LIE­BER MA­XIM BIL­LER,

Das Magazin - - Max Küng - M A X K Ü N G ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin»; Il­lus­tra­ti­on SATOSHI HASHIMOTO

scha­de, sind Sie kein sau­di­ara­bi­scher Schrift­stel­ler, sonst könn­te ich gleich zwei Flie­gen mit ei­ner Hell­firera­ke­te er­le­di­gen. Denn – so las ich – dem dor­ti­gen Re­gime ist viel dar­an ge­le­gen, dass po­si­tiv über das Land ge­dacht und ge­schrie­ben wird. Gera­de auch in die­sen Zei­ten der Zer­stü­cke­lun­gen. Es stand in der Zei­tung: Pr-agen­tu­ren such­ten «auch hier nach Jour­na­lis­ten, die über Sau­dia­ra­bi­en be­rich­ten sol­len. Na­tür­lich über mög­lichst po­si­ti­ve The­men, wie die sau­di­sche Fuss­ball­na­tio­nal­mann­schaft oder er­folg­rei­che Künst­le­rin­nen.» Ach, Herr Bil­ler, wä­ren Sie doch ei­ne er­folg­rei­che sau­di­ara­bi­sche Künst­le­rin, dann könn­te ich mir ein paar Riy­al als Zu­brot ver­die­nen – oder mir we­nigs­tens ei­ne Ein­la­dung ein­heim­sen für ei­ne Ge­län­de­wa­gen­fahrt durch die Wüs­te Rub al-cha­li, wo einst die Weih­rauch­ka­ra­wa­nen durch­zo­gen. Aber Sie sind es nicht, son­dern ein deut­scher Schrift­stel­ler und Ju­de, er­folg­reich je­doch. Auf dem ver­hül­len­den Cel­lo­phan um Ihr Buch prang­ten zwei Kle­ber. Der ei­ne sag­te, ihr Buch ste­he auf der «Spie­gel»-best­sel­ler­lis­te, der an­de­re, dass Sie für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert wa­ren (den Sie dann lei­der nicht ge­won­nen ha­ben, ob­wohl man im Ra­dio sag­te, sie sei­en der Fa­vo­rit).

Ich muss ge­ste­hen: In letz­ter Zeit las ich sehr we­ni­ge Bü­cher von sau­di­ara­bi­schen Schrift­stel­lern. Mir fiel aber et­was an­de­res auf. Die letzt­ge­le­se­nen Bü­cher stam­men al­le von männ­li­chen, jü­di­schen Au­to­ren. Ich fra­ge mich, wes­halb dem so ist. Rei­ner Zu­fall? Ein si­gni­fi­kan­tes Mus­ter? Gä­be es da­für Grün­de?

Da ist Ihr Ro­man «Sechs Kof­fer», zu­vor war es das Buch «Der Ge­hil­fe» von Ber­nard Ma­la­mud ge­we­sen, wel­ches mir ein Freund emp­foh­len hat­te (ge­nau­er schrieb er mir, er ha­be beim Le­sen des Bu­ches an ei­ner Stel­le wei­nen müs­sen vor Rüh­rung, was ich nach­voll­zie­hen kann, denn es ist ei­ne gar trau­ri­ge Ge­schich­te). Noch ein Buch zu­vor war es «Was treibt Sam­my an?» von Budd Schul­berg ge­we­sen. Die­ser Ro­man ist (über­setzt üb­ri­gens von Har­ry Ro­wohlt) lei­der ver­grif­fen, per Zu­fall kam es in mei­ne Hän­de. Es spielt im Hol­ly­wood zu Be­ginn der Ton­film­zeit und er­zählt den ra­san­ten (und op­fer­rei­chen) Auf­stieg ei­nes Man­nes na­mens Sam­my Glick vom Nichts zum Film­stu­dio­boss. Das liest sich für ein 1941 er­schie­ne­nes Buch er­staun­lich mo­dern – und auf Sei­te 93 stiess ich auf ei­ne Stel­le, die an­ge­sichts der Har­vey-wein­stein-af­fä­re in­ter­es­sant ist: «Wäh­rend wir tanz­ten und uns da­bei kaum be­weg­ten, hör­te ich die Lau­te und Laut­lo­sig­kei­ten von Ge­küs­se ..., und dann fing Sam­my mit der Num­mer an, dass er sie beim Film un­ter­brin­gen kann. Es war kaum mehr als ein Ulk, und Sal­ly Ann wuss­te es, aber man merk­te dar­an, wie sie zu­rückulk­te, wie viel ihr dar­an lag. Es war al­les so nackt, dass ich wünsch­te, ich wä­re be­trun­ke­ner oder gar nicht da. Es war nie­man­dem ein Ge­heim­nis, dass sie ihn be­nutz­te und er sie, dass bei­de et­was woll­ten und es nicht so ganz zu­ga­ben. Man­che nen­nen das den Hol­ly­woo­der Stel­lungs­krieg, ob­wohl das Kon­zept ein we­nig eng ge­fasst ist. Hol­ly­wood mag eins der of­fen­sicht­lichs­ten Schlacht­fel­der die­ses Krie­ges sein, aber in Wirk­lich­keit ist er ein Welt­krieg, ein nicht er­klär­ter.» Und dies in ei­nem Buch, das fast acht­zig Jah­re auf dem Bu­ckel hat. Er­staun­lich, oder?

Nun freue ich mich auf Ih­ren Ro­man «Sechs Kof­fer». Ich hof­fe sehr, das Wet­ter bleibt so schlecht, wie es ist, oder wird so­gar noch et­was mie­ser, denn dann liest es sich noch bes­ser: wenn man trif­ti­ge Grün­de hat, nicht aus dem Haus ge­hen zu müs­sen, son­dern sich zu ver­gra­ben un­ter wol­le­nen De­cken und war­mem Licht. Ich hab erst rein­ge­schmö­kert und da­bei ge­se­hen: Die Hand­lung spielt auch in Zü­rich, in Oer­li­kon und in der Kro­nen­hal­le.

Und da fiel mir ein: Dort spiel­ten auch Tei­le des Bu­ches, wel­ches ich vor den an­de­ren er­wähn­ten ge­le­sen hat­te: «Le­ber­knö­del» von Will Self. Ich ge­be zu, ein selt­sa­mer Ti­tel für ein Buch ei­nes selt­sa­men Au­tors, des­sen an­de­re Wer­ke ich zu le­sen nicht be­fä­higt ge­we­sen war. «Le­ber­knö­del» aber ist gross­ar­tig. Und «Sechs Kof­fer» wird auch so sein. Wo­her ich es weiss? Ich habs ge­spürt, als ich das Buch im La­den vom Sta­pel ge­grif­fen hat­te. Denn man­che Din­ge, die weiss man ein­fach, oh­ne sie zu wis­sen. Ob­wohl ich nicht weiss, ob Will Self Ju­de ist oder nicht.

Ihr treu­er Le­ser Max Küng

PS Song zum The­ma: «The Book Lo­vers» von Broad­cast vom Al­bum «Work And Non Work», 1997.

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