ES MUSS NICHT KOM­PLI­ZIERT SEIN

«Höl­le Ko­rea» sa­gen jun­ge Süd­ko­rea­ner, wenn sie ihr Le­bens­ge­fühl be­schrei­ben sol­len. Sie ha­ben nur ei­nen Wunsch: aus­wan­dern. Oder mehr chong fin­den, das Ge­fühl ei­ner un­sicht­ba­ren Umar­mung.

Das Magazin - - Content - FINN CANONICA

Aus der gros­sen Mas­se von Fo­to­gra­fi­en ste­chen nur we­ni­ge her­vor. Wir ha­ben in den ver­gan­ge­nen zwei­ein­halb Jah­ren un­ter dem Ti­tel «Par­al­lel­ge­schich­ten» wö­chent­lich ein blei­ben­des Bild von An­dri Pol ge­zeigt. Da­zu ein kur­zer Text, der das Ge­zeig­te oh­ne mo­ra­li­sche Ab­sich­ten be­schrieb. Nun ist es Zeit, sich von die­ser Ko­lum­ne zu ver­ab­schie­den. Ich dan­ke mei­nem Kol­le­gen An­dri Pol für sei­ne Ar­beit an der Ko­lum­ne, selbst­ver­ständ­lich wird er auch wei­ter­hin für «Das Ma­ga­zin» fo­to­gra­fie­ren. An die Stel­le von Pols Ko­lum­ne wird ab nächs­ter Wo­che ei­ne von mei­nem Kol­le­gen Mi­ka­el Kro­ge­rus und dem Il­lus­tra­tor Ro­man Tschäp­peler ge­stal­te­te Sei­te rü­cken. Kro­ge­rus / Tschäp­peler sind Er­folgs­au­to­ren, «50 Er­folgs­mo­del­le», «Das Fra­ge­buch» und «Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­buch» fan­den ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum. Was Sie, lie­be Le­se­rin­nen und Le­ser, er­war­ten wird, ist schwer zu er­klä­ren, oh­ne dass es gleich ein biss­chen doof klingt. Ich sag es des­halb mal so: Es wird dar­um ge­hen, ge­dank­li­che Aus­we­ge zu bie­ten aus all dem, was ei­nem manch­mal so kom­pli­ziert er­scheint im Le­ben.

AUS­WAN­DERN

ku jie-um nimmt gros­se schrit­te. je­den tag ei­ne stre­cke. ge­hen gibt ihr das ge­fühl, vor­an­zu­kom­men im le­ben. «Der plan mo­ti­viert mich. Die etap­pen­zie­le spor­nen an. mein Ziel: 2019 nicht mehr in süd­ko­rea le­ben!»

Wenn jie-um das sagt, kreischt sie und nimmt die hand vor den mund. Wir ge­hen im sü­den seo­uls, in gangnam, die haupt­stras­se ent­lang. Wol­ken­krat­zer ra­gen in den him­mel. An be­ton­grau­en fas­sa­den flim­mern Bild­schir­me. leucht­re­kla­men blin­ken in al­len far­ben. gangnam ist der no­bels­te Be­zirk in seo­ul. hier flo­riert die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie. hier ver­die­nen die kon­zer­ne geld. hier fah­ren die Bus­se in die Vor­städ­te. pro fahrt­rich­tung ist die stras­se fünf­spu­rig. Auch jie-um wird spä­ter von hier ei­ne st­un­de nach hau­se fah­ren. Wir schie­ben uns durch die men­ge. Vor­ne, hin­ten, links, rechts: men­schen über­all. kein ort, um vor­an­zu­kom­men. jie-ums plan reif­te letz­tes jahr in san francisco. für vier mo­na­te mach­te sie ein prak­ti­kum bei ei­ner stif­tung für start-ups. sie woll­te in ih­rem freun­des­kreis, in ih­rem jahr­gang, an ih­rer Uni­ver­si­tät nicht die Aus­sen­sei­te­rin sein. Wer in süd­ko­rea et­was auf sich hält, hat ei­nen Usa-auf­ent­halt im le­bens­lauf ste­hen. jie-um be­ein­druck­te bei der Ar­beit das Cre­do der grün­der­sze­ne: schei­tern ist er­laubt. Wer schei­tert, lernt fürs le­ben. schei­tern, so hat­te sie frü­her ge­lernt, ist ei­ne schan­de. ein­mal ver­sag­te sie bei ei­ner Di­ät. Die freun­din­nen spot­te­ten, bis sie schwieg. seit­her be­hält sie ih­re Zie­le für sich. in san francisco hat­te jie-um erst­mals seit der mit­tel­schu­le Zeit zu fla­nie­ren, zu fei­ern, zu le­ben. sie freun­de­te sich mit selbst­ver­sor­gern und frei­be­ruf­le­rin­nen an. Al­le brann­ten für Vi­sio­nen, jag­ten träu­men nach, woll­ten nur sich selbst ge­fal­len. Und wa­ren im­mer ent­spannt. frag­ten sie jie-um: Was sind dei­ne Zie­le?, schwieg sie.

Du mit­läu­fe­rin, sag­te sie sich und über­dach­te ih­re Zie­le:

Will ich um ei­ne stel­le wett­ei­fern? Will ich ar­bei­ten bis zum Um­fal­len? Will ich schön­heits­ope­ra­tio­nen ma­chen?

Will ich mir die teu­ers­te Woh­nung kau­fen kön­nen?

Will ich mit dreis­sig hei­ra­ten? nein. jie-um war 24, und sie er­kann­te: «schwim­me ich in mei­nem land ge­gen den strom, ge­he ich un­ter. ich muss weg.»

Der­zeit schwatzt sie leu­ten am te­le­fon Ver­si­che­run­gen auf, um ih­re er­spar­nis­se auf­zu­bes­sern. Ver­kauft sie nichts, ver­dient sie nichts. «stren­ger Dutt, lip­pen­stift, knie­lan­ger rock – ein muss», äfft sie die team­lei­te­rin nach. «sie hat mich heu­te vor al­len ge­ta­delt!» jie-um trägt ein blau-grü­nes ka­ro­hemd, je­ans, ro­te ja­cke. sträh­nen hän­gen ihr ins ge­sicht. ger­ne hät­te sie ge­ant­wor­tet: ich tra­ge, was ich will.

«Das ko­rea­ni­sche lähmt mei­ne Zun­ge. hier­ar­chie be­stimmt je­des ge­spräch. egal, wie re­spekt­los dich dein ge­gen­über be­han­delt.»

«Un­denk­bar! ich hät­te mein ge­sicht ver­lo­ren, mei­ne eh­re», sagt jie-um.

Was in süd­ko­rea zählt, ist die mei­nung an­de­rer über ei­nen selbst. An­zu­stre­ben ist stets har­mo­nie in der grup­pe. Da­bei hat sich je­der sei­nem so­zia­len sta­tus ent­spre­chend zu ver­hal­ten. «ich sag­te: ‹Ver­stan­den.›» jie-um bleibt ste­hen und schaut mich an: «sol­che ta­ge sind Hell Jo­se­on!»

