Über Uto­pi­en

Das Magazin - - Content - Ja­kob Tanner JA­KOB TANNER ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

1516 ver­öf­fent­lich­te der En­g­län­der Tho­mas Mo­rus das Buch «Vom bes­ten Zu­stand des Staa­tes und der neu­en In­sel Uto­pia». Dar­in be­rich­tet ein See­mann vom idea­len Le­ben in ei­ner fik­ti­ven In­sel­re­pu­blik. Die­ses Uto­pia ist ein «Nicht-ort» (to­pos = Ort; u = Ne­ga­ti­on) und gleich­zei­tig als Eu­to­pia ein «glück­li­cher Ort».

Mit sei­ner sa­ti­ri­schen Er­zäh­lung hielt Mo­rus der ei­ge­nen Ge­sell­schaft den Spie­gel vor. Sein Uto­pia liess sich als ät­zen­de Kri­tik an den po­li­ti­schen und so­zia­len Zu­stän­den Eu­ro­pas, spe­zi­ell En­g­lands, le­sen. Die da­ma­li­gen Herr­schafts­trä­ger ge­rie­ten in ein Di­lem­ma. Fühl­ten sie sich an­ge­grif­fen, so ak­zep­tier­ten sie die Vor­wür­fe. Igno­rier­ten sie das Werk, so gin­gen die Kri­ti­ker straf­los aus.

In der Auf­klä­rung des 18. Jahr­hun­derts wur­de das uto­pi­sche Den­ken vom Raum auf die Zeit um­ge­stellt. Die fik­ti­ve In­sel wich der ima­gi­nier­ten Zu­kunft. Bei­spiel­haft für die­sen Um­bruch war der 1771 er­schie­ne­ne Ro­man von Louis-sé­bas­ti­en Mer­cier mit dem Ti­tel «Das Jahr 2440: ein Traum al­ler Träu­me», in dem der Icher­zäh­ler im Pa­ris des Jah­res 1769 ein­schläft, um 671 Jah­re spä­ter als al­ter Mann in der­sel­ben, aber von Ver­nunft und Ge­mein­sinn re­gier­ten Stadt wie­der zu er­wa­chen. Der «Nicht-ort» ist hier durch ein «Noch-nicht» ab­ge­löst wor­den.

Die Ver­zeit­li­chung der Uto­pie hing mit der Er­fah­rung ei­nes be­schleu­nig­ten ge­sell­schaft­li­chen Wan­dels und mit ei­nem neu­en Zeit­be­wusst­sein zu­sam­men. Mit den gros­sen Re­vo­lu­tio­nen in Ame­ri­ka (1776), Frank­reich (1789) und Hai­ti (1791) mach­ten sich Men­schen (oder «Mas­sen», wie man spä­ter sa­gen soll­te) dar­an, die For­men des Mit­ein­an­der­le­bens de­mo­kra­tisch zu ge­stal­ten und dy­na­misch wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Der Kol­lek­tiv­sin­gu­lar «Fort­schritt» ver­sprach bes­se­re Zei­ten und rich­te­te den Blick nach vor­ne.

Im 19. Jahr­hun­dert fan­den Zu­kunfts­bil­der, für die es in der Ge­gen­wart zu kämp­fen galt, vor al­lem in der Ar­bei­ter­be­we­gung Re­so­nanz. Die auf­stre­ben­de So­zi­al­de­mo­kra­tie stell­te sich den So­zia­lis­mus als ein ir­di­sches Pa­ra­dies vor, das not­wen­dig aus dem Ka­pi­ta­lis­mus her­vor­ge­hen wür­de. Fried­rich En­gels in­ter­pre­tier­te die­sen Vor­gang ge­schichts­de­ter­mi­nis­tisch und po­le­mi­sier­te im Na­men der Wis­sen­schaft ge­gen blos­se Uto­pi­en. An­de­re Au­to­ren ver­fass­ten Dys­to­pi­en, wel­che be­klem­men­de Ka­ta­stro­phen­sze­na­ri­en in die Zu­kunft ver­la­ger­ten, um vor Fehl­ent­wick­lun­gen zu war­nen.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­schärf­te sich die Kri­tik am Uto­pis­mus. 1945 schrieb der kri­ti­sche Ra­tio­na­list Karl Pop­per: «Der Ver­such, den Him­mel auf Er­den ein­zu­rich­ten, er­zeugt stets die Höl­le.» Wer im­mer noch von an­de­ren, bes­se­ren So­zi­al­mo­del­len schwärm­te, ge­riet un­ter To­ta­li­ta­ris­mus­ver­dacht. Uto­pi­en hat­ten in der Pro­spe­ri­täts­pha­se der Nach­kriegs­zeit auch des­we­gen ei­nen schwe­ren Stand, weil nun glän­zen­de Aus­sich­ten di­rekt aus der Fort­schrei­bung des Wirt­schafts­wachs­tums ab­ge­lei­tet wur­den. In der auf­stiegs­ori­en­tier­ten Spass­ge­sell­schaft büss­ten Zu­kunfts­ent­wür­fe ih­ren mo­bi­li­sie­ren­den Ef­fekt ein und schrumpf­ten auf ih­ren Un­ter­hal­tungs­wert. Der Tri­umph der Ge­gen­wart, in der al­le Vor­tei­le im Hier und Jetzt an­fal­len muss­ten, wer­te­te zugleich die Ver­gan­gen­heit ab. Die Ge­schich­te stell­te sich dar als «Fried­hof nicht ge­hal­te­ner Ver­spre­chen» (so der Phi­lo­soph Paul Ri­co­eur).

Das sich da­mit ver­all­ge­mei­nern­de Ti­na-ge­fühl (TI­NA: «The­re Is No Al­ter­na­ti­ve») mün­de­te in ei­ne Kri­se der De­mo­kra­tie. Mit der Ab­wen­dung von TI­NA kom­men wie­der die Al­ter­na­ti­ven in Mo­de. Ge­gen den nost­al­gi­schen Chau­vi­nis­mus von rechts, der die Wie­der­kehr ei­ner oft­mals nur ima­gi­nier­ten «gu­ten al­ten Zeit» ver­heisst, gilt es heu­te auf das Po­ten­zi­al von Uto­pi­en zu­rück­zu­kom­men.

Im to­po­gra­fi­schen Wort­sinn: In Zei­ten des Kli­ma­wan­dels und der glo­ba­len Un­gleich­heit bringt es we­nig, sich ei­ne kom­men­de schö­ne neue Welt vor­zu­stel­len. Es gilt viel­mehr, das Zu­sam­men­spiel von Wirt­schaft und Ge­sell­schaf­ten mit knap­pen Res­sour­cen so­wie mit Luft, Land und Was­ser auf neue Wei­se zu den­ken. Die pro­duk­ti­ve Fik­ti­on ei­ner «bes­se­ren In­sel» kann näm­lich die Ein­sicht schär­fen, dass die Mensch­heit sich sel­ber ab­schafft, wenn sie die Er­de zu ei­nem rea­len «Nich­t­ort» ver­kom­men lässt.

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