«Ich fü­ge die Welt wie­der zu­sam­men, wie sie vor der Tren­nung mei­ner El­tern war»

Alex­an­der Klu­ge, Schrift­stel­ler, Fil­me­ma­cher und Freund Ador­nos, über sei­nen An­trieb, Ge­schich­ten zu er­fin­den.

Das Magazin - - Schreiben - Ge­spräch Sven Michaelsen

F. Scott Fitz­ge­rald setz­te sich im Brooks-bro­thers-an­zug an den Schreib­tisch, Jor­ge Lu­is Bor­ges mit stei­fem Kra­gen und Man­schet­ten­knöp­fen. Ha­ben Sie beim Schrei­ben ei­ne Klei­der­ord­nung?

Ja, aber sie ist nicht nach Vor­nehm­heit ge­rich­tet. Ich bin aber­gläu­bisch. Es gibt be­stimm­te Klei­dungs­stü­cke, in de­nen mir et­was ge­lingt. Des­halb zie­he ich zum Schrei­ben im­mer ei­ne Cord­ho­se und ein Po­lo­hemd von La­cos­te an.

Wel­che Sti­mu­lan­zi­en be­nut­zen Sie beim Schrei­ben?

Ich brau­che ein ge­wis­ses Quan­tum Kaf­fee, um schrei­ben zu kön­nen. Nach­mit­tags kommt für den Kreis­lauf ein Schluck Grap­pa oder Wod­ka rein.

Ha­ben Sie Ri­tua­le beim Schrei­ben?

Ich hö­re gern be­schwing­te Mu­sik. Sie rhyth­mi­siert mich. Die Wor­te wer­den be­rit­ten wie ein Pferd. Wenn ich et­was von mir le­se, weiss ich oft, wel­che Mu­sik ich beim Schrei­ben ge­hört ha­be.

Ha­ben Sie Fa­vo­ri­ten?

Ich hö­re sehr gern Bernd Alois Zim­mer­mann, aber nicht beim Schrei­ben, weil Sie sich bei mo­der­ner Mu­sik kon­zen­trie­ren müs­sen. Ide­al sind Kla­vier­stü­cke des Bach-schü­lers Jo­hann Gott­fried Müt­hel. Sie set­zen mich in Schwung, oh­ne dass ich auf­pas­sen muss.

Ge­hö­ren Sie zu den Au­to­ren, die ans Schrei­ben ge­ket­tet sind wie an ein Be­at­mungs­ge­rät?

Ich wer­den un­ru­hig und knats­chig, wenn man mich am Schrei­ben hin­dert. Des­halb set­ze ich mich durch und sa­ge auch Ter­mi­ne ab, die wich­tig sind. Wenn ich schrei­be, bin ich of­fi­zi­ell krank.

Wo­mit schrei­ben Sie?

Mit Blei­stif­ten von Fa­ber-ca­s­tell. Die ha­ben ei­ne ganz be­stimm­te Weich­heit, die die Ge­schich­te raus­flies­sen lässt. Das Ge­schrie­be­ne dik­tie­re ich über Te­le­fon an mei­nen Mit­ar­bei­ter Dr. Tho­mas Com­brink.

Franz Kaf­ka schrieb in sein Ta­ge­buch: «So viel Ru­he, wie ich brau­che, gibt es nicht ober­halb des Erd­bo­dens.» Brau­chen Sie Stil­le zum Schrei­ben?

Nein, ich kann auch im Haupt­bahn­hof un­ter her­um­ren­nen­den Leu­ten schrei­ben. Haupt­sa­che, ich wer­de nicht an­ge­spro­chen.

Liegt auf Ih­rem Schreib­tisch ein Fe­tisch?

An ei­nem lee­ren Schreib­tisch wür­de mir nichts ein­fal­len, weil ich zum An­do­cken ein Nest aus Ge­dan­ken brau­che. Mein Fe­tisch steckt in den Tex­ten von an­de­ren. Oh­ne von frem­den Ge­stir­nen be­leuch­tet zu wer­den, leuch­tet mein Mond nicht. Le­gen Sie ei­nen Vers von Frie­de­ri­ke May­rö­cker ne­ben mich, und ich schrei­be Ih­nen Bü­cher. Bei dem New Yor­ker Ly­ri­ker Ben Ler­ner geht es mir ge­nau­so. Ich ha­be zu Ver­sen von ihm Ge­schich­ten ge­schrie­ben. Ein sol­cher Vers lau­tet: «Der Him­mel hört auf zu ma­len und be­ginnt mit Kri­tik.» Für je­man­den, der 1945 in Deutsch­land Bom­ben­an­grif­fe und Feu­er­sturm er­lebt hat, be­deu­tet das heu­te, am Pur­pur­him­mel von Alep­po sind Sil­ber­pfei­le zu se­hen. Nur we­nig spä­ter wer­fen sie Bom­ben auf die Stadt. In sol­cher Form kommt die «Kri­tik» ge­flo­gen.

Muss ei­nen Schrei­ben glück­lich ma­chen, da­mit man et­was schreibt, was an­de­re glück­lich macht?

Könn­te ich es mir aus­su­chen, wür­de ich nur an glück­li­chen Ta­gen schrei­ben, aber ich kann es mir nicht aus­su­chen. Als mei­ne Schwes­ter ver­gan­ge­nes Jahr starb, war ich nicht glück­lich. Ge­schrie­ben ha­be ich gera­de des­halb. Wenn ich glück­lich bin, geht das Schrei­ben flott von der Hand, aber die trau­ri­gen Grün­de zu schrei­ben sind häu­fi­ger und wie­gen schwe­rer. In der Kunst kehrt sich das Ver­hält­nis von dunk­len und hel­len Kräf­ten um. Ein La­men­to, Aus­druck von Trau­er, kann mehr Hel­lig­keit ver­brei­ten als ein hel­les C-dur.

Er­le­ben Sie beim Schrei­ben Tri­umph­ge­füh­le, rausch­haf­te Mo­men­te?

Ich be­ob­ach­te mich nicht beim Schrei­ben. Sie kön­nen nicht gleich­zei­tig gu­cken, was Sie tun, und es tun. Sie sind ent­we­der Tä­ter oder Zeu­ge. Erst wenn ich vom Schreib­tisch auf­ste­he und auf die Toi­let­te ge­he, mer­ke ich den Tri­umph, mit­ten­drin zu sein.

Schrei­ben Sie spon­tan oder nach ei­nem fes­ten St­un­den­plan?

Spon­tan, aber es gibt Re­gel­mäs­sig­kei­ten. Mor­gens ist die bes­te Zeit zum Schrei­ben, weil die Kon­zen­tra­ti­on am höchs­ten ist. Abends schrei­be ich nie.

Muss für Sie ein Satz per­fekt sein, da­mit Sie den nächs­ten schrei­ben, oder schrei­ben Sie erst mal ei­ne Roh­fas­sung?

