­risch», ur­teilt Stadt­prä­si­dent Thé­o­do­re Tur­ret­ti­ni. Pro­tes­te bis in die Deutschschweiz, Po­le­mi­ken in Zei­tun­gen, zor­ni­ge Brie­fe an den Künst­ler, die Loos­li sam­melt: «Ver­sinn­bild­li­chung der er­laub­ten und der un­er­laub­ten Lie­be», «Ver­herr­li­chung des Nichts, des Nir­wa­na», «Darstel­lung des bö­sen Ge­wis­sens».

Hod­ler bleibt nüch­tern: «Wä­re ich ein un­be­fan­ge­ner Be­schau­er, wür­de ich mich zu­nächst ein­mal fra­gen: ‹Was se­he ich?›» Sei­ne Ant­wort: «Neun Fi­gu­ren, wo­von sechs paar­wei­se und drei zu ei­ner Grup­pe ver­ei­nigt lie­gen und in der Mit­te ei­ne Fi­gur, die von ei­ner an­dern be­drückt wird. Das ist es in mei­ner ‹Nacht›, das woll­te ich ma­len, und das ha­be ich ge­malt, so gut ich es ver­stand und konn­te. Punk­tum.»

Als Künst­ler la­men­tiert er nicht, er nutzt den Wir­bel in der Pres­se und zü­gelt sein Bild ins Bâ­ti­ment élec­to­ral, ei­nen klei­nen Pri­vat­saal ne­ben dem gros­sen Mu­sée Rath. Ei­nen Franken ver­langt er pro Ein­tritt. 1200 Leu­te über­lau­fen in­nert drei Wo­chen das Bâ­ti­ment, und dank die­ser 1200 Franken er­reicht Hod­ler sein Ziel: Pa­ris. «Die Schwei­zer wol­len mich nicht ver­ste­hen, bis sie se­hen, dass ich an­ders­wo ver­stan­den bin.» Tat­säch­lich: An der Ex­po­si­ti­on Na­tio­na­le des Beaux-arts, der wich­tigs­ten Aus­stel­lung von Pa­ris, wird «Die Nacht» im Eh­ren­raum prä­sen­tiert.

Zu ei­nem wei­te­ren Eklat kommt es ein Jahr­zehnt spä­ter in Zü­rich. Auf die Er­öff­nung des Lan­des­mu­se­ums im Jahr 1898 hin wird ein Wett­be­werb aus­ge­schrie­ben für mo­nu­men­ta­le Fres­ken im gros­sen Waf­fen­saal. Hod­ler, in­zwi­schen 45, mie­tet ei­ne Scheu­ne aus­s­er­halb Berns, ge­räu­mig ge­nug, da­mit er Vor­la­gen aus Kar­ton­stü­cken im Mass­stab 1:1 an­fer­ti­gen kann. Ei­ne Rie­sen­büez. Der Som­mer geht vor­über, die Näch­te wer­den küh­ler, doch «so lan­ge ich ar­bei­te, spü­re ich die Käl­te nicht», er­zählt der Le­gen­den­er­zäh­ler. Ei­nes Mor­gens ge­frie­ren die Far­ben. Es reicht trotz­dem, Hod­lers Ent­wurf zum «Rück­zug aus Ma­ri­gna­no» wird von der Ju­ry im Ja­nu­ar 1897 ge­wählt.

Dann geht es los. Der Di­rek­tor des Lan­des­mu­se­ums, Hein­rich Angst, pro­tes­tiert mit ei­nem Ar­ti­kel in der NZZ, Zünf­ter re­bel­lie­ren, flan­kiert von Hoch­schul­leh­rern, Zürcher Ge­mein­de­rä­te ma­chen mo­bil, in den Zei­tun­gen wer­den In­se­ra­te ge­schal­tet, der Bun­des­rat in­ter­ve­niert, Hod­ler muss ei­nen zwei­ten Ent­wurf öf­fent­lich vor­le­gen, acht­tau­send Be­su­cher strö­men in­nert sie­ben Ta­gen nach Zü­rich, der Bun­des­rat er­scheint zu viert, schliess­lich ist das neue Lan­des­mu­se­um Bun­des­sa­che.