Die Dis­kus­si­on über den Be­griff Hell Jo­se­on (höl­le ko­rea) war 2015 in den so­zia­len me­di­en süd­ko­reas auf ih­rem hö­he­punkt. men­schen im Al­ter zwi­schen zwan­zig und dreis­sig be­schrie­ben ih­ren All­tag als höl­le. Weil ihn ein in­fer­na­li­sches sys­tem prägt, das den kon­ser­va­ti­ven Wer­ten der jo­se­on-dy­nas­tie ent­spricht, des kö­nig­reichs, das vor grün­dung der re­pu­blik ko­rea fünf jahr­hun­der­te be­stan­den hat. Die ju­gend ver­zwei­fel­te an der ho­hen Ar­beits­lo­sig­keit. sie schimpf­te über die herr­schen­de klas­se. sie klag­te über feh­len­de so­zia­le mo­bi­li­tät. sie ver­zag­te we­gen des leis­tungs­drucks. für ih­ren Un­mut mach­te sie die Al­ten ver­ant­wort­lich. Die­se kon­ter­ten. ta­ten die jun­gen als ver­wöhnt und un­dank­bar ab. jour­na­lis­tin­nen, for­schen­de und Au­to­ren hör­ten hin: Hell Jo­se­on war das sym­ptom ei­ner ver­lo­re­nen ge­ne­ra­ti­on. Hell Jo­se­on, so soll­te ich er­fah­ren, hat so vie­le ei­gen­schaf­ten, wie es ju­gend­li­che in süd­ko­rea gibt. für jie-um drückt es sich in der spra­che aus: «Das ko­rea­ni­sche lähmt mei­ne Zun­ge. hier­ar­chie be­stimmt je­des ge­spräch. egal, wie re­spekt­los dich dein ge­gen­über be­han­delt.» sie­ben höf­lich­keits­for­men kennt das ko­rea­ni­sche. Der Al­ters­un­ter­schied und die so­zia­le stel­lung be­stim­men, wel­che form die jün­ge­re per­son zu ver­wen­den hat.

Wir ver­schnau­fen in ei­nem Ca­fé nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild. «Angst vor der frem­de ha­be ich nicht. Aber Angst, zu­rück­kom­men zu müs­sen», sagt jie-um. Da­bei zieht sie ih­re gol­dig­blau­en gel-fin­ger­nä­gel ab. schon ein­mal ver­such­te sie aus­zu­wan­dern. Über ein on­lin­e­por­tal fand sie ei­nen som­mer­job in ei­nem ko­rea­ni­schen re­stau­rant in neu­see­land. Die Che­fin ver­sprach im sky­pe-ge­spräch: free­dom, fun, per­ma­nent re­si­den­cy. Als kü­chen­hil­fe muss­te jie-um dann in ko­rea­ni­schen höf­lich­keits­for­men spre­chen. Die jungs im team kom­men­tier­ten ihr Aus­se­hen, die Che­fin ih­re leis­tung. Als sie von ihr for­der­te, die frei­zeit mit dem team zu ver­brin­gen, kün­dig­te jie­um. nach zwei mo­na­ten zog sie mit ei­nem Vi­sum für fe­ri­en­ar­beit nach Aus­tra­li­en. sie ver­kauf­te spiel­wa­ren in mel­bourne. Be­kam zu we­nig oder kei­nen lohn. spä­ter hau­sier­te sie mit strom­ta­ri­fen. «mei­ne hei­mat ha­be ich nicht ver­misst, aber die Uni», sagt sie.

im fe­bru­ar ist jie-um zu­rück­ge­kehrt, um ihr stu­di­um in Che­mie­in­ge­nieur­we­sen ab­zu­schlies­sen. Da­nach will sie de­fi­ni­tiv weg. sie zückt ein A4­blatt aus der ta­sche. Dicht be­schrie­ben mit Zah­len, stich­wör­tern und sym­bo­len:

Prio­ri­tä­ten:

1. Geld spa­ren

2. IELTS, mind. 6.5, mein Ziel: 7.0 3. Mac Book

4. Ka­na­da

5. Deutsch­land

Deutsch ler­nen: –On­li­ne

–Te­le­fon­kurs –Vo­ka­bu­lar aus­wen­dig

Mi.: Gan­zer Tag Uni

Mo. Di. Do. Fr.:

05:00 Ar­bei­ten

18:00 Din­ner

19:00–00:00 IELTS: stu­dy hard!

Sa./so.: Ar­bei­ten 14:00–00:00 IELTS und Deutsch?

In San Francisco be­gann für Jie-um al­les, dort le­ben je­doch will sie nicht. «Nachts hör­te ich Schüs­se. Si­re­nen heul­ten. In den USA lebt man ge­fähr­lich.» Zu­dem könn­te sie sich dort kein Stu­di­um fi­nan­zie­ren. Sie will wei­ter­stu­die­ren, For­sche­rin wer­den.

Do­gil, Deutsch­land, sagt sie, klingt nach Frei­heit. Aus dem Fern­se­hen er­fuhr sie, wie güns­tig man in Eu­ro­pa stu­die­ren kann, und such­te nach Pro­gram­men auf Eng­lisch. «Auch Ka­na­da ist neu im Ren­nen. Hab ei­ne Agen­tur ge­fun­den, die Ar­beits­vi­sa für ver­schie­de­ne Jobs aus­stellt.» Und das Stu­di­um? «Prio­ri­tät hat der schnells­te Weg.» Oben auf dem Blatt steht ein Zeit­strahl. Zu je­dem Mo­nat sind Ein­nah­men, Aus­ga­ben und Fris­ten no­tiert. Jie-um blickt auf die di­gi­ta­le Uhr an der Fas­sa­de draus­sen: 07:16:49. «Die Zeit läuft. Ich muss schuf­ten.»

Ge­schuf­tet ha­ben auch Jie-ums El­tern. In zwan­zig Jah­ren hat de­ren Ge­ne­ra­ti­on Süd­ko­rea zur elft­gröss­ten Wirt­schafts­na­ti­on ge­macht. Ein­ge­klemmt zwi­schen Chi­na und der ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­al­macht Ja­pan ringt das Land seit je­her um sei­nen Stand. Ei­ne Freun­din for­mu­lier­te es so: «Chi­na hat uns kul­tu­rell be­ein­flusst. Wirt­schaft­lich ha­ben wir ei­ni­ges von Ja­pan ko­piert, et­wa Au­to- und Elek­tro­nik­mar­ken. Wir ha­ben aber we­der Chi­nas Macht noch Ja­pans Stolz.» Die 35 Jah­re ja­pa­ni­sche Herr­schaft sind ein Trau­ma. Am En­de des Zwei­ten Welt­kriegs ka­pi­tu­liert To­kio. Frem­de Kräf­te be­schei­den die Tei­lung Ko­reas. Der Nor­den steht un­ter der Ägi­de der So­wjet­uni­on, der Sü­den un­ter je­ner der USA. Der Bru­der­krieg zwi­schen den Ko­reas ist eben­so ein Trau­ma. Nach drei Jah­ren Krieg be­sie­geln sie 1953 den Waf­fen­still­stand. Ei­nen Frie­dens­ver­trag gibt es bis heu­te nicht. Seit kur­zem ver­han­deln die Staats­chefs bei­der Ko­reas über ei­nen Frie­dens­ver­trag – nach zehn Jah­ren des Schwei­gens. Nach dem Ko­rea­krieg be­herr­schen Ar­mut und ei­ne kor­rup­te Re­gie­rung den Sü­den. 1961 putscht sich ein Ge­ne­ral an die Macht. Park Chung-hee lei­tet Re­for­men ein, in­ves­tiert in das Bil­dungs­sys­tem. Mit ei­nem re­pres­si­ven Re­gime mo­der­ni­siert er das Land. Schnell ist die Ar­mut be­sei­tigt. Schnell in­dus­tria­li­siert sich das Land.