Ich schrei­be los. Es kann sein, dass die ers­ten drei Sei­ten hin­ter­her ge­stri­chen wer­den. Ador­no meint, der ers­te Satz sagt schon, wie der Guss der gan­zen Ge­schich­te ist. Den Ge­dan­ken hat er aus der Mu­sik, wo die ers­ten Tö­ne die gan­ze Kon­struk­ti­on wie­der­ge­ben. Ich ge­he am Fluss­ufer erst mal nur mit den Füs­sen ins Was­ser und plan­sche rum. Mit­ten im Strom wird dann das Schrei­ben am bes­ten. Dann schrei­be nicht ich, son­dern es ist et­was in mir, wel­ches schreibt.

Ist von al­len Ken­nern des Ham­let Sha­ke­speare der Wahr­heit am nächs­ten ge­kom­men, oder weiss der Au­tor am we­nigs­ten über sei­ne Fi­gu­ren?

Ein Text ist fast im­mer klü­ger als sein Au­tor. Der An­teil des Be­wusst­seins am Schrei­ben ist deut­lich ge­rin­ger, als man meint. Wenn Sie rich­tig in Fahrt sind und sich der Spit­ze des Blei­stifts an­ver­trau­en, sind Sie hin­ter­her ver­blüfft, was Sie ge­schrie­ben ha­ben. Ein Au­tor ist auch nicht da­zu da zu ver­ste­hen, was er ge­schrie­ben hat. Er soll selbst­ver­ges­sen sein. Ein Kom­po­nist, der No­ten no­tiert, weiss auch nicht, was er tut.

Was merkt Ihr Lek­tor in Ih­ren Ma­nu­skrip­ten mit Rot­stift an?

Ich schrei­be oral, als ob ich es mir im Dia­lekt mei­ner Hei­mat­stadt Hal­ber­stadt er­zäh­le. Die dar­aus fol­gen­den Wort­wie­der­ho­lun­gen und ab­rup­ten Tem­pi­wech­sel will mein Lek­tor kor­ri­gie­ren. Ich wer­de dann sehr zän­kisch, weil ich münd­lich emp­fin­de. Wenn ich von To­ten im Prä­sens er­zäh­le, ist das ei­ne Un­ver­äus­ser­lich­keit, die ich mir nicht aus­re­den las­se.

Kön­nen Frau­en Ge­burts­we­hen bes­ser be­schrei­ben als Män­ner?

Ich glau­be, dass je­mand, der et­was er­lebt, be­son­ders un­fä­hig ist, es zu be­schrei­ben. Ich kann die Ge­burt un­se­rer Toch­ter bes­ser be­schrei­ben als mei­ne Frau. Pe­ter Hand­ke wür­de be­haup­ten, man müs­se et­was sel­ber er­le­ben, um es zu be­schrei­ben. Das ist für mich seit Karl May wi­der­legt. Als er die Ge­gen­den be­reis­te, die er sich zu­vor nur vor­ge­stellt hat­te, wur­de aus ei­nem gros­sen Er­zäh­ler ein schlech­ter Au­tor.

Muss man nicht we­nigs­tens ein paar Mi­nu­ten lang in ei­ner Brat­pfan­ne ge­le­gen ha­ben, um über Schnit­zel zu schrei­ben?

Nein, Schrei­ben hat viel mit Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und we­nig mit Er­leb­nis­sen zu tun. Sie brau­chen Spu­ren­ele­men­te, nicht Mas­se. Sie sind kein Ei­sen­fa­bri­kant, Sie rech­nen in Gramm. Wenn Sie vom Schick­sal zer­schla­gen sind – Bein ab, die Hälf­te des Arms weg –, kön­nen Sie nicht mehr be­schrei­ben, was mit Ih­nen ist. Schrei­ben ist Lu­xus. Nur Ge­ret­te­te schrei­ben.

Sind sti­lis­ti­sche Gren­zen stets auch Gren­zen des Ho­ri­zonts?

Ja. Stil ist lo­gi­sche Pra­xis, aber er darf ei­nen nicht fest­hal­ten. Stil taugt nicht mal als Schiffs­wand. Man muss ihn bre­chen.

Je­an-paul Sart­re such­te Mit­te der Dreis­si­ger­jah­re ei­nen Ti­tel für ein neu­es Buch. Sei­nem Ver­le­ger Gas­ton Galli­mard mach­te er nach­ein­an­der die fol­gen­den Vor­schlä­ge: Me­lan­cho­lia, Fac­tum über die Kon­tin­genz, Es­say über die Ein­sam­keit des Geis­tes, Die un­ge­wöhn­li­chen Aben­teu­er von An­toi­ne Ro­quen­tin. Galli­mard wähl­te schliess­lich den Ti­tel «Der Ekel». Ist Ih­nen Ähn­li­ches pas­siert?

1999 war ich auf der Su­che nach ei­nem Ti­tel für ein zwei­tau­send­sei­ti­ges Ma­nu­skript. Ich schlug dem Ver­lag sie­ben Va­ri­an­ten vor, dar­un­ter Neue Le­bens­läu­fe und Un­heim­lich­keit der Zeit. Chris­toph Buch­wald, da­mals Ver­lags­lei­ter bei Suhr­kamp, frag­te, wie es mit «Chro­nik der Ge­füh­le» wä­re. Hut ab, das war der bes­se­re Ti­tel. «Chro­nik der Ge­füh­le» war die Fah­ne, die mich ge­führt hat. Ich ha­be das Ma­nu­skript dar­auf noch mal stark ver­än­dert und Neu­es hin­zu­ge­schrie­ben.

Hen­ri­et­te Kai­ser sag­te über ih­ren Va­ter, den be­rühm­ten Kri­ti­ker Joa­chim Kai­ser: «Dass er so et­was wie Zu­nei­gung emp­fin­det, kann er nur sehr ver­schlüs­selt zei­gen. Das rein Mensch­li­che gibt es bei ihm gar nicht. Er kann nicht an-

«Ich bil­li­ge die Grün­de mei­ner El­tern nicht. Für ein Kind ist ei­ne Schei­dung wie ein Bom­ben­an­griff.»

ders, als al­les so­fort zu in­tel­lek­tua­li­sie­ren. Wenn ich als klei­nes Mäd­chen et­was wis­sen woll­te, stell­te er mir zwan­zig Bü­cher hin. Für mei­ne Freun­din­nen war ich ‹die mit den Ge­samt­aus­ga­ben›.» Wa­ren Sie ein ähn­li­cher Va­ter?

Ich bin ab­we­send, wenn ich schrei­be. Das ist nichts Schö­nes. Mei­ne Kin­der sind nicht Schrift­stel­ler ge­wor­den und le­sen auch kei­ne Bü­cher, zu­min­dest nicht nen­nens­wert. Sie sa­gen, wir ha­ben ei­nen Va­ter, der uns nur gut fän­de, wenn wir Bü­cher wä­ren.

Fin­den Sie Ih­re Mit­men­schen lang­wei­li­ger als Ih­re Fi­gu­ren?

Nein.

Wir­ken Wor­te stär­ker auf Sie als Men­schen?