St­ein des An­stos­ses ist Hod­lers künst­le­ri­sche Kor­rekt­heit. Er malt, wie das Blut spritzt, und wird da­für «Blut­hod­ler» ge­schimpft. Er will die Krie­ger mit Ge­sich­tern zei­gen, mit Ge­sich­tern von Bau­ern, Knech­ten, die in den Krieg ge­zo­gen sind – nicht für die Frei­heit, son­dern für Geld. Die Eid­ge­nos­sen wa­ren Söld­ner, Tau­sen­de im Di­enst des Her­zog­tums Mai­land in der Ab­wehr­schlacht ge­gen die Fran­zo­sen mit eben­falls Tau­sen­den eid­ge­nös­si­scher Söld­ner.

Hod­ler ist eben kein ma­len­der Pa­tri­ot. Er ver­brei­tet Le­gen­den über sich, aber kei­ne My­then über die Schweiz. Das zeigt auch die Kon­tro­ver­se rund um das Bild von Wil­helm Tell: «Ich», sagt Hod­lers grosser Für­spre­cher und Bio­graf Loos­li,«kann mir beim bes­ten Wil­len den Tell, den Sen­nen und Gems­jä­ger, nicht als phi­lo­so­phie­ren­den Ku­lis­sen­hel­den vor­stel­len, wie ihn Schil­ler für sei­ne Zwe­cke schil­dert.» Hod­lers Tell sei «ein strup­pi­ger Berg­ler mit dem Duft von Kuh­mist». Er trägt die zor­ni­gen Ge­sichts­zü­ge von Hod­lers Selbst­bild­nis­sen. Bis heu­te tritt bei je­der Frei­licht­auf­füh­rung ein Tell auf, wie ihn Hod­ler ge­schaf­fen hat.

Po­li­tisch ak­tiv wird er sel­ber nie, Zei­tung liest er kaum, Über­zeu­gun­gen hat er trotz­dem. 1917, als in Russ­land die Re­vo­lu­ti­on aus­bricht, sagt er zu Sté­pha­nie Gu­er­zo­ni: «Das ist das ge­wal­ti­ge Er­eig­nis der Epo­che. Der Krieg hat, im Ver­gleich da­zu, we­nig Be­deu­tung. Krie­ge hat es im­mer ge­ge­ben, und man ver­gisst sie rasch. Die­se Re­vo­lu­ti­on ist der Be­ginn ei­ner neu­en Ära auf ganz neu­er Grund­la­ge von un­ge­heu­rer Trag­wei­te.»

Hod­ler, längst ein in­ter­na­tio­na­ler Star, wird all­seits ho­fiert. An ei­ner Aus­stel­lung in Ber­lin trifft er 1914 Kai­ser Wil­helm II. an der Er­öff­nungs­fei­er, beim Nacht­es­sen sitzt er ihm di­rekt ge­gen­über. Hod­ler hat die Ro­set­te der fran­zö­si­schen Eh­ren­le­gi­on im Knopf­loch. Des Kai­sers Au­gen blit­zen auf. «Sein Ge­sicht wur­de hart, sei­ne Hal­tung ei­sig. Er grüss­te und ent­fern­te sich», er­zählt der Ma­ler Sté­pha­nie Gu­er­zo­ni.

Do­ku­men­tiert ist: Hod­ler un­ter­zeich­net nach dem Be­schuss der Ka­the­dra­le von Reims im Sep­tem­ber 1914 zu­sam­men mit 120 an­de­ren Kul­tur­schaf­fen­den und In­tel­lek­tu­el­len ei­ne Re­so­lu­ti­on, die das Wort «Bar­ba­ren» ent­hält. Da­her wird er in Deutsch­land aus al­len Kunst­ver­ei­ni­gun­gen aus­ge­schlos­sen. «Ich hal­te den Aus­druck auf­recht», sagt Hod­ler zu Loos­li.

Al­ler­dings ha­be er nie dar­an ge­dacht, mit «Bar­ba­ren» sei das gan­ze deut­sche Volk ge­meint. «Das galt le­dig­lich den Leu­ten, die für die An­tas­tung des Do­mes ver­ant­wort­lich wa­ren, die sie an­ge­ord­net und durch­ge­führt ha­ben.» Bei sol­chen Fra­gen zeigt sich der Ein­fluss sei­nes zwei­ten Bio­gra­fen. Der Jour­na­list Hans Müh­leste­in ent­wi­ckelt sich zum so­zia­lis­ti­schen Pa­zi­fis­ten, der 1919 aus Preus­sen aus­ge­wie­sen wird. Spä­ter be­stä­tigt der lin­ke Kunst­kri­ti­ker Kon­rad Far­ner: «Hod­ler war ein De­mo­krat durch und durch, im­mer auf der Sei­te der Schwa­chen.»

