CHEM­NITZ

Vor 29 Jah­ren gin­gen die Chem­nit­zer auf die Stras­se, um ein Sys­tem zu kip­pen, von dem sie sich nicht ernst ge­nom­men fühl­ten. Heu­te tun sie es wie­der.

Das Magazin - - Hans Ulrich Obrist Melanie Winiger - Von Sven Beh­risch

Als der Ddr-grenz­schüt­zer Ti­lo Koch aus Karl-marx-stadt im Herbst des Jah­res 1989 taub vor Angst in ei­nem Ne­ben­ge­bäu­de des Bran­den­bur­ger Tors lag, war schon nichts mehr zu ret­ten. Bet­ti­na Sau­er sass an ei­ner Strick­ma­schi­ne des VEB Po­lar und strick­te die letz­ten Char­gen So­cken für die Rus­sen, wäh­rend Co­ri­na Jis­tel im Spi­tal in den We­hen lag, und we­der Wolf­gang Be­cker, Be­triebs­lei­ter im Kom­bi­nat Fritz He­ckert, noch Win­fried Wen­zel, der noch im­mer auf sein Te­le­fon war­te­te, ahn­ten, dass die Blü­te der In­dus­trie­stadt Chem­nitz, ihr Land und ihr bis­he­ri­ges Le­ben nun bald aus­ge­löscht sein wür­den.

Al­le fünf sind Chem­nit­zer, und das ist fast schon al­les, was sie ver­bin­det. Die an­de­re, noch stär­ke­re Ver­bin­dung aber ist die­se: Sie al­le ha­ben nach dem Mau­er­fall Din­ge er­lebt, von de­nen der Wes­ten bis heu­te kei­ne Ah­nung hat. Und die ihn auch gar nicht in­ter­es­sie­ren. Es sind fast im­mer Ge­schich­ten der De­mü­ti­gung, die den Chem­nit­zern das Ge­fühl ver­mit­teln, Deut­sche zwei­ter Klas­se zu sein.

Die ge­mein­sa­me deut­sche Wen­de-er­zäh­lung be­ginnt mit dem 9. No­vem­ber 1989, dem Tag, an dem die Mau­er fiel. Und sie en­det ein knap­pes Jahr spä­ter, am 3. Ok­to­ber 1990, dem Tag der Deut­schen Ein­heit. Da­nach gin­gen Ost und West wie­der ge­trenn­te We­ge – gar nicht so an­ders als in den vier­zig Jah­ren DDR zu­vor.

Die Vor­ge­schich­te die­ser zwei­ten deut­schen Tei­lung aber ist ein wah­res Mär­chen. Kei­ner kann es so schön er­zäh­len wie Ti­lo Koch. Er sitzt in der Kü­che sei­nes El­tern­hau­ses in Chem­nit­ze­bers­dorf. Die Haa­re halb­lang und blon­diert, die Ba­cken dick von ei­ner Wur­zel­be­hand­lung. Vor ihm ein Bröt­chen mit Wurst, das er gern es­sen wür­de, aber nicht kann. Ein Bröt­chen wie der So­zia­lis­mus: Er moch­te ihn, konn­te ihn aber nicht ge­nies­sen. Koch hat­te es gut. Sein Va­ter war ein ho­hes Tier bei der Sta­si in Sach­sen und nahm ihn manch­mal in ein ge­hei­mes Ka­der­ho­tel mit, das ei­nen ei­ge­nen Swim­ming­pool hat­te. Auch an Zi­ga­ret­ten, Bier und Mäd­chen gab es kei­nen Man­gel. Nur war es im So­zia­lis­mus lei­der furcht­bar grau und öde.

Koch grün­de­te ei­ne Punk­band. Nicht aus Wi­der­stand ge­gen das Sys­tem, eher ge­gen die Lan­ge­wei­le. Er nann­te sie Ro­ter Ter­ror. Für ein un­an­ge­mel­de­tes Kon­zert in ei­nem Kel­ler mal­te er ein Pla­kat: ein So­wjet­stern, des­sen un­te­res En­de zer­fliesst.

Nach den ers­ten vier Songs kam die Po­li­zei. Sie kon­fis­zier­ten sein Pla­kat und sei­nen Aus­weis. Koch lief nach Hau­se und klopf­te mit­ten in der Nacht an die Schlaf­zim­mer­tür sei­nes Va­ters. Als der her­aus­kam, sag­te er nur: Ist es al­so so weit. Der Va­ter hol­te ei­nen Co­gnac aus der Schrank­wand im Wohn­zim­mer. Sie sas­sen bis zum Mor­gen und leer­ten die gan­ze Fla­sche. Und hat­ten ei­nen De­al ge­schlos­sen: Wenn du mir hilfst, hel­fe ich dir.

Der Va­ter rief ei­ne Son­der­ein­heit der Sta­si an. Sie soll­ten bei der Po­li­zei ein­bre­chen und das Pla­kat mit dem So­wjet­stern her­aus­schmug­geln, da­mit es kein Be­weis­stück mehr gibt. Das ha­ben sie ge­macht. Und Ti­lo muss­te auf die Of­fi­ziers­schu­le.

Die war hart. Er kam in die 21. Kom­pa­nie der Grenz­trup­pen, ei­ne Eli­te­ein­heit. Sie üb­ten Häu­ser­kampf, Hub­schrau­ber­kampf, end­lo­se Mär­sche. «Ich woll­te auf­hö­ren, aber ich konn­te nicht. Aus Loya­li­tät.» Er steckt sich ei­ne Zi­ga­ret­te an. «Und weil ich ver­liebt war.» Sie war das hüb­sches­te Mäd­chen sei­ner Schul­klas­se, Typ Mo­del, un­er­reich­bar für ei­nen wie ihn.

Aber sie schrieb ihm, schick­te ein Fo­to von sich, das er je­den Tag an­sah. Und sie kam zu sei­ner Ve­rei­di­gung als Grenz­sol­dat. Er hat­te ein Ziel: Ur­laub mit ihr, es war be­reits al­les ge­plant: erst nach Schloss Mo­ritz­burg, dann ins Elb­sand­stein­ge­bir­ge. Nach der Pa­ra­de zur 40-Jahr-fei­er der DDR in Ber­lin soll­te es los­ge­hen. Der Ur­laub wur­de ge­stri­chen.