Süd­ko­reas Mo­der­ni­sie­rung war ein Sprint. Die Ge­bäu­de im Land wur­den hö­her, die Wirt­schafts­leis­tung bes­ser, das Welt­bild in den Köp­fen aber blieb. Die Men­schen konn­ten nicht mit der Zeit ge­hen. Heu­te ist das Land nicht nur in Nord und Süd ge­spal­ten. Auch in Seo­ul und Pro­vinz. In Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft. In Mann und Frau. In Jun­ge und Al­te. Der Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt zeigt die Kluft die­ser über­eil­ten Mo­der­ni­sie­rung. Die Ba­by­boo­mer-ge­ne­ra­ti­on hat nach dem Krieg ge­schuf­tet, um das Land auf­zu­bau­en. Sie hat die Mi­li­tär­re­gie­rung ge­stürzt, das Land 1987 de­mo­kra­ti­siert. Ihr ge­gen­über steht die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on, die von den Ver­diens­ten der Äl­te­ren pro­fi­tiert, hoch qua­li­fi­ziert ist, aber mit dem Sys­tem ha­dert. Die Ju­gend iden­ti­fi­ziert sich nicht mit dem ko­rea­ni­schen Traum: das Land stär­ker, bes­ser, rei­cher ma­chen. Selbst wenn sie woll­te, sie hat nicht die­sel­ben öko­no­mi­schen Chan­cen. Die Ar­beits­lo­sig­keit un­ter den 15- bis 29-Jäh­ri­gen be­trägt knapp zehn Pro­zent, ob­wohl die Wirt­schaft über die Jah­re kon­stant ge­wach­sen ist. Sam­po be­zeich­net die Si­tua­ti­on der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on, über­setz­bar als «drei­fa­cher Ver­zicht»; sie müs­sen auf Lie­be, Hei­rat, El­tern­schaft ver­zich­ten. Was sich auch in der Ge­bur­ten­ra­te nie­der­schlägt. 2017 lag die­se mit ei­nem Kind pro Frau auf dem Re­kord­tief.

Die Ju­gend sucht ihr Glück in Nord­ame­ri­ka oder Eu­ro­pa. Acht­zig Pro­zent wol­len aus­wan­dern. Der Au­tor Chang Kang-my­oung schrieb als Ers­ter über die­se Ver­zweif­lung. Sein Ro­man «Weil ich Ko­rea has­se» (auf Deutsch nicht er­schie­nen) war 2015 ein Best­sel­ler. Er brach ein Ta­bu, füll­te Sei­ten in Ta­ges­zei­tun­gen, er­mu­tig­te die Ju­gend, ih­ren Kum­mer aus­zu­spre­chen. Kurz dar­auf eta­blier­te sich der Be­griff Hell Jo­se­on. Chang er­zählt die Ge­schich­te ei­ner jun­gen Süd­ko­rea­ne­rin, die nach Aus­tra­li­en aus­wan­dert. Sie bricht auf im Hass ge­gen ih­re Hei­mat. In der Frem­de eru­iert sie Glücks­fak­to­ren. Sie stellt Be­rech­nun­gen an, ent­wi­ckelt ih­re Phi­lo­so­phie des Glücks.

Im Bug ei­nes boot­för­mi­gen Ca­fés sit­ze ich beim Grün­tee mit Chang. Der Buch­ti­tel «Weil ich Ko­rea has­se» passt nicht so recht zu die­sem Mann. Im Ge­spräch wirkt er wie ein Stre­ber, der Angst hat, bei ei­ner Prü­fung zu ver­sa­gen. «Ich rech­ne­te mit schar­fer Kri­tik we­gen des Buch­ti­tels. Uns be­herrscht ein pa­trio­ti­scher Geist. Schlech­tes über das Va­ter­land zu sa­gen, ver­bie­tet sich. Die Kri­tik aber war lei­se», sagt Chang. Die On­li­nede­bat­te um Hell Jo­se­on be­ob­ach­te­te er in den An­fän­gen. «Sie war vol­ler Hass. Ich woll­te die­sen Hass er­grün­den. Wie soll man Glück fin­den, wenn man voll Hass ist?», fragt er. «Die Ju­gend pries das Aus­wan­dern als Lö­sung. Die Ge­schich­te re­la­ti­viert aber auch die Idee, dass äus­se­re Fak­to­ren wie die Frem­de das Glück be­stim­men.»

Sei­ne Ju­gend, sagt Chang heu­te, mit 44, war un­be­schwert. Kon­ven­tio­nen wur­den nicht hin­ter­fragt, die Glo­ba­li­sie­rung hat­te erst be­gon­nen. Die Kri­se um Hell Jo­se­on ist für ihn die lo­gi­sche Kon­se­quenz dar­aus, dass die ko­rea­ni­sche Ge­sell­schaft es ver­säumt

Chang Kang-my­oung schrieb als Ers­ter über die Ver­zweif­lung: «Weil ich Ko­rea has­se» war 2015 ein Best­sel­ler.

hat, sich zu re­for­mie­ren. «Erst muss sich aber die Spra­che re­for­mie­ren», sagt Chang. «Die Höf­lich­keits­for­men näh­ren die über­hol­te Denk­wei­se.»

«An­yong­ha­seo!», hal­lo!, ru­fen jun­ge Män­ner und Frau­en im Chor. Auf­ge­reiht ste­hen sie am Ein­gang der Mes­se­hal­le. Sie ver­tei­len Stoff­ta­schen voll mit Pro­spek­ten zu Sprach­schu­len und Prak­ti­ka in eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern. Hier fin­det die gröss­te Aus­wan­der­er­mes­se statt. Durch zwei Hal­len bahnt man sich den Weg. Men­schen­trau­ben vor je­dem Stand. In ei­ner Rei­he lo­cken Agen­tu­ren mit Jobs in Nord­ame­ri­ka, Aus­tra­li­en oder Eu­ro­pa. Ein Bur­sche drückt mir ei­nen Pro­spekt in die Hand. Ab­ge­bil­det ist ein Zim­mer­mäd­chen in weis­sem Kleid mit schwar­zer Schür­ze. Sie blickt aus ei­nem Fens­ter in die Fer­ne. In der Über­schrift steht: «Dein Traum ist un­ser Traum», auf der Rück­sei­te: «Wer­de Zim­mer­mäd­chen in Ken­tu­cky oder Te­xas. St­un­den­lohn: zehn Dol­lar.»