Ein­zig die Gleich­be­rech­ti­gung zwi­schen Mann und Frau bleibt ihm fremd. 1910 wird Hod­ler Zen­tral­prä­si­dent der «Ge­sell­schaft Schwei­ze­ri­scher Ma­ler, Bild­hau­er und Ar­chi­tek­ten» (GSMBA). Carl Al­bert Loos­li am­tiert als sein Se­kre­tär. Zur De­bat­te steht, ob in den Ver­band auch Künst­le­rin­nen auf­ge­nom­men wer­den sol­len. Hod­ler ha­be die Dis­kus­si­on mit den Wor­ten be­en­det: «Mer wei ke­ner Wiiber.»

In der neu­en Na­tio­nal­fonds-stu­die ist ein hand­schrift­li­cher, schwer les­ba­rer Ori­gi­nal­text Hod­lers auf Fran­zö­sisch ab­ge­bil­det: «Die Eman­zi­pa­ti­on der Frau durch die Frau ist ei­ner der ur­ko­mischs­ten Scher­ze, die un­ter der Son­ne her­vor­ge­bracht wur­den.» Hans Müh­leste­in deutscht aus: «Die Frau war für Hod­ler sel­ten mehr als Mo­dell, Lust­ob­jekt oder Mit­tel zu ei­nem ge­sell­schaft­li­chen Zweck.» Auf dem Hö­he­punkt sei­nes Er­folgs ha­be Hod­ler hun­dert­mal «in dra­ma­ti­schen Ein­zel­hei­ten» ge­prahlt, wie er je­des Weib be­sit­zen kön­ne, das er wol­le.

Im Notfall je­doch muss ihn ei­ne Frau beis­sen. So­gar dies­be­züg­lich wird der Wie­der­ho­lungs­künst­ler zum Wie­der­ho­lungs­tä­ter und Wie­der­ho­lungs­op­fer. Lan­ge nach sei­nem Er­leb­nis mit Ca­ro­li­ne Lechaud, als er be­reits zwei­fa­cher Va­ter ist, wünscht er sich von der deut­schen Ma­le­rin Char­lot­te Be­rend-corinth «ei­nen Sohn». Dann küsst er sie – und «ich biss ihm tief in die Lip­pe», schreibt Char­lot­te Be­rend-corinth in ih­rer Au­to­bio­gra­fie. «Er sprang zu­rück und fi­xier­te mich. Lei­se kam dann sei­ne Fra­ge: ‹Sie wol­len, dass ich Sie nicht ver­ges­se?› Ich nick­te.»

Und wie geht der al­tern­de Hod­ler mit sei­ner Sterb­lich­keit um? Er macht, was er ein Le­ben lang ge­tan hat, er malt ein Selbst­bild­nis nach dem an­dern. «Man wird mir we­nigs­tens nicht nach­re­den kön­nen, dass ich den Trot­tel nicht ge­kannt und ehr­lich ge­malt ha­be.» 1916 kom­men zehn Selbst­bild­nis­se hin­zu, 1917 sechs wei­te­re, 1918 sein letz­tes. Als er am 19. Mai je­nes Jah­res die Au­gen für im­mer zu­macht, be­sucht ihn sein Freund Cu­no Amiet und tut, was Hod­ler sel­ber bei zwei ver­stor­be­nen Ge­lieb­ten ge­tan hat. Amiet: «Ich mal­te ihn. Er lag im Sarg.»

Das Ma­len mit demLie­ben ver­bin­den:«Bild­nis Gi­u­lia Leo­nar­di», um 1910 (links). «Ich pfei­fe auf al­les, das über mich ge­sagt wird»: Hod­ler in ei­ner un­da­tier­ten Auf­nah­me (un­ten).

Im Gen­fer Ate­lier um 1903: Hod­ler vor sei­nem Mo­nu­men­tal­werk «Der Tag».

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