Statt­des­sen lan­de­te er in dem Haus am Bran­den­bur­ger Tor. Die An­sa­ge war: Als De­mons­tran­ten ge­tarn­te Ter­ro­ris­ten zö­gen durch die Stadt. Es sei mit Mes­ser­at­ta­cken, Bom­ben und Mo­lo­tow­cock­tails zu rech­nen, es ge­he um das Land, um die Idee, um al­les. Um die Sol­da­ten ab­zu­len­ken, lies­sen die Of­fi­zie­re Fil­me zei­gen, West­fil­me. In «Moon­struck», mit Cher, sagt Koch, sah Cher aus wie sei­ne Freun­din. Es ist bis heu­te sein Lieb­lings­film. Dann die Ver­le­gung zum Check­point Char­lie, am 9. No­vem­ber 1989. Noch im­mer wuss­ten sie nicht, was los war. Aber sie sa­hen es: Von bei­den Sei­ten der Gren­ze mar­schier­ten Tau­sen­de Men­schen auf sie zu. Sie ver­such­ten, die Men­ge zu­rück­zu­drän­gen, bil­de­ten ei­ne Ket­te. Sie zer­riss, und Koch trieb, von der Mas­se mit­ge­spült, mal in den Os­ten, mal in den Wes­ten. Er rech­ne­te je­der­zeit mit ei­nem Mes­ser­an­griff, hat­te To­des­angst, aber die Men­schen küss­ten und um­arm­ten ihn, ris­sen ihm die Ab­zei­chen von der Uni­form. Ir­gend­wann zog ihn ein Ka­me­rad hin­ter ei­ne Ab­zäu­nung. Die Gren­ze war of­fen. Die Leu­te war­fen ih­nen Blu­men und Zei­tun­gen über die Ab­sper­rung. Sie wa­ren ein­ge­kes­selt. Sie wa­ren ge­fan­gen. Und frei.

Je­der Deut­sche, der da­mals alt ge­nug war, wird sich ein Le­ben lang an die­se Bil­der er­in­nern, den Tau­mel, die strah­len­den Ge­sich­ter. Noch heu­te flies­sen auch beim Au­tor die­ser Zei­len die Trä­nen, wenn im Fern­se­hen die Bil­der von Aus­sen­mi­nis­ter Gen­scher ge­zeigt wer­den, der die Ddr-ge­flüch­te­ten vom Bal­kon der deut­schen Bot­schaft in Prag in der BRD will­kom­men heisst: «Wir sind zu Ih­nen ge­kom­men, um Ih­nen mit­zu­tei­len, dass Ih­re Aus­rei­se ...», der Rest ging un­ter im Freu­den­ge­schrei.

Et­li­che Ver­fil­mun­gen die­ser Ju­bel­ta­ge gibt es, in de­nen die DDR, ei­ne nied­li­che Pup­pen­welt aus grau­brau­nem Plas­tik, im Tr­ab­bi ih­rem his­to­ri­schen End­ziel ent­ge­gen­knat­tert: der BRD. Auch Ti­lo Kochs Ge­schich­te hielt für ein Rühr­stück im ZDF her. Es en­det da­mit, wie er sei­ne Freun­din auf der Zo­nen­gren­ze in die Ar­me schliesst. Und dann hört nicht nur der Film auf, son­dern auch die ge­mein­sa­me Ge­schich­te von Ost und West.

Was folgt, war für Koch und sei­ne Lands­leu­te, egal wie sehr sie die Wen­de er­sehnt hat­ten, ei­ne Zeit der Ver­nich­tung und der Be­set­zung. Ver­nich­tet wur­den Ge­wiss­hei­ten und Ge­wohn­hei­ten, Jobs und In­dus­tri­en. Be­setzt wur­de das wüs­te Ost­deutsch­land von west­deut­schen Ju­ris­ten, Ma­na­gern und Aben­teu­rern. Sie ka­men und ver­kauf­ten den ah­nungs­lo­sen Ost­deut­schen ih­re Schrott­au­tos und so­gar Al­di-ka­ta­lo­ge. So­lan­ge der Wes­ten noch glänz­te, liess sich al­les, was von dort kam, zu Geld ma­chen. Koch hei­ra­te­te sei­ne Freun­din, in Mo­ritz­burg. Er be­gann ein Stu­di­um der Be­triebs­wirt­schaft an der Chem­nit­zer Uni­ver­si­tät. Nach zwei Jah­ren hiess es dann, sämt­li­che Prü­fun­gen müss­ten wie­der­holt wer­den, da al­le Pro­fes­so­ren ent­las­sen und durch West-leh­rer er­setzt wür­den. Auch der Bür­ger­meis­ter und al­le hö­he­ren Ver­wal­tungs­stel­len wur­den mit West­lern be­setzt, mit «Busch­zu­la­ge», für die Zu­mu­tung, im Os­ten ar­bei­ten zu müs­sen. Da auch im Wes­ten nicht un­be­grenzt Spit­zen­kräf­te zur Ver­fü­gung stan­den, ka­men nicht im­mer die Bes­ten und nicht im­mer je­ne mit den lau­ters­ten Ab­sich­ten. Koch schmiss das Stu­di­um und mach­te ei­ne Kn­ei­pe auf. Es wa­ren gol­de­ne, doch trau­ri­ge Jah­re für ihn. Die ar­beits­los ge­wor­de­nen Men­schen sof­fen sich je­den Abend die Bir­ne weg. Das war gut fürs Ge­schäft. Aber die See­le, sie litt.

Die De­mü­ti­gung

Das Zen­trum von Chem­nitz ist kein hüb­scher Ort. Nicht so hübsch wie die vie­len Städ­te in den neu­en Bun­des­län­dern, die im Zu­ge des Gross­pro­jekts Auf­bau Ost zu his­to­ri­schen Schatz­kis­ten wur­den. Das liegt auch dar­an, dass Karl-marx-stadt, wie Chem­nitz in der DDR hiess, zur so­zia­lis­ti­schen Mus­ter­stadt um­ge­baut wor­den war, mit brei­ten Auf­marsch­stras­sen, wei­ten Plät­zen und mehr­stö­cki­gen, mas­si­ven Block­bau­ten, die Dy­na­mik und Stär­ke von so­zia­lis­ti­scher Wirt­schaft und so­zia­lis­ti­schem We­sen de­mons­trie­ren soll­ten. Geo­gra­fi­sches und sym­bo­li­sches Zen­trum ist der gi­gan­ti­sche Karl-marx-kopf, Ni­schel ge­nannt, der auch nach der ka­pi­ta­lis­ti­schen Wen­de über die Pro­le­ta­ri­er der Stadt wacht, ar­beits­los ge­wor­den wie die­se.

Im Zen­trum ha­ben die Stadt­pla­ner nach der Wen­de mit gro­ben Nutz­bau­ten ein paar ge­schlos­se­ne Plät­ze ge­schaf­fen, mit Ca­fés und Ge­schäf­ten – und oh­ne den Wind, der ei­nem auf den brei­ten Ma­gis­tra­len ent­ge­gen­bläst. In ei­nem sol­chen Ca­fé sit­zen jetzt Co­ri­na und Det­lef Jis­tel und bli­cken auf die Bu­den, aus de­nen Wurst­ver­käu­fer aus dem gan­zen Bun­des­ge­biet, aber oh­ne Kund­schaft auf sie zu­rück­star­ren. Es ist der 3. Ok­to­ber 2018, der Tag der Deut­schen Ein­heit. Im Gro­ben und Gan­zen, sa­gen sie, geht es uns gut.