Ein Ver­tre­ter er­klärt mir die Welt: «Hier die Lis­te mit den Vi­sa­ka­te­go­ri­en der USA, da die Be­din­gun­gen, Sie se­hen, Ihr Hoch­schul­ab­schluss ist oh­ne fünf, nein, zehn Jah­re Be­rufs­er­fah­rung nichts wert, Sie krie­gen nur hea­vy jobs, die kein Ame­ri­ka­ner macht, wir bie­ten Ar­beits­vi­sa für die Ket­ten Ta­co Bell oder Ca­se Farms, Sie ent­schei­den, wir be­schaf­fen die Pa­pie­re. Job­ver­mitt­lung? Nein, wo­von träu­men Sie! Den Job su­chen Sie, wenn Sie die Pa­pie­re ha­ben, be­wer­ben dür­fen Sie sich nur bei der ei­nen Ket­te, un­ser Ser­vice, der bes­te, zwi­schen 18 000 und 38 000 Dol­lar, je nach Auf­wand und Ex­tra­wün­schen, stopp!, kei­ne Fo­tos der Preis­lis­te, die Kon­kur­renz schläft nicht, ja, Ra­ten­zah­lung mög­lich.»

Wie vie­le den De­al ein­ge­hen, sei «Ge­schäfts­ge­heim­nis». An den Stän­den be­ob­ach­te ich jun­ge Frau­en und Fa­mi­li­en, die Ver­trä­ge ab­schlies­sen. Über ih­re Plä­ne wol­len sie nicht spre­chen: feel shy, ant­wor­ten sie.

Ei­ni­ge su­chen be­ruf­lich das Aben­teu­er im Aus­land. Der Pro­gram­mie­rer Kim Sang­gyu, 38, will mit Frau und Toch­ter nach Eu­ro­pa, weil er sein Land für zu we­nig in­no­va­tiv hält. «Wir pro­du­zie­ren Mas­sen­wa­re, aber nichts von Qua­li­tät.» Stadt­pla­ner Way­ne, 27 – sein ko­rea­ni­scher Na­me sei zu kom­pli­ ziert –, will ein ei­ge­nes Ge­schäft in Eu­ro­pa grün­den. We­ni­ge ha­ben die Zi­el­län­der be­reist, die meis­ten spre­chen kei­ne Fremd­spra­che. Sie ver­trau­en auf die Ge­mein­schaft vor Ort. Und die Agen­tu­ren. Ih­re Di­ens­te sind le­gal. Was aber hal­ten Re­gie­run­gen der Gast­län­der wie die USA von den Agen­tu­ren? Die Us­ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft in Seo­ul schreibt mir:

«Die Us-re­gie­rung be­für­wor­tet kei­ner­lei Di­enst­leis­tun­gen für Mi­gra­ti­on. (...) Die Us-re­gie­rung weiss von skru­pel­lo­sen An­bie­tern, die qua­li­fi­zier­te An­trag­stel­ler aus­ge­beu­tet ha­ben ...»

Ne­ben Nord­ame­ri­ka sind neu auch Deutsch­land und Nord­eu­ro­pa Aus­wan­de­rungs­zie­le. «We­gen des So­zi­al­sys­tems und der ge­rin­gen Aus­bil­dungs­kos­ten», sagt Un­ter­neh­mer Lee Sang­yeup, der sich Sam­my nennt. Sam­my sah den Trend kom­men. In Syd­ney, wo er seit dem Stu­di­um leb­te, führ­te er ei­ne Agen­tur für ko­rea­ni­sche Aus­wan­de­rer. Das Ge­schäft sta­gnier­te, als Aus­tra­li­en die Auf­la­gen für die

Zu­wan­de­rung ver­schärf­te. 2012 be­gann er sich in Eu­ro­pa zu ver­net­zen. Ana­ly­sier­te den Ar­beits­markt, teil­te sein Wis­sen auf Blogs und in den so­zia­len Me­di­en. Heu­te ist er die An­lauf­stel­le für Eu­ro­pa. An sei­nem Stand drän­geln sich Ju­gend­li­che und Fa­mi­li­en. Al­le wol­len zu Sam­my. Sam­my in­for­miert. Sam­my be­rät. Sam­my ver­netzt. Sein Mot­to: «Nichts als die Wahr­heit.» Die Ru­he in sei­ner Stim­me, die freund­li­chen Au­gen – man kauft es dem Mitt­vier­zi­ger ab.

Hoch qua­li­fi­ziert sind vie­le In­ter­es­sen­ten. In Süd­ko­rea ha­ben 87 Pro­zent ei­nen Hoch­schul­ab­schluss. Bei den Pi­sa-stu­di­en er­zielt das Land Best­leis­tun­gen. Ge­ra­de des­halb wol­len Fa­mi­li­en aus­wan­dern. Fa­mi­lie Ahn sieht ih­re Zu­kunft in den USA oder Deutsch­land. Die vier­jäh­ri­ge Toch­ter und der sechs­jäh­ri­ge Sohn schau­en je auf ei­nem Smart­pho­ne Fil­me. Wir sit­zen in der Lounge vor der Mes­se­hal­le. Auf Dau­er, sagt der Va­ter, kön­nen wir den Kin­dern kein kom­for­ta­bles Le­ben bie­ten: Aus­bil­dung, Woh­nen, Frei­zeit – al­les ist teu­er. Seo­ul zählt zu den zehn teu­ers­ten Städ­ten der Welt.

Er: Die Kin­der ma­len den Him­mel gelb und grau. Die Luft ist an­ders­wo hof­fent­lich bes­ser!

Sie: Nicht nur des­we­gen wol­len wir weg. Der Leis­tungs­druck in der Schu­le ...

Er: ...Die Freun­din­nen un­se­rer Toch­ter ver­brin­gen täg­lich bis zu sie­ben St­un­den da­mit, Eng­lisch oder Chi­ne­sisch zu ler­nen, Bal­lett oder ein Mu­sik­in­stru­ment zu prak­ti­zie­ren.

Sie: Vom Le­ben im Aus­land er­war­ten wir we­nig. Zeit mit der Fa­mi­lie. Kein Leis­tungs­druck in der Schu­le. Die Kin­der müs­sen hier sinn­los büf­feln.

Er: In Aus­tra­li­en, wo ich stu­dier­te, wur­de mir be­wusst, wie ein­fäl­tig mei­ne Schul­zeit war. Krea­tiv zu den­ken, ei­ge­ne Ide­en zu ent­wi­ckeln, das ler­nen wir nicht.

Sie: Wel­che Stadt, spielt kei­ne Rol­le. Klein soll sie sein. Viel­leicht Stutt­gart. Oder Frank­furt.

Er: Erst woll­ten wir in die USA. Aber Sam­my sag­te, die Be­din­gun­gen in Eu­ro­pa sind bes­ser.

Sie: Un­ser Geist ist hier nicht frei. Wir sind nicht glück­lich. Wie kön­nen es un­se­re Kin­der wer­den? Er: Es ist auch fei­ge. Wir hau­en ab. Wir müss­ten die Ju­gend un­ter­stüt­zen. Uns um Wan­del be­mü­hen. Ve­rän­de­run­gen in die­sem Land sind aber schwer.

