VON KUNSTVOLLER HEI­LUNG DER CU­CUR­BI­TA­PHO­BIE

Das Magazin - - Christian Seiler - CHRIS­TI­AN SEI­LER ist Re­por­ter bei« Das Ma­ga­zin ».

Es gab ei­ne Zeit, als ich dem Kür­bis un­recht tat. Das hat­te al­ler­dings ei­nen trif­ti­gen Grund, näm­lich den, dass der Kür­bis mir un­recht tat. Ei­ne Zeit lang pei­nig­ten mich na­men­lo­se Gas­tro­no­men und Gast­ge­ber im Herbst mit ih­ren Kür­bis­sup­pen, die nach ein­ge­schla­fe­nen Füs­sen schmeck­ten und wo­mög­lich noch an ih­rer Ober­flä­che mit Kern­öl ver­ziert wa­ren.

Das sind gleich zwei von­ein­an­der un­ab­hän­gi­ge Fol­ter­me­tho­den. Kür­bis­sup­pen, vor al­lem wenn sie mit Rahm ab­ge­bun­den wer­den, nei­gen zur Fa­desse, und Kür­bis­kern­öl ist ein Aro­mat, das ich ei­gent­lich nur in ei­ner Kom­bi­na­ti­on gern­ha­be, näm­lich mit Va­nil­le­eis.

Die­se Kür­bis­sup­pen­pho­bie misch­te sich mit mei­nem Wi­der­wil­len ge­gen die gras­sie­ren­de Hal­lo­ween­seu­che und na­tür­lich auch ge­gen die im Herbst all­ge­gen­wär­ti­gen Zier­kür­bis­se, die nichts an­de­res be­wir­ken, als die Ge­schmack­lo­sig­keit je­ner zu be­zeu­gen, die mit ih­nen ih­re Woh­nun­gen oder Gast­stu­ben de­ko­rie­ren.

Aber dann stiess ich auf die Kür­bis­se von Yayoi Ku­sa­ma, die mich mit ih­ren ex­al­tier­ten For­men und Mus­tern hei­ter stimm­ten und ver­söhn­lich. Vi­el­leicht klingt es an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen, dass erst das Werk der gros­sen ja­pa­ni­schen Künst­le­rin den Kür­bis auf mei­nen Spei­se­plan hol­te. Aber es ist nichts als die Wahr­heit, und ich kann je­dem Cu­cur­bi­ta­pho­bi­ker emp­feh­len, nur lan­ge ge­nug das Bild auf die­ser Sei­te zu be­trach­ten, bis ei­ne un­ge­ahn­te Hei­ter­keit Be­sitz von ihm er­greift – und an­schlies­send den Back­ofen auf 200 Grad vor­zu­hei­zen, um fol­gen­de Tor­te zu ba­cken:

Ei­gent­lich ist Ni­gel Sla­ters Pump­kin Sco­ne ei­ne Art Ge­mü­se­brot, das in En­g­land ein­mal ver­brei­tet war, aber jetzt nicht mehr. Der Sco­ne ist ein Trost­spen­der, wenn er lau­warm auf dem Tisch steht und ent­we­der Bei­la­ge zu et­was Def­ti­gem oder auch die Haupt­mahl­zeit ist, der man mit der rich­ti­gen Aus­rüs­tung zu Lei­be rückt, näm­lich mit Mes­ser, Ga­bel, di­ckem Rahm und schar­fen Pick­les. Auch frisch her­aus­ge­bra­te­ne Sal­sic­ce sind gut be­freun­det mit die­sem Sco­ne. Aber stel­len wir ihn erst ein­mal her, be­vor wir ihn sach­kun­dig ver­zeh­ren.

Das braucht man für vier Per­so­nen:

300 g ge­schäl­ten und ent­kern­ten Hok­kai­do­kür­bis 140 g Mehl

½ TL Na­tron (oder Back­pul­ver)

½ TL Salz

70 g But­ter

1 Ei, ver­quirlt

90 ml war­me Milch

2 TL ab­ge­zupf­te Thy­mi­an­blät­ter schwar­zer Pfef­fer et­was Öl

Und so wirds ge­macht:

Den Kür­bis in Stü­cke schnei­den und so lan­ge dämp­fen, bis man ihn mit ei­nem Kar­tof­fel­stamp­fer zu Brei quet­schen kann. Gleich­zei­tig Mehl, Na­tron und Salz in ei­ner gros­sen Schüs­sel mi­schen. Die But­ter in klei­ne Stü­cke schnei­den und mit den Fin­gern ins Mehl kne­ten, bis der ty­pi­sche Mürb­teig ent­steht, der aus­sieht wie fri­sche Sem­mel­brö­sel.

Jetzt den Kür­bis zer­stamp­fen. Das ver­quirl­te Ei zu­ge­ben und gut ver­mi­schen. Die lau­war­me Milch und die Thy­mi­an­blät­ter da­zu­ge­ben und die­se Mi­schung mit dem Mürb­teig ver­hei­ra­ten. Auf­pas­sen, dass kei­ne zu gros­sen Teig­klum­pen üb­rig blei­ben. Mit schwar­zem Pfef­fer wür­zen. Für Salz und Pfef­fer gilt, sie­he ganz oben: Mehr ist mehr. Kür­bis ver­trägt un­glaub­lich viel Salz, Pfef­fer und Thy­mi­an.

Jetzt ei­ne mög­lichst schwe­re, be­schich­te­te Brat­pfan­ne mit et­was Öl aus­strei­chen und er­hit­zen. Den Kür­bi­s­teig hin­ein­ge­ben und glatt strei­chen. Auf klei­ner Flam­me bra­ten, bis die Un­ter­sei­te gold­gelb ist. Jetzt et­was Öl auf ei­nen gros­sen Tel­ler strei­chen und die Un­ter­sei­te des Sco­nes mit ei­nem Mes­ser oder Kü­chen­freund vom Bo­den lö­sen. Den Tel­ler auf die Pfan­ne le­gen und die Pfan­ne um­dre­hen, bis der Sco­ne auf dem Tel­ler liegt. Wenn nö­tig, et­was neu­es Öl in die Pfan­ne strei­chen und den Sco­ne mit der ro­hen Sei­te nach un­ten zu­rück in die Pfan­ne glei­ten las­sen. Jetzt die Pfan­ne für sie­ben Mi­nu­ten in den Ofen stel­len – oder je­den­falls so lan­ge, bis sich der Sco­ne in der Mit­te ein biss­chen ab­senkt.

Aus der Pfan­ne stür­zen, in di­cke Stü­cke schnei­den. Der Sco­ne hat ei­ne präch­ti­ge Far­be und be­nimmt sich wie ein freund­li­cher Uni­ver­sa­list. Lässt sich mit Fleisch oder ei­nem Stück Kä­se ver­zeh­ren oder auch ve­ge­ta­risch, mit di­ckem Rahm und Ge­würz­gur­ken oder ein­ge­leg­ten Chi­lis. Ich mag die et­was bäu­ri­sche, feuch­te Kon­sis­tenz und den fei­nen Duft.

Ob der Sco­ne auch kalt schmeckt, kann ich nicht be­ur­tei­len. So lan­ge hat er nie über­lebt.

Has­sen auch Sie Zier­kür­bis­se? Fa­de Kür­bis­sup­pen, mit de­nen man im Herbst al­lent­hal­ben be­läs­tigt wird? Hal­lo­ween? Dann se­hen Sie sich die­ses Bild lan­ge an.

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