Wenn sie ein Ge­fühl hat, das ih­re Ge­dan­ken an die DDR be­glei­tet, sagt Co­ri­na Jis­tel, dann die­ses: Ge­bor­gen­heit.

Sie sind in ih­ren Fünf­zi­gern, die Kin­der aus dem Haus, sie ha­ben die schwie­ri­gen Jah­re ge­meis­tert, mit Dis­zi­plin und durch vie­le Här­ten, die Spu­ren in ih­ren Ge­sich­tern hin­ter­lies­sen. Nach der Wen­de ha­ben sie sich mit ei­nem Rei­fen­ser­vice selbst­stän­dig ge­macht. Das Ge­schäft läuft, denn oh­ne Au­to kommt man in Chem­nitz nicht weit, und so­lan­ge Au­tos fah­ren, brau­chen sie auch ei­nen Rei­fen­wech­sel. Sie sind kei­ne Geg­ner der Ver­än­de­rung. Sie wa­ren auch auf den Stras­sen 1989 bei den Mon­tags­de­mos, sie woll­ten das En­de. Doch als es dann wirk­lich kam, wa­ren sie über­rascht. Al­les ging so schnell. Es war nicht das Neue, das sie über­for­dert hat, es war das Al­te, Ge­wohn­te und durch Ge­wohn­heit lieb Ge­won­ne­ne, das prak­tisch über Nacht ver­schwand.

Er, Det­lef Jis­tel, will da­zu nichts sa­gen. Sie sagt, je län­ger die Wen­de her ist, des­to kla­rer wer­de ihr, was sie auf­ge­ge­ben ha­ben. Die Si­cher­heit. Die So­li­da­ri­tät. In der DDR hat ein Di­rek­tor ge­nau­so viel ver­dient wie ein Hand­wer­ker. Es ging je­dem in et­wa gleich gut, weil es den we­nigs­ten wirk­lich schlecht ging. Man leb­te in den glei­chen Woh­nun­gen, trug die glei­chen Klei­der und fuhr die glei­chen Au­tos. Es gab we­nig Neid auf Ma­te­ri­el­les, denn es gab kei­nen Grund da­zu.

Weil man we­nig hat­te und es nicht al­les, was man brauch­te, zu kau­fen gab, muss­te man tau­schen, ein­an­der aus­hel­fen. Der ei­ne hat­te ei­ne Bohr­ma­schi­ne, der an­de­re ei­nen Ei­mer Far­be. Die Stadt war si­cher, der Ar­beits­platz so­wie­so. «Es war ei­ne be­hü­te­te Zeit, man hat­te vor nichts Angst, so­lan­ge man nicht über Po­li­tik re­de­te.» Wenn sie ein Ge­fühl ha­be, das ih­re Ge­dan­ken an da­mals be­glei­te, dann die­ses: Ge­bor­gen­heit.

Sie sagt: «Ich war bei der Wen­de 25 Jah­re alt, und die­se 25 Jah­re ha­ben mich stär­ker ge­prägt als al­les, was da­nach kam.» Zu­mal al­les, was folg­te, ra­di­kal an­ders war: neue Be­hör­den, neu­es Geld, neue Wa­ren, neue Ma­na­ger, neue Po­li­ti­ker. Und all das kam aus dem Wes­ten. Nichts aus dem Os­ten wur­de über­nom­men, kein ein­zi­ges Ge­setz, kei­ne Re­ge­lung und kein Ri­tu­al wie die Bri­ga­de­ver­gnü­gen oder die Be­triebs­aus­flü­ge. Nur die Am­pel­männ­chen mit dem Hut ha­ben sie nach­träg­lich wie­der ein­ge­führt, als klei­nes Nost­al­gie­bon­bon.

Im Wes­ten da­ge­gen blieb al­les beim Al­ten. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung war ein woh­li­ger Tri­umph der Ge­schich­te, ei­ne Art Wm-su­per­sieg, be­glei­tet von ei­nem Kon­junk­tur­pro­gramm für die Wirt­schaft. Was sich än­der­te, wa­ren im We­sent­li­chen das ge­wach­se­ne Port­fo­lio der Im­mo­bi­li­en­fir­men und die säch­seln­den An­sa­ger in den U-bah­nen von München.

Was das Un­gleich­ge­wicht an­geht, hat sich bis heu­te nichts ge­än­dert. Ei­ne Stu­die der Uni­ver­si­tät Leip­zig mit dem Ti­tel «Wer be­herrscht den Os­ten?» stellt fest, dass Füh­rungs­po­si­tio­nen in Po­li­tik und Wirt­schaft im Os­ten bis heu­te nur zu 23 Pro­zent von Ost­deut­schen be­setzt sind und gera­de ein­mal 13 Pro­zent der Rich­ter­stel­len. Bun­des­weit sind die Zah­len un­ter­ir­disch: Gan­ze 1,7 Pro­zent der Füh­rungs­kräf­te stam­men aus den neu­en Bun­des­län­dern, 2 von 200 Ge­ne­rä­len der Bun­des­wehr, 5 von 156 Staats­se­kre­tä­ren der Bun­des­re­gie­rung, und bei der Wo­chen­zei­tung «Die Zeit», so hat ein Kol­le­ge ge­zählt, ar­bei­ten un­ter den 200 Au­to­rin­nen und Au­to­ren gera­de ein­mal 10, die aus dem Os­ten stam­men. Bei den an­de­ren lan­des­wei­ten Me­di­en sieht es ganz ähn­lich aus, und auch das ist ein Grund, war­um das gröss­te The­ma prak­tisch al­ler Ost­deut­schen, die vor dem Mau­er­fall zur Welt ka­men – das Trau­ma der Wen­de – in der Bun­de­söf­fent­lich­keit schlicht nicht vor­kommt.

«Sie ha­ben al­les, was aus dem Os­ten kam, ein­fach weg­ge­wor­fen», sagt Co­ri­na Jis­tel. Na­tür­lich sei die DDR ein Un­rechts­staat ge­we­sen, aber die Stras­sen­ver­kehrs­ord­nung, das Schul­we­sen, das Ge­sund­heits­sys­tem – es kann doch nicht al­les schlech­ter ge­we­sen sein! Ihr ers­ter Sohn kam am 13. No­vem­ber 1989 zur Welt, ein Wen­de­kind. In den 90er-jah­ren sei sie dann von West­frau­en als Ra­ben­mut­ter be­schimpft wor­den, weil sie ge­ar­bei­tet und ihr Kind in die Ki­ta ge­ge­ben hat. Und nun gibt es, wie es in der DDR selbst­ver­ständ­lich war, in ganz Deutsch­land ei­ne Kita­pflicht. Aber das wird als Neue­rung aus den skan­di­na­vi­schen Län­dern ver­kauft.