Am Abend auf dem Heim­weg, ein­ge­pfercht in der U-bahn, ei­ne St­un­de Fahrt vor mir, schaue ich genau wie am Mit­tag in mü­de Ge­sich­ter. Ganz gleich, zu wel­cher Uhr­zeit man in Seo­ul in die U-bahn steigt: Im­mer ist da ei­ne kol­lek­ti­ve Mü­dig­keit. Halb of­fe­ne Au­gen schau­en auf Bild­schir­me. Bur­schen le­sen manhwas, ko­rea­ni­sche Co­mics, Mäd­chen Rat­ge­ber für Kos­me­tik, stu­die­ren Lehr­bü­cher. An­dern­falls schläft man. Sit­zend. Ste­hend, in­dem man sich an den hän­gen­den Bü­geln fest­krallt. Auf der Fahrt den­ke ich über die hie­si­ge Wahr­neh­mung Eu­ro­pas nach: die Hoch­burg der Kul­tur, des Ge­nus­ses, der Bil­dung. Ei­ne sehr ame­ri­ka­ni­sche An­schau­ung Eu­ro­pas. Nie­man­dem ist prä­sent, dass die eu­ro­päi­schen Wer­te in die­sen Ta­gen brö­ckeln. Mag sein, dass der eu­ro­päi­sche Geist ein freie­rer ist als der kon­fu­zia­ni­sche und dass sich je­der ver­wirk­li­chen kann. Er­zäh­le ich, dass es uns hin­ge­gen vor lau­ter Selbst­ver­wirk­li­chung an Zu­sam­men­halt fehlt, dann in­ter­es­siert das nie­man­den. Eu­ro­pa gilt als El­do­ra­do. Die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie be­stärkt die­ses Ide­al. Ei­ne viel ge­se­he­ne Tv-se­rie mit dem Ti­tel «Vor­aus­set­zun­gen zum Glück­lich­sein – Be­su­che in So­zi­al­staa­ten» zeigt Rent­ner in Schwe­den, die vom ge­si­cher­ten Ein­kom­men er­zäh­len. Vä­ter in Frank­reich, die ih­re Kin­der um 17 Uhr von der Schu­le ab­ho­len und mit ih­nen un­ter blau­em Him­mel spie­len. Ju­gend­li­che in Hol­land, die zur Ar­beit ra­deln. La­chen­de Ge­sich­ter.

Eu­ro­pa als Ide­al ist auch in der Seo­u­ler Ein­kaufs­stras­se Ga­ro­su-gil sicht­bar. Dort rei­hen sich Bou­lan­ge­ries an Piz­ze­rie und Bo­de­gas. Flagship-stores, ge­baut als Lon­do­ner Te­le­fon­ka­bi­ne oder im In­dus­tri­al Chic, kon­kur­rie­ren. Schön­heits­kli­ni­ken wer­ben auf Pla­ka­ten für west­li­ches Aus­se­hen: Kul­ler­au­gen, ho­hes Na­sen­bein, gros­ser Bu­sen. Drei Sei­ten­stras­sen wei­ter wer­de ich zu­rück in die Rea­li­tät ge­holt, als ich den Dampf aus den Gar­kü­chen auf­stei­gen se­he und aus dem Laut­spre­cher ei­nes klapp­ri­gen Ge­fährts hö­re: «Kau­fe ge­brauch­te Bild­schir­me, kau­fe ge­brauch­te Wasch­ma­schi­nen, kau­fe ge­brauch­te ...»

AUS­HAL­TEN

Ein Frei­tag­abend auf dem Gwangh­wa­mun-platz im Zen­trum Seo­uls. Hun­dert­tau­sen­de Men­schen pro­tes­tier­ten hier En­de 2016 mit Ker­zen­lich­tern für die Amts­ent­he­bung der da­ma­li­gen Prä­si­den­tin Park Geun-hye. Die Smog­be­las­tung ist heu­te so hoch, dass man bei je­dem Atem­zug das Ge­fühl hat, die Lun­gen füll­ten sich mit Sand. H. war­tet am Aus­gang acht der U-bahn. Gross, schlan­ke Sta­tur. In An­zug und Kra­wat­te wirkt er äl­ter als 32. Zur Be­grüs­sung ver­neigt er sich. Schwei­gend führt er in ein Lo­kal, wo mit gol­de­nen Stäb­chen und Löf­feln ge­ges­sen wird. Es ist voll mit Män­nern in An­zü­gen, die auf den Fei­er­abend trin­ken. H. be­stellt ei­ne Fla­sche Mak­geol­li, Reis­wein, ge­bra­te­nen Fisch, Fleisch­ein­topf. Da­zu wird Ge­mü­se ser­viert. H. nimmt ei­ni­ge Schlu­cke Mak­geol­li, schiebt mit den Stäb­chen Fleisch­stück­chen in den Mund.

«Die Stel­len­su­che traf mich un­vor­be­rei­tet. Sie zer­mürb­te mich. Ich litt un­ter Angst­zu­stän­den. Konn­te nicht mehr durch­schla­fen. Mit je­der Ab­sa­ge schrumpf­te mein Selbst­wert. Fan­den Freun­de ei­nen Job, schäm­te ich mich. Mit 28 ist man fast zu alt als Be­rufs­ein­stei­ger. Wir be­gin­nen mit 19 zu stu­die­ren. Da­zwi­schen zwei Jah­re Mi­li­tär­dienst. Mit 26 soll­te man die Stel­le ha­ben. Sonst den­ken al­le: Ver­sa­ger. Mein Mas­ter­di­plom recht­fer­tig­te zu­min­dest mein Al­ter. Nach dem Stu­di­um in Sta­tis­tik in den USA woll­te ich für ein Dok­to­rat blei­ben. Das klapp­te nicht. Zu­rück in Seo­ul ging der Ma­ra­thon mit den Be­wer­bun­gen los. Ich ver­such­te es bei al­len Top­kon­zer­nen. Kommt das Dos­sier durch, schreibt man ei­ne Prü­fung mit Fra­gen zur All­ge­mein­bil­dung und zur Fir­ma. Be­steht man sie, darf man zum In­ter­view. Man­che schrei­ben über hun­dert Be­wer­bun­gen. Ich schrieb dreis­sig. Ei­ne klapp­te. Seit vier Jah­ren ar­bei­te ich für ei­ne der gröss­ten Ban­ken im Land.

Glück­lich? Das Ren­nen hört nicht auf. In den Fir­men gibt es vie­le Hier­ar­chie­stu­fen. Al­lein fünf bis zum Ma­nage­ment. Be­för­dert wird man al­le drei bis vier Jah­re, je nach Leis­tung. Der Vor­ge­setz­te be­wer­tet sie mehr­mals im Jahr mit ei­nem No­ten­sys­tem. Aber man kann auch ei­ne Prü­fung ab­le­gen. Wie ich. Nach drei Jah­ren wur­de ich auf Stu­fe zwei be­för­dert. Da­für ha­be ich ein Jahr ge­büf­felt. Je­den Abend nach der Ar­beit war ich von sie­ben bis zwei Uhr nachts im dok­sil, ein öf­fent­li­cher Lern­ort mit Trenn­wän­den an den Ti­schen. Dort ha­be ich al­le mög­li­chen Fak­ten aus­wen­dig ge­lernt. Das kann ich. Neu­lich be­sich­tig­te ich Woh­nun­gen zum Kauf. Der Mak­ler sag­te, ich sei sein jüngs­ter Kun­de. Ich fühl­te mich scheis­se. We­ni­ge kau­fen in mei­nem Al­ter ei­ne Woh­nung. Die kämp­fen al­le mit Hell Jo­se­on. Weil sie kei­nen Job fin­den. Weil sie ih­ren Job has­sen. Weil sie die Spiel­re­geln im Land has­sen. Dass ich pri­vi­le­giert bin, quält mich. Das schlech­te Ge­wis­sen ist wohl mein Hell Jo­se­on. Man­che ge­ben den Al­ten die Schuld für ih­re Mi­se­re. Schuld ist doch das Sys­tem. Sie ha­ben es mit­ge­tra­gen. Magst du noch trin­ken? Hal­lo, her da! Noch ei­ne Fla­sche!»

