Ein Tag im LE­BEN

Das Magazin - - Ein Tag Im Leben - Pro­to­koll STE­PHA­NIE REBONATI Bild PRIVAT

Als Acht­jäh­ri­ger war ich enorm an­ge­tan von «Mo­mo», der Kin­der­ge­schich­te von Micha­el En­de, die 1973 erst­mals ver­öf­fent­licht wur­de. Mein Va­ter, der Ga­le­rist Da­vid Zwir­ner und ur­sprüng­lich aus Köln, las mir das Buch da­mals auf Deutsch vor. Ich wuchs in New York auf, da­heim pfleg­ten wir aber den Ge­brauch bei­der Spra­chen, was ich heu­te zu­tiefst schät­ze. Gera­de ges­tern war mein Gross­va­ter aus Ber­lin zu Be­such, und wir ha­ben uns den gan­zen Abend un­ter­hal­ten.

Als Zehn­jäh­ri­ger las ich «Mo­mo» dann sel­ber. Mich fas­zi­nier­te die phi­lo­so­phi­sche Er­zäh­lung, in der es um das Kon­zept von Zeit geht. Wie sie uns be­ein­flusst, wie wir uns mit und durch sie be­we­gen. Ich moch­te das Wai­sen­mäd­chen Mo­mo und die An­t­ago­nis­ten, die grau­en Her­ren, die aus ge­trock­ne­ten St­un­den­blu­men Zi­gar­ren roll­ten und so die Zeit an­de­rer ver­rauch­ten. Ein wahn­sin­nig star­kes Bild, nicht? Weil die Blu­men ein­ge­setzt wer­den, um Zeit zu the­ma­ti­sie­ren, die ge­stoh­len und ver­prasst wird. Mich in­ter­es­sier­ten Bü­cher mit ei­ner phi­lo­so­phi­schen Po­in­te schon im­mer. Des­halb war ich als Kind auch «So­fies Welt» von Jostein Gaar­der ver­fal­len, ei­ne Ein­füh­rung in die Ge­schich­te der Phi­lo­so­phie.

Als ich acht­zehn war, pas­sier­te ei­nes Ta­ges et­was, das wohl mass­geb­lich da­zu bei­ge­tra­gen hat, dass ich heu­te im Ver­lags­we­sen tä­tig bin. Da­mals war ich im ers­ten Jahr an der Ya­le-uni­ver­si­tät, wo ich Phi­lo­so­phie, deut- sche und fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur stu­dier­te. Ich war kurz bei mei­nen El­tern zu Be­such, wo ich in mei­nem Kin­der­zim­mer plötz­lich «Mo­mo» er­blick­te, das in gel­bes Lei­nen ge­bun­de­ne Buch mit den di­cken Sei­ten, das mir als Kind so lieb war. Die nächs­ten zwei Ta­ge ver­brach­te ich da­mit, «Mo­mo» er­neut zu le­sen. Es pack­te mich wie­der. Die­ses Buch, so dach­te ich, müss­te doch gera­de jetzt, in ei­ner Zeit, in der den Mäch­ti­gen und dem Fi­nanz­sek­tor miss­traut wird, ei­ne be­deu­ten­de Kin­der­ge­schich­te sein – auch in Ame­ri­ka! So be­schloss ich, das Buch ins Eng­li­sche zu über­set­zen. Es exis­tie­ren zwar zwei Über­set­zun­gen, aber die sind schon vie­le Jah­re alt. Ich war be­strebt, es bes­ser zu ma­chen.

Die Über­set­zung dau­er­te sech­zig Ta­ge und nahm den gan­zen Som­mer 2010 in An­spruch. dreis­sig Ta­ge über­setz­te, dreis­sig Ta­ge re­di­gier­te ich. 2013, ge­nau vier­zig Jah­re nach der Erst­ver­öf­fent­li­chung, wur­de mei­ne Über­set­zung dann tat­säch­lich vom Ver­lag Mcs­weene’s pu­bli­ziert. Das Buch ist heu­te ver­grif­fen. Nach «Mo­mo» wag­te ich mich an wei­te­re deut­sche Tex­te, et­wa an Micha­el En­des «Der Spie­gel im Spie­gel» oder an Eli­as Ca­net­tis «Der Be­ruf des Dich­ters».

In je­ner Zeit ver­fass­te ich auch Kunst­kri­ti­ken. Die Text­ar­beit war ein Wen­de­punkt. Sie brach­te den Ge­brauch von Werk­zeu­gen mit sich, die mir nicht nur ex­trem ge­fie­len, son­dern auch la­gen. Ich woll­te mir da­mals drin­gend ei­ne be­ruf­li­che Iden­ti­tät schaf­fen, die Gül­tig­keit hat aus­ser­halb der Welt mei­nes Va­ters, der 1993 in So­ho die Da­vid Zwir­ner Ga­le­rie ins Le­ben ge­ru­fen hat­te.

Heu­te ar­bei­te ich im Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men, ob­wohl ich nach Ya­le zu­nächst in Har­lem an ei­ner Pri­mar­schu­le un­ter­rich­te­te und da­nach ei­gent­lich ei­nen Mas­ter in Phi­lo­so­phie in Ox­ford ma­chen woll­te, was ich in letz­ter Mi­nu­te ab­ge­bla­sen ha­be.

2014 wur­de Da­vid Zwir­ner Books ge­grün­det, des­sen Ver­lags­lei­ter ich seit zwei Jah­ren bin. Wir pu­bli­zie­ren Ka­ta­lo­ge und Mo­no­gra­fi­en, aber auch li­te­ra­ri­sche Wer­ke, weil mir dar­an liegt, den Be­geg­nungs­punk­ten von Li­te­ra­tur und vi­su­el­ler Kunst ei­ne Platt­form zu ge­ben. Die­sen Mo­nat er­scheint «What it Me­ans to Wri­te About Art», ei­ne Samm­lung von Ge­sprä­chen mit dreis­sig gros­sen Kunst­kri­ti­kern, dar­un­ter Hil­ton Als, Si­ri Hust­ve­dt und Pe­ter Sch­jeldahl. Auf mei­nem Pult sta­peln sich die Ma­nu­skrip­te. Schau, die­ses et­wa von Bet­sy Ba­ker. Sie war 35 Jah­re lang Chef­re­dak­to­rin von «Art in Ame­ri­ca». Ich bin ge­spannt, was dar­aus Gross­ar­ti­ges ent­ste­hen wird.

LU­CAS Zwir­ner(27),ver­lags­lei­ter von Da­vid Zwir­ner Books in New York, hat ein deut­sches Lieb­lings­buch: «Mo­mo» von Micha­el En­de.

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