Lie­be Flug­gäs­te

Das Magazin - - Content -

noch gibt es Ti­ckets zu 499 Eu­ro für ei­nen Flug, wel­cher am 10. Mai des nächs­ten Jah­res vom Flug­ha­fen Zü­rich ab­he­ben wird. Und noch gibt es die Er­de. Viel­leicht wä­re dies al­so die Ge­le­gen­heit, die nörd­li­che Pol­kap­pe zu se­hen, be­vor sie we­gen der Kli­ma­än­de­rung weg­ge­schmol­zen ist. Denn dar­um geht es bei je­nem Pan­ora­ma­flug im Mai: Von Zü­rich fliegt ei­ne Ma­schi­ne der Edel­weiss Air mit drei­hun­dert Au­ser­wähl­ten Rich­tung Nor­den, hin zur Ark­tis, dann zum Nord­pol, kurvt dort durch die kal­te Luft, kreist über dem wei­ten Eis, es gibt Cham­pa­gner und fei­nes Es­sen, dann düst man zu­rück nach Zü­rich. Sech­zehn St­un­den soll der Aus­flug dau­ern, des­sen Ziel es laut Ver­an­stal­ter sei, Be­wusst­sein über die Treib­haus­ef­fek­te zu schaf­fen. Ein Sen­si­bi­li­sie­rungs­trip al­so.

Al­ler­dings: Beim Flug­zeug han­delt es sich um ei­nen Air­bus A340-313 mit Ga­lee­ren-be­stuh­lung: Acht Sit­ze pro Rei­he, ge­teilt von zwei Gän­gen, vier der Sit­ze in der Flug­zeug­mit­te. Die Welt ist zwar gross, Flug­zeug­fens­ter je­doch sind klein: Ich kann mir das Ge­drän­ge schon vor­stel­len. Und für 499 Eu­ro be­kommt man na­tür­lich bloss ei­nen die­ser Ein­klemm­sit­ze in der Mit­te der Mit­te («Po­lar Basic» nennt der Ver­an­stal­ter die­ses An­ge­bot oder auch «zum Pol zum klei­nen Preis»). Will man ei­nen ga­ran­tier­ten Fens­ter­platz, so muss man tie­fer ins Porte­mon­naie grei­fen: 7777 Eu­ro wer­den für ei­nen sol­chen in der «Po­lar De­lu­xe Class» aus­ge­ru­fen. Aber so ist das Le­ben eben: Mit gu­ten Aus­sich­ten kos­tet es ein biss­chen mehr.

Ich will mich nun nicht als Moral­freak auf­spie­len und mich er­ei­fern über ein paar Erd­lin­ge, die pro Na­se mal schnell zwei Ton­nen CO2 in die At­mo­sphä­re bla­sen, bloss da­mit sie dann spä­ter ir­gend­wann er­zäh­len kön­nen, sie hät­ten die mäch­ti­ge und präch­ti­ge Ark­tis ge­se­hen, da­mals, als es sie noch gab . Wenn die das gut fin­den, dann sol­len sie es tun. Zwei Ton­nen sind ja auch nur ziem­lich ex­akt die Men­ge, die ein Mensch aus­pup­sen soll­te, wenn er so le­ben will, dass der Kli­ma­wan­del auf­ge­hal­ten wird (und zwar zwei Ton­nen ins­ge­samt pro Jahr).

Ich weiss: Es ist nicht ganz ein­fach, im­mer al­les rich­tig zu ma­chen in un­se­ren kur­zen Le­ben. Kürz­lich pos­te­te ich auf Ins­ta­gram ein Bild mei­nes Müll­ei­mers, weil sich dar­in weg­ge­wor­fe­ne ge­koch­te Hörn­li be­fan­den, wel­che ge­ballt ei­ne auf­fäl­li­ge Ähn­lich­keit mit ei­nem mensch­li­chen Ge­hirn auf­wie­sen. Ein lus­ti­ges Bild. Ich be­kam da­für 298 Li­kes. Das ist ein Top­wert, we­nigs­tens für mei­ne Ver­hält­nis­se. Aber es ging nicht lan­ge, da hin­ter­liess je­mand den an­kla­gen­den Kom­men­tar: «Food-was­te in­spi­riert.» In der Tat stamm­ten die Hörn­li aus ei­ner Über­pro­duk­ti­on, re­spek­ti­ve re­sul­tier­ten sie aus ei­nem mäs­si­gen Kin­der­hun­ger. Aber als ich den Kom­men­tar hat­te auf mich wir­ken las­sen, da ging ich in mich – und hol­te die Hörn­li wie­der aus dem Müll. Die Kin­der schau­ten et­was miss­trau­isch, als sie abends die ge­prä­gel­ten Din­ger auf den Ga­beln hat­ten. «Die schme­cken selt­sam», mein­ten sie, «nach Kaf­fee und aber auch nach dem Saft im Es­sig­gur­kenglas.» – «Nein!», sag­te ich, und schöpf­te den Kin­dern noch et­was Sau­ce auf die Hörn­li. «Und war­um isst du nichts?», frag­ten die Kin­der. «Weil ich, äh, zu dick bin», ant­wor­te­te ich. Ei­ne Ant­wort, die ih­nen ein­zu­leuch­ten schien.

Ich ge­be mir Mü­he, ein gu­ter Mensch zu sein, im­mer wie­der, aber es ist schwer, wie man un­schwer am Bei­spiel der Hörn­li se­hen kann. Ein je­der Tag ist mit sol­chen Auf­ga­ben ge­pflas­tert. Viel­leicht wür­de mich der An­blick des Nord­pols für im­mer ver­än­dern, ei­nen bes­se­ren Men­schen aus mir ma­chen. Je­doch den­ke ich, die Be­trach­tung des Nord­pols aus ei­nem Flug­zeug ist et­wa so span­nend wie der Blick in ein lee­res Tief­kühl­fach. Man müss­te zu Fuss dort­hin; dann hät­te man et­was zu er­zäh­len! Ob­wohl: Das Spek­ta­kel des Po­lar­flugs wür­de ich viel­leicht doch ganz ger­ne er­le­ben. Da­bei mei­ne ich nicht den Blick auf die Ark­tis, den Nord­pol, das ei­si­ge Öd­land im ewi­gen Frost, son­dern wie 499-Eu­ro-sitz-men­schen mit 7777-Eu­ro­sitz-men­schen in­ter­agie­ren, um auch mal was se­hen zu dür­fen. Vor al­lem, wenn die mit dem 1200-mm­te­le­ob­jek­tiv auf der Fo­to­ka­me­ra kom­men.

Hun­dert­zwan­zig klei­ne Fens­ter und sechs­hun­dert gros­se Au­gen: Das könn­te span­nend wer­den.

Nach­denk­lich Max

PS Song zum The­ma: «Li­fe is a Pic­nic» von Rod­ney Gra­ham vom Al­bum «I’m a Noi­se Man», 1999.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.