War­um, fragt sie, hat man sich denn nach der Wen­de nicht in Ru­he zu­sam­men hin­ge­setzt, al­le Ge­set­ze ein­mal ge­mein­sam an­ge­se­hen und dann ent­schie­den: Was ist hier bes­ser, was dort? Doch dann gibt sie die Ant­wort gleich selbst: weil die Wen­de nicht zur Ein­heit führ­te, wie es of­fi­zi­ell heisst, son­dern zu ei­ner Anne­xi­on. Blü­hen­de Land­schaf­ten ver­sprach Hel­mut Kohl, der Kanz­ler der deut­schen Ein­heit, den Ost­deut­schen. Und er hat recht be­hal­ten: Die Städ­te und Äcker ste­hen im Saft, sie sind neu er­blüht. Doch der Wunsch da­nach, als Teil ei­nes gros­sen Gan­zen in Ge­samt­deutsch­land auf­zu­ge­hen, ist ver­dorrt. Co­ri­na Jis­tel hat das Des­in­ter­es­se, die Ver­ach­tung des Wes­tens ge­gen­über dem Os­ten jah­re­lang er­dul­det. Erst war sie ver­un­si­chert, dann zu be­schäf­tigt, mit der Si­tua­ti­on klar­zu­kom­men, schliess­lich re­si­gniert. Doch noch ein­mal las­sen sie sich nicht ver­ar­schen. Als die Re­gie­rung, wie­der, oh­ne sie zu fra­gen, das Land mit Flücht­lin­gen über­schwemmt ha­be, sei der Os­ten end­lich auf die Stras­se ge­gan­gen, in Dres­den, in Chem­nitz, fast über­all. Es ge­he ihr gar nicht um die Mi­gran­ten, sagt Co­ri­na Jis­tel. Son­dern dar­um, dass man ge­hört wer­de.

Hin­fal­len und auf­ste­hen

Für Ost­deut­sche, die Kri­tik an der Wen­de und ih­ren Fol­gen üben, gibt es zwei Schmäh­wör­ter, die die­se Kri­ti­ker bis­lang zu­ver­läs­sig zum Schwei­gen brach­ten: Jam­me­ros­si. Und Ost­al­gi­ker. Wäh­rend man un­ter den Jam­me­ros­sis Ost­deut­sche sub­su­miert, die es wa­gen, sich zu be­kla­gen, ob­wohl sie vom Wes­ten Mil­li­ar­den an Auf­bau­hil­fen, Au­to­bah­nen, Lidl und Tho­mas Gott­schalk be­ka­men, ver­steht man un­ter dem Ost­al­gi­ker je­nen, der sich ver­meint­lich die DDR zu­rück­wünscht.

Auch den Jis­tels wür­de wohl vor­ge­wor­fen, sie schwelg­ten in Ost­al­gie, weil sie sa­gen, dass die DDR , ein Land, des­sen En­de sie aus­drück­lich be­grüs­sen, durch­aus auch die ei­ne oder an­de­re po­si­ti­ve Ei­gen­schaft hat­te. Und dass, wenn man die­se schon nicht nach Ge­samt­deutsch­land mit­ge­nom­men hat, der Wes­ten doch im­mer­hin an­er­ken­nen kön­ne, dass ihr frü­he­res Le­ben nicht völ­lig ideo­lo­gisch ver­blen­det, durch ei­nen Un­rechts­staat de­le­gi­ti­miert und da­her wert­los ge­we­sen sei. In­ter­es­san­ter­wei­se sind die Kri­ti­ker kri­ti­scher Ost­deut­scher vor al­lem Ost­deut­sche selbst, et­wa der ehe­ma­li­ge Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se von der SPD. Vi­el­leicht aus Furcht, selbst als Ost­al­gi­ker und Jam­me­ros­si zu gel­ten.

Vi­el­leicht gibt es aber auch ei­nen an­de­ren Grund, wes­halb man­che nur über die Vor­tei­le und Er­run­gen­schaf­ten der Wen­de für den Os­ten re­den mö­gen, die ja of­fen­sicht­lich sind und die kaum ei­ner ernst­haft in­fra­ge stellt: Sie mö­gen sich oder an­de­ren nicht ein­ge­ste­hen, wie sehr sie die Be­hand­lung durch den Wes­ten ge­kränkt hat.

Auf ei­ner Bank vor dem grau­en Rat­haus sitzt Bet­ti­na Sau­er, mit leuch­tend ro­ten Schu­hen, ro­tem Schal und

Nur ein­mal hat Bet­ti­na Sau­er ge­dacht: Vi­el­leicht stimmt es doch, was wir in der DDR über die West­deut­schen ge­lernt ha­ben: Sie sind herz­lo­se Ego­is­ten.

ker­zen­ge­ra­dem Rü­cken. Sie hat an die­sem Tag nichts zu tun, kei­ne Ter­mi­ne, kei­ne Ar­beit. Es ist ja auch ein Fei­er­tag. Doch an den an­de­ren Ta­gen geht es ihr nicht an­ders. Sie hat nach der Wen­de wie­der und wie­der ver­sucht, im Be­ruf Tritt zu fas­sen. Ir­gend­wann konn­te sie nicht mehr.

Ge­lernt hat sie Da­ten­ver­ar­bei­tung, ar­bei­te­te im Drei­schicht­be­trieb, dann, 1981, kam das ers­te Kind, und Schicht­ar­beit war nicht mehr drin. Doch nichts fiel leich­ter in der DDR, als den Ar­beits­platz zu wech­seln. Bet­ti­na Sau­er ging zum Volks­ei­ge­nen Be­trieb Po­lar und be­warb sich als Stri­cke­rin. Ge­lernt hat­te sie das Hand­werk nicht, aber es ging auch so. Sie ar­bei­te­te sich schnell ein, ih­re Mit­ar­bei­ter wa­ren Freun­de. Erst spä­ter, nach der Wen­de, wur­den dann aus Freun­den Kol­le­gen.

Wie in je­dem Be­trieb gab es na­tür­lich auch ein paar von der Sta­si. Je­der wuss­te, wer es war. «Die sas­sen in der Kan­ti­ne im­mer al­lei­ne, nie­mand hat mit de­nen ge­re­det.» Sie wa­ren ir­gend­wie auch ar­me Schwei­ne. Aber eben Schwei­ne.

Der VEB Po­lar stell­te Strick­wa­ren al­ler Art her, so­wohl für den in­län­di­schen Be­darf als auch für Russ­land. «Die Rus­sen be­ka­men die­se ex­tra di­cken Hand­schu­he. Sie wa­ren aus be­son­ders bil­li­gem Ma­te­ri­al und ha­ben ge­kratzt, als wä­ren sie aus Holz­wol­le. Aber sie hiel­ten warm.» Als die Mau­er fiel, kauf­te in der DDR kein Mensch mehr Klei­dung aus der DDR. Und die Rus­sen wur­den so arm, dass sie sich nicht ein­mal mehr das bil­li­ge, krat­zen­de Zeug leis­ten konn­ten. Das war das En­de des VEB Po­lar und von Bet­ti­na Sau­ers Kar­rie­re als Stri­cke­rin.

