hans ul­rich obrist

Kunst­wer­ke oh­ne En­de

Das Magazin - - Contents - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don.

Was ist ein Kunst­werk?

So zahl­reich die De­fi­ni­tio­nen und Bei­spie­le sind, ein paar ver­bin­den­de Ei­gen­schaf­ten gibt es. Be­zie­hungs­wei­se: gab es. Ein Kunst­werk ist ein Ge­gen­stand zum An­schau­en, es wur­de von ei­nem Künst­ler kon­zi­piert, und es ist in sich ab­ge­schlos­sen – ein Bild hat ei­nen Rah­men, ein Vi­deo hat ei­nen An­fang und ein En­de, auch wenn es als Lo­op, als End­los­wie­der­ho­lung, ab­ge­spielt wird.

Und da kom­men Pier­re Huyg­he und sein Kon­zept des «le­ben­den Kunst­werks» ins Spiel, das der letz­ten Ka­te­go­rie wi­der­spricht. Huyg­he kre­iert Bio­to­pe und Land­schaf­ten, in de­nen Hun­de oder Bie­nen zu­sam­men mit den Be­su­chern Teil ei­nes gros­sen, sich stän­dig ver­än­dern­den Or­ga­nis­mus sind. Doch hat­te er bis­lang auf die Spon­ta­nei­tät und In­tel­li­genz von Tier und Mensch ge­setzt, bringt er nun, in ei­nem Pro­jekt für die Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries, auch die künst­li­che In­tel­li­genz ins Spiel. Ge­nau­er: Es geht um ei­ne Art Ma­schi­nen­te­le­pa­thie.

Der Ver­suchs­auf­bau ist fol­gen­der: In ei­nem La­bor im ja­pa­ni­schen Kyo­to, mit dem Huyg­he für die­se Ar­beit kol­la­bo­riert, sitzt ein Mann, des­sen Ge­hirn mit ei­ner Ma­schi­ne, ei­nem Com­pu­ter, ver­drah­tet wird. Dann for­dert Huyg­he ihn auf, an ein be­stimm­tes Bild, zum Bei­spiel das ei­nes Hun­des, zu den­ken, das er dem Mann zu­vor ge­zeigt hat. Und wäh­rend der Mann sich kon­zen­triert und sich das Bild mög­lichst ge­nau zu ver­ge­gen­wär­ti­gen ver­sucht, gleicht der Com­pu­ter Mil­lio­nen von Hun­de­bil­dern mit dem Bild im Hirn des Man­nes ab, mit dem er ver­ka­belt ist.

Was man in der Aus­stel­lung sieht, sind Lein­wän­de, auf wel­che die Hun­de­bild­su­che des Com­pu­ters in Slow Mo­ti­on pro­ji­ziert wird. Die Tie­re, Far­men und For­men über­blen­den sich und er­in­nern an sur­rea­lis­ti­sche We­sen, auch an Fran­cis Ba­cons ver­zerr­te, ent­stell­te Fi­gu­ren. Es ist ei­ne flies­sen­de Met­a­mor­pho­se, die – und da­mit kom­men wir zum Aspekt der Unend­lich­keit die­ses Werks – nie wie­der von vor­ne an­fängt, son­dern stän­dig Rich­tung und Kon­fi­gu­ra­ti­on än­dert. Ge­ne­riert wer­den die­se Ve­rän­de­run­gen von den Be­su­chern im Mu­se­um: ih­re An­zahl, wo­hin sie bli­cken, wie viel Was­ser sie ver­duns­ten. Auch das Licht, der Staub in der Luft und die 50 000 Flie­gen, die Huyg­he hier aus­ge­setzt hat, be­ein­flus­sen das Werk. Das gan­ze Ge­bäu­de ist mit ei­nem eng­ma­schi­gen Netz von Sen­so­ren über­zo­gen, die je­de Ve­rän­de­rung re­gis­trie­ren und an den Bild­ge­ne­ra­tor über­mit­teln.

Ja, das ist kom­ple­xe, dem Le­ben nach­ge­bil­de­te, es ist un­end­li­che Kunst.

Un­end­li­che Bil­der­ma­gie dank Com­pu­ter-te­le­pa­thie. An Pier­re Huyg­hes in­ter­ak­ti­vem High­tech-werk ar­bei­ten Men­schen, Ma­schi­nen – und Flie­gen.

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