Ich bin am­phi­bisch. Wenn ich schrei­be, sind die Buch­sta­ben für mich die Kö­ni­ge. Wenn ich nicht schrei­be, sind lie­ben und die Haut be­rüh­ren die Haupt­sa­che.

Wa­chen Sie nachts auf und ma­chen sich No­ti­zen?

Ei­gent­lich nie. Ich glau­be auch nicht, dass ich im Traum ein gu­ter Dich­ter bin. Ich schla­fe ziem­lich viel. Ich ge­he um neun Uhr ins Bett und schla­fe durch bis mor­gens um acht. Da­zu kommt ei­ne Drei­vier­tel­stun­de Mit­tags­schlaf. Die Zeit­um­stel­lung ge­hört für mich zum Schreck­lichs­ten, was es gibt. Sie quält mich bis zu zwölf Wo­chen.

Ha­ben Sie ei­ne Er­klä­rung für Ihr Schlaf­ta­lent?

Gu­te Ge­schich­ten in der Kin­der­zeit. Wenn mei­ne jun­ge Kin­der­frau, Mag­da Stolz­hei­se aus Hal­ber­stadt, mir ih­re Gu­te­n­acht­ge­schich­te er­zählt hat­te, dann war ich si­cher, dass ich am nächs­ten Mor­gen wie­der auf­wa­che.

Tau­chen Ih­re Fi­gu­ren in Ih­ren Träu­men auf ?

Sel­ten. Zu­letzt ha­be ich von Hei­ner Mül­ler ge­träumt. Wir ha­ben mit­ein­an­der ge­spro­chen. So­lan­ge man lebt, sind die To­ten nicht tot. Theo­dor W. Ador­no leg­te sich oft aufs So­fa und las mir sei­ne Träu­me vor. Ich muss­te da­zu be­wun­dernd et­was äus­sern, schreck­lich. Kaum et­was ist quä­len­der, als den Träu­men an­de­rer zu­hö­ren zu müs­sen. Der Träu­mer kann sei­ne Träu­me nicht ver­ba­li­sie­ren, und der Zu­hö­rer kann die Träu­me nicht nach­emp­fin­den.

Füh­ren Sie Ta­ge­buch?

Ich ver­su­che es je­des Jahr wie­der, aber ich schaf­fe es nicht. Mir fehlt die Er­leb­nis­ori­en­tie­rung, die für ein Ta­ge­buch taug­lich wä­re.

Fällt Ih­nen das Schrei­ben leich­ter oder schwe­rer als frü­her?

Leich­ter. Man sagt ja, dass al­te Hu­ren prak­ti­scher wer­den. Ich mei­ne das jetzt nicht wört­lich.

Kat­ja Lan­ge-mül­ler no­tier­te mal: «Vi­el­leicht schrei­be ich nicht, um ge­liebt zu wer­den, son­dern um zu lie­ben.»

Fin­de ich sehr rich­tig, weil Schrei­ben et­was Ak­ti­ves ist. Ob ich da­für ge­liebt wer­de, ist nicht das Wich­tigs­te. Die Zer­stö­rung der Bi­b­lio­thek von Alex­an­dria tut mir jetzt noch weh. Das Buch, in dem So­pho­kles den Tod des Odys­seus re­kon­stru­iert, ist beim Brand die­ser Bi­b­lio­thek mit­ver­brannt. Ich möch­te es heu­te neu schrei­ben, als Lie­ben­der. Oder neh­men Sie die Lieb­lings­idee mei­ner Schwes­ter. Kurz vor ih­rem Tod woll­te sie, dass ich über den Ur­gross­va­ter von Pusch­kin schrei­be, ei­nen Skla­ven­jun­gen aus Äthio­pi­en, der Han­ni­bal hiess. Er wur­de in Kon­stan­ti­no­pel ge­kauft und an den Za­ren Pe­ter ver­schenkt. Ich kann mich für die­se Ge­schich­te er­ei­fern wie sie. Wenn ich los­schrei­be, sind wir wie­der lie­bend ver­eint.

Ah­nen Sie, was Ihr Treib­stoff als Schrift­stel­ler ist?

Ich ha­be mal Mar­tin Wal­ser in­ter­viewt. Er dreh­te den Spiess um und be­frag­te mich, war­um ich schrei­be. Vier­zehn Ta­ge spä­ter wuss­te ich, was mein Haupt­mo­tiv zu sein scheint: die Tren­nung mei­ner El­tern auf dem Hö­he­punkt des Krie­ges. Ich ha­be das nie ver­stan­den. Die­se bei­den leicht­sin­ni­gen Men­schen! Ich bil­li­ge ih­re Grün­de nicht. Sie pass­ten zu­ein­an­der. Für ein Kind ist ei­ne Schei­dung wie ein Bom­ben­an­griff. Ich bin zeit­le­bens im Gan­ge, sie wie­der zu­sam­men­zu­brin­gen. Die sind schon lan­ge tot, aber ich bin als Di­plo­mat und Er­zäh­ler un­ter­wegs und fü­ge die Welt wie­der zu­sam­men, wie sie vor ih­rer Tren­nung war.

Wel­che Grün­de hat­te die Tren­nung?

Die Aus­sicht, in der nächs­ten Wo­che tot zu sein, be­för­dert Ent­schlüs­se. Mit­ten im Krieg hat­ten mei­ne El­tern plötz­lich die Idee, das Glück liegt wo­an­ders. Als Kind kann man sehr gut be­ob­ach­ten. Ich ha­be nie wie­der so vie­le Glücks­su­cher und Al­che­mis­ten ih­res Le­bens er­lebt wie in der Kriegs­zeit.

Wo such­ten Ih­re El­tern das Glück?

Mei­ne Mut­ter war wie ein Aben­teu­rer und nahm an, dass es in der Reichs­haupt­stadt mit ei­nem wun­der­ba­ren neu­en Mann ein noch bes­se­res Le­ben ge­be als in der Pro­vinz­stadt Hal­ber­stadt. Mein Va­ter re­agier­te dar­auf wie Ba­jaz­zo in der Oper von Leon­ca­val­lo: Er kes­sel­te sich in den Küns­ten ein.

Ist Ih­re Mut­ter in Ber­lin glück­lich ge­wor­den?

Sie be­haup­te­te es, aber ich ge­ste­he es ihr nicht zu. Ich bin ja ideo­lo­gisch. Ich bin ja Pa­tri­ot der Fa­mi­lie. Ich wer­de es be­strei­ten, dass sie glück­lich wur­de.

Ist Li­te­ra­tur rück­wir­ken­de Scham­be­wäl­ti­gung?

Scham be­deu­tet, dass Sie im Erd­bo­den ver­schwin­den wol­len. Ich ha­be, ein­schliess­lich Na­sen­po­peln, we­nig Grün­de da­für.

Hal­ber­stadt wur­de am 8. April 1945 durch ein Flä­chen­bom­bar­de­ment ame­ri­ka­ni­scher Flug­zeu­ge zu acht­zig Pro­zent zer­stört. Zehn Me­ter ne­ben Ih­nen schlug ei­ne Spreng­bom­be ein.