Es gab 4000 D-mark Ab­fin­dung und ei­ne Edv-fort­bil­dung. Sie kam gut weg da­mit, sagt sie. Ar­beits­los wa­ren ja al­le, die 4000 Mark sah sie als Pri­vi­leg. Ihr Mann hat­te aus­ser­dem ei­nen gu­ten Job, bei Schind­ler aus der Schweiz. Als sie merk­te, dass ih­re EDVKennt­nis­se nie­mand woll­te, be­warb sie sich in ei­nem Schuh­la­den. Weil sie Schu­he liebt. «Ich hat­te schon wie­der Glück», sagt sie. Es war ein West­be­trieb, das Ge­halt kam im­mer pünkt­lich. Bis der Schuh­la­den plei­te­ging und sie wie­der auf der Stras­se stand. Da kam die Pa­nik. Die Schei­dung. Und das Burn­out. Das war 2012. Sie muss­te zur Be­hand­lung in ei­ne Re­ha nach Hes­sen, West­deutsch­land. Dort war sie der ein­zi­ge Os­si. «Man­che hat­ten noch nie ei­nen ge­se­hen. Sie ha­ben mich ge­fragt, wie ich dem Hun­ger ent­kom­men sei – sie dach­ten, es ha­be im Os­ten nichts zu es­sen ge­ge­ben. Ja, kei­ne Ba­na­nen, das stimmt, und Oran­gen nur sel­ten und dann aus Ku­ba. Aber das war nicht der Grund, dass so vie­le die DDR nicht mehr woll­ten.» Der Grund war das ka­put­te Sys­tem, die Per­spek­tiv­lo­sig­keit.

Bet­ti­na Sau­er rap­pel­te sich wie­der auf. Ar­beits­lo­sen­hil­fe kam nicht in­fra­ge. Es gibt im­mer Ar­beit, sag­te sie sich. Man muss nur su­chen. Sie über­leg­te: Was mag ich ger­ne? Sie moch­te Fisch. Und be­warb sich bei Rewe, ei­nem gros­sen deut­schen De­tail­händ­ler, für die Fisch­the­ke. Ta­ge ver­bringt sie in der Stadt­bi­blio­thek da­mit, Bü­cher über Fi­sche, de­ren Hal­tung, La­ge­rung, Zu­be­rei­tung zu le­sen. Wie man Mu­scheln öff­net. «Ich hat­te es wirk­lich gut an der The­ke, be­kam 14 Eu­ro die Stun­de plus Zu­schlä­gen.» Aber die Kol­le­gen wa­ren bö­se. Sie fan­den sie zu eif­rig. Ver­steck­ten ih­re Schür­ze, re­de­ten nicht mit ihr, lies­sen sie im­mer­zu put­zen. Sie geht zu ih­rem Chef, ei­nem Wes­si. Der will ihr Dop­pel­schich­ten auf­brum­men, sagt, sie sol­le end­lich auf­hö­ren zu jam­mern. Und sie kün­digt.

Ei­ne neue Ar­beit hat sie seit­her nicht mehr ge­fun­den. Aber das Le­ben sei so schön. Sie ist ge­sund, ih­re Kin­der sind nah. Nur ein­mal, ganz kurz, ha­be sie da­mals ge­dacht: Vi­el­leicht stimmt es doch, was wir in der Schu­le über die West­deut­schen ge­lernt ha­ben: Sie sind herz­lo­se Ego­is­ten.

Die Treu­hand

Ar­beits­lo­se, Le­bens­kri­sen und Ent­täu­schun­gen gibt es über­all, hat es auch im Wes­ten im­mer ge­ge­ben. Und es ist auch rich­tig, dass sich vie­le Ost­deut­sche nie von der Er­war­tung an den Staat lö­sen konn­ten, ih­nen Ar­beit und Woh­nung zu ver­schaf­fen, wie es die DDR im­mer ge­tan hat­te. Ent­spre­chend gross ist bei ih­nen auch die Wut auf die BRD, von der sie sich im Stich ge­las­sen füh­len. Der wirt­schaft­li­che Nie­der­gang hat im Wes­ten zwar nie mit die­ser Här­te das gan­ze Land er­wischt, aber auch die Berg­bau­kum­pel im Ruhr­ge­biet muss­ten er­le­ben, wie sie zu Tau­sen­den auf der Stras­se lan­ de­ten. Je­doch mit ei­nem gra­vie­ren­den Un­ter­schied.

Pe­tra Köp­ping, die In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te in Sach­sen, nennt die­sen in ih­rem Buch mit dem be­zeich­nen­den Ti­tel «In­te­griert doch erst mal uns!». Mit «uns» sind die Ost­deut­schen ge­meint, und die, schreibt Köp­ping, hät­ten eben an­ders als die Kum­pel in Wan­ne­ei­ckel nicht das Mit­ge­fühl der Na­ti­on be­kom­men. Kei­ne Wür­di­gun­gen ih­rer Ar­beit für das Wirt­schafts­wun­der, für das Land, für die Re­gi­on, kei­ne Eh­run­gen durch die Po­li­tik, kei­ne Do­kus im ARD. Im Os­ten, schreibt Köp­ping, blieb je­der mit sei­nen Pro­ble­men al­lein. «Die Nie­der­la­ge des Staa­tes wur­de im Os­ten in in­di­vi­du­el­le Nie­der­la­gen um­ge­wan­delt.»

Für vie­le hat die­se kol­lek­ti­ve in­di­vi­du­el­le Nie­der­la­ge ei­nen Na­men: die Treu­hand. Ge­grün­det wur­de die­se noch vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung von der letz­ten Volks­kam­mer der DDR, mit dem Ziel, die staat­li­chen Un­ter­neh­men zu pri­va­ti­sie­ren und ih­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu si­chern und sie nur in aus­sichts­lo­sen Fäl­len still­zu­le­gen.

Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung wird die Treu­hand de fac­to zu ei­ner west­deut­schen Ab­wick­lungs­be­hör­de des Os­tens. Schon der Na­me, Treu­hand, war ei­ne Ka­ta­stro­phe: 1939 grün­de­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im be­setz­ten Po­len die «Haupt­treu­hand­stel­le Ost», mit der Auf­ga­be, al­len pol­ni­schen Grund und Bo­den so­wie das Ver­mö­gen ent­eig­ne­ter Op­po­si­tio­nel­ler und Ju­den zu ver­wal­ten, sprich: zu kon­fis­zie­ren.

