ein tag im le­ben

ei­nes is­rae­li­schen Schü­lers

Das Magazin - - Contents - Pro­to­koll JO­ËL­LE WEIL Bild PRI­VAT

Wenn ich so von der Büh­ne run­ter­schaue, bin ich ei­gent­lich schon stolz. Nein, nicht «ei­gent­lich». Ich bin wirk­lich stolz. Ich hal­te mein Ab­schluss­zeug­nis in der Hand und weiss, dass ich hart da­für ge­ar­bei­tet ha­be. Es wa­ren lan­ge vier Jah­re, die doch ir­gend­wie wie im Flug ver­gin­gen. Und da un­ten sit­zen jetzt mei­ne El­tern und la­chen mir zu. Ihr Ge­sichts­aus­druck zeigt mir, dass ich et­was er­reicht ha­be.

Vor vier Jah­ren kam ich hier­her, ins Ju­gend­dorf Ki­ryat Yea­rim, zwan­zig Mi­nu­ten von mei­ner Hei­mat­stadt Je­ru­sa­lem ent­fernt. Schu­le war da­mals über­haupt nicht mein Ding. Es fiel mir schwer, mor­gens auf­zu­ste­hen und mich zu kon­zen­trie­ren. Je­der Tag war ein Kampf. Es war ei­ne frus­trie­ren­de Zeit, nicht nur für mich, son­dern auch sehr für mei­ne El­tern: Wie mo­ti­viert man sei­nen un­mo­ti­vier­ten Sohn für die Schu­le? Ir­gend­wann wuss­ten wir al­le drei nicht mehr wei­ter. Auf un­se­rer Su­che nach Lö­sun­gen schau­ten wir uns ver­schie­de­ne Schu­len an, un­ter ih­nen ei­ni­ge In­ter­na­te. Ich wuss­te be­reits mit fünf­zehn, dass nur so et­was wie ein In­ter­nat mir hel­fen wür­de, mich zu fo­kus­sie­ren. Weil sich dort am ehes­ten der Druck auf­baut, den ich wohl von mei­nem We­sen her ir­gend­wie brau­che.

Als wir Ki­ryat Yea­rim zum ers­ten Mal be­such­ten, merk­te ich schnell, dass dies der rich­ti­ge Ort für mich ist. Im Dorf le­ben Ju­gend­li­che aus meist so­zi­al schwa­chen Fa­mi­li­en, die aus dem re­gu­lä­ren Schul­pro­gramm raus­ge­fal- len sind und als «ge­fähr­det» gel­ten. Das Dorf liegt auf ei­nem Hü­gel, man sieht in die Wei­te. Und da gibt es die­sen Wind, der für Je­ru­sa­lem so ty­pisch ist – die­ses Ge­fühl, drin­nen und da­bei doch draus­sen zu sein. Ich ha­be es auf An­hieb ge­liebt.

Doch leicht war es auch hier nicht im­mer. Vor al­lem der An­fang fiel mir schwer. Ich ha­be mein Bett ver­misst, mei­ne Fa­mi­lie. Ich brauch­te ei­ni­ge Mo­na­te, um mich an mein neu­es, zwei­tes Zu­hau­se zu ge­wöh­nen. Ge­weint ha­be ich nie. Aber ich ha­be oft mei­ne El­tern an­ge­ru­fen und mit ih­nen ge­re­det. Manch­mal den­ke ich, dass mei­ne Zeit im In­ter­nat uns en­ger zu­sam­men­ge­bracht hat. Die räum­li­che Tren­nung hat­te zur Fol­ge, dass wir ak­tiv das Ge­spräch mit­ein­an­der su­chen muss­ten. Wir stan­den uns schon im­mer nah, aber nach die­sen vier Jah­ren sind wir uns nä­her als zu­vor. Und es fühlt sich wirk­lich toll an, sie nun so stolz zu se­hen.

Ei­nes der bes­ten Er­leb­nis­se wäh­rend mei­ner Schul­zeit hier war die Klas­sen­fahrt in die Schweiz. Dass mein Ju­gend­dorf zu ei­nem Vier­tel von der Schweiz fi­nan­ziert wird, merk­ten wir im­mer wie­der. Re­gel­mäs­sig ka­men uns Spen­der aus der Schweiz be­su­chen, der Bot­schaf­ter war schon ein paar­mal hier, so­gar die 1.-Au­gust-fei­er fand letz­tes Jahr hier im Dorf statt. Ba­sel war toll. Zü­rich auch. Und all die Or­te, de­ren Na­men ich ver­ges­sen ha­be. Ich rei­se be­stimmt wie­der hin.

Jetzt bin ich be­reit, die­se Schu­le zu ver­las­sen. Ich muss ja auch. Sie sa­gen uns im­mer, wir wür­den jetzt er­wach­sen. Ich ha­be Re­spekt vor die­sem Schritt. In ei­nen Le­bens­ab­schnitt zu tre­ten, in dem ich al­lein be­stim­me, wo es durch­geht. Man hat mir hier bei­ge­bracht, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Nicht nur für an­de­re, son­dern vor al­lem für mich selbst. Das wird mir be­stimmt hel­fen, in Zu­kunft das Rich­ti­ge zu tun.

Ich wer­de noch nicht gleich den ob­li­ga­to­ri­schen drei­jäh­ri­gen Mi­li­tär­dienst an­tre­ten. Ich wer­de zu­erst zwei Jah­re ler­nen, wie man Fern­se­hen und Ki­no macht. Es ist mein Traum, da­von le­ben zu kön­nen. Ich möch­te mich krea­tiv aus­drü­cken kön­nen und da­mit mein Le­ben fi­nan­zie­ren. Und Fern­se­hen und Ki­no ha­ben mich schon im­mer in­ter­es­siert und schei­nen mir für mich das pas­sen­de Aus­drucks­mit­tel zu sein. Ich ma­che üb­ri­gens auch Mu­sik. Und ich schrei­be. Aber bis ich mich für ei­nen Be­ruf ent­schei­den muss, dau­ert es eh noch ein we­nig.

Trotz­dem fühlt sich der Tag heu­te schon wie der ers­te Tag ei­nes neu­en Ka­pi­tels an.

Nach vier Jah­ren ver­lässt NETANEL E L I M E L E C H (18) das Ju­gend­dorf Ki­ryat Yea­rim in Is­ra­el. Jetzt muss er er­wach­sen wer­den.

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