Ich war drei­zehn Jah­re alt. Die­se Bom­be hat mei­nen Er­kennt­nis­trieb sehr stark be­för­dert. Sie hat mich, ei­nen ver­wöhn­ten Jun­gen, dar­auf auf­merk­sam ge­macht, wie es die Welt mit den Men­schen meint.

Un­ser Fa­mi­li­en­haus ver­brann­te. Wir rann­ten ins nächs­te Frei­bad, das Was­ser im Be­cken soll­te ei­ne Gren­ze zwi­schen uns und die Flam­men zie­hen. Nach dem Bom­ben­an­griff war ich nicht mehr das­sel­be Kind. Im Kopf durch­ein­an­der. Na­tür­lich hat­te ich Angst ge­habt, aber gleich­zei­tig lief der Ge­dan­ke mit, end­lich ist mal was pas­siert, was ich mor­gen mei­nen Schul­ka­me­ra­den er­zäh­len kann. Als mir ge­sagt wur­de, dass am nächs­ten Tag die Schu­le aus­fällt, war ich ent­täuscht.

Ha­ben Sie als Kind viel ge­le­sen?

Nein, ich war ein ex­ten­si­ver Hö­rer. Mein Va­ter kam vom Ta­ges­ge­sche­hen in sei­ner Arzt­pra­xis spon­tan zum Ers­ten Welt­krieg. Mei­ne Kin­der­frau und ihr Ver­lob­ter Hans Bü­gel­sack konn­ten auch wun­der­bar er­zäh­len.

Franz Kaf­ka kam bei der Abitur­prü­fung im Fach Deutsch über ein «be­frie­di­gend» nicht hin­aus. Wie war das bei Ih­nen?

Im Gym­na­si­um war ich an­fangs so schlecht, dass ich Nach­hil­fe be­kam. In Deutsch war ich nie gut. Mei­ne Fä­cher wa­ren Grie­chisch, Latein und Ge­schich­te.

Schrei­ben Sie auch, um nicht an­dau­ernd Sie selbst sein zu müs­sen?

Da ist was dran. Aber wer bin ich? Bin ich die Ein­bil­dung von mir, die zu­stan­de kommt, weil al­le Leu­te mich von Kind­heit auf als Alex­an­der Klu­ge an­ge­spro­chen ha­ben? Das bin ich ja gar nicht. Ich ha­be in mir ei­ne Fül­le von Stim­men. Die Vor­fah­ren mei­ner Mut­ ter wa­ren Un­ter­neh­mer aus En­g­land, die Vor­fah­ren mei­nes Va­ters wa­ren deut­sche Uhr­ma­cher und Pas­to­ren, ein an­de­rer Fa­mi­li­en­zweig kommt aus dem Eu­len­ge­bir­ge, wo die Auf­stän­de der schle­si­schen We­ber wa­ren. Ei­gent­lich müss­ten die­se Leu­te Bür­ger­krieg in mir füh­ren. Tun sie aber nicht. Sie ver­tra­gen sich, die Ge­füh­le zwi­schen ih­nen bil­den ein Ge­mein­we­sen. All ih­re Stim­men zu­sam­men bin ich. Des­we­gen hal­te ich bei ei­ner Ge­schich­te ei­ne cho­ri­sche Lö­sung für die schöns­te. Die Ein­deu­tig­keit des Rent­ner­blicks, der sagt, die Welt ist so und so, liegt mir nicht.

Mar­tin Mo­se­bach stell­te ein­mal fest: «Ge­nies soll­te man ver­eh­ren und nicht gleich von ih­nen zu ler­nen ver­su­chen. Ge­lernt wird am bes­ten von Künst­lern der zwei­ten Rei­he.» Un­ter­schrei­ben Sie das?

Ich un­ter­schei­de zwi­schen Ler­nen und er­wünsch­ter Rei­bung. Da Schrift­stel­ler ei­ne eso­te­ri­sche Tä­tig­keit aus­üben, wüss­te ich nicht, was ich von Ka­me­ra­den ler­nen soll­te. Man kann ja nicht wie in der Schu­le vom Spick­zet­tel was ab­gu­cken. Ich ar­bei­te aber sehr gern mit Men­schen zu­sam­men, die et­was kön­nen, was ich nicht kann. Hei­ner Mül­ler hat ei­ne ham­mer­ar­ti­ge Schreib­wei­se, die mir voll­kom­men fremd ist. Ger­hard Rich­ter schnei­det mit ei­ner Sche­re mei­ne Tex­te zu­recht, bis sie ihm gra­fisch bes­ser pas­sen. Li­te­ra­tur ist ihm erst mal gleich­gül­tig. Ich su­che die Nä­he zu sol­chen Men­schen, um mich an ih­nen zu rei­ben. Zwei Künst­ler kön­nen sich ge­gen­sei­tig dia­lo­gisch in Tran­ce ver­set­zen und ih­re ei­ge­nen Ge­dan­ken über­ra­schend fin­den. Das Ver­fah­ren setzt vor­aus, dass bei­de Egos ih­re Ich­schran­ken ra­di­kal sen­ken und in Zun­gen re­den. Man lässt Bal­lons stei­gen.

Wer ist Ihr ers­ter Le­ser?

Im­mer mei­ne Schwes­ter. Nach­dem sie tot ist, weiss ich nicht, wer mein ers­ter Le­ser ist. Vi­el­leicht wür­de ich mei­ne Frau fra­gen, wenn ich bei ei­ner Ge­schich­te Zwei­fel ha­be.

Könn­ten Sie mit ei­nem Schrift­stel­ler be­freun­det sein, des­sen Werk Sie nicht mö­gen?

Das ist ei­ne un­prak­ti­sche Fra­ge, weil ich mit die­ser Kon­stel­la­ti­on nie kon­fron­tiert war.

Kön­nen po­li­ti­sche Äus­se­run­gen ei­nes Au­tors sei­ne Bü­cher für Sie un­ge­niess­bar ma­chen?

Ich mag Uwe Tell­kamp als Schrift­stel­ler. Sei­ne po­li­ti­schen An­sich­ten ver­zei­he ich ihm zu je­dem Tag­ und Nacht­zeit­punkt. Oder neh­men Sie Gott­fried Benn. Sie­ben Zei­len von ihm glei­chen in mei­nen Au­gen je­de sei­ner po­li­ti­schen Sün­den aus.

Le­ben Sie, wie Kaf­ka, um des Schrei­bens wil­len, oder le­ben Sie, wie Tho­mas Mann, um des Ge­schrie­be­nen wil­len?

Das Schrei­ben ist das, was glück­lich macht. Das Schick­sal des Bu­ches ist mir im Ernst­fall egal. Ich könn­te da­mit le­ben, dass es über­haupt nicht ver­öf­fent­licht ist. Dann wür­de ich eben für die Schub­la­de schrei­ben.

Wie ge­hen Sie mit Schreib­blo­cka­den um?

Nie­mals fron­tal. Drü­cken funk­tio­niert bei mir nicht. Ich wei­che auf ein we­ni­ger stren­ges Me­tier aus und be­gin­ne ei­nen Film. Wenn ich kei­nen Ein­fall für ei­nen Film ha­be, hat mein Ka­me­ra­mann ei­nen.