So ähn­lich, als Kon­fis­zie­rungs­stel­le von Volks­ver­mö­gen, se­hen auch de­ren Op­fer die bun­des­deut­sche Treu­hand­an­stalt. Sie ver­wal­te­te das Schick­sal von vier Mil­lio­nen An­ge­stell­ten in rund 45000 Be­trie­ben, de­ren Ge­samt­wert auf et­wa 600 Mil­li­ar­den Deut­sche Mark ge­schätzt wur­de. So­wohl über die­se Sum­me als auch über je­de Mass­nah­me der Treu­hand kur­sie­ren so vie­le Zwei­fel und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, dass es fast un­mög­lich ist, et­was über «die Treu­hand» als Gan­zes zu sa­gen. Nur so viel: Es war ein ge­wal­ti­ges Un­ter­fan­gen, die Wirt­schaft ei­nes ge­sam­ten Staa­tes um­zu­krem­peln. Vie­les, und das gilt für die meis­ten Be­lan­ge der Wen­de, glück­te. Vie­les lief un­glaub­lich schief.

1989 war Wolf­gang Be­cker Be­triebs­di­rek­tor von Uni­on Werk­zeug­ma­schi­nen in Chem­nitz. Die Fir­ma ge­hör­te zum In­dus­trie­kom­bi­nat Fritz He­ckert, in dem 4500 Men­schen in 21 Be­trie­ben ar­bei­te­ten. Die Uni­on-be­trie­be, ein zwei­ter war am Stand­ort Ge­ra, stell­ten Bohr- und Fräs­ma­schi­nen her. Be­cker, ein äl­te­rer Herr, spricht Sät­ze, als zi­tie­re er aus der Be­triebs­an­lei­tung ei­ner Dreh­ma­schi­ne. Sei­ne Welt ist ein kom­ple­xes, aber er­klär­ba­res Ge­bil­de, mit ei­nem Ge­häu­se, ei­ner Steue­rung und Tau­sen­den Ein­zel­tei­len, die ge­nau in­ein­an­der­grei­fen. Oder eben nicht.

Die Fir­ma Uni­on, sagt er, war ein ge­sun­des Un­ter­neh­men. «Wir hat­ten ei­nen Ab­satz­an­teil NSW von 80 Pro­zent.» NSW, das «Nicht­so­zia­lis­ti­sche Wirt­schafts­ge­biet», al­so der Wes­ten. Im Ge­gen­satz zum SW, dem So­zia­lis­ti­schen Wirt­schafts­ge­biet. Ih­re Kon­kur­ren­ten sas­sen nicht in der DDR oder Po­len, son­dern in Ita­li­en, Spa­ni­en und der «BRD-ALT», wie er sie nennt. Als West­ex­por­teur wur­den sie in De­vi­sen be­zahlt, das ge­fiel dem Staat, ih­re Pro­duk­te ka­men in­ter­na­tio­nal an. So sehr brumm­te der Ex­port, dass Uni­on 1989 ei­nen Kre­dit über 15 Mil­lio­nen D-mark be­kam, um Ma­schi­nen zu kau­fen, aus Ita­li­en, der BRD, der Schweiz. Dann kam die Wen­de. Und die Treu­hand.

Ein gu­tes Ge­schäft

Sie wan­del­te das Kom­bi­nat und des­sen 21 Be­trie­be in Gmb­hs um und mach­te sich dar­an, das Un­ter­neh­men Stück für Stück zu ver­kau­fen. Be­cker blieb zu­nächst Be­triebs­lei­ter, was kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit war. Vie­le Chefs dien­ten in der Par­tei und wa­ren bei den Mit­ar­bei­tern ver­hasst. Sie flo­gen als Ers­te raus. Be­cker aber war nie ideo­lo­gisch, im­mer ein Tech­ni­ker. Und er wuss­te um das Po­ten­zi­al der Fir­ma. Mit ein paar Mit­ar­bei­tern auf der Lei­tungs­ebe­ne plan­te er ein Ma­nage­ment-buy-out und reich­te bei der Treu­hand ei­ne Kauf­an­fra­ge ein. Ih­nen wur­de mit­ge­teilt, sie müss­ten zu­züg­lich zum Kauf­preis für die Fir­ma die Ver­bind­lich­kei­ten für die Mil­lio­nen-in­ves­ti­tio­nen über­neh­men. Weil der Be­trag zu ei­nem sehr un­güns­ti­gen Kurs von West- in Ost­mark und wie­der zu­rück be­rech­net wur­de, über­stieg er so­gar die 15 Mil­lio­nen des Ur­sprungs­werts. Sie sag­ten ab. Den Zu­schlag er­hiel­ten dann im Ok­to­ber 1991 zwei Fir­men aus Düsseldorf und Duis­burg. Sie zahl­ten 11,5 Mil­lio­nen D-mark für die bei­den Uni­on-be­trie­be in­klu­si­ve Be­triebs­ver­mö­gen und Grund­be­sitz. Die Ver­bind­lich­kei­ten muss­ten sie er­staun­li­cher­wei­se nicht über­neh­men.

Die neu­en Ei­gen­tü­mer ver­kün­de­ten gros­se Plä­ne. Al­le Ost-mit­ar­bei­ter soll­ten in Düsseldorf wei­ter­ge­schult wer­den, Ar­beits­plät­ze mög­lichst er­hal­ten blei­ben. Als die ers­ten Mit­ar­bei­ter von der Schu­lung zu­rück­ka­men, sag­ten die, dass Uni­on längst plei­te wä­re, wenn sie so ge­ar­bei­tet hät­ten wie drü­ben. Dann kam die An­kün­di­gung, zu­künf­tig zen­tral fer­ti­gen zu las­sen, in Düsseldorf. Al­le neu­en Ma­schi­nen wur­den ab­ge­holt, die Mit­ar­bei­ter blie­ben da. Und das Werk in Chem­nitz soll­te ge­schlos­sen wer­den. Man bot Be­cker an, den Be­trieb in Ge­ra zu über­neh­men. Sei­ne Haupt­auf­ga­be wä­re dort ge­we­sen, die meis­ten Mit­ar­bei­ter zu ent­las­sen. Er kün­dig­te.

Was nie­mand ahn­te: Die West­fir­men stan­den schon vor der Über­nah­me am Rand der Plei­te. Um sich zu sa­nie­ren, hat­ten sie die in Chem­nitz ab­ge­hol­ten Ma­schi­nen gar nicht erst wie­der in Be­trieb ge­nom­men, son­dern di­rekt ver­kauft – ein gu­tes Ge­schäft, die Ma­schi­nen be­ka­men sie ja qua­si ge­schenkt. Aber auch das ret­te­te sie nicht vor der In­sol­venz.

Uni­on be­kam ei­nen neu­en Be­sit­zer. Der re­du­zier­te die Be­leg­schaft auf ein Vier­tel, ver­kauf­te al­le Grund­stü­cke und auch die äl­te­ren Ma­schi­nen. Dann ging auch er in In­sol­venz. Von Uni­on blieb nur der Na­me. Dann ge­lang doch noch ein Ma­nage­ment-buy-out, Be­cker war wie­der Chef des Un­ter­neh­mens, die ver­blie­be­nen Mit­ar­bei­ter nah­men Kre­di­te für die Fir­ma auf und kämpf­ten sich wie­der an den Markt. Aber war­um muss­te es so weit kom­men?

