Neo-bie­der­mei­er

Das Magazin - - N° 45 — 10. November 2018 - Ni­na Kunz

Wenn sich Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten ein­mal in ei­nen Be­griff ver­narrt ha­ben, dann wird er ge­braucht, bis man ihn nicht mehr hö­ren kann. Ein sol­ches Wort ist der­zeit: «Neo-bie­der­mei­er».

Ob in der «Frank­fur­ter All­ge­mei­nen» oder im «Spie­gel», fast al­le gros­sen Nach­rich­ten­ti­tel ha­ben in den letz­ten drei Jah­ren die­sel­be Ge­schich­te ge­bracht: In­ter­es­sant! Die Jun­gen von heu­te zie­hen sich im­mer mehr ins Pri­va­te zu­rück. Sie kau­fen Mal­bü­cher, ste­hen auf Duft­ker­zen, tau­schen Mar­me­la­den­re­zep­te aus und bas­teln lie­ber Traum­fän­ger, als Par­ty zu ma­chen. Sie hei­ra­ten jung, lie­ben das dä­ni­sche hyg­ge (auf der Couch ku­scheln) und prah­len auf Ins­ta­gram un­ter dem

Hash­tag #in­sta­plant mit ih­rer Or­chi­de­en­zucht. Um die­ser Be­ob­ach­tung die nö­ti­ge Au­to­ri­tät zu ver­lei­hen, wird meis­tens ei­ne Stu­die zi­tiert, in der so et­was steht wie: «An­ge­sichts ei­ner als zer­ris­sen und brü­chig er­leb­ten Le­bens­wirk­lich­keit sehnt sich die Ju­gend nach Sta­bi­li­tät. Si­cher­heit und Kon­trol­le fin­det sie in der Flucht in ei­ne ab­ge­steck­te, ver­läss­li­che Bie­der­mei­er­welt.»

Das hört sich durch­aus nach­voll­zieh­bar an: Kom­pli­zier­te Ge­gen­wart = Wunsch nach Woll­so­cken, Tee und Ein­krü­meln. Doch der Be­griff «Neo­bie­der­mei­er» ist trotz­dem fehl am Platz! Zur Er­in­ne­rung: Mit Bie­der­mei­er ist die Zeit zwi­schen 1818 und der Re­vo­lu­ti­on von 1848 ge­meint, in der die herr­schen­den Kräf­te ver­such­ten, in Eu­ro­pa die Ver­hält­nis­se vor den Na­po­leo­ni­schen Krie­gen wie­der­her­zu­stel­len. Der Be­griff be­schreibt ei­ne Kul­tur, in der sich das Bür­ger­tum ins Idyll des Pri­va­ten flüch­te­te. Man stand auf Haus­mu­sik, blu­mi­ge Ge­dich­te, Tu­gend­haf­tig­keit und ro­sa Wohn­stu­ben. Ziem­lich bie­de­re Sa­che halt.

Rich­tig ist, dass die heu­ti­ge Äs­the­tik an je­ne des Bie­der­mei­er er­in­nert und es auch heu­te die Pri­vi­le­gier­ten sind, die sich ein sol­ches Ku­schel­l­e­ben leis­ten kön­nen (da­mit mei­ne ich: die Men­schen im glo­ba­len Wes­ten). Doch his­to­risch ge­se­hen war die Ära nach Na­po­le­on ei­ne ver­gleichs­wei­se fried­li­che. Man ruh­te sich ge­wis­ser­mas­sen vom Krieg aus. Heu­te ist die Flucht ins Ku­sche­li­ge je­doch in ers­ter Li­nie ein in­di­vi­dua­lis­ti­scher Li­fe­style, bei dem man das ei­ge­ne Glück über al­les an­de­re stellt. Es geht hier al­so um ei­ne viel grund­sätz­li­che­re Trans­for­ma­ti­on.

Wir le­ben heu­te in ei­ner Zeit, in der es zwar so we­ni­ge Krie­ge gibt wie noch nie – da­für aber Be­dro­hun­gen apo­ka­lyp­ti­schen Aus­mas­ses durch Kli­ma­wan­del und Atom­waf­fen. An­ge­sichts des­sen scheint es ab­surd, dass sich die jun­gen Leu­te der­zeit mehr für Duft­ker­zen und hyg­ge in­ter­es­sie­ren als für die Pro­ble­me der Welt. Für sol­chen ver­blö­de­ten Es­ka­pis­mus greift der Be­griff «Neo-bie­der­mei­er» viel zu kurz. Schliess­lich müss­ten doch gera­de die Leu­te, die sich die­sen Li­fe­style leis­ten kön­nen, ih­re Pri­vi­le­gi­en nut­zen, um et­was zu än­dern. Was wir gera­de er­le­ben,

Il­lus­tra­tio­nen ALEX­AN­DRA COMPAIN-TISSIER ist dar­um nicht «Bie­der­mei­er», ich glau­be, man nennt es bes­ser das, was es ist: Igno­ranz.

NI­NA KUNZ ist His­to­ri­ke­rin und Jour­na­lis­tin.

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