Über De­pres­sio­nen

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Mensch. Neh­men Sie sich heu­te ei­nen Berg Ar­beit vor, und stel­len Sie sich vor, wie Sie da­mit be­gin­nen wer­den. Dann ver­schie­ben Sie es auf mor­gen.

Füh­len Sie sich häss­lich. Den­ken Sie dann so lan­ge über die­ses Ge­fühl nach, bis Sie die Ge­wiss­heit er­lan­gen: Ich bin häss­lich. Um dies zu ver­drän­gen, ver­su­chen Sie zu schla­fen. Be­vor Sie ein­schla­fen, wäl­zen Sie mög­lichst ne­ga­ti­ve Ge­dan­ken, bis die­se sich in Ängs­te ver­wan­deln. Den­ken Sie an Ih­re Kin­der. Das soll­te Sie nicht glück­lich ma­chen, son­dern fast um­brin­gen vor Sor­ge. Den­ken Sie in­ten­siv dar­an, was ih­nen al­les pas­sie­ren könn­te. Und Schuld­ge­füh­le nicht ver­ges­sen! Denn es sind ja Ih­re Kin­der, und Sie sind schuld an al­lem, was schief­läuft. Ist ei­nes Ih­rer Kin­der knapp bei Kas­se, ha­ben Sie ihm nicht bei­ge­bracht, mit Geld um­zu­ge­hen. Sie ha­ben ver­sagt. Hal­ten Sie sich dies so lan­ge vor Au­gen, bis Sie ganz si­cher sind, dass Sie ein Ver­sa­ger sind. Wenn Sie end­lich am Tief­punkt des Ge­dan­ken­krei­sens an­ge­langt sind, ist an Schlaf nicht mehr zu den­ken, was Sie lei­der da­von ab­hält, in ei­nem Alb­traum zu lan­den.

Sie kön­nen auch Fern­se­hen schau­en. Vor­zugs­wei­se Nach­mit­tags­pro­gram­me. Zu emp­feh­len sind Vox, RTL2, Pro7 und die Zie­hung der Lot­to­zah­len. Je nach­dem, wie weit Sie schon sind mit Ih­rer De­pres­si­on: «Shop­ping Queen», «Zwi­schen Tüll und Trä­nen», «Die Geis­sens», «The Big­gest Lo­ser». Fan­gen Sie mit der «Kü­chen­schlacht» an, und ar­bei­ten Sie sich suk­zes­si­ve nach un­ten.

Lau­schen Sie den Sie­ben-uhr­a­bend­glo­cken, und schau­en Sie aus Ih­rem Fens­ter den Leu­ten zu, die freu­dig ir­gend­wo hin­ge­hen. Se­hen Sie zu, dass Sie vie­le Tipps von glück­li­chen Men­schen be­kom­men: Mach doch mal die Lä­den auf ! Geh doch mal spa­zie­ren! Sport hilft auch der See­le! Du soll­test mal an die Son­ne! Geh doch mal an ei­ne Ver­nis­sa­ge usw.

Has­sen Sie glück­li­che Men­schen! Le­sen Sie nichts, das lenkt Sie vom Grü­beln ab. Oder höchs­tens et­was über den Kli­ma­wan­del. Und dann kon­sta­tie­ren Sie, dass al­les kei­nen Sinn mehr hat.

KAT­JA FRÜH ist Dreh­buch­au­to­rin und Re­gis­seu­rin.

Il­lus­tra­tio­nen ALEX­AN­DRA COMPAIN-TISSIER

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