Wie wirkt sich Ruhm beim Schrei­ben aus?

Ruhm ist ir­re­le­vant für das Schrei­ben. Es wür­de mich ner­vös ma­chen, an ihn zu den­ken. Wenn ich schrei­be, bin ich kon­zen­triert wie ein Ge­burts­hel­fer, der mit Fein­griff das Kind raus­holt. Die Fra­ge, ob man be­rühmt ist, ist nur beim Ein­kau­fen wich­tig.

Häm­mert nicht in je­dem Be­rühm­ten das Ver­lan­gen, noch be­rühm­ter zu wer­den?

Ich ken­ne kei­ne Per­son, der ich mei­nen Ruhm wie ei­ne Beu­te ap­por­tie­ren könn­te. Es lä­ge mir sehr dar­an, zu mei­ner Mut­ter und zu mei­nem Va­ter nach Hau­se zu kom­men und zu sa­gen: Ich bin jetzt be­rühmt! Aber bei­de sind tot. Mei­ne Kin­der in­ter­es­sie­ren sich nicht für mei­ne No­tie­run­gen auf dem Au­to­ren­markt. Die wür­den mich ver­äp­peln, wenn ich da­mit an­fan­ge. Die ver­spot­ten mich oh­ne­hin, weil sie fal­sche An­sich­ten über mich ha­ben. Sie den­ken zum Bei­spiel, ich sei ein Stre­ber, der sich schon im Schul­un­ter­richt dau­ernd ge­mel­det hät­te. Das ist ei­ne klei­ne Ran­kü­ne, weil sie bei der Mut­ter ab­ge­stellt wa­ren, wenn ich schrieb oder Fil­me mach­te.

Ha­ben Ih­re Kin­der Ihr ver­blüf­fen­des Ge­dächt­nis ge­erbt?

Bei­de ha­ben ein gu­tes Ge­dächt­nis, aber kei­nen Grund, es an­zu­wen­den. Mein Sohn ist als po­li­ti­scher Be­ra­ter tä­tig. Da braucht er kein Lang­zeit­ge­dächt­nis. Mei­ne Toch­ter ist Fil­me­ma­che­rin, wo­für sie, wenn Sie mich fra­gen, mit ei­nem nor­ma­len Ge­dächt­nis aus­kommt. Das ist bei Li­te­ra­tur an­ders.

Der spä­te Gün­ter Grass war vor al­lem da­mit be­schäf­tigt, an sei­nem Gr­ab­stein zu meis­seln. Den­ken Sie an Ihr Stan­ding in der Nach­welt?

Wenn ich ehr­lich bin: nein. Wenn ich mich an­stren­ge: ja. Ich bin nicht so er­wach­sen ge­wor­den, mich als be­son­de­ren Men­schen zu se­hen. Ich den­ke im­mer noch wie ein Vier- oder Sechs­jäh­ri­ger. Bei Epi­kur gibt es den Satz: «Wo der Tod ist, da bin ich nicht, und wo ich bin, da ist der Tod nicht.» War­um soll ich mir den Au­gen­blick zer­mür­ben, in­dem ich mich mit dem Tod be­fas­se? Es ist ge­wiss, dass er kommt. Mehr muss ich nicht wis­sen. Mein Va­ter war ei­ne aus­ge­gli­che­ne Na­tur. Er hat mir mit­ge­ge­ben, mir über nichts Ge­dan­ken zu ma­chen, wor­auf ich null Ein­fluss ha­be. Des­halb ma­che ich kei­nen Satz, den ich schrei­be, da­von ab­hän­gig, ob er im Jah­re 2042 über­lebt oder nicht.

Bil­ly Wil­der schnitt im Al­ter sei­ne Fil­me im Kopf um. Geht Ih­nen das mit Ih­ren Bü­chern ähn­lich?

Ich schrei­be sie wirk­lich um. Für mich be­deu­tet das, ich ma­che sie rich­tig, denn ei­ne Ge­schich­te ist nie zu En­de. Es gibt of­fe­ne Fä­den, die fort­ge­setzt wer­den wol­len. Mein Sta­lin­grad-buch von 1964 ha­be ich min­des­tens fünf­mal um­ge­schrie­ben. 1983 wur­de mei­ne Toch­ter ge­bo­ren, 1989 fiel die Mau­er: Bei­des ver­än­dert auch das Er­eig­nis Sta­lin­grad. Schon die Schlacht um Di­en Bi­en Phu 1954 hat Sta­lin­grad ei­nen klei­ne­ren Punkt wer­den las­sen. Vor ein paar Wo­chen hör­te ich je­mand sa­gen, dass es ei­ne Phi­lo­so­phie der Fuss­soh­le gibt. Da ha­be ich auf­ge­horcht. Der Fuss steckt im Ker­ker der Schu­he. Da­bei ist er sen­si­bel. Das merkt man, wenn man ihn kit­zelt. Die Fuss­soh­le kann ei­nen Men­schen hin­dern, nach Sta­lin­grad zu mar­schie­ren, in­dem sie Bla­sen macht. Hat mich als Me­ta­pher in­ter­es­siert. Hat­te ich 1964 noch nicht im Kopf. Dann über­set­ze ich das auf je­man­den, der sich 2018 zu Fuss von Sy­ri­en zu uns durch­schlägt. Er kommt mit den Fuss­soh­len hier­her – und da­mit bin ich wie­der bei Sta­lin­grad. Mein Me­tier ist der Zu­sam­men­hang. Ich muss Kon­stel­la­tio­nen ent­wi­ckeln, um schrei­ben zu kön­nen.

In wel­chem Ro­man wür­den Sie gern als Fi­gur auf­tre­ten?

Wenn Sie mir an­bie­ten, der Cou­sin von Fe­lix Krull zu sein, das wä­re was. Mein Idol ist Scar­lett O’ha­ra. Sie ist die Pro­du­zen­tin ih­res Le­bens, nicht die Zu­schaue­rin.

Wenn Sie als Le­ser Ih­rem ei­ge­nen Ge­schmack fol­gen: Wür­den Sie Bü­cher von Alex­an­der Klu­ge le­sen?

Sa­gen wir so: Ich wür­de da­zu ra­ten. Ich bin kein se­lek­ti­ver, ge­schmäck­le­ri­scher Li­te­ra­tur­le­ser, der zu­ver­läs­si­ge Rat­schlä­ge ge­ben kann, was man kau­fen soll. Ich le­se viel not­wen­di­gen Ramsch, wie ein Krebs, der Was­ser schluckt, weil da Nah­rungs­mit­tel drin sind.

Le­sen Sie lie­ber von ver­nunft­ge­steu­er­ten Hel­den oder von mo­ral­lo­sen Bluts­äu­fern?