Bin­nen we­ni­ger Jah­re wird ei­ne Fir­ma, vom Staat still­schwei­gend ge­bil­ligt, ge­plün­dert, bis fast nichts mehr üb­rig ist. Nie­mand hat den Hun­der­ten Ent­las­se­nen je ei­ne Be­grün­dung ge­ben kön­nen, war­um sie auf der Stras­se lan­de­ten. Und es war ja nicht nur Uni­on. Dut­zen­den im Kern ge­sun­den Ost­be­trie­ben er­ging es so. Und fast im­mer wa­ren Fir­men aus dem Wes­ten be­tei­ligt. Bis Mit­te der 90er-jah­re hat­te die Treu­hand zu 80 Pro­zent an West­be­trie­be ver­kauft, zu 14 Pro­zent an aus­län­di­sche. 6 Pro­zent blie­ben in ost­deut­scher Hand. Die meis­ten der gut aus­ge­bil­de­ten In­ge­nieu­re fan­den bald wie­der Ar­beit, die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit ging. Was blieb, war die Wut.

Chem­nitz und «Chem­nitz»

Auf dem Trau­er­marsch vom 1. Sep­tem­ber hat sich die Wut in Chem­nitz erst­mals ent­la­den. An­lass des Mar­sches war der Tod des Deutsch­ku­ba­ners Da­ni­el H., der mut­mass­lich von Asyl­be­wer­bern aus Sy­ri­en und dem Irak bei ei­nem Mes­ser­an­griff ge­tö­tet wur­de. Am Marsch nah­men ne­ben vie­len auf­ge­brach­ten Chem­nit­zer Bür­gern auch die Par­teie­li­te der AFD, rechts­ra­di­ka­le Grup­pen und Neo­na­zis teil. Wie der Marsch en­de­te, mit Hit­ler­grüs­sen, An­grif­fen auf Aus­län­der und ran­da­lie­ren­den Ex­tre­mis­ten, war wo­chen­lang das The­ma der deutsch­spra­chi­gen und in­ter­na­tio­na­len Nach­rich­ten. «Chem­nitz» wur­de zur Chif­fre des Frem­den­has­ses, zum Schlag­wort ost­deut­scher De­mo­kra­tie­feind­lich­keit, und die Dis­kus­si­on, ob es zu «Hetz­jag­den» auf Aus­län­der ge­kom­men sei, stürz­te die Re­gie­rung un­ter An­ge­la Mer­kel in ih­re schwers­te Kri­se.

Gibt es ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Trau­er und Ter­ror, zwi­schen Mer­kel und Mau­er­fall, zwi­schen Chem­nitz und «Chem­nitz»?

Am Mor­gen des 26. Au­gust dreht der Rent­ner Win­fried Wen­zel wie an vie­len Sonn­ta­gen mit dem Ve­lo ei­ne Run­de durch die Stadt. Da ent­deckt er auf dem brei­ten Trot­toir vor ei­ner Spar­kas­sen­fi­lia­le zwei Blut­fle­cken, ei­nen gros­sen und ei­nen klei­nen. Ein Feu­er­wehr­mann steht in der Nä­he, und der er­zählt ihm, hier sei ein Mann nie­der­ge­sto­chen wor­den. Die Po­li­zei war da, die Spu­ren wur­den ge­si­chert, nur die Blut­fle­cken blie­ben. Wen­zel ra­delt nach Hau­se und sucht al­le Ker­zen zu­sam­men, die er fin­den kann – wo ein Mensch ge­stor­ben ist, dort sol­le man sei­ner ge­den­ken. Er stellt die Ker­zen auf die bei­den Fle­cken, und weil et­was fehlt, bricht er noch drei Ro­sen von ei­nem öf­fent­li­chen Beet.

Am sel­ben Abend ist das Trot­toir von ei­nem Blu­men- und Ker­zen­meer über­sät. Ge­rüch­te ma­chen die Run­de, Asyl­be­wer­ber hät­ten hier ei­nen Deut­schen er­mor­det, die so­zia­len Netz­wer­ke lau­fen mit Kom­men­ta­ren heiss.

Auch Wen­zel ist ein mei­nungs­freu­di­ger Mensch. Er en­ga­giert sich bei Pro Chem­nitz, ei­ner Be­we­gung, die ein En­de der Mer­kel’schen Mi­gra­ti­ons­po­li­tik for­dert und die ra­sche Ab­schie­bung ab­ge­lehn­ter und kri­mi­nel­ler Asyl­be­wer­ber. Er zieht ei­ne di­rek­te Ver­bin­dung zwi­schen Will­kom­mens­po­li­tik und Wen­de: «Die Un­ter­schie­de zwi­schen West und Ost, nicht nur die ma­te­ri­el­len, sind so rie­sig. Und dann gibt man 38 Mil­li­ar­den für Flücht­lin­ge aus, an­statt das Ni­veau im ei­ge­nen Land erst mal an­zu­glei­chen.»

Freund­lich und her­aus­for­dernd blickt er über den Tisch in der Sitz­ecke sei­ner Chem­nit­zer Ei­gen­tums­woh­nung. Auf der Schrank­wand röh­ren zwei Por­zel­lan­hir­sche. Er mag Wi­der­spruch. «Wen­zel ist neu­gie­rig», stand in sei­ner Sta­si-ak­te. Er in­ter­es­siert sich so­gar für die Grü­nen. «Kei­ne schlech­te Par­tei», sagt er. «Für jun­ge Leu­te in der Gross­stadt mit Geld.» Er ge­niesst es zu sa­gen, was er denkt, und hält das für ein Pri­vi­leg sei­nes Rent­ner­da­seins. Wer «Sieg Heil» ruft, ge­hö­re be­straft. «Wer aber öf­fent­lich sagt, er will, dass mög­lichst vie­le Asyl­be­wer­ber ab­ge­scho­ben wer­den, der kann sei­ne Kar­rie­re ver­ges­sen.» Wä­re er noch An­ge­stell­ter, müss­te er die Klap­pe hal­ten. Das ken­ne er noch aus der DDR.

Wen­zel war In­ge­nieur, Spe­zia­list für Rohr­lei­tun­gen in In­dus­trie­an­la­gen. Er mag die Phy­sik, weil ih­re Ge­set­ze über­all gel­ten. Er sagt: «Wenn mir je­mand et­was von Re­geln er­zählt, fra­ge ich im­mer: Ist es ein Na­tur­ge­setz oder ei­nes, das Men­schen ge­macht ha­ben?» Das Asyl­recht je­den­falls sei kein Na­tur­ge­setz. Es hel­fe auch nie­man­dem, erst recht nicht den Asyl­be­wer­bern. Ih­re Si­tua­ti­on kann er nach­voll­zie­hen. Als er nach der Wen­de zu ei­ner Mit­ar­bei­ter­schu­lung in die neue Mut­ter­fir­ma nach Frank­furt kam, stan­den Men­schen am Bahn­hof und schenk­ten den an­kom­men­den Os­sis Ba­na­nen. Aber die gut ge­mein­ten Will­kom­mens­ges­ten währ­ten nicht lang. Schon bald hät­ten die Wes­sis, die um ih­re Ar­beits­plät­ze fürch­te­ten, den Os­sis si­gna­li­siert, sie sol­len wie­der ab­hau­en nach drü­ben.

