Max küng

Lie­ber Herr Brüg­ger aus Trut­ti­kon

Das Magazin - - Contents - M A X K Ü N G ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Illustration SA­TO­SHI HA­SHI­MO­TO

dem Dorf mit der gol­de­nen Trau­be im Wap­pen (nicht zu ver­wech­seln mit Trül­li­kon, dem Nach­bar­dorf, aber ich möch­te doch an­mer­ken: Die­se bei­den Na­men klin­gen schon ir­gend­wie nach ei­nem Ko­mi­ker­duo). Bes­ten Dank für Ih­ren elek­tro­ni­schen Le­ser­brief, in dem Sie an­re­gen, über ein be­stimm­tes, wich­ti­ges The­ma zu schrei­ben. Er kam zur rech­ten Zeit, denn ei­gent­lich woll­te ich die­ses Mal gar kei­ne Ko­lum­ne schrei­ben. Je­mand an­de­res soll­te schrei­ben: mei­ne Ärz­tin, und zwar mich krank. Dann aber be­sann ich mich ei­nes Bes­se­ren, biss auf die Zäh­ne. Nicht oh­ne Grund.

Es wird ja zur­zeit viel dar­über ge­spro­chen und ge­schrie­ben, was es heisst, ein Mann zu sein. Das in­ter­es­siert mich, denn auch ich bin ein Mann, zu ge­wis­sen Tei­len we­nigs­tens. Ich ver­su­che je­den­falls mein Bes­tes. Und ich le­be nach ge­wis­sen Re­geln. Ei­ne die­ser Re­geln heisst: Nicht jam­mern.

Fragt mich je­mand auf der Stras­se, ei­ne Be­kann­te bei­spiels­wei­se, wie es mir ge­he, dann spü­re ich schon, wie es mich juckt zu jam­mern, zu kla­gen, zu klö­nen. Doch ich hal­te in­ne, at­me tief ein, tief aus, sa­ge: «Es geht sehr gut!»

Da­bei hät­te ich al­len Grund zum Jam­mern, Kla­gen, Klö­nen, denn ei­gent­lich soll­te ich – wie be­reits er­wähnt – krank­ge­schrie­ben sein, dar­nie­der­lie­gen, ru­hen, das Buch zu En­de le­sen, an dem ich seit dem En­de der Som­mer­fe­ri­en dran bin («Der Ge­hil­fe» von Ber­nard Ma­la­mud, sehr emp­feh­lens­wert, da wird auch viel ge­jam­mert). Die Schmer­zen, die mich pla­gen, sie sind links und rechts. Lin­ker Hand sä­bel­te ich mir bei­na­he die Zei­ge­fin­ger­kup­pe ab (das Re­sul­tat von ja­pa­ni­scher Schmie­de­kunst ei­nes Kei­ji Ko­ba­ya­shi in Kom­bi­na­ti­on mit mei­nen Schwei­zer Skills). Rech­ter Hand plagt mich ein Ten­nis­arm. Zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben lei­de ich un­ter ei­nem Ten­nis­arm, und dies, ob­wohl ich noch gar nie ei­nen Ten­nis­schlä­ger in der Hand hielt – nicht der ele­gan­te Sport ist schuld, son­dern Bet­ty Bos­si. Ge­nau­er: Ich buk ei­nen Ku­chen, noch ge­nau­er: ei­nen Ge­burts­tags­ku­chen, noch prä­zi­ser: den «Ge­tränk­ten Zi­tro­nen­ca­ke» – auf Wunsch und nicht oh­ne ei­nen ge­wis­sen Wi­der­wil­len. Ich ko­che ja ger­ne, aber zum Ba­cken ha­be ich ein küh­les Ver­hält­nis. Mein Mot­to, frei nach Nor­man Mai­ler: Tough guys don’t ba­ke. Ei­ner­seits wird ei­nem beim Ba­cken deut­lich ge­macht, was man spä­ter es­sen wür­de, all die kras­sen Men­gen von But­ter und Zu­cker; an­de­rer­seits ist das Ba­cken nichts als ein stu­pi­des, un­krea­ti­ves Be­fol­gen ei­ner Ab­fol­ge von Be­feh­len, die mich an mei­ne fer­ne Mi­li­tär­zeit er­in­nern. Ein sol­cher Be­fehl lau­te­te, 250 Gramm But­ter mit 250 Gramm Zu­cker und vier Ei­ern «sehr gut schau­mig» zu rüh­ren. Was ich ver­such­te. Von Hand. Mit der Kel­le aus Holz. Ich rühr­te und schlug, mal lang­sam, mal schnell, mal sanft, mal grob, der Arm wir­bel­te wie der ei­ner Zei­chen­trick­film­fi­gur – bloss schau­mig wur­de nichts. Es miss­lang. Flu­chend schmiss ich al­les in den Müll, doch ent­täusch­te Kin­der­au­gen vor Au­gen, ging ich er­neut in den La­den, kauf­te wie­der ein An­ken­mö­de­li und vier Eier und den Rest, ver­such­te es noch ein­mal, rühr­te die But­ter weich, tat den Zu­cker da­zu, die Eier, eins nach dem an­de­ren … und es ge­lang. Der Ku­chen, mit ei­ner fin­ger­di­cken Gla­sur (200 Gramm Pu­der­zu­cker oben­drauf), er wur­de sehr gut, wie man mir sag­te (ich rüh­re sol­ches Zeugs ja nicht an), aber eben: Das ei­gent­li­che Re­sul­tat des Ge­burts­tags­ku­chens ist der Ten­nis­arm, der wirk­lich wahn­sin­nig weh­tut, mich plagt, oje, oh weh, oh je­mi­ne; und so tip­pe ich Ih­nen die­se Zei­len mit den schmerz­frei ver­blie­be­nen Fin­gern mei­ner lin­ken Hand, was ei­ne müh­se­li­ge An­ge­le­gen­heit ist, aber wie ge­sagt: Ich möch­te nicht jam­mern. Nur Jam­mer­lap­pen jam­mern.

Dar­über je­doch wol­len Sie, lie­ber Herr Brüg­ger, ja gar nichts le­sen, nichts über das Klö­nen, auch nichts über die Bru­ta­li­tät des Ba­ckens. Ihr An­lie­gen ist ein an­de­res: Kau­gum­mi und die Sau­mo­de der jun­gen Leu­te, die­se zu kau­en. Das ist ein in­ter­es­san­tes The­ma, lie­ber Herr Brüg­ger. Ich kom­me gleich dar­auf zu­rück, so­bald ich mei­nen El­len­bo­gen mit Wall­wurz­sal­be be­stri­chen ha­be wie ei­ne Schei­be Wy­län­der Bau­ern­schin­ken vom Ru­bli aus Martha­len mit Senf.

Mit bes­ten Grüs­sen Max Küng

PS Song zum The­ma, auch wenn der Na­me der Band fast noch bes­ser passt als der Ti­tel des Songs: «I Will Sur­vi­ve» von Ca­ke, 1996.

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