Ich kann von der Ver­nunft schwär­men. Kant nennt sie un­se­ren zärt­li­chen Kern. Gleich­zei­tig be­deu­tet sie Un­ter­drü­ckung, Aus­gren­zung, Fe­s­tungs­bau. Da­mit ist sie das an­ti­li­te­ra­ri­sche Prin­zip über­haupt, ge­nau­so wie Mora­li­tät. Bei be­stimm­ten For­men von Bös­ar­tig­keit hört mei­ne Em­pa­thie al­ler­dings auf. Das ist ei­ne li­te­ra­ri­sche Schwä­che von mir. Ich kann nicht

«Hät­te Tho­mas Mann ei­nen rich­ti­gen Be­ruf ge­habt, hät­te er noch ein biss­chen bes­ser ge­dich­tet.»

al­le Boh­run­gen von Dos­to­je­w­ski mit Ge­nuss le­sen. Ich ha­be auch noch nie ver­sucht, ei­nen Amok­tä­ter durch Ein­füh­lung wie­der­zu­ge­ben. Wenn Men­schen zu Ge­schos­sen wer­den, ist das un­er­zähl­bar für mich.

Sie wa­ren ju­ris­ti­scher Be­ra­ter des Frank­fur­ter In­sti­tuts für So­zi­al­for­schung und ein Ver­trau­ter von Theo­dor Ador­no. Wenn der sich mit Ih­nen in Ca­fés traf, setz­te er sich so, dass er in die Da­men­toi­let­ten spä­hen konn­te. Ver­lie­ren Geis­tes­grös­sen im per­sön­li­chen Um­gang an Grös­se?

Ador­no ist ein Freund, und das nicht nur, weil er ein ge­nia­ler Mann ist. Ich wür­de nie­mals ge­gen ihn vo­tie­ren. Ich hal­te es für ei­ne läss­li­che Sün­de, dass er im Ca­fé wie ein Sechs­jäh­ri­ger guckt. Er woll­te er­klär­ter­mas­sen nie ein Er­wach­se­ner wer­den. Die Kin­der­na­tur in ihm ist mir sehr ver­traut. Ich be­zweif­le, ob Reif­wer­den et­was Schö­nes bei Men­schen ist.

Ador­no als Pe­eping Tom: War Ih­nen die­se Blös­se nicht pein­lich?

Was heisst denn Blös­se? Ich spä­he nur des­we­gen nicht in Da­men­toi­let­ten, weil sie mich nicht pri­mär in­ter­es­sie­ren. Je­der Mensch darf Schwä­chen ha­ben. Lie­be und Freund­schaft er­ken­nen Sie über­haupt nur da­durch, dass Sie oh­ne Scha­den Ih­re Schwä­chen zei­gen dür­fen. Ich bin ein treu­er Freund von Ador­nos Satz: «Ge­liebt wirst du dort, wo du Schwä­che zei­gen kannst, oh­ne Stär­ke zu pro­vo­zie­ren.»

Kaf­ka hat­te ei­nen Bo­dy-mass-in­dex von cir­ca 17. Sind Au­to­ren am En­de, wenn sie Fett an­set­zen?

Ador­no nann­te sich «Ba­ron Hän­ge­bauch­schwein». Das war sein selbst ge­wähl­ter Spitz­na­me. Er zier­te sich da­mit. Ich kann nicht fin­den, dass sein Bauch­um­fang der Prä­zi­si­on sei­ner Ge­dan­ken ab­träg­lich war. Balz­ac war fett. Der Skal­pell­ar­tig­keit sei­ner Ge­dan­ken hat das nicht ge­scha­det. Der Kör­per ist ein Ge­fäss, und da ist ei­ne See­le drin. Es gibt schlan­ke See­len in fet­ten Kör­pern und fet­te See­len in schlan­ken Kör­pern.

Ist für Schrift­stel­ler phy­si­sche Fit­ness wich­tig?

Tho­mas Mann mein­te, min­des­tens Sy­phi­lis sei not­wen­dig, um Nietz­sche zu wer­den. Da ich aus ei­nem Arzt­haus­halt kom­me, weiss ich, dass das nicht stimmt. Aus ei­ge­ner Er­fah­rung kann ich be­stä­ti­gen, dass Dicht­kunst ei­ne ro­bus­te Tä­tig­keit ist. Sie brau­chen Mus­keln des Geis­tes, um be­harr­lich und ge­nau zu sein. Die Ner­ven müs­sen es durch­hal­ten, sechs, acht Stun­den am Stück zu schrei­ben.

Die Schau­spie­le­rin Han­ne­lo­re Ho­ger und Sie wa­ren sie­ben Jah­re lang ein Paar. Über Ih­re ge­mein­sa­me Zeit sagt sie: «Wir wa­ren oft auf Sylt, ich am Strand, er im­mer schrei­bend in ei­nem Gast­haus. Im Sand sit­zen und in die Son­ne blin­zeln kann er nicht. Er muss im­mer for­mu­lie­ren.» Kön­nen Sie ein Stück Tor­te es­sen, oh­ne da­bei über die Kul­tur­ge­schich­te des Zu­ckers zu rä­so­nie­ren?

Ich es­se nie Tor­te.

Macht Den­ken trau­rig?

Ich ha­be vor ein paar Ta­gen den Satz no­tiert: «Ich war schlecht be­ra­ten von mei­ner Ver­zweif­lung, aber ich bin noch schlech­ter be­ra­ten von mei­ner Klar­sicht. Mir wird kalt.» Ge­dan­ken und Kör­per­ver­stand wi­der­spre­chen ein­an­der. Das Herz und die Haut ha­ben ei­nen Ver­stand, den der Ver­stand nicht ver­steht. Das­sel­be gilt für Zwerch­fell und Na­se. Ver­gli­chen mit Hun­den sind die Fä­hig­kei­ten un­se­rer Na­se ver­küm­mert. Wo bei un­se­ren tie­ri­schen Vor­fah­ren im Ge­hirn das Are­al für Ge­ruch war, sie­deln bei uns In­tui­ti­on und Ah­nungs­ver­mö­gen. Wenn man sagt, ich kann dich nicht rie­chen!, be­zeich­net das ei­ne so­zia­le Hal­tung, kei­ne Sin­nestä­tig­keit.

Der bri­ti­sche Dra­ma­ti­ker John Os­bor­ne schrieb: «Ei­nen Schrift­stel­ler zu fra­gen, wie er über Kri­ti­ker denkt, ist wie ei­nen La­ter­nen­pfahl zu fra­gen, was er von Hun­den hält.» Gibt es ei­nen Kri­ti­ker Ih­rer Ar­beit, von dem Sie et­was ge­lernt ha­ben?