Wen­zel ist emp­find­lich, wenn es um Rech­te geht; als ehe­ma­li­ger Ddrbür­ger wur­den sie ihm zu oft ver­wehrt. Wenn er jah­re­lang An­trä­ge stell­te, um sei­ne El­tern be­su­chen zu dür­fen, die in der BRD leb­ten. Und bei den Ab­leh­nun­gen nie ei­ne Be­grün­dung er­hielt. Wenn er zwan­zig Jah­re auf ei­nen Te­le­fon­an­schluss war­te­te und auf Nach­fra­gen hör­te: Wir ha­ben vier Dring­lich­keits­stu­fen, Sie sind auf der un­ters­ten, und von der kom­men Sie auch nie wie­der weg. Oder an­ders­her­um, wenn er auf sei­nen Wart­burg nicht wie al­le an­de­ren 16 Jah­re war­ten muss­te, son­dern nur drei Wo­chen, weil die El­tern den Be­trag da­für, 10500 D-mark, über ei­ne Schwei­zer Mit­tels­fir­ma zahl­ten. Er konn­te sich so­gar die Far­be aus­su­chen. Der Staat ver­fuhr nach Will­kür, war käuf­lich und un­ge­recht. Wen­zel ver­ach­te­te ihn.

Mit 26 Jah­ren, am letz­ten Tag, an dem dies mög­lich war, wur­de er noch von der Ar­mee zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen. Er hat­te sein Stu­di­um hin­ter sich, be­reits zu ar­bei­ten be­gon­nen, es war rei­ne Schi­ka­ne. 18 Mo­na­te wur­de er ka­ser­niert, aber im­mer­hin, er hat­te als Sol­dat Ren­ten­an­sprü­che. Doch die BRD er­kann­te die­se nicht an. «Wie kann das sein? Wer im Wes­ten bei der Bun­des­wehr ge­dient hat, be­kommt Ren­te, so­gar Wehr­machts­sol­da­ten und selbst An­ge­hö­ri­ge der Waf­fen-ss be­ka­men Ren­te. Aber wir nicht.»

Der Geist von 89

Wir, da­mit meint Wen­zel die Ost­deut­schen. Schon die Be­zeich­nung, «Ost­deut­sche» bringt ihn in Ra­ge. «Als gä­be es Deutsch­land, al­so die BRD, und dann noch ein min­der­wer­ti­ges An­häng­sel, Ost­deutsch­land.» Ul­rich Mü­he, der mit «Das Le­ben der An­de­ren» ei­nen Os­car er­hielt, ha­be 2006 in ei­nem In­ter­view ge­sagt, wie Ost­deut­sche von West­deut­schen be­han­delt wer­den, das sei ei­gent­lich Ras­sis­mus. Nun aber gäl­ten sie, die Ost­deut­schen, als die Ras­sis­ten. Weil sie sich trau­ten, ge­gen die Po­li­tik ei­ner Re­gie­rung auf die Stras­se zu ge­hen, die sich für sie nie in­ter­es­sier­te, wür­den sie nun in den gros­sen, al­so west­deut­schen Me­di­en pau­schal ab­ge­stem­pelt.

De­mons­tran­ten in Dres­den oder Chem­nitz heis­sen Ras­sis­ten oder Na­zis, die sich nicht ver­sam­meln, son­dern «zu­sam­men­rot­ten». Über­haupt tref­fe sich bei je­der Ver­samm­lung ein «Mob» oder gleich das «Pack», wie der frü­he­re Aus­sen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­bri­el die Pe­gi­da-de­mons­tran­ten nann­te. Ihn er­in­nert die­se Spra­che an die letz­ten Ta­ge der Hone­cker-re­gie­rung. Wen­zel ent­schul­digt sich für ei­nen Mo­ment, ver­lässt den Raum, sucht et­was und kommt kurz dar­auf mit ei­ner Aus­ga­be des «Neu­en Deutsch­land» zu­rück, dem Par­tei­or­gan der SED. Die Zei­tung ist vom 9. Ok­to­ber 1989. Er zeigt auf ei­ne kur­ze Mel­dung, in der es um die De­mons­tran­ten geht, die seit ei­ni­gen Wo­chen für mehr Frei­hei­ten auf die Stras­se ge­hen. In dem Ar­ti­kel wer­den «Ran­da­lie­rer» be­klagt, die sich zu­sam­men­rot­te­ten, um den so­zia­len Frie­den zu stö­ren. So wie das Hone­cker-re­gime, sagt Wen­zel, wis­se sich nun auch die Mer­kel-re­gie­rung nicht mehr an­ders zu hel­fen, als das Volk, zu dem es längst den Kon­takt ver­lo­ren hat, nur noch zu be­schimp­fen. Als hät­ten die Ost­deut­schen nicht schon ge­nug ein­ge­steckt.

Wen­zel spricht aus, was vie­le in den neu­en Bun­des­län­dern den­ken und hof­fen: dass nach 30 Jah­ren der Os­ten wie­der ge­gen ei­ne Füh­rung auf­steht, die die Bür­ger nicht ernst nimmt; dass der Geist von 89 in der Luft liegt, der Ge­ruch der Re­vo­lu­ti­on, den der Wes­ten so sehr fürch­tet, weil er viel mehr zu ver­lie­ren hat als der Os­ten, der Um­sturz und Ver­lust gut kennt. Und dass sie mit dem Pro­test vie­les schon er­reicht hät­ten: Mer­kel, die Ost­deut­sche, die zum In­be­griff des ar­ro­gan­ten West­deut­schen wur­de, ist vom Cduvor­sitz zu­rück­ge­tre­ten. Doch das soll nur der An­fang sein.

Man mö­ge ihn nicht falsch ver­ste­hen. Ei­gent­lich sei nach der Wen­de al­les ganz gut ge­wor­den. Bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung hat Wen­zel gut ver­dient, er und sei­ne Frau konn­ten sich auch noch die Nach­bar­woh­nung kau­fen. Sie ver­mie­ten sie oft an Aus­län­der. Ein­mal leb­te ein ko­lum­bia­ni­sches Paar bei ih­nen, sehr nett, bei­de In­ge­nieu­re. Ei­nes Ta­ges sag­ten sie, sie müss­ten lei­der kün­di­gen. Denn sie wür­den nun in den Wes­ten um­zie­hen.

Ins rich­ti­ge Deutsch­land.

Er hat als Ein­zi­ger von der Wen­de gar nichts mit­ge­kriegt: der Karl Marx-kopf, lie­be­voll Ni­schel ge­nannt.

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