Die Ar­beit be­deu­tet in Süd­ko­rea nicht nur, die Exis­tenz der Gros­s­el­tern, El­tern und der Kin­der zu si­chern. Auf ihr fusst die Iden­ti­tät. Sie be­stimmt den Platz in der Ge­sell­schaft. Sie ent­schei­det über Freund­schaf­ten, über die Ehe; bei den Kin­dern ent­schei­det die Ar­beit der El­tern über den Krip­pen­platz, den Kin­der­gar­ten, die Schu­le, die Aus­bil­dung. Sie be­stimmt, ob man bei Sta­tus­sym­bo­len wie Wohn­be­zirk, Ka­te­go­rie des Miet­ver­trags, Au­to, Klei­dung an­de­re über­bie­ten kann. Wer nicht mit­hal­ten kann, ist stig­ma­ti­siert als Ver­sa­ger.

Ob man in der Ar­beit er­folg­reich ist, be­stimmt nicht die Leis­tung al­lein; wich­tig ist auch, ob man den so­zia­len Pflich­ten nach­kommt, et­wa mit Kol­le­gen aus­zu­ge­hen. Wie ver­an­kert die­se Kul­tur ist, sieht man wo­chen­tags, wenn am Abend Män­ner in An­zü­gen Lo­ka­le fül­len, die im Um­kreis von Bü­ros lie­gen. Et­wa im Vier­tel Non­hye­on im Sü­den der Stadt. In den ver­win­kel­ten Gas­sen mischt sich der Ge­ruch von gril­lier­tem Fleisch mit der Al­ko­hol­fah­ne tor­keln­der Män­ner. An je­der Ecke la­den far­bi­ge Let­tern ein in Ka­rao­ke­bars.

Es ist ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass Män­ner als Teil die­ser Aus­geh­kul­tur Eta­blis­se­ments be­su­chen. Freun­din­nen er­zäh­len, ih­re Müt­ter hät­ten ih­nen für die Ehe mit­ge­ge­ben, in die­ser Sa­che doch bit­te to­le­rant zu sein. Sich als Frau un­ter­zu­ord­nen ist Be­stand­teil der kon­fu­zia­ni­schen Ge­sell­schafts­ord­nung, die das Land bis heu­te prägt. Die Frau hat dem Mann zu ge­hor­chen: Va­ter, Bru­der, Ehe­mann. Frau­en rin­gen um grund­le­gen­de Frei­hei­ten wie Part­ner­wahl, Sex vor der Ehe oder ih­ren Platz in der Ge­schäfts­welt – die Loh­n­un­gleich­heit be­trägt in Süd­ko­rea knapp vier­zig Pro­zent.

Über Gleich­be­rech­ti­gung spricht man seit Mai 2016. Als ein Mann in Gangnam auf ei­ner öf­fent­li­chen Toi­let­te ei­ne Frau mit dem Mo­tiv er­stach, Frau­en er­nied­rig­ten ihn seit je­her, lös­te der Fall den ko­rea­ni­schen Auf­schrei aus. Der Tä­ter litt an Schi­zo­phre­nie, wie sich rasch her­aus­stell­te. Doch die­ser Fakt blieb Ne­ben­sa­che. Kim Hye-ri hör­te nach dem Mord­fall erst­mals Be­grif­fe wie Se­xis­mus, Pa­tri­ar­chat oder Fe­mi­nis­mus. Sie las Bü­cher, schau­te Sen­dun­gen zum The­ma und sag­te sich: Was bin ich blöd. Jetzt ver­stand sie, wo­her ih­re Kri­se rühr­te.

Hye-ri war­tet an ei­nem frü­hen Abend vor ih­rer Bal­lett­schu­le in ei­ner ru­hi­gen Wohn­ge­gend im Nor­den Seo­uls. In der be­ton­grau­en Land­schaft sticht sie her­aus: gel­ber Ka­pu­zen­pull­over, pink­far­be­ne Woll­müt­ze, weis­ser Ruck­sack. Wir spa­zie­ren zu ih­rem Stamm­ca­fé, wo im Vor­gar­ten ver­bli­che­ne Weih­nachts­ku­geln lie­gen und da­ne­ben gel­be Tul­pen blü­hen. Kim Hye-ri, 25, Sach­be­ar­bei­te­rin seit sie­ben Jah­ren, stu­diert ne­ben der Voll­zeit­ar­beit Schau­spiel. Vom Stu­di­um weiss die Fa­mi­lie nichts, «weil es ih­nen Sor­gen ma­chen wür­de». Sie ha­be ei­nen sta­bi­len Job, ob­wohl ihr die El­tern kein Stu­di­um fi­nan­zie­ren konn­ten. Ist sie abends oder an den Wo­che­n­en­den beim Un­ter­richt, denkt die Fa­mi­lie, Hye-ri macht Über­stun­den.

«Mein Hell Jo­se­on? Als Frau in die­sem Land zu le­ben. Seit ich mich mit der herr­schen­den Un­gleich­heit be­fas­se, ist je­der Tag ein Kampf. Da­vor fie­len mir all­täg­li­che De­mü­ti­gun­gen gar nicht auf. Et­wa die des neu­en Team­lei­ters, der ge­schmink­te Ge­sich­ter und knie­lan­ge Rö­cke ver­langt. Oder dass wir Frau­en in der Fir­ma den Gäs­ten Kaf­fee ser­vie­ren müs­sen. Das Glei­che beim Aus­ge­hen abends. In Ko­rea ist es zwar üb­lich, sich ge­gen­sei­tig Al­ko­hol ein­zu­schen­ken, auch un­ter Frau­en. Aber bei den Fir­men­es­sen müs­sen im­mer wir Frau­en den Män­nern ein­schen­ken. Letz­tens in der Ka­rao­ke-bar for­der­te mich ei­ne äl­te­re Kol­le­gin auf, das Glas ei­nes Kol­le­gen zu fül­len. Dann drän­gel­te sie: ‹Los, sing mit ihm!› In mir sträub­te sich al­les, aber ich muss­te. Sie ist mei­ne Vor­ge­setz­te und äl­ter. Was mich ver­stör­te, war die Un­ge­niert­heit, mit der sie das als Frau von mir ver­lang­te. Wä­re ich auch bei­na­he so ge­wor­den? Mit Freun­din­nen kann ich nicht über das Frau­sein in Ko­rea spre­chen. Vie­le wol­len nicht, weil sie schwie­ri­ge Fra­gen ver­drän­gen oder weil sie es als Kri­tik an un­se­rer Kul­tur emp­fin­den. Für mei­ne Mut­ter und mei­ne Schwes­ter ist Hei­ra­ten ein Le­bens­ziel. Ich will nicht hei­ra­ten. Ge­sprä­che mit Män­nern über die­se The­men en­den nur im Streit. Im­mer die plat­ten Aus­sa­gen, sie hät­ten kei­ne Wahl, sei­en von Na­tur aus stär­ker und trü­gen mehr Ver­ant­wor­tung in un­se­rer Ge­sell­schaft. Oft sa­gen sie: Ihr hasst uns, wir euch aber nicht. Wie soll man da ver­nünf­tig mit­ein­an­der re­den? Sie sind nicht em­pa­thisch. Ich wün­sche, sie frag­ten: Wie genau ma­chen wir euch das Le­ben zur Höl­le?»