Lothar Mül­ler. Wir brau­chen Spä­her, und er ist ei­ner. Ich ha­be in sei­ner Ge­folg­schaft min­des­tens acht­zehn Ge­schich­ten ge­schrie­ben. Ich er­zäh­le Ih­nen ei­ne: Im Jahr 1799 stand Ge­ne­ral Su­wo­row, ein gros­ser Ar­til­le­rie­spe­zia­list der rus­si­schen Ar­mee, vor Zü­rich. Was ich oh­ne die Gra­bungs­ar­beit des li­te­ra­ri­schen Archäo­lo­gen Mül­ler nicht wüss­te: Der Of­fi­zier, der bei Hein­rich von Kleist die Mar­qui­se von O ... schwän­gert, ge­hör­te zur Su­wo­row-ar­mee. Die­se In­for­ma­ti­on hat mir Op­ti­ken für Ge­schich­ten zur Ver­fü­gung ge­stellt. Cross-map­ping ver­ste­hen Li­te­ra­tur­ken­ner of­fen­kun­dig bes­ser als Li­te­ra­ten. Man legt Kar­ten auf­ein­an­der und merkt an den Dif­fe­ren­zen, wor­auf man ach­ten soll­te.

Wel­chen Ver­riss ha­ben Sie bis heu­te nicht ver­ges­sen?

Reich-ra­ni­ckis Be­spre­chung mei­nes Sta­lin­grad­buchs war ein To­tal­ver­riss. Das hät­te mich nicht ge­rührt, weil ich ihn für ei­nen Ab­tei­lungs­lei­ter für Li­te­ra­tur hal­te. Es gab aber ei­nen Druck­feh­ler im Buch: Ka­li­nin­grad statt Ka­li­nin. Ka­li­nin­grad ist Kö­nigs­berg. Mein Lek­tor hat­te den Druck­feh­ler nicht be­merkt, ich auch nicht. Reich-ra­ni­cki hat ihn na­tür­lich so­fort be­merkt, weil er mit Rot­stift in der Hand auf Feh­ler liest wie ein rich­tig gu­ter Ober­leh­rer. Ich ha­be mich sehr tief über mich ge­är­gert, dass mir die­ser Feh­ler pas­siert ist. An­de­rer­seits, wenn ein Buch von Druck­feh­lern ab­hängt, muss man kei­ne Li­te­ra­tur schrei­ben.

John Up­di­ke schnitt Ver­ris­se aus und hef­te­te sie säu­ber­lich in ei­nem Ak­ten­ord­ner ab. Auf die­se Wei­se, sag­te er, ver­lö­ren sie ih­ren «ver­gif­ten­den St­a­chel».

Ein gu­tes Be­er­di­gungs­sys­tem, aber wenn ich ein Buch ge­schrie­ben ha­be, ist es für mich ei­ne an­de­re Per­son. Was in den Kri­ti­ken steht, be­zie­he ich nicht auf mich. Wenn es heisst, ich sei ein kal­ter Schrift-

stel­ler, se­he ich ei­nes mei­ner Kin­der an und weiss, dass ich nicht kalt bin. In­so­fern kann da ste­hen, was will.

Vla­di­mir Na­bo­kov schrieb: «Man­che Men­schen – und ich sel­ber ge­hö­re zu ih­nen – ha­ben für Hap­py Ends nichts üb­rig. Wir füh­len uns hin­ter­gan­gen. Un­glück ist das Nor­ma­le. Das Ver­häng­nis soll­te nicht klem­men. Die La­wi­ne, die in ih­rem Lauf ein paar Me­ter über dem sich du­cken­den Dorf zum Still­stand kommt, be­nimmt sich nicht nur un­na­tür­lich, son­dern un­mo­ra­lisch.» War­um tut es kei­ner Ge­schich­te gut, wenn sie gut en­det?

Ich hal­te ei­nen Satz von Tho­mas Mann da­ge­gen: «Un­glück soll nicht prah­len.» Ich weiss, dass Un­glück sta­tis­tisch über­wiegt, und ha­be es beim Luft­an­griff auf Hal­ber­stadt di­rekt wahr­neh­men kön­nen. Die­se ent­waff­nen­de Ohn­macht ist ei­ne Grund­m­e­ta­pher mei­nes Le­bens, die ei­nen we­der op­ti­mis­tisch macht noch da­zu bringt, es mit Hap­py Ends zu über­trei­ben – Ope­ret­ten has­se ich. Trotz­dem bin ich gern an der Abrüs­tung der fünf­ten Ak­te tä­tig. War­um muss in Opern der So­pran, das Liebs­te, was ich ha­be, grund­sätz­lich im fünf­ten Akt um­ge­bracht wer­den? Das wür­de ich gern sa­bo­tie­ren. Ich weh­re die Rea­li­tät ab, in­dem ich sie um­schrei­be. Bis 1917 be­stand das ge­sam­te Ki­no­pro­gramm in Russ­land aus Me­lo­dra­men mit ei­nem tief­trau­ri­gen En­de. In Ame­ri­ka wur­den nur Fil­me mit Hap­py Ends ge­zeigt. In Ber­lin gab es ei­ne Im­port-ex­port-fir­ma, die die ame­ri­ka­ni­schen Fil­me zum Ex­port nach Russ­land mit ei­nem trau­ri­gen En­de ver­se­hen hat. Die rus­si­schen Fil­me be­ka­men ein Hap­py End, da­mit sie nach Ame­ri­ka ex­por­tiert wer­den konn­ten. Dar­an mer­ken Sie, dass es ei­nen nach Kon­ti­nen­ten sor­tier­ten Um­gang mit Me­lan­cho­lie und Pes­si­mis­mus gibt.

Sal­man Rush­die schreibt in sei­nen Me­moi­ren, das Le­ben ei­nes Schrift­stel­lers sei wie ein um­ge­kehr­ter faus­ti­scher Pakt: Man will Ruhm und Uns­terb­lich­keit er­lan­gen und zahlt da­für den Preis ei­nes mie­sen Le­bens. Rich­tig?

Wenn Rush­die ein Le­ben im En­ga­din mit Hub­schrau­ber und Su­per­mo­dels meint, wür­de mich das nach ei­ner Wei­le sehr lang­wei­len. Sämt­li­che Vor­stel­lun­gen vom Pa­ra­dies, die mir je er­zählt wur­den, sind wie ein Alb­traum für mich. Ich bin kein Kon­sum­spe­zia­list. Was ich zum Le­ben brau­che, ist re­la­tiv ein­fach. Ein schö­ner Nacht­schlaf ist ei­ne gu­te Sa­che. Ich ge­be zu, die­se An­ti-konsum-hal­tung ist et­was Pro­vin­zi­el­les.

Im Ta­ge­buch von Im­re Ker­tész heisst es: «Ehe­le­ben und Schrei­ben: ein Pa­ra­de­bei­spiel für zwei nicht mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren­de Le­bens­for­men». Sie ha­ben 1982 ge­hei­ra­tet. Ei­ne rich­ti­ge Ent­schei­dung?

Als Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der hör­te, ich hät­te ge­hei­ra­tet, hat er mir ei­nen bö­sen Brief ge­schrie­ben, öf­fent­lich, ge­druckt in ei­ner Zei­tung. Jetzt sei es mit mir zu En­de, schrieb er. Ich kann das nicht fin­den. Ich ha­be sehr spät ge­hei­ra­tet und sehr spät Kin­der ge­kriegt und bin zu mei­ner Über­ra­schung ganz glück­lich da­mit. Ich hal­te gros­se Egos in der Li­te­ra­tur für eher un­brauch­bar. Hat Kaf­ka ein gros­ses Ego und bläst sich auf ? Oder neh­men Sie Balz­ac. Er ist ein Bau­er, der in die Stadt kommt, sich über al­les wun­dert und das auf­schreibt. Er ist kein Ego, er ist ei­ne

Son­de, ein fi­li­gra­nes In­stru­ment. Die Leu­te, die Raum­son­den auf Ko­me­ten lan­den las­sen, sind Dich­ter. Ih­nen füh­le ich mich ver­wandt.