Sich als Frau un­ter­zu­ord­nen ist Be­stand­teil der kon­fu­zia­ni­schen Ge­sell­schafts­ord­nung, die das Land bis heu­te prägt.

AUF­BRE­CHEN

Wie be­wer­tet je­mand, der die ko­rea­ni­sche Ge­sell­schaft seit Jahr­zehn­ten be­ob­ach­tet, die Kri­se? Der So­zio­lo­ge Yoon In-jin emp­fängt in sei­nem Bü­ro mit ei­ner Wand aus Bü­chern hin­ter Glas. Yoon, ein Mann in den Fünf­zi­gern, lehrt und forscht an der Ko­rea Uni­ver­si­ty zu Mi­gra­ti­on und zur Dia­spo­ra der Ko­rea­ner.

«Pro­fes­sor Yoon, ei­ne Ge­ne­ra­ti­on will aus­wan­dern. Stimmt das?»

«Mit der Be­to­nung auf wol­len, ja. Vie­le Ju­gend­li­che träu­men da­von. Mit ei­ner un­be­fris­te­ten Auf­ent­halts­be­wil­li­gung sind in den letz­ten Jah­ren zwei­tau­send bis drei­tau­send pro Jahr aus­ge­wan­dert. Aber be­deu­tend mehr be­fris­tet, et­wa für ein Stu­di­um oder für tem­po­rä­re Ar­beit – al­lein in die USA rund zwan­zig­tau­send pro Jahr. Vor Ort ver­sucht die­se Grup­pe den Auf­ent­halts­ti­tel an­zu­pas­sen. Da schei­tern aber ei­ni­ge.»

«Woran?»

«An der Fremd­spra­che. Oft be­herr­schen sie die­se un­ge­nü­gend. Beim Gross­teil der Dia­spo­ra be­schränkt sich da­durch der Kon­takt auf die Lands­leu­te. Sie fin­den kaum An­schluss im Zi­el­land. Zu­dem ist die Jo­baus­wahl klein. Fa­mi­li­en fi­nan­zie­ren sich mit Er­spar­nis­sen. Nach den ers­ten Jah­ren kommt die Er­nüch­te­rung. Die Män­ner keh­ren zum Ar­bei­ten in die Hei­mat zu­rück, weil sie im Zi­el­land nichts als Bil­lig­ar­beit fin­den.»

«Wie se­hen Sie den geis­ti­gen Zu­stand der Ju­gend?»

«Sie steckt in ei­ner Sinn­kri­se. Hell Jo­se­on ist die Wut über wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren. Wir müs­sen die­se Wut ernst neh­men. Der Boom mei­ner Ge­ne­ra­ti­on lässt sich nicht wie­der­ho­len. Die Wer­te der Ju­gend, et­wa fla­che Hier­ar­chi­en, Frei­heit, In­di­vi­dua­lis­mus statt Kol­lek­ti­vis­mus, sind mit dem star­ren Sys­tem nicht kom­pa­ti­bel. Man­che aus mei­ner Ge­ne­ra­ti­on schimp­fen, die Ju­gend ar­bei­te nicht hart . Die­se Kri­se aber ist nicht mit har­ter Ar­beit zu be­wäl­ti­gen.»

«Die Wen­de kommt, wenn die al­te Ge­ne­ra­ti­on stirbt, sag­te ei­ne 25-jäh­ri­ge Frau.»

«Das wird frü­her pas­sie­ren. Die nächs­ten zehn Jah­re sind ent­schei­dend. Jün­ge­re Men­schen wer­den Schalt­stel­len in Po­li­tik und Wirt­schaft be­set­zen. Das wird auch das Klas­sen­sys­tem auf­wei­chen. Was man nicht ver­ges­sen darf: Brau­chen an­de­re Län­der für ei­ne Sa­che dreis­sig Jah­re, schafft es Süd­ko­rea in fünf. Weil sich mit der zen­tra­lis­tisch or­ga­ni­sier­ten Re­gie­rung Ent­schei­dun­gen rasch um­set­zen las­sen. Und weil die ko­rea­ni­sche Ge­sell­schaft die Fä­hig­keit hat, sich schnell zu wan­deln. Auf po­li­ti­scher Ebe­ne ist die Wen­de je­den­falls be­reits im Gan­ge.»

«In­wie­fern?»

«Die Ker­zen­licht-pro­tes­te wa­ren ei­ne fried­li­che Re­vo­lu­ti­on. Mit der Amts­ent­he­bung von Prä­si­den­tin Park

Geun-hye ist ei­ne neue Ära an­ge­bro­chen. Die Re­gie­rung Park stand für das au­to­ri­tä­re Ko­rea. Die jet­zi­ge Re­gie­rung un­ter Moon Jae-in will Re­for­men et­wa in Wirt­schaft oder Mi­li­tär durch­set­zen. Ge­lingt ihr das, wird das die Ge­sell­schaft fun­da­men­tal prä­gen.»

Stel­len für die Jun­gen zu schaf­fen, war ein Wahl­ver­spre­chen des links­li­be­ra­len Prä­si­den­ten Moon Jae-in. Nach sei­nem Amts­an­tritt 2017 grün­de­te Moon ein Ko­mi­tee mit elf Mi­nis­tern. Bis En­de sei­ner ers­ten Amts­zeit 2022 will er al­lein im öf­fent­li­chen Di­enst über 800 000 Stel­len schaf­fen. Durch­ge­setzt hat er be­reits die Er­hö­hung des Min­dest­lohns um 16 Pro­zent. Die Re­gie­rung kün­dig­te an, Ju­gend­li­che auf Stel­len­su­che fi­nan­zi­ell zu un­ter­stüt­zen, eben­so klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men, die Stel­len schaf­fen. Ge­ra­de Letz­te­res ist wich­tig. Süd­ko­reas Wirt­schaft len­ken die chaebol, Misch­kon­zer­ne im Be­sitz von Fa­mi­li­en wie et­wa Hy­un­dai, LG, Lot­te oder Samsung.