1991 sass Hein­rich Ma­ria Le­dig-ro­wohlt, da­mals 85 und Chef des Ro­wohlt-ver­la­ges, in ei­ner Ho­tel­bar vor ei­nem Whis­ky. Als er ge­fragt wur­de, war­um ne­ben sei­nem Glas ei­ne Fläsch­chen Haar­fi­xie­rer ste­he, ant­wor­te­te er: «Wenn mei­ne Haa­re ab­ste­hen, se­he ich so alt aus.» Sie sind 86. Wie ist es um Ih­re Ei­tel­keit be­stellt?

Sie ist ent­fal­tet, aber ich wüss­te nicht, was ich für mei­ne Schön­heit tun kann. Aus­ser­dem sit­ze ich abends nicht in Bars, son­dern schla­fe.

Ein Bei­spiel für Ih­re ent­fal­te­te Ei­tel­keit?

Ich ge­he nur mit mei­nem bes­ten An­zug zum Fri­seur in dem Aber­glau­ben, dass er mich dann nicht ver­schnei­det. Mei­ne Haa­re sind mir sehr be­deu­tend, aber es kä­me mir nicht in den Sinn, sie un­ter­wegs mit Fi­xie­rer zu ver­schö­nern.

Bri­an Wil­son, der Kopf der Beach Boys, war was­ser­scheu und konn­te nicht sur­fen, schrieb aber die schöns­ten Strand­sin­fo­ni­en der Welt. Ist al­le Kunst Kom­pen­sa­ti­on?

Kom­pen­sa­ti­on ist der fal­sche Aus­druck. Kunst ist die Fä­hig­keit, Un­ter­schei­dungs­ver­mö­gen zu ver­wal­ten und Sach­lich­keit mit Em­pa­thie zu ver­bin­den. Wer glück­lich auf ei­nem Surf­brett steht, hat kein Mo­tiv, das Sur­fen zu be­schrei­ben. Wel­cher Tau­send­füss­ler guckt sich zu und zählt sei­ne Füs­se? Er wür­de sich ver­rech­nen und stol­pern. Bei glück­li­chen Men­schen blei­ben die Sei­ten leer.

Tho­mas Mann no­tier­te 1954 in sein Ta­ge­buch: «Kann kei­ne Dis­kus­si­on ver­tra­gen. Ha­be zu viel Dis­kus­si­on in mir selbst.» Er­trägt man im Al­ter sei­ne Mit­men­schen nur noch, wenn sie ei­nem zu­hö­ren?

Sein ganz­tä­ti­ges Dich­ten lässt Tho­mas Mann die­sen Satz sa­gen, aber der Be­rufs­dich­ter ist ge­nau­so ein Irr­tum wie der Be­rufs­re­vo­lu­tio­när. Hät­te er ei­nen rich­ti­gen Be­ruf ge­habt, hät­te Tho­mas Mann noch ein biss­chen bes­ser ge­dich­tet. Goe­the ist ihm dar­in vor­aus, dass er ne­ben dem Dich­ten Mi­nis­ter ist und da­durch Rea­li­täts­sinn und Mass­ver­hält­nis­se be­sitzt. Des­halb konn­te er ab­so­lu­te Dich­tung ma­chen.

In bald sech­zig Jah­ren als Schrift­stel­ler ha­ben Sie mehr als zwei­tau­send Ge­schich­ten ge­schrie­ben, die in The­men­bän­den er­schie­nen sind. Wenn von all Ih­ren Bü­chern nur ein ein­zi­ges üb­rig blei­ben dürf­te, wel­ches wä­re das?

Das ist ei­ne il­le­gi­ti­me Fra­ge wie: Lie­ben Sie Ih­ren Sohn oder Ih­re Toch­ter mehr? Ich ant­wor­te Ih­nen trotz­dem: «Le­bens­läu­fe» von 1962, mein ers­tes Buch. Wer wuss­te denn, dass ich mal Ge­schich­ten schrei­be, die auch ge­druckt wer­den? Ich war als jun­ger Ju­rist in der Kul­tur­po­li­tik tä­tig. Ei­ne Zeit lang hiess es, ich soll­te Ku­ra­tor der Jo­hann-wolf­gang­goe­the-uni­ver­si­tät in Frank­furt wer­den. In ei­nem be­ruf­li­chen Fall hat­te ich den Leh­rer ei­ner re­nom­mier­ten Pri­vat­schu­le, der ein Kind mit ei­ner Schü­le­rin ge­zeugt hat­te, aus den Fän­gen der Jus­tiz und Schul­auf­sicht raus­ma­nö­vriert. Der Mann wur­de Ver­lags­lek­tor und ent­deck­te mich. Otl Ai­cher ge­stal­te­te den Um­schlag der «Le­bens­läu­fe», bau­haus­mäs­sig, Ti­tel in Blau, Schrift Ak­zi­denz-gro­tesk. Bei die­sem Buch wä­re ich froh, wenn es über­lebt.

Ei­nem Schrift­stel­ler drückt nie­mand ei­ne gol­de­ne Uhr in die Hand, um ihm zu si­gna­li­sie­ren, nun sei es bes­ser, mit dem Schrei­ben auf­zu­hö­ren. Wie wer­den Sie mer­ken, dass es an der Zeit ist, Ru­he zu ge­ben?

Das wer­de ich wis­sen, wenn ich es mer­ke. Mei­ne Phi­lo­so­phie ist die Wie­der­her­stel­lung der Ehe mei­ner El­tern als die ent­schei­den­de Mass­nah­me des Zwei­ten Welt­kriegs. Wenn ich acht­hun­dert Jah­re brau­che, mei­ne El­tern wie­der zu­sam­men­zu­krie­gen, dann ist das gut an­ge­wen­de­te Zeit.

Am letz­ten Tag sei­nes Le­bens hat­te Goe­the furcht­ba­re Schmer­zen. Als er schon nicht mehr spre­chen konn­te, mal­te er im­mer noch Buch­sta­ben auf die De­cke über sei­nen Kni­en. Wä­re das auch Ih­re Art zu ster­ben?

Nein, ich bin münd­lich ge­rich­tet, und In­ter­punk­ti­on und Recht­schrei­bung rich­ten sich bei mir nach mei­nem Ge­fühl. Wenn ich nach­den­ke, ob man lahm mit h oder oh­ne schreibt, dann wüss­te ich es nicht. Ich wür­de akus­tisch ster­ben wol­len. Wenn ich wäh­len dürf­te: «Na­buc­co» von Ver­di. Wer im­mer hofft, stirbt sin­gend.

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