Na Hyun-woo ge­hört zu den we­ni­gen, die das Ge­fühl Hell Jo­se­on nicht re­si­gnie­ren lässt. Lie­ber will er mor­gen et­was ver­än­dern. Mit die­ser Vi­si­on ar­bei­tet Hyun-woo bei der Seo­u­ler Ju­gend­ge­werk­schaft. Im Seo­u­ler Bü­ro sit­zen jun­ge Frau­en und Män­ner an ei­nem gros­sen Tisch vor ih­ren Rech­nern. Die Stim­mung ist un­ge­zwun­gen, man steigt über Pa­pier­sta­pel und Pla­kat­rol­len. «Wir sind ge­ra­de um­ge­zo­gen», sagt Hyun-woo. Er trägt ei­ne Pilz­fri­sur und ei­ne run­de Bril­le mit Me­tall­ge­stell. Über die Aus­wan­de­rer schüt­telt Hyun-woo den Kopf. «Will man so Hell Jo­se­on ent­flie­hen, über­nimmt man null Ver­ant­wor­tung!» Auch ihn über­kommt das Ge­fühl ge­le­gent­lich. «Das Wort aber ver­wen­de ich nie. Es lähmt. Mei­ne Freun­de re­den stän­dig vom Aus­wan­dern. Kei­ner macht es. Wir müs­sen doch den Kern der Kri­se ver­ste­hen. Ei­ne Hal­tung da­zu fin­den.» 2011 war Hyun-woo noch Piz­za­lie­fe­rant bei Do­mi­no’s. In dreis­sig Mi­nu­ten muss­te man die Piz­za aus­lie­fern. Sonst be­kam sie der Kun­de auf Kos­ten der Mit­ar­bei­ter gra­tis. Sein Kol­le­ge ras­te des­halb mit dem Mo­tor­rad. Und be­zahl­te mit dem Le­ben. Die Ju­gen­du­ni­on setz­te mit Kam­pa­gnen so lan­ge Druck auf, bis Do­mi­no’s die Re­gel ab­schaff­te. Über­zeit, Un­ter­be­zah­lung, kei­ne So­zi­al­leis­tun­gen sind im Di­enst­leis­tungs­sek­tor üb­lich. «Ein be­kann­ter Tv-pro­du­zent, 29 Jah­re alt, be­ging 2016 Selbst­mord. Er hin­ter­liess die No­tiz: ‹Ich muss­te Kol­le­gen aus­beu­ten. Ha­be 55 Ta­ge durch­ge­ar­bei­tet, mit zwei frei­en Ta­gen da­zwi­schen. Ich will jetzt schla­fen.›» Hyun-woo krit­zelt Krei­se und Drei­ecke auf ei­nen Block.

Bei der Selbst­mord­ra­te liegt Süd­ko­rea weit vor­ne. Im letz­ten Jah­res­be­richt der WHO ran­gier­te das Land auf Platz 4 von 183 Län­dern. Je­den Tag neh­men sich 36 Men­schen das Le­ben, der Gross­teil ist jün­ger als vier­zig. Über­ar­bei­tung und Leis­tungs­druck sind die häu­figs­ten Ur­sa­chen. Die Re­gie­rung be­müht sich, den Aus­gleich zwi­schen Ar­beits- und Pri­vat­le­ben zu för­dern. In Ver­wal­tun­gen und man­chen Fir­men wer­den an be­stimm­ten Wo­chen­ta­gen die Rech­ner am frü­hen Abend vom Strom ab­ge­schnit­ten. An­fang die­ses Jah­res wur­de die ma­xi­ma­le ge­setz­li­che Ar­beits­zeit von 68 auf 52 St­un­den pro Wo­che ge­senkt.

«Ich ent­wi­ckel­te ei­ne in­ne­re Kraft», sagt Hyun-woo, «und bau­te die Angst vor Kon­se­quen­zen wie Kün­di­gung oder Ehr­ver­let­zung ab.» Mit die­ser in­ne­ren Kraft setz­te er sich auch ge­gen die mäch­tigs­te In­sti­tu­ti­on im Land durch: die Fa­mi­lie. Sei­ne El­tern ver­ste­hen zwar nicht, dass er nicht stu­diert hat und dass er jetzt, mit 25, plötz­lich stu­die­ren will, wo er doch längst Kar­rie­re ma­chen, hei­ra­ten und Kin­der zeu­gen soll­te, sie set­zen ihn aber nicht mehr un­ter Druck.

«So ei­ne in­ne­re Kraft braucht die Ju­gend in die­sem Land. Ein­brin­gen kön­nen wir uns nur, wenn wir den Mund auf­ma­chen.» Hyun-woo hat hier­zu ei­nen Pod­cast in­iti­iert. Gäs­te und Mit­glie­der der Ge­werk­schaft dis­ku­tie­ren wö­chent­lich dar­über, was die Ju­gend be­wegt. The­ma der letz­ten Sen­dung: Wo­mit kämp­fen Frau­en in der ko­rea­ni­schen Fir­men­kul­tur?

Was der Pod­cast für Hyun-woo, ist das Thea­ter für Hye-ri, die Sach­be­ar­bei­te­rin, die ih­ren El­tern nicht sa­gen will, dass sie abends auf die Schau­spiel­schu­le geht. «Das Spiel hilft mir, die Kri­se mei­ner Ge­ne­ra­ti­on zu er­fas­sen.» Ih­re Klas­se probt das ers­te ge­mein­sam ge­schrie­be­ne Stück. Hye-ri spielt die Haupt­fi­gur: ei­ne jun­ge Frau, die an ei­ner un­heil­ba­ren Krank­heit lei­det. Die Mut­ter will ih­re Schmer­zen lin­dern. Ihr die Welt zei­gen. Die jun­ge Frau aber schot­tet sich ab. Und ver­bringt ih­re Zeit mit ei­nem Ro­bo­ter in ih­rem Zim­mer. Der Ak­ku des Ro­bo­ters lässt sich ir­gend­wann nicht mehr auf­la­den. Der Ro­bo­ter stirbt. Mit ihm die Frau. Beim Er­ar­bei­ten, sagt Hye-ri, be­schäf­tig­ten sie sich mit Fra­gen wie: War­um füh­len wir uns bei Ro­bo­tern woh­ler? War­um ist die ko­rea­ni­sche Ge­sell­schaft so starr, so kalt ge­wor­den? War­um gren­zen sich Ge­ne­ra­tio­nen aus? Sie hofft, die Fra­gen kom­men beim Pu­bli­kum an. Ant­wor­ten lie­fern sie nicht. «Was ich an mei­ner Kul­tur so lie­be, das schwin­det: chong, das ko­rea­ni­sche Grund­ge­fühl.» Chong ist ein dif­fu­ses Ge­fühl aus Loya­li­tät, Lie­be, Freu­de, Her­zens­wär­me, Für­sor­ge, Zu­sam­men­halt. Auf chong fusst je­de mensch­li­che In­ter­ak­ti­on in Süd­ko­rea. Chong kann in Ges­ten ste­cken, et­wa ei­ne frem­de Hand, die ei­nen sanft zur Sei­te schiebt, weil man ge­fähr­lich nah am Bord­stein geht; oder in der Ver­bun­den­heit ei­ner lang­jäh­ri­gen Freund­schaft.

Chong ist wie ei­ne un­sicht­ba­re Umar­mung, die Men­schen zu­sam­men­bringt. «Die Män­ner, die Frau­en, die Jun­gen, die Al­ten: Wir al­le ver­mis­sen chong. Un­ser Ak­ku ist halb leer. Wir brau­chen mehr chong, um ihn wie­der auf­zu­la­den.

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Bei der Selbst­mord­ra­te liegt Süd­ko­rea weit vor­ne. Im letz­ten Jah­res­be­richt der WHO ran­gier­te das Land auf Platz 4 von 183.

Top aus­ge­bil­det, sehn­süch­tig, le­bens­mü­de: Ju­gend­li­che in Süd­ko­rea. Sei­te 8

Leis­tungs­ge­sell­schaft: Wer nicht mit­hal­ten kann, gilt in Süd­ko­rea als Ver­sa­ger.

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